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textarchiv [bis 2004]

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Dies sind die meisten meiner Texte seit den 1990er-Jahren in nicht chronologischer Anordnung. Aber auch wenn sie alt sind, bleibt wichtig und verbindlich: Weitere Verwendung, insbesondere Nachdruck nur nach Absprache - am besten per Mail an post@kulturchronist.de.  Auf dieser Seite sind evtl. nicht mehr alle Links aktuell. Texte seit 2005 finden Sie im Weblog www.kulturchronist.twoday.net.

  

Die Schlacht hat begonnen

Der SWR-Rundfunkrat beschließt (noch) nicht über die Zukunft der Klangkörper - Artikel für die Esslinger Zeitung (04.12.2004)

Es ist noch nicht lange her, da beteuerte SWR-Musikchefin Dorothea Enderle, die Klangkörperfrage stelle sich "derzeit nicht". Die Freude darüber währte nur kurz: Intendant Peter Voß hat die wohl entscheidende Runde in der Diskussion eröffnet, wie viele Klangkörper sich der SWR leisten kann und will. "Es ist meine feste Überzeugung, dass es nicht sechs sein können", stellte Voß gestern bei der Sitzung des Rundfunkrats im Stuttgarter Funkhaus klar. Zumindest vom Rundfunkorchester Kaiserslautern und vom SWR-Vokalensemble Stuttgart scheint sich der Intendant innerlich schon losgesagt zu haben.

Während für das Radio-Sinfonieorchester Stuttgart das Land und die Stadt als Partner gewonnen werden sollen und das SWR-Sinfonieorchester Freiburg/Baden-Baden zu weiterer Rationalisierung aufgerufen ist, ist die Fusion des Kaiserslauterner Ensembles mit dem Orchester des Saarländischen Rundfunks offenbar kaum noch aufzuhalten.

Vor allem aber bedeutet die Strategie von Peter Voß das Ende des 36-köpfigen SWR-Vokalensembles in seiner jetzigen Form: "Die Beibehaltung der gegenwärtigen Struktur des Vokalensembles wäre, unter den gegebenen finanziellen Rahmenbedingungen des SWR und angesichts der aufgrund der Altersstruktur möglichen Handlungsspielräume, nicht sinnvoll", heißt es so verquast wie lapidar in dem Papier des Intendanten. Falls ein Einstellungsstopp nicht zu nennenswerten Einsparungen führt - was abzusehen ist -, wird der schrittweise Übergang in einen "herausragenden semiprofessionellen Chor" angestrebt. So weit die Ansichten des Intendanten.

Nun ist das SWR-Vokalensemble mit 40 Planstellen und knapp 2,7 Millionen Euro Kosten ein verschwindend geringer Promille-Posten im Etat des Senders. Auch die vom Intendanten "immens" genannte Summe von 30 Millionen Euro für alle Klangkörper einschließlich Big Band und Experimentalstudio muss man in das Gesamtvolumen von über einer Milliarde Euro einordnen. Umgekehrt gilt das Vokalensemble, zu dessen Spezialgebieten moderne Werke mit teils exorbitanten Schwierigkeitsgraden zählen, als einer der weltweit besten Chöre überhaupt - hoch geschätzt von Komponisten, Dirigenten und Festivalveranstaltern. Damit wäre es bei einer Umwandlung in ein semiprofessionelles Ensemble schnell vorbei.

Obwohl Voß gegenüber den Rundfunkräten bestritt, den Programmauftrag neu definieren zu wollen, bedeutet sein Papier einen Bruch mit der Vergangenheit. Da der Intendant "keine ausgeprägte Programmrelevanz" der Klangkörper erkennen kann, ordnet er deren Finanzierung als "freiwillig erbrachte Leistung", als "Mäzenatentum" ein. Wobei Voß auch in anderen Bereichen das Messer ansetzt und soeben das Ende der SWR 3 Arena of Sound in Stuttgart und einer vergleichbaren Veranstaltung in Rheinland-Pfalz angekündigt hat.

Dass die Leistungen der Klangkörper nicht ausreichend im Programm abgebildet werden, wird aus deren Umfeld übrigens energisch bestritten. "Die Produktionen des Vokalensembles werden zu hundert Prozent gesendet", betont Christoph Hans, der dem Ende Oktober gegründeten Förderverein des Ensembles vorsteht. Aber genau hier lauert die heikle Frage, die der Intendant für sich selbst bereits beantwortet hat: Voß hält die experimentellen und avantgardistischen Produktionen für verzichtbar, weil er die "Erschließung künstlerischen Neulands" unter den aktuell verschärften Sparzwängen nicht als primäre Aufgabe seines Senders sieht.

Beschlossen wurde gestern, nach einer kurzen und von vielen Mitgliedern des Rundfunkrats mit beschämendem Desinteresse verfolgten Aussprache, nichts - noch nichts: Der Hörfunkausschuss soll mit der Fachebene diskutieren und über Konsequenzen Ende Februar in einer Sondersitzung befinden. Nun ist die Zeit für die Lobbyisten gekommen. Die Schlacht hat begonnen, es wird Verwundete geben.

Intendant Peter Voß über die Sparmaßnahmen  
Homepage des SWR Vokalensembles

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Wie man Akzente setzt

Die Stuttgarter Philharmoniker mit Gabriel Feltz - Rezension für die Stuttgarter Zeitung, veröffentlicht am 01.12.2004  

Akzente setzen, das kann Gabriel Feltz. Das fängt beim Auftritt an, wenn er nicht schnell genug die Stufen zur Bühne des Beethoven-Saals überspringen kann. Und es geht weiter, wenn Feltz sich auf verkitschtes Terrain wagt und mit den Stuttgarter Philharmonikern Antonín Dvoráks Streicherserenade unter die Lupe nimmt. Schon in den ersten Takten – so klarsichtig aufgebaut, als wolle man das Publikum die Partitur mitlesen lassen – wird deutlich, dass diese Unterhaltung auf gehobenem Niveau bleibt. Denn erneut lässt Feltz seine Streicher brillant und hell musizieren, was den zarten Lyrismen des Werks ebenso gut bekommt wie den dramatisch aufgeladenen Beschleunigungen. Selbst im Larghetto erliegen Dirigent und Orchester nicht der Verführung zu schwärmerischer Melancholie. Es ist, als ließe Feltz das Licht angeknipst, und das ist dem diffusen Halbdunkel allemal vorzuziehen.

Frank Martins rasantes Konzert für sieben Bläser, Pauke, Schlagwerk und Streicher liegt einem so lebhaften wie exakten Dirigenten wie Feltz besonders gut und bietet zudem die Möglichkeit, das solistische Können von mehreren Philharmonikern und zwei hinzu geladenen Gästen zu beweisen. Zwar kommt man sich bei diesem Werk des wenig bekannten Schweizer Komponisten, der enorm effektvolle Klangkombinationen gestalten kann, hin und wieder wie im Zirkus vor, aber das Kalkül geht auf: Die hauseigenen Virtuosen dürfen zu Recht im Applaus baden (und sie könnten dies, wie ihre Orchesterkollegen auch, durchaus selbstbewusster tun).

Der Höhepunkt des reichhaltigen Abends war indessen Beethovens 4. Klavierkonzert. Wie schon kürzlich Schumann, so interpretiert die italienische Pianistin Enrica Ciccarelli auch Beethoven im Wissen um die historische Aufführungspraxis, mit kräftigem Anschlag und eingebettet in einen Orchesterklang, bei dem Gabriel Feltz die klein besetzten Streicher perfekt mit den Bläsern ausbalanciert.

So also setzt man Akzente. Nicht nur in der einzelnen Interpretation, sondern auch im Stuttgarter Musikleben, und hoffentlich darüber hinaus.

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Übermütig

Drei Kurzopern von Ernst Krenek - Rezension für die Stuttgarter Zeitung

Man kann lange klagen darüber, dass auf der Opernbühne die immer gleichen Werke erscheinen – zu nützen scheint es nicht viel, zumal Wiederbelebungsversuche nicht immer vom Erfolg gekrönt sind. Absolut bühnentauglich dürfte aber die Trias von Einaktern sein, die Ernst Krenek in den 1920er-Jahren komponierte (und übrigens auch textete). Übermütig erklärte der Komponist nach seinem Sensationserfolg mit „Johnny spielt auf“, er wolle im Stile von Puccini schreiben, romantisch sein und endlich mit einem Schlager reüssieren. Natürlich fügte er den Stücken dann mehr als nur eine persönliche Note hinzu. In „Der Diktator“ lässt er eine hoch psychologische Geschichte zu beinahe unfassbarer Knappheit zusammenschnurren, „Schwergewicht“ ist eine meisterhaft präzise Komödie, und „Das geheime Königreich“ ein hübsches Märchen mit augenzwinkerndem Ende. Kreneks plastische Musik hält überdies Zitate bereit, die den Kenner zum Schmunzeln bringen dürften, z. B. eine ausgiebige „Rosenkavalier“-Reverenz für den tumben Boxer Ochsenschwanz. Diesen verkörpert Roland Bracht sehr spaßig, und das ist nicht der einzige im Südwesten bekannte Sängername: Robert Wörle brilliert sogar in mehreren Partien. Auch das übrige Ensemble, darunter Celina Lindsley und Urban Malmberg, kann sich hören lassen.  

Ernst Krenek: Der Diktator / Schwergewicht oder Die Ehre der Nation / Das geheime Königreich. DSO Berlin, Marek Janowski. Capriccio 60107.

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Wenn das e zum ä wird

Die Hymnus-Chorknaben in der Stiftskirche - Rezension für die Stuttgarter Zeitung (Konzert am 19.11.2004)

Ist es noch niedlich, wenn ein Chorknabe während des Singens herzhaft gähnt und sich ausgiebig am Kopf kratzt? Da könnte etwas mehr Disziplin wohl nicht schaden, zumal gegenüber einer musikalisch so gewaltigen Herausforderung wie den Motetten von Johann Sebastian Bach. Deren virtuose, streckenweise instrumentalen Charakter annehmende Stimmführung und die hoch sensible Ausdeutung des aus Chorälen und Bibeltexten zusammengefügten Textes suchen in der Chormusik nicht nur in Bachs Zeit ihresgleichen.

Hanns-Friedrich Kurz und seine Hymnus-Chorknaben hatten die Motetten „Jesu meine Freude“ und „Singet dem Herrn ein neues Lied“ für die freitägliche Stunde der Kirchenmusik in der Stiftskirche ausgewählt. Die berüchtigte Akustik, die man in diesem Konzert durch hinter dem Chor aufgestellte Wandelemente zu verbessern suchte, mag für problematische Aspekte wie den etwas kantigen Chorklang und einige spitze Höhen verantwortlich sein. Unabhängig davon mangelte es an einheitlicher Aussprache – aus einem e wurde dann schnell ein ä – und dem allerletzten klanglichen Schliff, so dass einige Passagen ohne Glanz blieben. Eine neu entfachte Begeisterung für ein gemeinsames Klangideal sollte die ansonsten gewohnte Qualität des nicht nur in Stuttgart geschätzten Chores indessen schnell wiederherstellen können.

Die Begleitung durch das Lukas-Barockorchester Stuttgart unterstützte zwar die Intonation, nahm aber dem filigranen Geflecht der Chorstimmen einiges an Delikatesse. Das Zwischenspiel mit Georg Philipp Telemanns B-Dur-Konzert hätten sich die zehn Musikerinnen und Musiker, die Hans-Eugen Ekert vom Cembalo aus leitete, besser gespart. Die Kunst der dreiköpfigen Oboengruppe „Les Hautboistes de Prusse“ wollte im heiklen Zusammenspiel mit den Streichern nicht recht zur Geltung kommen, die Interpretation wirkte trotz schöner Einzelmomente holprig und wenig ausdrucksvoll.

www.hymnus-chor.de  
www.stiftskirche.de   

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Der Plan und das Scheitern

Das 10. Dialog-Konzert der Staatsoper im Römerkastell - Rezension für die Stuttgarter Zeitung

„Geschafft!“, meinte eine Besucherin, als sie nach längerem Herumirren auf dem Gelände des Römerkastells das Forum Neues Musiktheater entdeckt hatte. Die eigentliche Herausforderung lag allerdings noch vor ihr, denn die Dialog-Reihe der Staatsoper schenkt den Hörern nichts, auch die 10. Ausgabe wollte aufmerksam verfolgt, wenn nicht hart erarbeitet sein.

Die Programmfolge mit John Cages „Music for three“ und der Uraufführung des von der Staatsoper bei dem Spanier Carlos Bermejo bestellten Stückes „Mientras Tanto“ zeigte den Einfluss Cages auf jüngere Komponisten ebenso auf wie feine Bezüge zur aktuellen Morton-Feldman-Produktion im Opernhaus. Der 1965 geborene Bermejo gibt seiner Bewunderung dadurch Ausdruck, dass er nur bei Cage „den perfekten Plan“ erkennt. Ob seine Aussage, er selbst interessiere sich überhaupt nicht für Perfektion und sehe Pläne eher als Grundlage des Scheiterns, Ausdruck von Bescheidenheit oder von Unsicherheit ist, blieb auch nach dem Gespräch mit Dramaturg Jens Schroth offen.

Bermejo hat „Mientras Tanto“ (das heißt „inzwischen“ oder „währenddessen“) für das Trio Accanto mit dem Saxophonisten Marcus Weiss, der Pianistin Yukiko Sugawara und Christian Dierstein am Schlagwerk geschrieben. Musikalische Zusammenhänge ergeben sich einerseits aus der Partitur selbst, andererseits aus dem aufeinander einwirkenden Spiel der Musiker. Als anarchistisch schlichte Live-Elektronik kommen zwei einfache Aufnahmegeräte hinzu, die während des Stücks mitlaufen und am Ende zusätzlich abgespielt werden.

Die meditative Qualität von Cages „Music for three“ erreicht Bermejo aber nicht, und auch nicht deren spektakulären Effekt, der vor allem vom fantasievoll besetzten Schlagwerk ausgeht. Nun weiß man also, wie es klingt, wenn ein Klangzauberer wie Christian Dierstein, elektronisch verstärkt, an einem Kaktus zupft und kratzt. Das ist doch was.

www.fnm.de 

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Schöne Melancholie

Eine Ernest-Bloch-Werkschau bei Capriccio - Rezension für die Stuttgarter Zeitung

Wer unter Winterdepression leidet, sollte diese CD vielleicht erst in einigen Monaten in seine Sammlung aufnehmen. Denn Ernest Blochs Werke lösen, um es dezent zu sagen, nicht gerade Fröhlichkeit aus. Dennoch lohnt sich die Anschaffung der Silberscheibe, denn zum einen ist Blochs Oeuvre – abgesehen von „Shelomo“, das viele Cellisten im Repertoire haben – hierzulande wenig bekannt, zum anderen bewegt sich diese Neueinspielung von drei frühen und einem späten Werk auf höchstem Niveau. Steven Sloane, der mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin einen weit aufgefächerten Klang erzielt und viel Raum für großartige Instrumentalsoli lässt, und die Solisten Sophie Koch und Tabea Zimmermann legen sich äußerst kompetent für den 1959 gestorbenen Schweizer Komponisten ins Zeug. Die französische Mezzosopranistin singt die schwermütigen „Poèmes d’Automne“, die noch stark in der romantischen Tradition wurzeln, mit wunderbar vielfarbiger, aber niemals wabernder Stimme, und Tabea Zimmermann darf man nach einer guten Stunde Melancholie dankbar sein für das lebhaft-exotische Finale der Suite für Viola und Orchester. Die „Proclamation“ mit dem Trompetensolo Reinhold Friedrichs, einige Jahrzehnte nach den genannten Werken entstanden, zeigt die Wandlung Blochs zum Neoklassiker.

20th Century Portraits: Ernest Bloch. Dirigent Stephen Sloane. Capriccio 67076.

www.dso-berlin.de

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Dramatischer Wind

Das Henschel-Quartett im Mozart-Saal - Rezension für die Stuttgarter Zeitung (Konzert am 03.11.2004)

Gern und regelmäßig tut sich das Henschel-Quartett mit Solisten und anderen Ensembles zusammen. Beim Kammermusikabend der Konzertdirektion Russ im Mozart-Saal traten die vier indessen „pur“ auf und präsentierten mit Beethoven und Mendelssohn zwei Klassiker des Streichquartetts als Rahmen, den ein Werk des 1937 verstorbenen Polen Karol Szymanowski füllte.

Betrachten wir das Konzert von der Zugabe aus: Die zu Herzen gehende Cavatina aus Beethovens spätem op. 130, mit sanfter Klangpracht vorgetragen, zeigt im Vergleich zum eröffnenden Frühwerk op. 18 Nr. 6, welchen Weg der Komponist durchschritten hat. Einen ähnlichen Weg, den der interpretatorischen Steigerung, legten die vier Musiker zurück: Der frühe Beethoven litt unter einer gewissen Anspannung, die sich zwar nicht in technischen Fehlern entlud, eine Spitzenleistung jedoch verhinderte.

Es ist interessant zu beobachten, dass das seit 1994 gemeinsam musizierende Ensemble aus drei Geschwistern und einem „Wahlverwandten“ weniger auf persönliche Harmonie als auf kreative Reibung zu setzen scheint - auch in dem Sinne, dass Primgeiger Christoph Henschel sich in keinem Moment als Chef aufspielt, sondern die musikalische Initiative mit seinem Violinkollegen Markus Henschel, dem Cellisten Mathias Beyer-Karlshoj und – dem Anschein nach am meisten – mit seiner Schwester Monika Henschel-Schwind teilt.

Womöglich ist diese Eigenheit für einige Werke weniger, für andere besonders gut geeignet. Dem vielgestaltigen, nicht ganz einfach konsumierbaren 2. Streichquartett von Szymanowski erwiesen die Musiker mit ihrer ebenso klugen wie vitalen Interpretation jedenfalls einen großen Dienst. Auch durch das letzte Stück im offiziellen Programm, Mendelssohns D-Dur-Quartett op. 44 Nr. 1, wehte ein überraschend dramatischer Wind: So wurde aus dem nicht ganz glücklich begonnene Abend schnell ein großer.

http://www.henschel-quartett.de 

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Dieser Klang, dieser überirdische Klang!

Der Klarinette zum 300. Geburtstag - Beitrag für das Magazin der Berliner Philharmoniker (Ausgabe September/Oktober)

Ein Geburtstagsgruß an die Klarinette ist überfällig, eine Ehrung für ein Instrument, das rätselhaft klingen kann und dunkel, überirdisch schön und – wenn es der Komponist will und der Spieler mittut – auch mal ordinär. Drei Jahrhunderte liegt ihre Erfindung zurück. Zwar wäre die Musikologie keine Wissenschaft, wenn Geburtstag und Ursprung der Klarinette keinen Diskussionsgegenstand bildeten. Aber auch wenn die Enzyklopädie „Musik in Geschichte und Gegenwart“ die Erfindung der Klarinette durch den Nürnberger Instrumentenbauer Johann Christian Denner um 1700 als „nicht völlig gesichert“ in Frage stellt – für hier und heute legen wir fest: Die Klarinette wird 300. Denn wie sonst sollten wir ihr einen würdigen Geburtstagsgruß entbieten?

Denner hatte lange mit dem Chalumeau experimentiert, einem einfachen Hirteninstrument, im Deutschen noch heute trotz der möglichen Verwechslung mit einem späteren Blechblasinstrument Schalmei genannt. Er fügte den wenigen Naturtönen, die dieses Chalumeau produzieren konnte, die Möglichkeit des Überblasens in eine höhere Tonlage hinzu – und zwar durch zunächst zwei zusätzliche Löcher, die so genannten Klappen, deren Anzahl spätere Instrumentenbauer im Laufe der folgenden Jahrhunderte immer weiter erhöhten. Schnell verbreitete sich das neue Instrument, das ursprünglich nur die besonders schwer zu blasenden hohen Trompeten (Clarini) ersetzen sollte. Das berühmte Mannheimer Orchester hatte um 1780 zwei Vollzeitklarinettisten auf seiner Gehaltsliste, und ein Jahrzehnt später komponierte Mozart sein wunderbares, seinerzeit kaum spielbares Klarinettenkonzert für den Freund Anton Stadler.

Dass eine Klarinette am besten klingt, wenn sie leise im Ofen knistert, ist ein typischer Musikerwitz, der übrigens auch in einer Variation für Oboe kursiert. Gerade die Klarinette ist klanglich und technisch besonders vielseitig, bewältigt locker vielerlei Artikulationsvarianten und verfügt über dynamische Möglichkeiten vom Unhörbaren bis zum schmerzhaft Lauten. Der faszinierende Klang der Klarinette hat viele unserer heutigen Virtuosen von Anfang an beeindruckt. Ein Student der Musikhochschule in Trossingen habe mit einem Klangbeispiel auf Tonband seine Begeisterung geweckt, erzählt Walter Seyfarth, einer der fünf Klarinettisten der Berliner Philharmoniker. Da war er zwölf und damit just in dem Alter, in dem man die gängige, gut 70 cm lange A- oder B-Klarinette greifen kann. Jörg Widmann, als Klarinettist und Komponist gleichermaßen ein Star der aktuellen Musikszene, ließ sich vom „ungreifbaren Klang“ der Klarinette sogar schon mit sieben Jahren einfangen: „Von da an stand fest: Das wollte ich lernen.“

Gelernt haben der kleine Jörg und der nicht mehr ganz so kleine Walter natürlich das „deutsche System.“ Damit berühren wir ein Problem von historischer Tragweite, wenngleich Spieler wie Widmann, Seyfarth und auch Karl-Heinz Steffens, Solo-Klarinettist der Berliner Philharmoniker, damit ganz pragmatisch umgehen. „Natürlich bin ich mit dem deutschen Klangideal groß geworden“, sagt Steffens, der als Zehnjähriger „wie so viele Kinder“ im Blasorchester seines Heimatortes mit dem Instrument Bekanntschaft machte. Als Dozent an der Musikhochschule oder auf Meisterkursen unterrichtet er indessen auch Studenten, die im so genannten „französischen System“ zu Hause sind, und er hat damit ebenso wenig Probleme wie Jörg Widmann, dessen Klarinettenklasse in Freiburg „ungefähr 50/50“ zusammengesetzt ist.

Es gibt nämlich in der Geschichte dieses bemerkenswerten Instruments eine Art Schisma – und der religiöse Begriff ist hier gar nicht so fehl am Platze, denn die Auseinandersetzung um die Frage, ob die „deutsche“ oder die „französische“ Schule die bessere oder gar einzig wahre sei, nahm zeitweise Merkmale eines Glaubenskrieges an. Der französische Klarinettentyp, der sich außer in Deutschland und Österreich in der ganzen Welt durchgesetzt hat, wird „Boehm-Klarinette“ genannt, obwohl der Instrumentenbauer Louis-Auguste Boehm nur ein Detail, die so genannten Ringklappen, beisteuerte. Dieses Instrument geht vielmehr auf den Klarinettisten Hyacinthe Eléonore Klosé (1808-80) zurück, während der deutsch-baltische Virtuose Iwan Müller (1786-1854) eine Klarinette mit verbesserter Klappenmechanik entwickelte, an die wiederum der Berliner Instrumentenbauer Oskar Oehler (1858-1936) anknüpfte.

Dabei sind die technischen Unterschiede zwischen Boehm- und Oehler-Klarinette gar nicht so groß, wie der Streit um das „richtige“ Klangideal vermuten ließe. „Es geht dabei auch um Stilistik und musikalisches Empfinden“, betont Karl-Heinz Steffens. Auf der dunkler klingenden Oehler-Klarinette spielt man normalerweise ohne Vibrato, während die französische Schule mit ihrem helleren Klang dieses Stilmittel akzeptiert. Schwierig wird es, wenn sich solche im Grunde technischen Fragen in einer Komposition niederschlagen – Jörg Widmann stieß bei einem Werk von Pierre Boulez auf dieses Problem: „Da konnte man manche Trillerketten auf einem deutschen Instrument kaum spielen.“

Ein Klarinettist spielt im Laufe seiner Karriere eine ganze Reihe von Instrumenten, denn eine einzelne Klarinette wird normalerweise nicht alt. Durch häufiges Spielen nutzt sich das Instrument ab, vor allem kann die Bohrung des meist aus Grenadillholz bestehenden Körpers durch den Speichelfluss beeinträchtigt werden. Sehr oft wechseln muss man in jedem Fall das Blatt, das auf das Mundstück geschraubt oder gebunden wird und mit dem der Klarinettist den Ton eigentlich erzeugt: Hier ist Spürsinn gefragt, sagt Walter Seyfarth, denn die Qualität des Rohrholzes habe über die Jahre wegen der Umwelteinflüsse nachgelassen: „Das ist wie beim Weinanbau, es gibt gute Jahrgänge und schlechte.“ Seyfarths ständiges Instrument stammt aus dem Jahr 2000, aber seine Piccolo-Klarinette von 1979 spielt er bis heute. Jörg Widmann ist „gerade in eine A-Klarinette verliebt“, während Karl-Heinz Steffens sein Verhältnis zum Instrument betont nüchtern einschätzt: „Es ist nur die Basis dafür, gute Musik zu machen.“

Was wünschen die drei Herren der Klarinette zum Geburtstag? „Dass sie sich immer weiterentwickelt, aber die Eigenheiten bleiben – wie in einer großen Familie“, sagt Steffens, und Seyfarth sekundiert mit seiner Hoffnung auf viele Virtuosen mit ausdrücklicher „Hingabe an das deutsche System.“ Jörg Widmann wünscht sich, dass sich niemand auf der Tradition ausruhen möge „und wir die Komponisten ermutigen, weiter für die Klarinette zu schreiben.“ Seine aktuelle Zusammenarbeit mit Wolfgang Rihm und Aribert Reimann sieht Widmann in einer Linie mit den historischen Partnerschaften im Dienste des Instruments – Mozart mit Stadler, Weber mit Baermann, Brahms mit Mühlfeld. Auch Walter Seyfarth wünscht sich „eine Vielfalt an neuen Werken“ – also muss uns um das Engagement der Klarinettisten für das Neue offenbar nicht bange sein.

Viele Informationen in allgemein verständlicher Form finden sich auf der Homepage www.die-klarinetten.de.

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Der Schlagzeuger an Kontrabass und Harfe

Moderne Madrigale und ein Streichsextett beim Podium RSO in der Villa Berg - Rezension für die Stuttgarter Zeitung (verfasst 04.10.2004)

Konzerte in der Villa Berg bieten einen zwar nebensächlichen, aber hübschen Reiz: Man kann in den gläsernen Raum der Tontechnik sehen und auf einem Monitor an bunten Balken ablesen, ob die aufgeführte Musik gleichsam bis zum Anschlag reicht oder nicht. Beim Konzert der Kammermusikreihe „Podium RSO“, das mit den „Madrigals“ des 1929 geborenen US-Avantgardisten George Crumb begann, waren Extreme nicht zu befürchten. Diese Stücke sind durchaus für den Sonntagnachmittag geeignet, zumal das B-Dur-Streichsextett von Johannes Brahms nach der Pause auch die skeptischen Hörer versöhnte.

Die 1965/69 komponierten „Madrigals I-IV“ entstanden auf Texte von Federico Garcia Lorca, dessen Lyrik George Crumb mehrfach vertont hat. Er wählte dafür vier Mal drei Textzeilen, die nach Leben, Tod und deren Begleiterscheinungen fragen. Auch wenn der Komponist die Texte dekonstruiert und die Sängerin mit allerlei Varianten der Tonerzeugung beauftragt, fällt auf, wie eng seine Musik am Charakter der Worte bleibt. Wenngleich weit gehend durchkonstruiert, beeindruckt das vor allem wegen der lyrischen Qualitäten und der vorsichtigen Erkundung verschiedener Klangwelten. Instrumentale Effekte, die das Publikum zum Schmunzeln bringen (beispielsweise macht der Schlagzeuger sich an Kontrabass und Harfe nützlich), hat Crumb sicher nicht bloß erfunden, um originell zu sein. Bei den vier Musikern des Radio-Sinfonieorchesters und der Sopranistin Christina Landshamer als Gast war Crumbs Komposition in guten Händen. Das jugendlich klare Timbre der Sängerin mischte sich schön mit Tatjana Ruhlands drei Flöten, der Harfe Renie Yamahatas, dem Kontrabass Felix von Tippelskirchs und den diversen, von Franz Bach bedienten Schlaginstrumenten.

Der junge Johannes Brahms wich dem als Gattung dominanten Streichquartett zunächst aus und schrieb seine erste Kammermusik für Streicher als Sextett, wofür es nur wenige Vorbilder gab. Ludwig Finscher hat das 1858/60 entstandene B-Dur-Streichsextett op. 18 als „ersten Höhepunkt“ in Brahms’ Auseinandersetzung mit der Tradition bezeichnet. Diese Bedeutung hört man dem Werk an: Es ist zumindest streckenweise recht sperrig und ein wenig akademisch. Stefan Bornscheuer, Insa Andrea Fritsche, Janis Lielbardis, Christian Nas, Johanna Busch und Fionn Bockemühl gingen auffällig behutsam zu Werke, beinahe zu vorsichtig musizierten sie die Schönheiten der umfangreichen Komposition und ließen ihre Instrumente in bester kammermusikalischer Einheit singen.

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Geheimnisvoll

Dennis Russell Davies dirigiert Kancheli - CD-Rezension für die Stuttgarter Zeitung (verfasst 01.10.2004)

Der georgische Komponist Giya Kancheli, der heute in Antwerpen lebt, hat sich nach seiner Übersiedlung nach Westeuropa Anfang der 90er-Jahre auch von der Monumentalität der bis dahin entstandenen sinfonischen Werke verabschiedet und komponiert seitdem überwiegend für kleinere Besetzungen. Typisch für diese neu orientierte Kreativität sind die beiden Werke „Diplipito“ und „Valse Boston“, die das Stuttgarter Kammerorchester unter Dennis Russell Davies 2001 im Stuttgarter Mozart-Saal aufnahm. Es ist eine geheimnisvolle Musik, die Kancheli hier geschrieben hat: von nostalgischem Hauch umwehte, spirituelle Kompositionen von großer Schönheit. Das gilt auch für deren Wiedergabe: Im „Valse Boston“, der tänzerische Elemente gerade noch fragmentarisch zitiert, spielt Davies selbst das verträumte Klaviersolo, in „Diplipito“ – dessen Titel sich auf alte georgische Verse bezieht, die jedoch gleichsam anonym bleiben – lässt der fabelhafte Countertenor Derek Lee Ragin seine Stimme aus dem meist zarten Orchesterklang herauswachsen, assistiert von dem Schweizer Cellisten Thomas Demenga, der sein Instrument einsam über Streichern und Schlagzeug schweben lässt. Hans-Klaus Jungheinrichs weit ausholender Artikel im Beiheft ist von ebenso tiefem Verständnis für Kanchelis Musik geprägt.

Giya Kancheli: Diplipito / Valse Boston. Dirigent Dennis Russell Davies. ECM New Series 1773 (4720822).

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Unerhört klar

Haydns „Jahreszeiten“ mit René Jacobs am Pult - CD-Rezension für die Stuttgarter Zeitung (verfasst 29.09.04)

Für diese bei den Innsbrucker Festwochen 2003 entstandene Einspielung von Haydns „Jahreszeiten“ wurde die vom Komponisten bei der Uraufführung dirigierte Erstfassung ausgegraben. Deshalb gibt es u. a. längere Vorspiele zu den einzelnen Abschnitten – und so wie das Freiburger Barockorchester sie spielt, möchte man keine Note missen. Der badische Klangkörper ist, von René Jacobs geleitet, der Star dieser Aufnahme. So charakteristisch, so anschaulich kennt man das oft als eher langweilig abqualifizierte Werk nicht; es ist, als spräche ein Orchester „Klartext“. Die unerhört klare Artikulation setzt sich fort im Gesang des vorzüglichen RIAS-Kammerchors und bei den Solisten, die auf naives Getue verzichten und dennoch den ironischen Tonfall treffen, den Haydn dem betulichen Libretto Gottfried van Swietens aufsetzte. Marlis Petersens funkelnder Sopran und Werner Güras geradliniger Tenor sind dabei glücklicher besetzt als Dietrich Henschel, dessen vornehmer Bariton die tiefen Regionen nicht mühelos erreicht und der darüber hinaus am Aufnahmetag wohl nicht in Bestform war. Das kann den Gesamteindruck nicht trüben: René Jacobs und seine Mitstreiter legen Ehre für „Die Jahreszeiten“ ein, die in unserer heutigen Wahrnehmung zu Unrecht hinter der populäreren „Schöpfung“ verblasst sind.

Joseph Haydn, Die Jahreszeiten, Dirigent René Jacobs, harmonia mundi 901829.30 (2 CD)

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Ein Orchester auf neuen Wegen

Gabriel Feltz und die Stuttgarter Philharmoniker mit einem Schumann-Programm - Rezension für die Stuttgarter Zeitung (Konzert am 24.09.2004)

Ob sich Dirigenten über die „Osmose“ Gedanken machen? Dieser biologische Fachausdruck (ein Lösungsmittel dringt durch eine einseitig durchlässige Scheidewand in eine konzentrierte Flüssigkeit ein) kennzeichnet gut, was zurzeit bei den Stuttgarter Philharmonikern geschieht. Ganz allgemein, im Hinblick auf das Wirken des neuen Chefdirigenten Gabriel Feltz, und im Besonderen nach dem ersten, ausschließlich Schumann gewidmeten Nachmittagskonzert im Gustav-Siegle-Haus.

Noch vor dem Beginn der großen Konzertreihen im Beethoven-Saal lieferte Feltz erneut den Beweis dafür, dass ein energischer, aufmerksamer Dirigent mit der Perspektive längerfristiger und intensiver Zusammenarbeit viele Blockaden lösen kann. Außerdem forderte der neue Philharmoniker-Chef mit Schumanns 4. Sinfonie den direkten Vergleich mit Sir Roger Norringtons Interpretation beim Europäischen Musikfest heraus. Und wenn nicht alles täuscht, war bei dem in kleiner Streicherbesetzung gegebenen Konzert ein Ergebnis jenes „osmotischen“ Vorgangs zu hören, den Sir Roger seit Jahren in der Orchesterlandschaft auszulösen versucht. Spielten die Streicher nicht mit weniger Vibrato als gewöhnlich? Artikulierten nicht die Blechbläser schärfer, die Holzbläser noch klarer als sonst? Jedenfalls ermutigte Feltz sein Orchester zu einer so bisher nicht vernommenen „Klangrede“, die den Philharmonikern ganz neue Wege aufzeigen könnte.

Allerdings ahmt hier nicht etwa ein junger Dirigent nur den älteren nach. Im Vergleich zu den abgeklärten Interpretationen des britischen Kollegen kommt Feltz’ Schumann lebhafter daher, hin und wieder sogar zornig. Die italienische Pianistin Enrica Ciccarelli, die Ende November zu einem Beethoven-Konzert wiederkommt, fügte sich in diesen aufregenden Ansatz mit ihrer geradlinigen, niemals vordergründigen Deutung des Schumannschen Klavierkonzerts vorzüglich ein.

www.stuttgart.de/philharmoniker 

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Vom vergnüglichen Gegenstand zur dramatischen Szene

Entwicklung durch Emanzipation im Kunstlied – Programmheftbeitrag für die Ludwigsburger Schlossfestspiele (Liederabend am 01.09.04)

There’s nothing this extraordinary woman can’t do“ (Es gibt nichts, was diese außergewöhnliche Frau nicht tun könnte) – dieses Kompliment der britischen Zeitung „The Guardian“ spielt auf die enorme Breite des Repertoires an, das sich die Sängerin Anne Sofie von Otter seit dem Beginn ihrer internationalen Karriere vor gut zwei Jahrzehnten erarbeitet hat. Dabei tut sie nur, was sie sich wirklich zutraut – und realisiert dennoch eine Spannweite, die von sicherer Technik ebenso zeugt wie von untrüglichem Stilgefühl von Barock bis Pop. Die nimmermüde Suche nach neuen Herausforderungen hat Anne Sofie von Otter vielleicht auch bewogen, trotz langjähriger Zusammenarbeit mit den Pianisten Bengt Forsberg und Melvyn Tan einen „Seitensprung“ zu wagen. Eingeweihte wollen wissen, dass die Sängerin im Autoradio einen Künstler hörte, mit dem sie sofort zusammenarbeiten wollte. Vielleicht hat Anne Sofie von Otter bei dem Cembalisten und Fortepiano-Spieler Andreas Staier gleichsam telepathisch die Verwandtschaft im Geiste wahrgenommen: Auch Staier gilt als ebenso technisch souverän wie stilistisch versiert, ein Suchender auch nach dem besten Instrument für das spezielle Repertoire, und nicht zuletzt als ein kongenialer Partner in jener Gattung, die den heutigen Abend prägt: dem Kunstlied.

„Ein Art kleines lyrisches Gedicht, in der Regel über einen vergnüglichen Gegenstand, dem eine Melodie beigefügt ist, um bei häuslichen Gelegenheiten gesungen zu werden; etwa bei Tisch, mit seinen Freunden, mit seiner Geliebten oder allenfalls allein, um für einige Augenblicke die Langeweile zu vertreiben, wenn man reich ist, oder das Elend und die Mühsal besser zu ertragen, wenn man arm ist“ – diese Anforderungen, aus denen man beinahe den Anspruch moderner Massenmedien herauszulesen vermeint, schrieb Jean-Jacques Rousseau 1767 nieder, und am Beginn von Schuberts gerade beim Kunstlied so reichhaltiger Tätigkeit verstand man diese Gattung mehr oder weniger noch immer so. Schon im Alter von 17 Jahren gelang Schubert das Meisterstück „Gretchen am Spinnrad“, und danach ging der junge Komponist nicht mehr hinter die einmal gefundenen Ausdrucksmöglichkeiten zurück.

Die Behauptung eines eigenen, unabhängigen Anspruchs der Komposition gegenüber der Dichtung bedeutete auch eine Emanzipation gegenüber der Textvorlage. Arnold Schönberg hat dies fast ein Jahrhundert später erklärt: Beschämt über seine mangelnde Kenntnis der Textvorlagen, ging er diesen auf den Grund, nur um festzustellen, dass das eher hinderlich war: „Es zeigte sich mir, dass ich, ohne das Gedicht zu kennen, den Inhalt, den wirklichen Inhalt, sogar vielleicht tiefer erfasst hatte, als wenn ich an der Oberfläche der eigentlichen Wortgedanken haften geblieben wäre.“ Damit relativiert sich der schon zu Schuberts Lebzeiten erhobene Vorwurf, der Komponist habe sich allzu oft minderwertiger Dichtung angenommen.

Nahezu zehn Jahre umspannen die Schubert-Lieder dieses Programms, was im Falle dieses Komponisten einen Großteil seiner kreativen Zeit bedeutet. Schon die 1816 entstandenen Lieder („Der König in Thule“, „An die Nachtigall“ und „Erntelied“) gehören ganz der individuellen Kunst Schuberts. Den „König in Thule“ – wieder eine Gretchen-Szene – gestaltet Franz Schubert zwar musikalisch schlicht, erreicht aber gerade dadurch den passenden Ausdruck geistiger Abwesenheit und den Charakter eines musikalischen Zitats, einer „Nummer“, die Gretchen mehr träumt als wirklich singt. „An die Nachtigall“ ist eine augenzwinkernde Miniatur, und das „Erntelied“ ist Bestandteil eines eher heiter gestimmten Zyklus folkloristischer Prägung. Der 1820 komponierte „Frühlingsglaube“ ist Schuberts einziges Lied auf ein Gedicht von Ludwig Uhland, dem späteren Abgeordneten der Frankfurter Nationalversammlung. Der Text ist sowohl als harmlos-individuelle Freude über die schöne Jahreszeit wie auch als Ausdruck politischer Hoffnung zu lesen. Schuberts Komposition, mehrfach umgearbeitet, ist ein gutes Beispiel für die Verbindung von strophischem Charakter mit ausdruckskräftiger Abwandlung der einzelnen Abschnitte. 1823 entstand so Gegensätzliches wie das atmosphärisch dichte Lied „Am See“, das weiträumig ruhige „Nacht und Träume“ und die unvergleichliche Ballade „Der Zwerg“. Hier greift Schubert auf das dramatische Prinzip des acht Jahre zuvor komponierten „Erlkönigs“ zurück, wenngleich die Dichtung von Matthäus von Collin im Stil modischer Gruselgeschichten rätselhaft und fragmentarisch hinter dem Goetheschen Vorbild zurückbleibt. Schuberts Komposition, Beethovens „Schicksalsmotiv“ dezent zitierend, überhöht die textliche Vorlage mit scharf abgegrenzten dramatischen Episoden, deren Musik die unsichere Situation und die Befindlichkeit der „handelnden“ Personen widerspiegelt. 

Aus dem Jahr 1825 stammen „An mein Herz“, „Ellens Gesänge“ und „Totengräbers Heimwehe“. Die Gesänge Ellens gehören zu einem Zyklus, den Schubert auf von Adam Storck übersetzte Dichtungen von Walter Scott komponierte. Scott hatte als Begründer des historischen englischen Romans wie „Ivanhoe“ großen Einfluss auf die deutschen Romantiker und übersetzte selbst wiederum Goethe ins Englische. Die drei Gesänge Ellens (der dritte ist das berühmte „Ave Maria“) reflektieren eine Kriegssituation im Innern der Singenden: D 837 ist ein Wiegenlied mit träumerischen Phasen und entfernten Kriegssignalen, D 838 holt die kriegerische Motivik in Form von Jagdsignalen gleichsam „nach vorn“. „Totengräbers Heimwehe“ wurde erst nach Schuberts Tod gedruckt und greift – musikalisch fast zur Kantate erweitert – auf eine beliebte Figur der romantischen Dichtung zurück.

Joseph Haydns Lieder gehören einer anderen, diese Form nur am Rande pflegenden Epoche an, wenngleich auch er die Liedkunst durchaus entwickelte und ausbaute. Im Vergleich zu frühen Arbeiten zeichnen sich die 1794 entstandenen englischen Lieder durch Einflüsse der Arienform und beginnende Emanzipation des Klavierparts von der Singstimme aus. Während „She Never Told Her Love“ auf einer Dichtung von William Shakespeare basiert, verbinden sich mit „Fidelity“, „Sailor’s Song“ und „The Spirit’s Song“ persönliche Lebensumstände Haydns in seiner Londoner Zeit. Deren Autorin Anne Hunter nämlich, eine durchaus anerkannte, wenn auch nicht hoch berühmte Dichterin, war mit einem Arzt verheiratet, der den Komponisten mit einer beinahe gewaltsamen Operation von einem vermeintlichen „Rheuma“ zu kurieren suchte – was am Widerstand Haydns letztlich scheiterte. Anne Hunter gab Haydn sogar 1795 zum Abschied aus London eine Dichtung mit („O Tuneful Voice“), die der Komponist sogleich in Töne setzte.

Haydns 1789 komponierte Solo-Kantate „Arianna auf Naxos“ orientiert sich stärker als die Lieder am Opernschaffen des Komponisten und zeugt von dessen dramatischer und auch psychologischer Kunst. Weit gespannt ist der musikalische Ausdruck in dieser groß angelegten Szene, die Arien, Rezitative und Ariosi meisterhaft verbindet. Bemerkenswert ist, dass Haydn nicht – wie Hofmannsthal und Strauss mehr als hundert Jahre später – den jungen Gott Dionysos (Bacchus) erscheinen lässt, sondern seine Kantate fast abrupt, mit dem Selbstmord der Heldin, beendet.

Die beiden Klavierwerke, die das Liedprogramm bereichern, sind zwar dem Umfang nach kleine, im künstlerischen Gehalt jedoch reife Kompositionen. Haydns C-Dur-Sonate von 1789 kombiniert einen Variationensatz mit einem flotten Rondo; in beiden spielt der Kontrast von (C-)Dur und (c-)Moll eine konstitutive Rolle. Schuberts „Impromptus“ entstanden 1827, die beiden Serien (D 899 und D 935) wurden nur zum geringen Teil zu Lebzeiten des Komponisten veröffentlicht (sie seien „als Kleinigkeiten zu schwer“, schrieb der Schott-Verlag an Schubert). Das erste Stück der Serie in c-Moll ist bei aller Kürze ein vielgestaltiges Werk, stark auf ein musikalisches Thema konzentriert, das mehrfach abgewandelt und rhetorisch in Frage- und Antwortfiguren weitergeführt wird – „als ob ein Vorhang geöffnet würde, den Blick frei gebend auf eine noch leere Bühne“, schreibt Walther Dürr darüber. Womöglich auch auf die Bühne von Schuberts Liedkunst, vor der Anne Sofie von Otter und Andreas Staier mit den Nachtgedanken des Totengräbers den Vorhang schließlich fallen lassen: „Ich sinke, ich sinke! Ihr Lieben, ich komm!“

Ein schönes, multimediales Dossier über Anne-Sofie von Otter findet sich im Archiv von arte.

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Von Finnland lernen oder Das nordische Dirigentenwunder

Beitrag für das Magazin der Berliner Philharmoniker (September/Oktober 2004)  

Von Finnland lernen? Zumindest beim alljährlichen Schlagerwettbewerb namens Eurovision Song Contest ist die nordische Nation das, was man auf neudeutsch „loser“ nennt. Fünf Jahrzehnte lang fand man sich meist auf den hinteren Rängen wieder, und heuer blieb der finnische Beitrag – immerhin angelehnt an die weithin unbekannte, aber bemerkenswerte landeseigene Tango-Tradition – bereits im Halbfinale stecken. Womöglich revanchiert sich Europa auf diesem Nebenschauplatz dafür, dass Finnland in der so genannten Ernsten Musik längst Weltgeltung erlangt hat?  

Dass finnische Komponisten wie Einojuhani Rautavaara, Kaija Saariaho und Magnus Lindberg, insbesondere jedoch Dirigenten wie Esa-Pekka Salonen, Jukka-Pekka Saraste, Sakari Oramo, Mikko Franck und der im Oktober bei den Berliner Philharmonikern debütierende Osmo Vänskä im internationalen Musikleben eine so auffällige Rolle spielen, kommt nicht von ungefähr. Die meisten von ihnen wurden an der Sibelius-Akademie in Helsinki ausgebildet, aber das renommierte Institut ist keine einsame, elitäre Kaderschmiede. Europas drittgrößte Musikhochschule krönt vielmehr ein System, in dem der finnische Staat grundsätzlich jedem Kind eine musikalische Ausbildung anbietet.  

In den 60-er Jahren wurde in dem weitläufigen, dünn besiedelten Land ein dichtes Netz von Musikschulen und Konservatorien geknüpft, getragen von den Gemeinden und von der Regierung in Helsinki mitfinanziert. Alle Schulen haben Klassen mit musikalischem Schwerpunkt, die öffentlichen Büchereien legen Wert auf eine gute Musikabteilung. Das hat zweierlei Auswirkungen: Eine überdurchschnittliche Zahl von jungen Finnen schlägt den professionellen Weg ein und wird durch großzügige Stipendien weiter gefördert, die anderen formen ein offenes und begeisterungsfähiges Publikum für die zahlreichen Orchester, Festivals und Operntruppen.  

Auch Osmo Vänskä kam in der kleinen Hafenstadt Kotka früh mit diesem System in Berührung. Seine Eltern wollten, dass jedes ihrer Kinder ein Instrument lernt, und Osmo als Jüngster begann mit neun Jahren auf der Geige, bald darauf wechselte er zur Klarinette. Als Instrumentalist kam er zur Sibelius-Akademie, für das Dirigieren interessierte er sich erst später. Dabei lernte er jene Persönlichkeit kennen, die von großer Bedeutung für das finnische „Dirigentenwunder“ ist: Jorma Panula. Lange Jahre prägte Panula die Dirigentenausbildung in Helsinki, seit seiner Pensionierung unterrichtet er auf der ganzen Welt. Dabei spart Panula nicht mit kritischen Worten, wenn ein Dirigent sein Orchester zu stark zu prägen versucht oder, wie sein Schüler Mikko Franck, eine seiner Meinung nach zu frühe und schnelle Karriere macht: „Das beste Alter für einen Dirigenten ist an die 80.“  

Davon ist Osmo Vänskä, 1953 geboren, noch eine ganze Weile entfernt. Aber auch er hat bereits Wunder bewirkt. Das Sinfonieorchester der 100.000-Einwohner-Stadt Lahti, das er 1988 übernahm, erzog er zum Spitzenensemble, und als sich die Göteborger Symphoniker für die Fortsetzung eines kompletten Sibelius-Aufnahmezyklus beim kleinen Label BIS zu fein wurden, sprangen Vänskä und sein Orchester mutig ein und stehen heute als Sibelius-Interpreten einzigartig da. Gut 50 CDs sind bisher erschienen, zum 50. Todestag des Komponisten 2007 soll die Edition mit rund 70 Silberscheiben komplett sein.

Seit letztem Herbst ist Osmo Vänskä, der vor 30 Jahren Privatunterricht beim philharmonischen Klarinettisten Karl Leister in Berlin nahm und vom Chorpodium der Philharmonie aus Karajan erlebte, Chefdirigent des Minnesota Orchestra und steht damit in einer eindrucksvollen Reihe mit Ormandy, Mitropoulos, Dorati und Marriner. Wiewohl für dieses Engagement sicher künstlerische Gründe ausschlaggebend waren, dürfte sich Osmo Vänskä, dessen Familie aus Karelien stammt und der ausgedehnte Wanderungen und Motorradtouren im winterlich einsamen Lappland liebt, im berüchtigt kalten Minnesota fast wie zu Hause fühlen.

Für das „Dirigentenwunder“ macht Vänska übrigens neben der gründlichen, breiten musikalischen Ausbildung letztlich Jean Sibelius verantwortlich, dessen Ruhm schon früher den finnischen Orchesterchefs auf die internationalen Podien geholfen habe. Vielleicht kann ein Volk, das als größten Nationalhelden einen Komponisten verehrt, gar nicht anders, als diesem nachzueifern: „Wir reden zwar nicht viel, aber wir drücken uns durch Musik aus“, meint dazu Vänskäs Kollege Jukka-Pekka Saraste.

Von Finnland lernen? Klassische und neue Musik allerorten, glänzende Ergebnisse bei der PISA-Studie, nach der Parlamentseröffnung gehen die Abgeordneten in die Oper und nicht in die Kneipe, und schon vor Jahren wählte sich die Nation ein weibliches Staatsoberhaupt - wie schrieb der englische Musikkritiker Norman Lebrecht: „Die Zukunft gehört den Finnen.“ Da darf man doch über Misserfolge mit der leichten Muse souverän hinwegsehen.

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Robert Schumanns Welt und Nachwelt

Beitrag für das Forum Bachakademie (erscheint Mitte August 2004)

Das Programm des diesjährigen Europäischen Musikfestes mit seiner Gegenüberstellung von Felix Mendelssohn Bartholdy und Robert Schumann scheint, betrachtet man die zeitliche und auch persönliche Nähe der beiden Komponisten, keine allzu starken Widersprüche aufzuwerfen. Mendelssohn war nur ein Jahr älter als Schumann, sie lebten und arbeiteten parallel und zeitweise sogar am gleichen Ort (Leipzig). Ihr Umgang beruhte auf gegenseitigem Respekt, auf freundschaftlichem Interesse von Seiten Mendelssohns, auf Verehrung gar bei Schumann.

Mendelssohn, der fest im praktischen Musikleben stand, schon mit Mitte 20 als Gewandhauskapellmeister in Leipzig erfolgreich war und bald sogar im Ausland als führende Persönlichkeit des deutschen Musiklebens anerkannt wurde, führte Schumanns 1. und 2. Symphonie erstmals auf und war dem Kollegen immer wieder behilflich. Schumann hingegen bewunderte Mendelssohn, als gehöre der einer älteren Generation an; blickte zu ihm auf „wie zu einem hohen Gebirge“, wiewohl seine Betrachtungen von Neid nicht frei waren („In ähnlichen Verhältnissen wie er aufgewachsen, von Kindheit zur Musik bestimmt, würde ich Euch sammt und sonders überflügeln – das fühle ich an der Energie meiner Empfindungen“). Einmal stichelte er gar, Mendelssohn könne von ihm „einiges“ lernen. In der von ihm gegründeten Neuen Zeitschrift für Musik spitzte Schumann seine Bewunderung aber geradezu archetypisch zu: „Er ist der Mozart des 19. Jahrhunderts, der hellste Musiker, der die Widersprüche der Zeit am klarsten durchschaut und zuerst versöhnt.“ Damit verdeutlichte er, dass „kaum ein anderer Komponist des 19. Jahrhunderts (…) in seinen Voraussetzungen, in seiner Wirkung, in der Rezeption seiner Werke so mit seiner Zeit – (…) der politischen und musikalischen Epoche zwischen 1815 und 1848 – verwachsen (war) wie Mendelssohn“ (Wulf Konold). Und womöglich markierte Schumann mit dieser Hommage an den fast spielerisch erfolgreichen Kollegen genau das, was ihm fehlte, was er nicht erreichen konnte, und schließlich die Tatsache, dass er selbst über seine Zeit hinausreichte.

Also doch Widersprüche, Kontraste. Zunächst rein äußerlich: Felix Mendelssohn Bartholdy war ein Star seiner Zeit, und zwar als Komponist und Dirigent gleichermaßen. Robert Schumanns Werke wurden in ihrer Bedeutung kaum erkannt, in der Praxis kämpfte er mit widrigen Bedingungen und eigenen Unzulänglichkeiten, und nicht zuletzt wurde er in der Öffentlichkeit nicht selten als eine Art Prinzgemahl der berühmten Klaviervirtuosin Clara Schumann wahrgenommen, um die er – gegen deren Vater Friedrich Wieck, der ihn als Schwiegersohn ablehnte – energisch gekämpft hatte. Während Mendelssohn von Anfang an auch für Orchester komponierte und seine 1. Symphonie (der bereits zwölf Streichersymphonien vorausgegangen waren) schon mit 16 vorstellte, tastete sich Schumann – wie später Brahms – nur langsam und mühevoll, über einen ersten misslungenen Versuch 1832/33, an diese Königsdisziplin heran. Sein Leben als Komponist lässt sich ungewöhnlich klar in Abschnitte teilen: In der offiziellen Nummerierung findet sich bis zur Opuszahl 26 ausschließlich Klaviermusik, 1840 – in seinem „Liederjahr“ – erweitert er sein Oeuvre auf die Singstimme, 1841 veröffentlicht er die 1. Symphonie, die als Orchesterwerk noch eine Weile alleine steht, bis zwei Jahre später die erste chorsymphonische Komposition „Das Paradies und die Peri“ folgt. Danach komponiert Schumann zwar regelmäßig für große Besetzungen, im Gesamtwerk aber und in der Rezeption durch die Nachwelt dominieren die Kammermusik und Lied.

Gerade Schumanns Symphonien zeigen jedoch, wie der Komponist im Gegensatz zu Mendelssohn nicht in seine Zeit passte, und wie er auch nach seinem Tode 1856 der Musikwelt als Orchesterkomponist lange fremd blieb. Die Tatsache, dass das Zukunftsträchtige dieser Werke kaum erkannt wurde und sie meist nur Achtungserfolge erzielten, hat ihre Gründe wohl auch darin, dass Schumann von den „Neudeutschen“ wie Richard Wagner und Franz Liszt in Sachen Fortschritt scheinbar „überflügelt“ wurde, wie Clara schon 1832 anmerkte, als Roberts erster symphonischer Versuch im Gegensatz zur jugendlichen Symphonie des vier Jahre jüngeren Wagner erfolglos blieb. Hinzu kommt, dass Schumanns frühes Klavierwerk gegen seine späteren Orchesterkompositionen ausgespielt wurde, dass jene auch in biografischer Hinsicht einer glücklicheren Zeit entstammen und außerdem von Claras Glanz als Pianistin profitierten, während diese in latenter Verbindung zu der Geisteskrankheit stehen, die sich bereits in recht frühen Jahren andeutete und nach und nach verstärkte.

Dieser Trugschluss betrifft insbesondere – und noch stärker als die Symphonien – jene Orchester- und Chorkompositionen, die nach 1850 entstanden sind und später von der Witwe Clara unter dem Einfluss wohlmeinender Freunde wie Johannes Brahms und Joseph Joachim bewusst zurückgehalten wurden, darunter das 1853 komponierte Violinkonzert, das erst 1937 uraufgeführt werden konnte – übrigens mit medialer Ausschlachtung der „Sensation“ durch die Nationalsozialisten, die Schumann als „deutschen“ Romantiker brauchten, nachdem sie Mendelssohn aus dem Musikleben getilgt hatten. Aber auch die Symphonien, unter denen die „Rheinische“ von 1850, wiewohl als dritte von vier nummeriert, die chronologisch letzte ist (die 4. Symphonie entstand vorher, wurde aber 1851 umgearbeitet und neu beziffert), gerieten in ihrer Verbindung von traditioneller Viersätzigkeit und innovativer, weil satzübergreifender thematischer Struktur unter die Räder der Musikpraxis.

Insbesondere Richard Wagner, der glaubte, Schumann habe mit dem symphonischen Anspruch die Grenzen seines Könnens überschritten, hat das Urteil der Nachwelt über diese Werke stark geprägt (interessanterweise nahm er hier eine ähnlich einflussreiche Position ein wie hinsichtlich der Mendelssohn-Rezeption, wenn auch mit ganz anderer Stoßrichtung): „Schöne Akzente, doch solche Leere“ ist nur ein Urteil – in diesem Fall über die „Rheinische“ -, das durch Cosima Wagner überliefert ist. Besonders perfide, weil eine Art Opferrolle Schumanns konstruierend und ihn gegen Mendelssohn gleich doppelt ausspielend, äußerte sich Wagner allerdings in seiner fatalen Schrift „Das Judentum in der Musik“: „In Trägheit versank auch Robert Schumanns Genius, als es ihn belästigte, dem geschäftig unruhigen jüdischen Geiste standzuhalten (…) So verlor er unbewusst seine edle Freiheit, und nun erleben es seine alten, von ihm endlich gar verleugneten Freunde, dass er als einer der Ihrigen von den Musikjuden uns im Triumphe dahergeführt wird.“ In Wagners ideologischen Gefolge redete Friedrich Nietzsche dann Robert Schumann als „deutsches Ereignis“ im Gegensatz zum Europäer Beethoven klein: „Schumann mit seinem Geschmack, der im Grunde ein kleiner Geschmack war (nämlich ein gefährlicher, unter Deutschen doppelt gefährlicher Hang zur stillen Lyrik und Trunkenboldigkeit des Gefühls), beständig beiseite gehend, sich scheu verziehend und zurückziehend, ein edler Zärtling, der in lauter anonymem Glück und Weh schwelgte, eine Art Mädchen.“ Schon bald darauf erkannte Gustav Mahler, dass gerade „Wagners Irrtum und heftige Parteilichkeit bedauerlichen Schaden angerichtet“ hatten, veränderte allerdings als Dirigent selbst die Instrumentation der Symphonien, um die vermeintlichen Ungeschicklichkeiten Schumanns der Kritik zu entziehen.

Dabei war er nicht der Einzige: Der Dirigent Felix Weingartner (1863-1942), zeitweise Assistent bei den Bayreuther Festspielen und Nachfolger Mahlers als Operndirektor in Wien, schrieb: „Die Klage, dass Schumanns Symphonien in vielen Partien orchestral wirkungslos sind, ist allgemein und berechtigt. Hier wird die Freude an diesen Werken durch den oft geradezu schlechten Orchestersatz verdorben.“ Und rund ein Jahrhundert später brachte Pierre Boulez, auch er als Komponist und Dirigent gleichermaßen aktiv, die vermeintliche Tatsache zwar in einen Zusammenhang mit Schumanns Absichten, ohne sie indessen in Frage zu stellen: „Vergleicht man das Orchester von Berlioz mit dem von Schumann, der sein Zeitgenosse war, so ist das wie Tag und Nacht. Im einen Fall eine wunderbare instrumentale Vorstellungsgabe, im anderen Fall etwas Mattes, Farbloses. Die Instrumentation bei Schumann entspricht natürlich dem, was er geben wollte, aber man fühlt doch, dass sein Denken auf diesem Gebiet nicht sehr fortgeschritten war.“ (Sicher ist es nur ein Zufall, aber doch ein bemerkenswerter, dass Boulez dies just im Jahr 1976 äußerte, in dem er in Wagners Bayreuth einen sensationellen „Ring“ dirigierte.)

Die im Grunde gut gemeinten Retuschen verfestigten letztlich die Meinung, als Orchesterkomponist sei Robert Schumann zweitklassig gewesen. Es ist seltsam: Während Lied, Klavier- und Kammermusik seit ihrer Entstehung bruchlos als Meisterwerke anerkannt sind und Erfolg im Konzertleben feiern, erlitten die „heiklen“ Bereiche von Schumanns Oeuvre – Chormusik und symphonische Werke – gleichsam spiegelbildliche Schicksale. Gerieten einerseits die im 19. Jahrhundert noch populären und oft gesungenen Chorstücke mit dem Rückgang des Laienchorwesens nach und nach in Vergessenheit, wurde Schumann andererseits erst im späten 20. Jahrhundert als originärer Symphoniker und gleichzeitig Bindeglied zwischen Beethoven und Brahms – und damit auch zu Bruckner und Mahler – wirklich begriffen.

Lesetipps

Barbara Meier: Robert Schumann. rororo Bildmonographie, 1995/2001, 7,90 EUR. - Martin Demmler: Schumanns Sinfonien. Ein musikalischer Werkführer. C. H. Beck Reihe „Wissen“, 2004, 7,90 EUR. - Arnfried Edler: Robert Schumann und seine Zeit. Laaber-Verlag 1982, 36,00 EUR. - Dagmar Hoffmann-Axthelm: Robert Schumann – Glücklichsein und tiefe Einsamkeit. Reclam-Verlag, 4,10 EUR. 

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Laute und leise Töne – die Klangwelten eines Knabenchors unter Hinzunahme von Blechbläsern

Artikel für Programmhefte der Ludwigsburger Schlossfestspiele und des Rheingau Musikfestivals 2004 (Konzerte des Windsbacher Knabenchors)

Die stolze Republik Venedig, zeitweilig die wichtigste politische Macht im östlichen Mittelmeer, erlebte ab dem späten 15. Jahrhundert einen langsamen, aber stetigen Niedergang – die Eroberung durch Napoleon 1797 beglaubigte wie bei den einstmals ebenso mächtigen Johannitern auf Malta nur den schon lange andauernden Verfall. Es scheint indessen, als habe in jenen Zeiten, als Venedig mehr und mehr von seinem Einfluss verlor, die musikalische Repräsentation eine besondere Blüte erlebt und der äußerliche Prunk den politischen Verfall ausgleichen oder gar verdecken sollen – was auch Jahrhunderte später keine ungewöhnliche Beobachtung ist. Die Basilika San Marco jedenfalls war, nicht zuletzt durch die Tätigkeit Giovanni Gabrielis, dessen Canzonen und liturgische Kompositionen die ältere venezianische Schule zur Vollendung führten, für ihre prächtige Kirchenmusik berühmt, als Claudio Monteverdi 1613 dort als Kapellmeister verpflichtet wurde. Die Einstimmigkeit, mit der das zuständige Gremium nach penibler Prüfung Monteverdis Engagement beschloss, beruhte wohl auch darauf, dass der Komponist seine „Marienvesper“ vorlegen konnte, die er drei Jahre zuvor hatte drucken, aber höchstwahrscheinlich bis zu seinem Wechsel von Mantua nach Venedig nie hatte aufführen lassen.  

Dass Monteverdi sich mit der Komposition an der venezianischen Pracht orientierte, könnte man aus der Vielfalt und Neuartigkeit dieses Werkes entnehmen, das unter Gelehrten für viel Streit gesorgt hat. Die Mischung von liturgischen Elementen wie Psalmen mit nicht der Liturgie angepassten Motetten und Hymnen irritierte viele Musikwissenschaftler, und man akzeptierte nur zögerlich, dass der Komponist gerade diese unkonventionelle Verbindung von Form und Inhalt angestrebt hatte. Die beiden Stücke aus der „Marienvesper“, die den ersten Teil des heutigen Konzerts umrahmen, vermitteln viel von der musikalischen Hochspannung, die Monteverdi als fortschrittlichsten Meister seiner Zeit ausweist. Das eröffnende Stück kombiniert die flehende Psalmvertonung mit einem fröhlichen Gloria, verbunden durch jene Bläsertoccata, die der Komponist für seine 1607 entstandene Oper „L’Orfeo“ als knappe Ouvertüre verwendet hatte. „Lauda Jerusalem“, innerhalb der kompletten Vesper an zehnter Stelle, ist ein prachtvolles Paradebeispiel venezianischer Mehrchörigkeit.  

Nur wenige Jahre, nachdem Claudio Monteverdi den ersehnten Posten als Kapellmeister an San Marco erhalten hatte, gedachte nördlich der Alpen der damals noch lutherische Dresdner Hof den 100. Jahrestag der Reformation zu feiern. Im Oktober 1517 hatte Martin Luther seine Thesen an die Wittenberger Schlosskirche geschlagen, zum Centennarium dieses bedeutenden Tages komponierte Heinrich Schütz, wenige Jahre zuvor von seinen Studien bei Giovanni Gabrieli aus Venedig zurückgekehrt und inzwischen Dresdner Hofkapellmeister, den aus 26 mehrchörigen Stücken bestehenden Zyklus „Psalmen Davids“ (gedruckt 1619). Zählung und Übersetzung der von Schütz in Musik gesetzten Psalmtexte gehen auf Martin Luther zurück, aber musikalisch fußt die Komposition auf der venezianischen Mehrchörigkeit Gabrielis und Monteverdis, die Schütz erstmals mit der deutschen Sprache verband. Aus Italien brachte Heinrich Schütz auch den Zusammenklang von schlichter Rezitation und origineller Harmonik und Rhythmik mit, die schon die Psalmvertonungen der „Marienvesper“ auszeichneten.  

Dass die musikalische Pracht, der optimistische Schwung der frühen Neuzeit nur eine von vielen Klangwelten ist, dokumentiert das heutige Konzertprogramm in seinem zweiten Teil. Die hier vorgestellten Werke und Bearbeitungen orientieren sich im musikalischen Vorbild, im stilistischen Entwurf oder mindestens bei der Textvorlage an der Tradition, und es ist wohl kein Zufall, dass im Ergebnis die leisen, verhaltenen Töne den größten Anteil haben. Arvo Pärts „Magnificat“ gehört zu jenen Werken, die um den 1935 geborenen estnischen Komponisten und seine meditative Klangsprache so etwas wie einen Kult haben entstehen lassen. Das 1989 entstandene Werk für fünfstimmigen Chor mit Solosopran zeichnet sich durch den eng an den Gesangstext angelehnten Wechsel von linearen und akkordischen Passagen aus. Vytautas Miskinis stammt wie Pärt aus dem Baltikum – der 1954 geborene litauische Komponist ist auch international als bedeutender Chorleiter hervorgetreten. Miskinis steht dem Männer- und Knabenchor „Azuoliukas“ vor und ist Professor für Chorleitung in Vilnius. Er hat mehr als 100 A-cappella-Motetten komponiert, dreizehn Messen, ein Magnificat sowie rund 300 weltliche Lieder. Sein „Cantate domino“, eine Vertonung des 98. Psalms, entstand 1997 und gliedert sich in einen rhythmisch pointierten Beginn, einen ruhigeren Mittelteil und einen fulminanten Schluss.  

Till Fabian Weser, 1965 in den USA geboren, Trompeter der Bamberger Symphoniker, Mitglied von „bach, blech & blues“ und auch als Dirigent und Komponist erfolgreich, hat sich für seine 1996 entstandene „Dansereye“ den Renaissance-Tanz „La mourisque“ zum Ausgangspunkt genommen, den der Antwerpener Trompeter Tylman Susato 1551 in veröffentlicht hat. Dieses Stück hat Weser in seinen Paraphrasen jedoch nie komplett zitiert, vielmehr wird dessen Thema durch Erweiterung und rhythmische Verfremdung umgeformt. In seinen Bearbeitungen von Johann Sebastian Bachs „Contrapunctus XIX“ und dem Choral „Vor deinen Thron tret ich hiermit“ hält sich Weser enger an das Original. Den Contrapunctus XIX, das letzte, abrupt abbrechende Stück aus der „Kunst der Fuge“ hat Weser 1999 für 12 Blechbläser instrumentiert. Seine Version stellt Bachs drei Fugenthemen unter den Blickwinkel des 20. Jahrhunderts und weist ihnen die Schlüsselworte „Archaik“, „Spielfreude“ und „Moderne“ zu. Den Bach-Choral „Vor deinen Thron tret ich hiermit“, der einer nicht ganz wasserdichten Legende zufolge die allerletzte Komposition des Meisters sein soll, bearbeitete Weser für dieses Programm als „Klangcrescendo“. Durchweg im pianissimo, addiert der Chor zunächst summend, später in Vokalisen eine Klangfarbe zu jenen der Blechbläser, die durch wechselnde Dämpfer erzeugt und variiert werden.

Dem Ensemble „bach, blech & blues“ ist der 1967 in Aalen geborene Saxophonist und Komponist Steffen Schorn, der seit 2001 eine Professur an der Nürnberger Musikhochschule innehat, durch mehrfache Zusammenarbeit verbunden. In seinem Werk „Bb-A-C-B“ (in deutsche Notenbezeichnungen übersetzt: B-A-C-H) von 1997 treffen das berühmte Viertonmotiv im Chorgesang und eine parallele, beinahe davon unabhängige musikalische Struktur für die Blechbläser zusammen. Der Komponist skizziert nach eigenen Worten „in vier kurzen Stationen den Leidensweg eines vierdimensionalen subchromatischen Teilchens“: „Seine Geburt ist die Folge eines sich vertikal ausdehnenden Posaunenglissandos im ersten Takt, wobei die Töne B, A, C, H durch kontinuierliches Durchschreiten aller Zwischentöne, ausgehend vom gemeinsamen Zentrum (dem Viertelton zwischen B und H) erreicht werden. So ist die engstmögliche räumliche Anordnung der vier Töne (Halbtoncluster) bereits die Folge einer vertikalen Expansion, welche die kompositorische Richtung des Stücks angibt.“

Ganz nahe am Bach-Choral ist John Hollenbecks Komposition „Demütig bitt“, die der amerikanische Schlagzeuger und Komponist im Auftrag des Windsbacher Knabenchors für dieses Programm schrieb. Der 1968 geborene, in New York lebende Hollenbeck, dessen musikalische Sprache Elemente von Jazz, Weltmusik und Spiritualität zusammenfügt, sieht sein neues Stück als Meditation über Musik und Worte des Chorals, als „schlichte, demütige, aber zwingende Befragung“: „Es war meine Absicht, eine passende und interessante Umgebung für den Choral zu schaffen - einen ‚warm-up act’ für das, was folgt.“

www.schlossfestspiele.de   
www.windsbacher-knabenchor.de  
www.johnhollenbeck.com   
www.bachblechblues.de   

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Ein Fest der Soprane

Das Musikfestival von Colmar ehrt Jessye Norman und Amerika - Bericht für die Esslinger Zeitung

Hätten Sie gewusst, dass der Erbauer der New Yorker Freiheitsstatue aus Colmar stammte? 1904 starb Frédéric Auguste Bartholdi, der Schöpfer von Lady Liberty, in Paris – und sein 100. Todestag zeitigt in seiner elsässischen Geburtsstadt vielerlei Aktivitäten. Unter anderem besitzt Colmar jetzt eine verkleinerte Kopie des amerikanischen Wahrzeichens, mitten in einem Autokreisel und umgeben von Motels und Möbelhäusern. Dass das anfechtbare Monument sogar von Bernadette Chirac, Frankreichs First Lady, eingeweiht wurde, mag man als Demonstration französischen Selbstbewusstseins gegenüber dem transatlantischen Freundfeind begrüßen - oder belächeln.

Vladmimir Spivakov, der umtriebige Chef des Internationalen Musikfestivals von Colmar, nahm Bartholdis Todestag zum Anlass, in diesem Jahr die 24 Konzerte nicht nur „den USA und ihren Komponisten und Musikern“, sondern insbesondere der großen Sopranistin Jessye Norman zu widmen. Dass die amerikanische Sängerin, die in Frankreich seit rund zwei Jahrzehnten geradezu verehrt wird, für drei Konzerte ins Elsass kommt, ist eine kleine Sensation, selbst wenn man weiß, dass der russische Geiger und Dirigent seine guten Beziehungen immer wieder geschickt für sein Festival zu nutzen weiß. Zwischendurch ließ sich Jessye Norman allerdings nirgendwo sehen: Kein Interview, keine Autogrammstunde und vor allem keine Fotos – nicht einmal in die Augen der Journalisten wollte die Primadonna schauen und ließ die Presse in die allerletzte Reihe der Kirche St. Matthieu verbannen.

Es sei ihr vergeben – auch im zweiten ihrer drei Konzerte präsentierte sich die Sängerin mit Alban Bergs Sieben Frühen Liedern in grandioser Form. Alles, was sie seit Beginn ihrer Karriere vor fast drei Jahrzehnten auszeichnet, hat sich Jessye Norman erhalten und womöglich noch ausgebaut: Subtilste Ausdeutung von Wort und Musik sowie ein unverwechselbares Timbre im trompetenhaften Forte wie im überaus fein und doch strahlkräftig eingesetzten Piano. Spätestens bei der Zugabe mit Richard Strauss’ Orchesterlied „Morgen“, zu der Vladimir Spivakov die Solo-Violine beisteuerte, dürfte so mancher im Publikum ein paar Tränchen weggedrückt haben.

In den übrigen Konzerten finden sich Standards und Entdeckungen aus der amerikanischen Musik, einige mit Jessye Norman assoziierte Vokalstücke oder zumindest eine Sopransolistin. Die Amerikanerin Indra Thomas kommt in Stimme und Pose der berühmten Kollegin am nächsten, pflegt allerdings in Berlioz’ Liedzyklus „Les nuits d’été“ vor allem den großen Ton und nicht so sehr die feinen Linien. Kristallklar und enorm ausdrucksstark präsentierte sich Twyla Robinson mit hierzulande kaum bekannten Stücken von Barber und Menotti, während die Abchasierin Hibla Gerzmava in ihrem italienisch-russischen Recital ihre dramatischen Qualitäten stilsicher einsetzte. 

Mit einem Konzert des Stuttgarter Kammerorchesters knüpfte dessen Chef Dennis Russell Davies an eine fast vergessene Tradition an, denn unter seinem langjährigen Dirigenten Karl Münchinger hatte dieser Klangkörper vor Jahrzehnten die Grundlage zum heutigen Festival geschaffen. Mehrere Termine bestritten das Ensemble Orchestral de Paris unter seinem stürmischen Chef John Nelson und Vladimir Spivakovs Stammensemble, die Moskauer Virtuosen. Spivakov hat vor gut einem Jahr auch ein neues Sinfonieorchester gegründet, das als Russische Nationalphilharmonie firmiert. Deren fabelhafte Qualitten, nicht zuletzt in traumschönen Bläsersoli während Richard Strauss „Rosenkavalier“-Suite zu hören, versöhnten sogar den Wettergott, der zahlreiche Konzertbesucher mit einem Wolkenbruch durchnässt hatte: Zum bajuwarisch rumpelnden Schluss ließ die Sonne ein paar Strahlen in die ausverkaufte Kirche fallen.

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Die konzertierte Aktion oder Der freundschaftliche Wettstreit

Artikel für ein Programmheft der Ludwigsburger Schlossfestspiele mit Werken von Mozart, Beethoven und Yusupov (Konzert am 05.06.2004)

Vor fast vierzig Jahren empfahl der Sachverständigenrat der Bundesregierung die Gründung einer „konzertierten Aktion". Gemeint war ein Gremium aus Sozialpartnern und Regierung, das Maßnahmen zur Überwindung wirtschaftlicher Schwierigkeiten beraten sollte. Als die „konzertierte Aktion" 1977 letztmals tagte, war ihr Name längst in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen. Er wird bis heute benutzt, wenn widerstrebende Meinungen am runden Tisch zum Kompromiss geführt werden sollen. Unschwer ist die Ableitung des Wortes „konzertiert" von „Konzert" zu erkennen – wobei es streng genommen wohl „konzertierende Aktion" hätte heißen müssen. Der aktuelle Duden nennt uns nur zwei Bedeutungen des Begriffs „Konzert" - die öffentliche Präsentation musikalischer Werke oder eine bestimmte musikalische Gattung. Als der Begriff im 16. Jahrhundert aufkam, meinte er aber ebenso "Übereinstimmung", "Zusammenwirken", später auch "Wettstreit". In die Musik übertragen: Mit- und Gegeneinander zweier Klangkörper, seien es Soli (auch Gruppen) mit Tutti, zwei gleiche Instrumente, zwei Orchester oder auch Vokalensembles. Maxim Vengerovs Programm mit konzertanten Werken aus dem 18. und 21. Jahrhundert ist ein Konzert in diesem ursprünglichen Sinn, denn Vengerov hat als instrumentale Mitstreiter drei Freunde eingeladen, und das neue Werk von Benjamin Yusupov bezeugt die Freundschaft des Komponisten mit dem Geiger und ist diesem gewidmet. Hinzu kommt, dass die beiden Stücke von Mozart, auch wenn das Werk für Flöte, Harfe und Orchester als "Konzert" betitelt ist, der Gattung der Sinfonia concertante entstammen. An dieser Gattung mit mehreren Solisten und Orchester hat sich Yusupov mit "Maximum" orientiert, so dass sich mit dem neuesten Werk des Abends der Kreis schließt.

Unter der um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert verbreiteten Sinfonia concertante versteht man ein Werk mit zwei bis neun Soloinstrumenten und Orchester. In ihr treffen sich Divertimento, Solokonzert und Sinfonie. Meist haben die Werke nur zwei oder drei Sätze, und dass der Schlusssatz oft ein Rondo, Menuett oder Variationensatz ist, deutet auf zwei Wesenselemente der Sinfonia concertante hin: Leichter, fast heiterer Charakter und vielfältige solistische Möglichkeiten. In allen großen Musikstädten wurden Werke dieser Gattung komponiert, wobei Paris – und in reger Wechselbeziehung mit der französischen Hauptstadt auch Mannheim – die größte Bedeutung erlangte. Wolfgang Amadeus Mozart hat mehrere Werke dieser Gattung geschrieben. Während seines Paris-Aufenthaltes entstand 1778 das Konzert für Flöte und Harfe KV 299, das im Prinzip eine Sinfonia concertante ist. Das andere, auch offiziell so betitelte Werk mit der KV-Nummer 364 wiederum komponierte Mozart bald darauf in Salzburg. Daneben gibt es in Mozarts Werkverzeichnis das Concertone KV 190 für zwei Violinen und Orchester (1774) und die ebenfalls in Paris komponierte Sinfonia concertante KV 297b für vier Bläser und Orchester, deren erhaltene Version jedoch nicht die originale ist.

In der Sinfonia concertante KV 364 nutzte Mozart die besondere Möglichkeit der Gattung, den "freundschaftlichen Wettstreit" nicht so sehr zwischen Solo und Orchester auszutragen, sondern vielmehr das Mit- und Gegeneinander der beiden Soloinstrumente auszugestalten. Gerade dies macht die solistischen Aufgaben in diesem Werk so anspruchsvoll, tritt doch zur Virtuosität die Notwendigkeit der gegenseitigen Abstimmung hinzu. Das einführende Allegro maestoso hat denn auch eine sehr komplexe Gestalt und führt das thematische Material in großer Ausführlichkeit ein. Fast unmerklich gehen die beiden Solostimmen aus der Orchestereinleitung hervor. Der Satz ist lang, da beide Solisten sich mit den musikalischen Themen beschäftigen. Das Andante, in c-Moll und einer der schönsten und tiefgründigsten Mozart-Sätze überhaupt, birgt Elemente eines Duetts zwischen den Solisten – sie musizieren zunächst einzeln, fast gegeneinander, dann gemeinsam. Das heitere Presto – im Sinne der Tradition mit frei behandelten Rondo-Elementen – dient vor allem der solistischen Virtuosität. Wie schon im 1. Satz spielen hier die Oboen und Hörner eine wichtige Rolle bei der thematischen Entwicklung.

Das Konzert für Flöte und Harfe KV 299 schrieb Mozart während seines Paris-Aufenthalts für den Grafen de Guines und dessen Tochter. Eher widerwillig machte sich Mozart ans Komponieren für die reichen Gönner, zumal er die beiden gewünschten Solo-Instrumente – die Vater und Tochter virtuos zu spielen wussten, wie Mozart zugab – nicht besonders mochte. Durchweg ist der Orchestersatz – für Streicher, Oboen und Hörner und damit der Sinfonia concertante gleich – sehr transparent, um die an sich nicht starken Soloinstrumente nicht zu überdecken. Das eröffnende Allegro ist rhythmisch prägnant und melodisch reichhaltig. Im Andantino, in dem die Bläser schweigen, kommen die zarten Klangfarben von Flöte und Harfe besonders gut heraus, der ¾-Takt unterstreicht die schlichte Grazie dieses Satzes. Das abschließende Rondo – ein Hinweis auf den Charakter als "verkappte" Sinfonia concertante – trifft mit seinem Gavotte-Charakter den zeitgenössischen französischen Geschmack.

Ludwig van Beethoven prägte mit seinem einzigen Violinkonzert D-Dur op. 61 den Typus des "klassischen Instrumentalkonzerts" zum eigenen "sinfonischen Konzertstil" aus und vermittelte so "zwischen deutsch-österreichischer Tradition und französischem Fortschritt in der musikalischen Entwicklung" (Christoph Hellmut Mahlig). Die zeitgenössischen Hörer irritierte, dass Beethoven die traditionelle Gestaltung des Kopfsatzes mit Haupt- und Seitenthema zu Gunsten eines engen thematischen Gewebes aufgab. Der äußerst umfangreiche Kopfsatz – auch die schiere Dauer mag dazu beigetragen haben, dass Kritiker das Werk für "überladen" hielten – zeigt viele Elemente von Beethovens Personalstil: den vielfarbigen Klang, den harmonischen Reichtum und die wohl abgewogene Rolle der Solostimme. Das sparsam instrumentierte Larghetto ist ein Wechselspiel zwischen melodisch dominierendem Orchester und kommentierender Solo-Violine. Im abschließenden Rondo wechseln sich Instrumentengruppen und Solostimme in der Ausdeutung von thematischen Fragmenten ab. Erst kurz vor der Uraufführung am 23. Dezember 1806 wurde das Stück fertig, der Solist Franz Clement soll es direkt vom Blatt gespielt haben. Dass nicht die Violine, sondern das im Orchestersatz nicht enthaltene Klavier das vorherrschende Soloinstrument der damaligen Zeit war, ist auch durch die baldige Umarbeitung des Werks in ein Klavierkonzert dokumentiert. Beethovens Violinkonzert blieb lange unbeachtet. Erst Joseph Joachim, der es 1844, als 13-Jähriger, erstmals aufführte, verhalf dem Werk zu anhaltender Popularität.

Benjamin Yusupov, 1962 in Tadschikistan geboren und seit 1990 in Israel ansässig, hat sein neues, 10-minütiges Werk "Maximum" speziell für Maxim Vengerov komponiert. Der Komponist bezeichnet das Stück als "perpetuum mobile" und eine "big show" für das Ende eines Konzerts. Der Titel ist ein Wortspiel mit dem Namen des Künstlers, soll aber auch auf das "Maximum an Virtuosität" hinweisen, das Vengerov und den solistischen Mitstreitern zugedacht ist. Yusupov hat für die Kadenzen lediglich Skizzen vorgegeben und setzt auf die Improvisation der Solisten. Yusupov, der 1989 als Dirigent und Komponist in der Sowjetunion seine Karriere begann, wurde auch in seinem neuen Heimatland Israel mehrfach ausgezeichnet. Besonderen Erfolg hatten seine Orchesterkomposition "Gabriel", "Tanavor" für Flöte und Orchester und das Quintett für Marimba und Streicher. Der Komponist versucht, abendländische und östliche Musiktraditionen zu einem neuen israelischen Musikstil zu verschmelzen und bezieht dabei auch Musik jüdischer Gemeinden ein. "Maximum" wurde am 13. Mai 2004 in Tel Aviv durch die Solisten des heutigen Konzerts und die Tel Aviv Soloists unter Maxim Vengerov uraufgeführt.

www.schlossfestspiele.de   
www.maximvengerov.org   

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Qualität und Spaß

Helmuth Rillings Gächinger Kantorei wird 50 - Feature für die ddp-Nachrichtenagentur

Der Name des Chores ist es ganz sicher nicht, der die Gächinger Kantorei zu internationalem Ruhm geführt hat. Die bei der Gründung des Ensembles vor 50 Jahren noch zutreffende, bescheidene Benennung führt in anderen Ländern vielmehr zu Erklärungsbedarf, Schreibfehlern und sympathischen Irrtümern: Auf den Internetseiten des Oregon Bach Festivals beispielsweise, bei dem Helmuth Rillings Stammchor im Jubiläumsjahr erstmals auftritt, werden als Herkunftsort des Chores die "Schwäbischen Alpen" genannt. Rilling, der als Student und mit Kommilitonen das Ensemble im Albdorf Gächingen gründete, blieb der Bezeichnung treu, als die Gächinger Kantorei längst in Stuttgart probte und die Welt von Japan bis Amerika bereiste. Und was Helmuth Rilling entscheidet, das stellt bei den Gächingern niemand in Frage: Trotz gelegentlicher Auftritte von Gastdirigenten wird kaum ein Chor dieser Kategorie so stark mit seinem Gründer identifiziert wie dieser.

"Es geht um das Jubiläum vom Helmuth" – so wird denn auch Werner Huck von seiner Gattin zum Telefoninterview gerufen. Huck, Jahrgang 1929, ist der Älteste unter den Gächingern und seit über vier Jahrzehnten dabei. Dass von Anfang an nie alle Sängerinnen und Sänger gemeinsam auftraten, die Gächinger Kantorei auf Projektarbeit statt Vereinsmeierei setzte, war Werner Huck nur recht. Einzelne Konzerte konnte er mit seiner Arbeit bei Post und Telekom nur schwer vereinbaren, aber für die Konzertreisen nahm er sich frei. "Mindestens die Hälfte des Urlaubs ging dafür drauf", erzählt Werner Huck, "die Familie musste oft zurückstehen." Wie fast alle Gächinger hatte Huck schon bei seinem Eintritt in den Chor reichlich Erfahrung, hat privaten Gesangsunterricht genommen und sogar selbst einen kleinen Chor geleitet. Helmuth Rilling – "er hat gelernt, wo es nur ging" – war ihm dabei großes Vorbild, und mit der persönlichen Entwicklung des Dirigenten zum weltweit gefragten Interpreten vor allem der Musik Johann Sebastian Bachs sieht Werner Huck auch den Werdegang der Gächinger Kantorei verknüpft: "Wir sind von Jahr zu Jahr gewachsen", sagt der Senior.

Bei ihren Konzerten und Tourneen tritt die Gächinger Kantorei mal als 24-köpfiges Vokalensemble, mal als Hundertschaft auf. Das Reservoir an Sängerinnen und Sängern ist üppig, denn zu den Vorsingen, die mehrmals jährlich stattfinden, melden sich jeweils rund 100 Interessenten an. Organisatorische Basis des Chores ist die Internationale Bachakademie in Stuttgart, die Helmuth Rilling in den 80-ern gründete, instrumentale Partner sind neben dem hauseigenen Bach-Collegium auch größere Klangkörper wie das Radio-Sinfonieorchester Stuttgart. Vom Gesangsstudenten bis zur privat singenden Hausfrau reicht die Spannweite im Chor, es sind Freundschaften entstanden, Ehen wurden geschlossen und mittlerweile wirken in der Gächinger Kantorei junge Leute mit, "die Helmuth Rillings Enkel sein könnten", wie Andreas Bomba, Mitarbeiter der Bachakademie und selbst als Tenor im Chor aktiv, scherzt.

Das trifft zum Beispiel für Gudrun Otto zu. Mit ihrem Geburtsjahr – 1979 – ist sie just jene fünf Jahrzehnte vom Senior Werner Huck entfernt, die die Gächinger Kantorei heuer besteht. Die junge Sopranistin macht gerade ihr Diplom in Weimar und sieht einem Engagement bei den Landesbühnen Dresden ab dem kommenden Herbst entgegen. Das Bach Festival in Oregon wird deshalb ihre vorläufig letzte Reise mit den Gächingern sein, bei denen sie die Verbindung von "Qualität und Spaß" und die charismatische Persönlichkeit von Helmuth Rilling "ohne Show und Brimborium" schätzen gelernt hat. Wie Werner Huck nennt sie die Konzertreise nach Israel als Höhepunkt – aber im Gegensatz zu ihrem älteren Kollegen klagt Gudrun Otto nicht über Einschränkungen im Privaten. "Bei mir ist das eigentlich andersrum", sagt die junge Sängerin, deren Leben durch die Gächinger Kantorei eine besondere Wendung nahm: Während der Israel-Tournee lernte sie ihren Freund kennen.

www.bachakademie.de

  

Zwischen den Welten

Ein junger Mönch als Praktikant im Staatstheater - Beitrag für die Esslinger Zeitung, veröffentlicht am 31.10.2003. Nachdruck in der WAZ am 06.12.2003

Die Lehrwerkstatt der Stuttgarter Staatstheater ist ein angenehmer Ort – schöne Stoffe, bunte Utensilien, konzentrierte Atmosphäre und leise Musik. In der ehemaligen Musikhochschule am Urbanplatz lernen 13 junge Leute das Handwerk des Herrenschneiders, und das auf höchstem Niveau. Bundesweit sind die Staatstheater der größte Ausbilder für diesen Beruf, der Bedarf an Maßschneidern für hochwertige Herrenbekleidung ist hoch.

Auf den ersten Blick fällt der junge Mann, der am Arbeitstisch links außen in seine Näharbeit versunken ist, unter seinen Mitlehrlingen nicht weiter auf. Nur seine Kleidung wirkt ein wenig dunkel. Dass es sich bei seinem Gewand um ein Ordenshabit handelt, bemerkt man erst, wenn der 22-jährige Bruder Pius aufsteht und zu Lehrmeister Günter Joost geht, um sich Rat zu holen.

„Ja, die Kutte ist echt“, das musste Bruder Pius schon öfter versichern. Für fünf Wochen hat sich der junge Benediktiner aus der Erzabtei Beuron verabschiedet und absolviert in der Stuttgarter Lehrwerkstatt ein Praktikum. Von Beuron aus, wo er der einzige Schneiderlehrling ist, suchte er nach einer Möglichkeit, seinen fachlichen Horizont zu erweitern und sich auf die Anforderungen der bevorstehenden Zwischenprüfung umfassend vorzubereiten. Einer der Theaterlehrlinge, Karl Christoph Gebauer, ebenfalls 22 Jahre jung, wird im Austausch einige Wochen im Kloster hospitieren.

Rund 1.500 Frauen und Männer leben im deutschsprachigen Raum in Benediktinerklöstern und folgen der im 6. Jahrhundert entstandenen Mönchsregel des Heiligen Benedikt. Die Erzabtei Beuron, zwischen Tuttlingen und Sigmaringen an der Donau gelegen, ist ein einflussreicher und aktiver Stützpunkt des Ordens. Das faszinierte Bruder Pius, der eine Klosterschule in Niederbayern besuchte und zu Hause „gut katholisch“, wie er sagt, erzogen wurde. „Die Mönche in meiner Schule führten ein einfaches Leben und wirkten immer zufrieden“, erinnert sich der junge Mann. Gleichzeitig seien seine Lehrer „cool im Umgang mit jungen Leuten“ gewesen. Von Beuron, wo derzeit 65 Benediktiner leben, erfuhr er durch einen Fernsehbericht. Er entschied sich bewusst für diese Abtei – weil er einen gewissen Abstand von seiner „ersten Heimat“ wollte, aber auch, weil Beuron besonders intensiv die Tradition pflegt.

Vor allem der gregorianische Gesang hat es Bruder Pius angetan, und man kann sich seine kernige Stimme mit dem typischen rollenden „R“ gut im Chor vorstellen. Während seiner Stuttgarter Zeit jedoch muss er den klösterlichen Tagesablauf weitestgehend ent­behren. Zwar fährt er zum Wochenende „nach Hause“ – wie er Beuron ganz selbst­verständlich und für den Außenstehenden doch irritierend bezeichnet -, unter der Woche jedoch ist fast alles anders als im Kloster. Dort stehen die Mönche bald nach 4.00 Uhr auf, vor dem Arbeitsbeginn um acht sind bereits zwei der traditionellen Gebete, Morgenhore und Terz, vorüber. In Stuttgart, wo Bruder Pius in einem Sillenbucher Pfarrhaus untergekommen ist, kommt er meist erst abends zum ausführlichen Gebet oder sucht in der Domkirche St. Eberhard stille Einkehr. „Ich bin schon ein bisschen aus der Bahn“, gibt er zu.

In die Lehrwerkstatt vermittelt haben den jungen Mönch einer seiner Berufsschullehrer in Balingen und Kurt Schaufenberg, der als Landesinnungsmeister an der Ausarbeitung der einheitlichen Prüfungsaufgaben beteiligt ist. Auf die Frage, wo Bruder Pius sich hinsichtlich bestimmter Verarbeitungstechniken fortbilden könne, schlug Schaufenberg die Staatstheater vor. Gemeinsam mit seinem Beuroner Meister, Bruder Werner, besichtigte Bruder Pius im Juni die Lehrwerkstatt und sorgte dort für einiges Aufsehen. „Es war ganz locker, entgegen allen Vor­urteilen“, erzählt Günter Joost, der die Werkstatt leitet. Sofort plante er mit Bruder Werner den Lehrlingstausch, und mit Karl Christoph Gebauer fand sich schnell ein Auszubildender, der vorübergehend „ins Kloster gehen“ wollte.

Die kleine Schneiderei der Erzabtei Beuron, in einem uralten Haus im Klosterareal untergebracht, beherbergt zwar wertvolle historische Gewänder. Die tägliche Arbeit jedoch beschränkt sich meist auf den eigenen Bedarf der Mönche, hinzu kommen Aus­besserungen und Reinigungsarbeiten. Nur hin und wieder fertigte Bruder Werner auch Gewänder für den Bischof an – und dabei ging es natürlich nicht um „weltliche“ Kleidungsstücke wie Weste und Sakko, die zum amtlichen Ausbildungsprogramm des Herrenschneiders gehören. In Stuttgart lernt Bruder Pius genau dies und staunt über das Können seiner zeitweiligen Kolleginnen und Kollegen. „Die sind schon brutal gut“, urteilt er und hofft darauf, dass ihm sein Erzabt ein erneutes Praktikum im nächsten Jahr erlaubt.

Ein Mönch, noch dazu ein so junger, sorgt auch – oder gerade – im Großstadtleben für Aufmerksamkeit. Mancher schaut ihm nach, einige Menschen sprechen Bruder Pius auch an. „Es gibt wirklich Leute, die gar nicht wissen, dass es noch Mönche gibt“, erzählt er. Dabei kann gerade Beuron über Nachwuchs nicht klagen. Zwar ist Bruder Pius der Jüngste an Lebensjahren, nach seinem Eintritt 2001 jedoch kamen schon weitere fünf Männer ins Kloster. „Wir leben ja auch nicht hinter dem Mond“, sagt er und schmunzelt über Meinungen, die das heutige Klosterleben mit Eindrücken aus dem Kino gleichsetzen: Der Film „Der Name der Rose“, der im Mittelalter spielt, habe vieles geprägt. 

Dass es in Beuron sogar Internet gibt, scheint auch Karl Christoph Gebauer ein wenig beruhigt zu haben. Als es um den Austausch ging, habe er gar nicht lange nachgedacht und sein Interesse angemeldet, erinnert er sich: „Erst während der Sommerferien wurde mir klar, dass das mehr ist als ein gewöhnliches Praktikum.“ Über das, was anders sein wird als gewohnt, hat er sich viele Gedanken gemacht. „Man kann abends nicht einfach jemandem etwas erzählen, man ist ganz für sich“, überlegt er. Um das bewusst zu durchleben, will er nicht einmal sein Handy mitnehmen: „Es ist ganz gut, mal nicht immer erreichbar zu sein.“

„Man ist ja auch ein bisschen entmündigt“ – im Gespräch stellt Gebauer das eher als Frage in den Raum, als dass er es behauptet. Seinem Altersgenossen in der Mönchskutte scheint dieser Gedanke vertraut, aber er fasst das Regelwerk, das bei den Benediktinern Handeln und Denken bestimmt, als Halt und nicht als Hindernis auf. Bruder Pius schätzt auch sein so genanntes „Habit“ – es sei schließlich Zeugnis für seinen Glauben, und gleichzeitig Schutz vor Anfechtungen. Dass die Kutte darüber hinaus ein gesellschaftsfähiges Kleidungsstück ist, erweist sich als angenehmer Nebeneffekt. Weder beim Opernbesuch noch bei der Ehrung von drei Auszubildenden des Theaters als so genannte „Kammersieger“ musste er sich über ein angemessenes Outfit Gedanken machen. Allerdings: „Nicht die Kutte macht den Mönch“, sagt Bruder Pius und erläutert, dass man nach sorgfältiger Abwägung auch in der Öffentlichkeit zivil auftreten dürfe. Das hat er während seines Praktikums hin und wieder getan - und wurde prompt von einer jungen Dame um seine Telefonnummer gebeten.

Bruder Pius befindet sich derzeit in der so genannten „zeitlichen Profess“, zwischen dem meist einjährigen Noviziat und den „ewigen Gelübden“, die jeder Mönch nach gut vier Jahren in einem besonders festlichen Gottesdienst ablegt. Die Freiheiten des ganz normalen Lebens habe er in der Anfangszeit schon mal vermisst, gibt er zu. Die Spaßgesellschaft und die Warenwelt aber scheinen ihm während seiner Jahre im Kloster fremd geworden zu sein. „Ganz schön viele Leute“, kommentiert er das übliche Gedränge der Stuttgarter Königsstraße, der Unterschied zum Leben in Beuron sei schon „krass“. Das „komische Gefühl“, das er auf der Reise vom Kloster in die Landeshauptstadt hatte, wird auf dem Weg nach Beuron wohl auch Karl Christoph Gebauer spüren. Für ihn handelt es sich letztlich „nur“ um ein mehrwöchiges Praktikum. Bruder Pius hingegen hat eine Lebensentscheidung getroffen. „Man muss wissen, wer man ist“, beantwortet er knapp die Frage nach den Anfechtungen im weltlichen Leben, in das er für einige Wochen wieder eingetaucht ist. Seinen Ordensnamen, es war einer von drei eigenen Vorschlägen, hat er nach Papst Pius X. gewählt, dessen Pontifikat von 1903 bis 1914 dauerte. Der war, sagt das Heiligenlexikon, „ein innerlicher und frommer Mann, einfach und verständl ich in seiner Rede.“ Die Benediktinerregel, dass ein Mönch „ruhig und ohne Gelächter, demütig und mit Würde wenige und vernünftige Worte“ sprechen solle, hat auch Bruder Pius schon längst verinnerlicht.

www.erzabtei-beuron.de  
www.benediktiner.de
  
www.staatstheater.stuttgart.de

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Wie aufregend, ich geh ins Kino!

Filmkunst in der Kleinstadt – Baden-Württembergs Kinomobil macht’s möglich - Eine Reportage für die Esslinger Zeitung (17.04.2004)

In den 70-er Jahren begann das große Kinosterben. Filmtheater in kleineren Städten wurden geschlossen oder abgerissen. 1988 startete das Kinomobil Baden-Württemberg, um in diesen Gemeinden regelmäßig Filme zu zeigen. Das kleine Team im Stuttgarter Filmhaus betreut inzwischen rund 70 Orte. Drei Filme pro Spieltag werden präsentiert, vom Kinderfilm über den Jugendstreifen bis zum Abendprogramm. Ein Kinomobil-Tag in Besigheim.

+++ 12.15 Uhr – Christian Weishäupl kommt ins Büro des Kinomobils Baden-Württemberg im Stuttgarter Filmhaus. Nach ein paar Absprachen mit Geschäftsführerin Anja Grunwald macht er sich mit Linnea Larsson, die beim Kinomobil ein Freiwilliges Kulturelles Jahr absolviert, auf den Weg. Aus dem Tiefgaragenlabyrinth zwischen Friedrich- und Lautenschlagerstraße lenkt Weishäupl den mit Projektor, Filmrollen, Tonanlage und Kabeln vollgestopften VW-Transporter in Richtung Besigheim. +++

Das Weinstädtchen am Neckar ist einer der regelmäßig bespielten Orte, die auf Anja Grunwalds Baden-Württemberg-Karte rot markiert sind. Dorthin fährt das Kinomobil monatlich. Gelb bedeutet alle zwei Monate oder seltener; grün sind jene Orte markiert, die neu hinzugekommen sind oder erst angefragt haben. Anja Grunwald ist seit drei Jahren Geschäftsführerin beim 1988 gestarteten Kinomobil. Ebenso wie ihre Buchhalterin arbeitet sie halbtags. Vollzeitangestellte sind die beiden Vorführer, von Fall zu Fall kommen Aushilfen und Praktikanten hinzu. Gefördert wird das Kinomobil als gemeinnütziger Verein von der landeseigenen Medien- und Filmgesellschaft (MFG). Die rund 70 bespielten Gemeinden garantieren eine Summe von 250 Euro für drei Filme – das heißt: Nur bei geringeren Einnahmen trägt die Gemeinde den Unterschiedsbetrag.

+++ 13.00 Uhr – Christian Weishäupl steuert das Kinomobil auf den Parkplatz vor Besigheims Alter Kelter, die in den 80-er Jahren zur Stadthalle umgebaut wurde. Hausmeister Friedrich Gauger bringt einen Rollwagen, mit denen die Gerätschaften in den 1. Stock gebracht werden können. Eine halbe Stunde später steht der Projektor im Rang des Kleinen Saals – „ist leider ein bisschen laut ohne separate Kabine“, entschuldigt sich Weishäupl, Gauger verspricht baldige Abhilfe durch eine Holzkonstruktion. +++

Die Gemeinden knausern. „Manche beklagen sich schon über 50 Euro Zuzahlung“, erzählt die Kinomobil-Chefin. Die verzweifelte finanzielle Lage der Kommunen zeitigt aber auch andere Ergebnisse. „Neu hinzukommende Gemeinden haben sich ausgerechnet, dass sie mit dem Kinomobil ein preiswertes Kulturprogramm bekommen“, sagt Anja Grunwald. Bei jedem Kinomobil-Termin wird jeweils ein Film für Kinder, Jugendliche und erwachsenes Publikum gezeigt.

+++ 14.00 Uhr – Die ersten Kinderstimmen im Treppenhaus. „In zehn Minuten könnt Ihr rein“, ruft Christian Weishäupl, legt noch mal Hand an den Projektor und bereitet die Kasse vor. „Wie aufregend, ich geh’ ins Kino“, scherzt eine Mutter. Eine andere moniert, dass im Kindergarten keine Werbezettel für das Kinomobil gelegen hätten, eine dritte beschwert sich über den gegenüber der Ankündigung um einen Euro höheren Eintritt. Der Verleih habe für „Sams in Gefahr“ auf dem höheren Preis bestanden, erklärt Weishäupl der Frau, deren Verständnis begrenzt bleibt. Linnea Larsson lässt vor Filmbeginn die rund 50 kleinen Zuschauer überlegen, was sie sich wünschen würden, hätten sie Wunschpunkte wie das fabelhafte Sams. Nach dem Film sollen sie mit ihren Ideen das Filmplakat bekleben. +++

Eine späte Reaktion auf das Verschwinden der Filmtheater auf dem Land sei das Kinomobil gewesen, sagt Anja Grunwald. In letzter Zeit bemüht sich ihr Team verstärkt um Begleitprogramme. So soll Linnea Larsson während ihres Freiwilligen Jahrs weitere Aktionen wie die mit den Sams-Punkten entwickeln.

+++ 16.15 Uhr – Das „Sams“ ist aus der Gefahr gerettet. Christian Weishäupl verliert keine Zeit und spult den Film zurück. Der transportable 35-mm-Projektor aus Mailand ist fünf Jahre alt und 11.000 Euro wert. Er sei kompakt und praktisch, erzählt Weishäupl, aber auch wartungsintensiv: „Da wird man entweder zum Tüftler oder wahnsinnig.“ Während sich im Rang die Filmrollen zurückdrehen, beschriften vor dem Saal die Kinder die Wunschpunkte. Wonach sich die Kleinen sehnen: Gameboy, Pferde – und drei Mal „Geld“. Eine der kleinen Zuschauerinnen zeigt mehr Fantasie und wünscht sich, „dass das Sams mal in die Grundschule Besigheim kommt.“ +++

Den Cinemaxxen kann und will das Kinomobil keine Konkurrenz machen. Bei einem „Nachspieler“ kommen die Filme zwar erst sechs bis acht Wochen nach der Premiere ins Programm. Dafür ist der Verleih günstiger, denn das kommerzielle Interesse flaut zu diesem Zeitpunkt bereits ab. Vor allem bei den Jugendlichen teilt das Kinomobil das Schicksal aller Filmtheater – viele Streifen werden kopiert oder aus dem Internet gesaugt, und der Kinobesuch entfällt.

+++ 16.45 Uhr – Die ersten Jugendlichen kreuzen auf. Der Altersunterschied zum Kinderfilm ist gar nicht so groß: Rund 40 junge Leute zwischen zehn und 15 interessieren sich für „Freaky Friday“ mit Jamie Lee Curtis, darunter nur ein einziger Junge. Der Film beginnt, draußen vor dem Saal wird es ruhig. Wie wird man Filmvorführer? „Durch Zufall“, antwortet Christian Weishäupl. Er ging als Schüler bei einem Kinobesitzer in Stammheim in die (inoffizielle) Lehre, hat während des Studiums in vielen Filmtheatern ausgeholfen und ist nach einer Station beim benachbarten Kommunalen Kino jetzt beim Kinomobil angestellt. +++

Für Anja Grunwald ist die „gute Mischung“ im Programm wichtig. Ab und zu fokussiert sie die Auswahl auf Deutsches, auch Baden-Württembergisches. „Da sehen manche zu Unrecht drauf herab“, sagt die Geschäftsführerin. Sie versucht, die Filme zeitnah am aktuellen Kinoprogramm auszurichten. Für Sonderprojekte wie sommerliches Freilichtkino bestellt sie auch Klassiker, vielfach auf Wunsch der Gemeinden, die ansonsten das vom Kinomobil vorgegebene Programm akzeptieren müssen, wenn sie nicht draufzahlen wollen.

+++ 19.00 Uhr – Wieder heißt es für Christian Weishäupl: Zurückspulen. Die Tage können lang sein beim Kinomobil, vor allem wenn die Spielorte weit entfernt sind. Von den regelmäßigen Zielen hat Meersburg die größte Entfernung von Stuttgart. Wenn Christian Weishäupl den 40 kg schweren Projektor und die je 15 kg wiegenden Filmrollen ins Auto gewuchtet hat, ist der Dienstschluss manchmal noch fern. Einmal stand er nachts im Stau und war erst um 3.00 Uhr zu Hause. +++

Nicht nur Baden-Württemberg hat ein Kinomobil. Im Berchtesgadener Land beispielsweise ist Elke Lachmann die mobile Vorführerin. Im Auftrag des Kreisjugendamts zeigt sie an einem Dutzend Spielorten Filme für Kinder, bekommt ein festes Honorar und trägt eventuelle Verluste durch geringe Einnahmen selbst. „Da ist ganz schön Druck im Nacken“, sagt die Sozialpädagogin, die schon an ihren früheren Wohnorten Darmstadt und München Kino gemacht hat. Auch für sie sind die Zeiten schwieriger geworden. Das Kinderkino steht selbst in Bayern ganz oben auf der Abschussliste, wenn das kommunale Sparen losgeht.

+++ 19.40 Uhr – Für „Blueprint“ mit Franka Potente haben sich mehrere Besigheimer Schulklassen angemeldet, denn das dem Film zu Grunde liegende Buch von Charlotte Kerner ist offizieller Stoff für die Deutschprüfung an Realschulen. Während der Vorführung herrscht gelegentlich Unruhe, in der kurzen Pause, wenn Christian Weishäupl die Filmrolle wechselt, flammen die Handydisplays auf. Wohl nur halb im Spaß meint ein erwachsener Zuschauer später, er müsse eigentlich sein Geld zurückverlangen. +++

Die tollsten Orte sind gut erhaltene, „richtige alte Kinos“, findet Anja Grunwald. Lauda-Königshofen und Creglingen haben solche nostalgischen Spielstätten. Vor Ort gibt es immer wieder freiwillige Mitarbeiter, manchmal macht eine Jugendgruppe für die Zuschauer Popcorn.

+++ 22.00 Uhr – Auch der Abendfilm ist vorbei. Christian Weishäupl und Linnea Larsson haben ihren Hunger mit Nudeln vom Pizza-Service gestillt und zusammen mit Hausmeister Gauger den Kabelsalat geordnet. Eine halbe Stunde dauert es, bis das Material im Transporter verstaut ist. Während der Heimfahrt diskutiert man noch über die Filme und die Planung der nächsten Tage. Weishäupl setzt Linnea in Heslach ab und nimmt Kurs auf Stuttgart-Ost. Es wird wohl bald Mitternacht sein, wenn er zu Hause ist. „Blueprint“ hat er nicht mehr zurückgespult. Morgen ist schließlich auch noch ein Tag. +++

www.kinomobil-bw.de

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Die Erwartungen übertroffen

Die Stuttgarter Kantorei wird 10 – ein Interview mit ihrem Chef, Stiftskantor Kay Johannsen (Stuttgarter Zeitung, 21.06.2004)

Herr Johannsen, die Stuttgarter Kantorei gibt es seit zehn Jahren. Was war 1994 der Anlass zur Gründung?

Als ich nach Stuttgart kam, hatte die Gesamtkirchengemeinde keinen eigenen Chor. Wir haben die Gründung der Stuttgarter Kantorei ein halbes Jahr lang vorbereitet und waren dennoch überrascht, dass zur allerersten Probe über 100 Sängerinnen und Sänger kamen.

Haben sich die Träume und Erwartungen von damals erfüllt?

Sie sind übertroffen worden! Mancher hielt die Neugründung eines Chors in Stuttgart für aussichtslos. Aber wir haben anscheinend eine Nische gefunden. Wir sind ein relativ junger Chor mit hohem Anspruch, ausgerichtet auf Berufstätige, die den Chorgesang in ihrer Freizeit betreiben. Ich hätte nicht gedacht, dass sich die Kantorei so gut etabliert und immer weiter entwickelt.

Singen Sie in unterschiedlichen Besetzungen? Sind Sie eher Projektchor oder Verein?

Wir sind absolut kein Projektchor. Wer zu uns kommt, muss zu diesem Chor gehören wollen. Dennoch werden nicht immer alle aktiv: Fast 100 stehen auf der Liste, im Konzert singen rund 70 mit. Stetige Arbeit ist mir wichtig, es sind auch heute noch viele Gründungsmitglieder dabei.

Am kommenden Freitag führen Sie Händels „Solomon“ auf. Planen Sie weitere Jubiläumsaktivitäten?

Unsere Feste sind die Musik! Wir weisen mit diesem Konzert auf unser 10-jähriges Bestehen hin, aber wir fühlen uns noch zu jung für ein großes Jubiläum.

Was steht in näherer Zukunft an?

Wir haben einige teure Großprojekte hinter uns, deshalb müssen wir das für den Herbst geplante Verdi-Requiem um ein Jahr verschieben. Statt dessen singen wir ein großes a-cappella-Programm. Im Januar sind wir nach Luzern eingeladen, um dort Bruckner und Rihm zu singen, am Karfreitag folgt Bachs Matthäus-Passion.

Wer kann mitsingen?

Wesentlich größer soll die Kantorei nicht mehr werden, aber gute Leute nehmen wir gerne auf. Man muss eine gewisse stimmliche und musikalische Vorbildung haben. Wir proben zügig, und jeder sollte den Notentext schnell umsetzen können. Außerdem müssen Interessenten zu dem leichten, homogenen Klang passen, den sich der Chor erarbeitet hat.

www.stuttgarter-kantorei.de 

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Chormusik aus dem 19. und 20. Jahrhundert

Programmheftartikel für das Konzert der Reihe Musik am 13. in Stuttgart am 13.06.2004.

Wilhelm Weismann (1900–1980): Der 23. Psalm für fünfstimmigen gemischten Chor a cappella
Kurt Hessenberg (1908–1994): O Herr, mache mich zum Werkzeug deines Friedens op. 37 Nr. 1 (Text: Franz von Assisi)
Friedrich Kiel (1821–1885): Sechs Motetten op. 82
Cantus Cannstatt, Leitung: Jörg-Hannes Hahn

Wilhelm Weismann wurde 1900 in Altdorf in eine pietistisch-württembergische Umgebung hineingeboren und studierte Komposition bei Siegfrid Karg-Elert in Leipzig, wo er bis zu seinem Tod 1980 lebte. Er wurde als Hochschullehrer, Verlagslektor und Komponist zu einer der wichtigsten Persönlichkeiten im Musikleben der DDR. Hatte er bis zu seiner Emeritierung 1965 unter der Last der Lehre ebenso gelitten wie unter der realsozialistischen Kulturpolitik, nutzte er die Unabhängigkeit vom Brotberuf im Alter zu einer intensiven Kompositionstätigkeit. In diesen Jahren schrieb er mehrere große Zyklen für Chor a cappella. Den 23. Psalm vertonte er bereits 1954, und das dem Thomanerchor Leipzig und dessen Kantor Günther Ramin gewidmete Werk, das in seinen vokalen Ansprüchen sehr weit geht, hat sich im Repertoire verbreitet und bewährt. Weismann komponiert auf dem festen Grund der klassischen und romantischen Tradition, die tonal konzipierte Harmonik ist nur gelegentlich durch gemäßigte Kühnheiten gewürzt. Das Werk gliedert sich in mehrere, recht klar voneinander abgegrenzte Abschnitte, die den Text sehr charakteristisch, gelegentlich sogar tonmalerisch ausgestalten.

Auch Kurt Hessenberg gehört zu jenen Komponisten des 20. Jahrhunderts, die ihre individuelle musikalische Aussage auf den Traditionen vor allem der Romantik gründeten. Der 1908 in Frankfurt am Main als Sohn eines Juristen geborene Hessenberg studierte ebenfalls in Leipzig, kehrte jedoch 1933 als Lehrer in seine Heimatstadt zurück, wo er später lange Jahre an der Musikhochschule unterrichtete. Er war als Komponist durchaus erfolgreich, beispielsweise dirigierten Wilhelm Furtwängler und der junge Georg Solti seine Werke. Der Weltkrieg führte bei Hessenberg zu einer stärkeren Orientierung auf Vokalmusik mit religiösen Inhalten; eine Tendenz, die sich auch nach 1945 fortsetzte. Die Motette „O Herr, mache mich zum Werkzeug deines Friedens“ entstand unmittelbar nach Kriegsende auf einen Text des Franz von Assisi – so glaubten jedenfalls Komponist und Verlag. Die Herkunft der beeindruckenden Worte ist später in Frage gestellt worden, konnte aber nicht restlos aufgeklärt werden – das Gedicht erschien Anfang des vorigen Jahrhunderts in einer kleinen französischen Zeitschrift, gelangte dann an den Franziskanerorden, wurde während des 2. Weltkriegs regelmäßig von der BBC ausgestrahlt und ist heute weltbekannt. Kurt Hessenbergs Komposition gliedert sich in sechs Abschnitte und vertont den Text sehr eindrucksvoll und detailliert. Die Tonalität wird hin und wieder durch sanfte Zwölftönigkeit erweitert, Dissonanzen stehen im Dienste der musikalischen Ausdeutung der Textvorlage.

Friedrich Kiel, 1821 in Puderbach geboren und in Schwarzenau aufgewachsen, tauschte das für ihn vom Vater vorgesehene Lehrerstudium mit einer musikalischen Ausbildung, die ihn zunächst als Konzertmeister an den kleinen Hof von Berleburg führte. Ein Stipendium des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV. ermöglichte ihm ab 1842 ein Studium in Berlin, wo er bis zu seinem Tode 1885 lebte und arbeitete. Dort entstanden vier große kirchenmusikalische Werke: zwei Requien, eine Hohe Messe und ein Christus-Oratorium, mit dem der Komponist auch im Ausland bekannt wurde. Friedrich Kiel war zwar ein durchaus erfolgreicher Tonsetzer, sein Hauptberuf war jedoch die Unterrichtstätigkeit am Sternschen Konservatorium und später an der Hochschule für Musik. Die sechs Motetten nach Psalmtexten entstanden in den letzten Jahren seines Lebens und fassen das musikalische Können Kiels eindrücklich zusammen – in all ihrer Kürze zeigen sie eine kompositorische Meisterschaft, die den großen Meistern des 19. Jahrhunderts nicht nachsteht.

www.musik-am-13.de  

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Mit allen Feinheiten

Pierre Boulez mit Debussy und Ravel - CD-Rezension für die Stuttgarter Zeitung

 Merkwürdig ist es ja, dass der Franzose Pierre Boulez diese CD mit Musik seiner Landsleute Maurice Ravel und Claude Debussy mit Interpreten aus den USA, England und Schweden eingespielt hat. Vielleicht war es Zufall oder dem Musikbetrieb geschuldet – aber man könnte auch vermuten, dass Boulez mit dem Cleveland Orchestra gerade die häufig gespielten Werke wie Ravels „Pavane“ oder Debussys Tänze für Harfe und Orchester gleichsam von auswärts betrachten wollte. Der Dirigent spielt seine analytischen Qualitäten aus, und man darf sich als Hörer entscheiden, ob man sich genüsslich der Klangpracht hingeben möchte (was auch geht) oder ob man genau hinhört und mit Boulez und dem vorzüglichen Orchester alle musikalischen Feinheiten auslotet. Sogar die latent kitschige „Pavane“ gewinnt durch Boulez’ kühle Melancholie einige Ecken und Kanten hinzu. Ravels nur selten auf dem Konzertpodium gespielte „Shéhérazade“ bekommt vom Dirigenten die Exotik, die ihr gebührt, aber niemals wird das schwere musikalische Parfum aufdringlich. Anne Sofie von Otters famose vokale Leistung fügt sich wunderbar in diese Interpretation ein. Die englische Sopranistin Alison Hagley steht der Schwedin in nichts nach und singt Debussys Balladen nach Francois Villon ebenso stil- wie stimmsicher.

Ravel/Debussy: Orchester- und Vokalwerke. The Cleveland Orchestra, Pierre Boulez. DGG 471 614-2.

www.deutschegrammophon.com/boulez

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Sahniger Wagner und aufgefrischter Brahms

Die neue Saison des Radio-Sinfonieorchesters Stuttgart - Beitrag für die Stuttgarter Zeitung (11.06.2004)

Vor allem von Norden aus betrachtet wirkt der Südwestrundfunk wie eine Trutzburg des anspruchsvollen Kulturradios, und die fünf Klangkörper des Senders tragen nicht unerheblich zu diesem Ruf bei. Das „gute standing“ der Orchester und des Vokalensembles lasse die Klangkörperfrage zumindest „derzeit“ trotz anstehender finanzieller Kürzungen nicht aufkommen, sagte SWR-Musikchefin Dorothea Enderle bei der Vorstellung der neuen Saison des Radio-Sinfonieorchesters Stuttgart.

Sir Roger Norringtons historisch informierte Spielpraxis, die das Orchester international wieder ins Gespräch gebracht hat und auf dem in „SWR music“ umgetauften CD-Label fortlaufend dokumentiert wird, soll in der kommenden Spielzeit dem „im Repertoire abgenutzten“ Johannes Brahms die rechte Dosis „Transparenz, Frische und Jugendlichkeit“ injizieren, kündigte Orchestermanager Felix Fischer an. Neben den vier Brahms-Sinfonien stellt der Chefdirigent Werke seiner Landsleute Tippett, Vaughan Williams und Elgar vor und gibt mit Mahlers 1. Sinfonie und den Kindertotenliedern einen Vorgeschmack auf den Schwerpunkt der übernächsten Spielzeit.

Ehrendirigent Georges Prêtre bekommt zum 80. Geburtstag eine „Sahnetorte“ (Fischer) mit Werken von Wagner und Respighi geschenkt, Dmitrij Kitajenko kehrt mit Kantscheli und Tschaikowsky ans Pult zurück, und der ständige Gastdirigent Peter Eötvös stellt neben seiner eigenen Komposition „IMA“ Stücke von Lutoslawski und Bartók vor. Neu am Dirigentenpult der Abo-Reihe ist der junge Wiener Christian Arming.

Besonders stolz ist man auf die Verpflichtung des Russen Andrej Boreyko als neuen ersten Gastdirigenten. Der Petersburger, der von Posen über Jena an die Pulte renommierter Orchester auf der ganzen Welt gelangt ist, hat das RSO beim Mittagskonzert vor einem Jahr restlos begeistert. Zwar wird der eilig verpflichtete Hoffnungsträger in der nächsten Saison nur ein einziges Konzert dirigieren. Das Programm mit Bartók, Schostakowitsch und Lutoslawski zeigt jedoch, wohin die Reise geht: Boreyko will zahlreiche Werke aus Osteuropa vorstellen, diese aber zukünftig mit neuerer Musik aus dem anglo-amerikanischen Raum zusammenspannen – ein Hinweis auf die Globalisierung, die laut Boreyko längst die Lebens- und Arbeitsweise osteuropäischer Komponisten erfasst hat.

Kompromisslos geht es in Hans-Peter Jahns Reihe „attacca“ zu, die in drei Konzerten dem Altmeister Pierre Boulez eine Reihe jüngerer Komponisten gegenüberstellt. Dass junge Konzertbesucher sich von moderner Musik durchaus faszinieren lassen, bestätigte Kerstin Gebel, die unter anderem für das Jugendprogramm des RSO zuständig ist. Die eher im Verborgenen blühende Arbeit mit Lehrern und Schülern trägt inzwischen wohlschmeckende Früchte: Im April besuchten 400 Schüler aus nicht weniger als 27 Schulen ein reguläres Konzert in der Liederhalle.

http://www.swr.de/swr2/faszination-musik/orchester/rso/index.html

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Felix Mendelssohn Bartholdy – das doppelte Problem

Beitrag für das "Forum Bachakademie", März 2004 - Einführung zu Mendelssohn-Bartholdy im Hinblick auf das Europäische Musikfest Stuttgart 2004 (Schwerpunkt Mendelssohn/Schumann)

I

Vor rund 30 Jahren betitelte Carl Dahlhaus ein Symposium in Berlin mit „Das Problem Mendelssohn“. Allerdings zielte der Musikwissenschaftler mit dieser seither gern zitierten Formulierung nicht auf die heikle Rezeptionsgeschichte. Im Gegenteil: Das Symposium sollte die „primär biografisch ausgerichtete“ Mendelssohn-Forschung auf die Werkinterpretation ausrichten. Eine zwiespältige Sache: Einerseits mag die biografische Betrachtung den Blick auf die musikgeschichtliche Stellung von Mendelssohns Werken zeitweise verdeckt haben, andererseits sind gerade bei diesem Komponisten sachliche und persönliche Wertungen eng verknüpft, und das bis heute.

Mendelssohns Musik berührt allerdings auch ein immerwährendes Problem der Musikwissenschaft: die Abgrenzung von Klassik und Romantik. Schon unmittelbar nach dem Tode des Komponisten, im November 1847, markierte G. Kühne in der Zeitschrift Europa dieses Thema: „Mendelssohn war der letzte Träger der classischen Nüance in der romantischen Richtung der Musik.“ Robert Schumann, der Mendelssohn bewunderte und sehr persönlich gehaltene Aufzeichnungen über ihn verfasste, hat den Kollegen als „Mozart des 19. Jahrhunderts“ bezeichnet. Später gebrauchte man häufig den Begriff „Klassizist“ oder „klassizistischer Romantiker“. Aber Mendelssohn und Schumann waren immerhin Zeitgenossen von Wagner, Liszt und Verdi, die niemand als Klassiker oder Klassizisten bezeichnen würde. Mendelssohns früher Tod mit Mitte 30 und Schumanns verfallende Schöpferkraft verhinderten indessen, dass sich die beiden Komponisten den musikalischen Neuerungen anschlossen, die im Gefolge der bürgerlichen Revolution von 1848 aufkamen. Mendelssohn war Bewahrer und Erneuerer zugleich. Sein Verhältnis zur Tradition ist von Respekt und Kreativität gekennzeichnet. 1830 schrieb er an Carl Friedrich Zelter: „Freilich kann mir niemand verwehren, mich dessen zu erfreuen und an dem weiter zu arbeiten, was mir die großen Meister hinterlassen haben, denn von vorne soll wohl nicht jeder wieder anfangen aber es soll auch ein Weiterarbeiten nach Kräften sein, nicht ein totes Wiederholen des schon Vorhandenen.“

Carl Dahlhaus hat dargestellt, dass dieser Umgang mit der musikalischen Tradition auf Mendelssohns Kompositionen unterschiedlich gewirkt hat: „Dass Mendelssohn in der Vokalmusik eine Pietät gegenüber der ferneren Vergangenheit wahrte, an die er sich in der Instrumentalmusik nicht gebunden fühlte, bedeutet, dass er Klassizist war, ohne Epigone zu sein.“ Zwar seien Bach und Händel Fixpunkte für Mendelssohns große Oratorien gewesen, Beethoven jedoch habe sich für die Sinfonik nicht als „Klassiker“ geeignet. So wurden (und werden) Mendelssohns fünf reife Sinfonien, denen zwölf jugendliche Streichersinfonien vorausgegangen waren, von Musikhistorikern nicht selten als Randerscheinungen abgetan. Allerdings hat Mendelssohn, wie viel später noch Brahms, tatsächlich mit Idee und Anspruch der sinfonischen Form gekämpft. Die frühen Streichersinfonien ließ er nie drucken, und weder mit der 1830 komponierten „Reformationssinfonie“ noch mit der 1833 abgeschlossen „Italienischen“ war der Komponist zufrieden.

Reizvoll ist es, über die Bedeutung von Mendelssohns Instrumentalwerken für die Entwicklung der Programmmusik nachzudenken. Besonders die 1832 uraufgeführten Ouvertüren „Meeresstille und glückliche Fahrt“ und „Die Hebriden“, die von einer literarischen Erzählung oder einem Bühnenwerk unabhängig sind, öffneten neue Perspektiven: „Hätte Mendelssohn seinen einsätzigen Orchesterwerken den glücklichen Titel 'Sinfonische Dichtung' gegeben, den Liszt später erfunden hat, so würde er heute wahrscheinlich als Schöpfer der Programmmusik gefeiert und hätte seinen Platz am Anfang der neuen statt am Ende der alten Periode unserer Kunst. Er hieße dann der 'erste Moderne' an statt der 'letzte Klassiker'“, schrieb Felix Weingartner schon 1898. Auch waren die „Italienische“ und die „Schottische“ Sinfonie als bruchlose Verbindung von nationalromantischem Liedgut und streng sinfonischen Formprinzipien eine durchaus „neue Lösung“ (Wolfram Steinbeck). Und in der 1840 uraufgeführten, von Beethovens Neunter beeinflussten Kantaten-Sinfonie „Lobgesang“ entdeckte schon Schumann etwas, das „im Symphonistischen noch nicht versucht ist, daß sich die drei Orchestersätze ohne Pausen aneinander schließen.“ Was Mendelssohns Zeitgenosse als „glücklich“ bezeichnete, hat Rainer Riehn 1980 als ein „Verfahren der konstruktiven Konstruktion größter Zusammenhänge“ herausgestellt, „das in ausgezeichneten Momenten der späteren Musikgeschichte zum Vehikel des kompositorischen Fortschritts par excellence werden sollte: der Verklammerung der hergebrachten Sätze der zyklischen Form zu einem einzigen übergeordneten Sonatensatz“ – Mendelssohn, the Progressive, sozusagen.

II

In seiner zum Landesjubiläum 2002 erschienenen „Geschichte von Baden und Württemberg“ schreibt Thomas Schnabel im Zusammenhang mit der kulturellen Gleichschaltung: „Auch der Romantiker Felix Mendelssohn Bartholdy verschwand als Jude 1933 sofort aus den Konzertprogrammen.“ Ein Marburger Professor erwähnt Mendelssohn in einer Seminarbeschreibung im Internet als „den zum Christentum konvertierten Juden“. Weitere Beispiele sind unschwer zu finden – allesamt harmlos und wohlwollend, aber falsch.

Felix’ Großvater Moses Mendelssohn (1729-1786), Ikone der Aufklärung und zentrale Figur des Berliner Geisteslebens, hatte sich noch ganz der religiösen Versöhnung und jüdischen Emanzipation verschrieben. Doch nur zwei seiner sechs Kinder blieben Juden, die anderen wurden Christen. Darunter war auch der Vater von Felix, Abraham Mendelssohn (1776-1835), der selbst erst 1822 konvertierte, seine vier Kinder aber protestantisch erziehen ließ. 1816 wurde auch Felix getauft. Den Namen Bartholdy nahm Abraham auf Drängen seines Schwagers an und warf seinem Sohn später vor, den Zusatz ungebührlich zu vernachlässigen. Der Vater bestand auf Bartholdy als wichtigstem Namensbestandteil: „Du kannst und darfst nicht Felix Mendelssohn heißen. Felix Mendelssohn-Bartholdy ist zu lang, und kann kein täglicher Gebrauchsname seyn, du mußt dich also Felix Bartholdy nennen weil der Name ein Kleid ist, und dieses der Zeit, dem Bedürfniß, dem Stande angemessen seyn muß, wenn es nicht hinderlich sein soll.“ Und er setzt fort: „Einen christlichen Mendelssohn gibt es so wenig als einen jüdischen Confucius. Heißt du Mendelssohn so bist du eo ipso ein Jude, und das taugt dir nichts, schon weil es nicht wahr ist.“

Mendelssohns jüdische Herkunft war seiner Karriere nur selten hinderlich. Dieses Problem schuf sich erst die Nachwelt: „Mendelssohn ist von den großen Komponisten des 19. Jahrhunderts der einzige, dessen Einschätzung durch die Nachwelt eine fortwährend schwankende Kurve zwischen völliger Ablehnung und hoher Bewunderung durchlaufen hat“ (Eric Werner). Dies hat damit zu tun, dass sich das neue nationale Gedankengut zunächst nicht mit religiösen Fragen verknüpfte: „Interessanterweise blieb das im Fahrwasser des Wiener Kongresses rasch um sich greifende bürgerliche Nationalbewusstsein in Deutschland mit seinen zahlreichen, einander nicht immer gut gesinnten politischen Einheiten vorläufig im großen und ganzen unberührt von kulturellem Chauvinismus“ (Alexander Ringer). Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde es „Mode, die Juden nicht mehr nur als Angehörige einer anderen Religion, sondern als Glieder einer anderen Nation und schließlich einer anderen Rasse zu bezeichnen“ (Karl-Heinz Köhler).

Wir wissen, wohin das führte. Begonnen hat es mit Richard Wagners Aufsatz „Das Judentum in der Musik“. Dort steht, 1850 erschienen: „Dieser [gemeint ist Mendelssohn, d.Red.] hat uns gezeigt, daß ein Jude von reichster spezifischer Talentfülle sein, die feinste und mannigfache Bildung, das gesteigertste zartempfindende Ehrgefühl besitzen kann, ohne durch die Hilfe aller dieser Vorzüge es je ermöglichen zu können, auch nur ein einziges Mal die Tiefe, Herz und Seele ergreifende Wirkung auf uns hervorzubringen, welche wir von der Kunst erwarten.“ Mit anderen Worten: Deutsche, und deshalb tiefgründige, Musik konnte Felix Mendelssohn Bartholdy nicht schreiben.

Das wirkte - und wirkt bis heute, wenn die Vorurteile über Mendelssohns vermeintlich „glatte“ und „oberflächliche“ Musik der Feder allzu rasch entfließen oder seine geistlichen Kompositionen von ernsthaften Schreibern gar mit süßem Backwerk verglichen werden. Carl Dahlhaus, der das „Problem“ Mendelssohn ausschließlich musikalisch verstanden wissen wollte, ließ es Anfang der 70-er Jahre zu, dass sein Kollege Friedrich Krummacher in seinem Beitrag über die Bühnenmusik zu Shakespeares „Sommernachtstraum“ zwar die Komposition Carl Orffs zum selben Theaterstück erwähnt und Orffs polemische Bemerkungen zur Musik Mendelssohns streift. Allerdings verschweigt der Musikwissenschaftler, dass Orff (nach einer Weigerung von Hans Pfitzner) 1938 den Auftrag der Stadt Frankfurt erhielt, eine „Sommernachtstraum“-Musik als rassisch unbedenklichen Mendelssohn-Ersatz zu komponieren, wofür er sich „mit ergebenen Grüßen, heil Hitler“ überschwänglich bedankte.

Was Mendelssohns geistliche Werke angeht, hat Joachim Martini herausgearbeitet, dass 1933 nur der Abschluss einer Entwicklung war: „Hier haben allerdings schon seit den frühen zwanziger Jahren die Polemiker unter den Vertretern der Kirchenmusik- und Orgelbewegung dem Boden einen nationalen Humus beigemischt. (…) An ihrer unreflektierten Hinwendung zu den sterilen musikalischen Vorstellungen der Jugendmusikbewegung und an der Adaption ihrer Denkweise hat die protestantische Kirchenmusik bis zum heutigen Tage zu tragen.“ Musikhistorische Veröffentlichungen während des Dritten Reichs verunglimpften Mendelssohn als „Begründer des Sammelsurium-Stils“ oder verweigerten als Verfasser einer „deutschen Musikgeschichte“ überhaupt die Beschäftigung mit seiner Musik. Die Freundschaft mit Schumann wurde verwischt, die Verdienste um Bach geleugnet.

Ein halbes Jahrhundert später, Anfang der 90-er Jahre, veröffentlichte Hans Heinrich Eggebrecht ein Buch über die „Musik im Abendland“. Mendelssohn wird darin nur in drei Nebensätzen erwähnt. Ein fundiertes Werkverzeichnis gibt es bis heute nicht. Die Wiederentdeckung und Neubewertung Felix Mendelssohn Bartholdys ist bis auf weiteres mehr Versprechen als Erfüllung. 1959 begann die Arbeit an einer kritischen Gesamtausgabe, intensiviert wurde sie ab 1992 – ein wahrhaftes Jahrhundertwerk, denn erst 2047 soll die Ausgabe abgeschlossen sein.

www.bachakademie.de  
www.mendelssohn-gesellschaft.de  
www.mendelssohn-stiftung.de   
www.felixmendelssohn.com   

Felix Mendelssohn Bartholdy. Mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten
Hans Christoph Worbs
Rowohlt Taschenbuch, 2000
ISBN: 3499502151
EUR 7,90

Felix Mendelssohn-Bartholdy und seine Zeit
Wulf Konold
Laaber-Verlag, 1994
ISBN: 3921518822
EUR 36,00

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Der Reiz des Verbotenen

Semyon Bychkov und Nicholas Kraemer bei den Berliner Philharmonikern - Beitrag für das Magazin der Berliner Philharmoniker, Ausgabe April/Mai

Viele Musikfreunde haben eine besondere Erinnerung an den "ersten Kontakt" mit den Berliner Philharmonikern - sei es eine alte Schallplatte, eine durch langes Anstehen ergatterte Studentenkarte oder die Teilnahme an einem Schülerprojekt. Dass sich diese Erinnerung mit dem Gefühl verknüpft, etwas Verbotenes getan zu haben, dürfte jedoch eher eine Ausnahme sein. Nicholas Kraemer und Semyon Bychkov verstießen in ihrer Jugend gegen einige Regeln, um dieses Orchester hören zu können: Kraemer schwänzte die Schule, und Bychkov drang unversehens in die Damentoilette eines Konzertsaals ein.

Die Geschichte von dem kühnen und mit Polizeigewahrsam geahndeten Versuch des 17-jährigen Leningraders, ohne Karte ein Karajan-Konzert in seiner Heimatstadt zu erleben, wird auch nach fast 35 Jahren gerne erzählt – steht sie doch für die Neigung des Dirigenten zu unkonventionellen Entscheidungen. 1975 verließ Semyon Bychkov die Sowjetunion, drei Jahre später verdingte er sich gegen den Rat wohlmeinender Freunde bei einem amerikanischen Provinzorchester. Dass er dort sein erstes Konzert mit Strauss' "Zarathustra" und Beethovens Neunter bestritt, einer nach eigenen Worten "monströsen Kombination", überforderte sogar einen Teil des Publikums – man war es gewohnt, spätestens um 22 Uhr wieder zu Hause zu sein.

Mit der ihm eigenen Courage betrat Semyon Bychkov auch das internationale Parkett. In den Jahren 1984 und 1985 sprang er beherzt für drei erkrankte Pultstars ein: Er vertrat Bernard Haitink in Amsterdam, Rafael Kubelik in New York und im Januar 1985 Riccardo Muti in Berlin. Diesem Debüt bei den Berliner Philharmonikern, das ein Kritiker ein wenig martialisch als "Überraschungssieg" charakterisierte, folgte eine regelmäßige Zusammenarbeit über mehrere Spielzeiten. Als Semyon Bychkov dann 2002, ein halbes Jahr vor seinem 50. Geburtstag, nach einer längeren Pause wieder ans Pult der Berliner Philharmoniker trat, war er längst einer der führenden Dirigenten seiner Generation. In den 90-er Jahren hatte er seinen Arbeitsschwerpunkt nach Europa verlagert und Chefpositionen beim Orchestre de Paris, dem Maggio Musicale Florenz und der Dresdner Semperoper eingenommen. Sein Vertrag beim WDR-Sinfonieorchester, dem Bychkov seit 1997 vorsteht, wurde erst kürzlich bis 2008 verlängert.

Dem Kölner Klangkörper hat der Dirigent zu internationalem Renommee verholfen, auch mit mustergültigen Interpretationen Neuer Musik. Am zeitgenössischen Repertoire, das Bychkov im ersten Jahrzehnt seiner Karriere eher fremd geblieben war, arbeitet er inzwischen mit großer Begeisterung. Insbesondere der Kontakt mit Luciano Berio, dessen Sinfonia er im Mai mit den Berliner Philharmonikern aufführen wird, hat ihn stark beeindruckt.

Während Semyon Bychkov vor 19 Jahren bei den Philharmonikern kurzfristig ins kalte Wasser sprang, kann sich Nicholas Kraemer in Ruhe auf sein Debüt vorbereiten. Mit Händels Oratorium "Belshazzar" bewegt sich der 1945 in Edinburgh geborene Dirigent auf vertrautem Terrain, gilt er doch auf dem internationalen Parkett als Spezialist für Alte Musik und hat Händels Opern und Oratorien häufig aufgeführt. Das Pult der Berliner Philharmonie ist für Nicholas Kraemer dennoch ein besonderer Ort. Sein in Essen geborener Vater, der zeitweise in Berlin zur Schule ging und später in Großbritannien als Psychiater tätig war, ließ nie einen Zweifel daran, dass die Berliner Philharmoniker das weltbeste Orchester seien. Als Jugendlicher, kurz nach dem Mauerbau, kam Kraemer nach Berlin, um an der ehemaligen Schule seines Vaters, dem Dahlemer Arndt-Gymnasium, Deutsch zu lernen. Als besonders gehorsam erwies er sich nicht und zog es vor, in die Philharmonie zu gehen – bis zu drei Mal täglich.

Seinem ersten Auftritt mit den Philharmonikern sieht Nicholas Kraemer also mit einer Mischung aus Freude und Ehrfurcht entgegen. Der Dirigent, der – auch aus "kommunikativen Gründen", wie er sagt – gern mit kleineren Besetzungen arbeitet und bei zahlreichen Kammerorchestern gastiert, denkt nicht ideologisch, was die Verwendung von Originalinstrumenten angeht. Im Gegensatz zu früher sei es für die meisten Orchester, die auf modernen Instrumenten spielen, nicht mehr "schockierend", sich mit der authentischen Spielpraxis zu befassen, meint der Dirigent. Es macht Kraemer großen Spaß, gerade diesen Ensembles die "aufregenden Klänge" zu entlocken, die eine historisch orientierte Phrasierung und ein reduziertes Vibrato ermöglichen. "Kraftvoll und doch spritzig, sorgfältig und doch spontan" sei Kraemers Lesart barocker Musik, schrieb ein Kritiker der "Chicago Tribune" – beste Voraussetzungen also für "Belshazzar", bei dessen Komposition Georg Friedrich Händel trotz der düsteren biblischen Geschichte "besonders große Freude" empfand, wie er 1744 seinem Librettisten Charles Jennens verriet.

www.berliner-philharmoniker.de  
www.semyonbychkov.com 

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Nicht gerade teuflisch

Musik für Geige und Gitarre auf Solitude - Rezension für die Stuttgarter Zeitung (Konzert am 23.05.04)

Mit dem Programmtitel „Paganissimo“ hatten Jewgeni Schuk und Andrej Lebedev ihre Zuhörer in der Schlosskapelle Solitude nicht ganz auf den richtigen Weg geführt. Der eher ruhige Violinist Schuk, Konzertmeister im Stuttgarter Staatsorchester, entspricht kaum der Vorstellung, die man gemeinhin vom italienischen „Teufelsgeiger“ des frühen 19. Jahrhunderts hat. Und es scheint ohnehin, als lägen Jewgeni Schuk die virtuosen Kompositionen Paganinis weniger als das glanzvolle Geigenspiel, das beispielsweise die Bearbeitung von Sergej Rachmaninows „Vocalise“ für Violine und Gitarre erfordert.

Dieses Stück blieb die einzige Referenz an das Heimatland der beiden Künstler, die seit langem in Deutschland leben und arbeiten. Der Großteil des Programms, an dessen gedruckte Reihenfolge sich Schuck und Lebedev nicht gerade sklavisch hielten, stammt aus dem europäischen Süden, und nachdem man den angekündigten Tschaikowsky souverän ausfallen ließ und „gleich zum Dessert“ überging, wie Lebedev meinte, gab es zwei Stücke des Südamerikaners Astor Piazzolla als gar nicht so leicht verdaulichen Schluss.

Überhaupt war Schucks und Lebedevs Konzert innerhalb der abwechslungsreichen, von der Kirchengemeinde Botnang und ihrem Kantor Martin Tiemann ausgerichteten Reihe „Solitude Soirée“ durchaus nicht so unterhaltsam wie an Hand der Vorschau zu erwarten. Gerade den kleinen Sonaten von Niccolo Paganini eignet neben der virtuosen Brillanz ein beträchtliches Maß an Melancholie, und Gleiches gilt für den spanischen Paganini des frühen 20. Jahrhunderts, Pablo Sarasate. Ein wenig schwermütig tönten auch die Stücke für Gitarre solo von Isaac Albeniz und Napoleon Caste, die Andrej Lebedev sehr dezent, beinahe schüchtern vortrug. Der an sich schöne Raum der Schlosskapelle auf Solitude war für diese äußerst reizvolle Musik fast schon zu groß und zu unruhig. Womöglich beabsichtigte Zugaben wurden ohnehin durch einige allzu behände aufbrechende Zuschauer verunmöglicht – schade drum!

www.solitude-soiree.de 

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Mit den Augen dirigiert

Der Philharmonische Chor Esslingen singt Rossini - Rezension für die Esslinger Zeitung

„Kommen Sie, kommen Sie gleich!“, fordert der Philharmonische Chor Esslingen die Besucher seiner Homepage auf, und wie überall sind auch hier vor allem die Tenöre Mangelware. Ganz zu überhören war das beim sonntäglichen Konzert mit Gioacchino Rossinis „Petite Messe Solennelle“ in der Frauenkirche nicht, aber die Herren schlugen sich tapfer gegenüber den anderen, weit üppiger besetzten Stimmlagen. Die Qualität des Konzerts war indessen geeignet, potenzielle Mitsänger (und –sängerinnen) in eine Probe zu locken, denn Sabine Eberspächer, die den Chor seit 2000 leitet, spornte die rund 50 Damen und Herren zu enormen musikalischem Schwung an.

Rossinis „Petite Messe Solennelle“ ist ein Spätwerk. In fortgeschrittenem Alter schrieb der Komponist nur noch vereinzelte Stücke, die angesichts der Fülle des Opernwerks bis heute ein Schattendasein führen. Das hinzugefügte Adjektiv „klein“ (petite) ist typisch für Rossinis ironische Bescheidenheit: Die 1863 entstandene Messe ist vollwertige Kirchenmusik, dauert rund 90 Minuten und fordert neben dem Chor vier Gesangssolisten. Nur ein Orchester gibt es – jedenfalls in der Erstfassung, die Rossini einige Jahre später doch noch instrumentierte – nicht. Klavier und Harmonium reichten Rossini aus.

Sabine Eberspächer saß selbst am Flügel, das Harmonium spielte ihr Kollege Dieter Aisenbrey. Für Chor und Solisten war das ungewohnt, denn die Chorleiterin dirigierte auf drei Arten: Nur mit den Augen oder mit Handbewegungen vom Klavier aus und ein einziges Mal wie üblich am Pult.

Petra Labitzke, in Ludwigsburg geboren, in Stuttgart ausgebildet und derzeit am Berner Opernhaus engagiert, führte mit klangschönem Sopran das Solistenquartett an. Solide sangen die beiden Herren Rüdiger Knöß (Tenor) und Martin Berner (Bass), der Mezzosopranistin Anne Greiling gelang mit dem verinnerlichten „Agnus Dei“ ein lange nachwirkender Abschluss.

www.philharmonischer-chor-esslingen.de

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Aus dem Norden kommt das Glück

Susanna Mälkki und Pekka Kuusisto bei den Philharmonikern - Kurzrezension für die Stuttgarter Zeitung (Konzert am 30.04.2004)

Mit Gästen aus Nordeuropa haben die Stuttgarter Philharmoniker Glück. Die deutliche Schlagtechnik der jungen finnischen Dirigentin Susanna Mälkki dürfte nicht nur den Musikern ein Vergnügen sein. Sie ermöglichte den Hörern im Beethoven-Saal, die Musik mitzulesen, die Strukturen selbst bei einem so komplizierten Werk wie Igor Strawinskys "Sacre du printemps" zu verfolgen. Susanna Mälkki holt die ordinären Untiefen dieses Stücks genauso ans Licht wie dessen archaische Schönheiten. Auch die verschlungenen Steigerungen in Jean Sibelius' 3. Sinfonie gestaltete sie souverän und ließ sich von der Unverschämtheit eines Zuhörers, der sein Handy minutenlang quäken ließ, nicht aus der Fassung bringen. Dass Mozarts A-Dur-Violinkonzert zwischen diesen Schwergewichten nicht zerquetscht wurde, verdankte es dem feinsinnigen Spiel von Pekka Kuusisto. Mälkkis Landsmann phrasierte eigenwillig und nahm mit wohl dosiertem Showeffekt für sich ein. Auf die philharmonischen Streicher, Holzbläser und Schlagwerker ist Verlass. Das Blech trumpfte im Forte mächtig auf, im Piano wackelte es noch immer zu oft.

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Fröhlich zu neuen Taten

Die Hugo-Wolf-Akademie in der Saison 2004/05 - Beitrag für die Stuttgarter Zeitung (Mai 2004)

 Mörike überall: Auch in die neue Spielzeit der Hugo-Wolf-Akademie, die der Pianist Hartmut Höll seit beinahe zwei Jahrzehnten künstlerisch leitet, ragt die Ehrung des württembergischen Dichters hinein. Am 30. September beleuchten in Marbach Uraufführungen von Ralf Gothóni und Werner M. Grimmel "Mörike in unserer Zeit", am 12. Oktober werden in einem Lesekonzert mit Cornelia Froboess im Mozart-Saal Wilhelm Killmayers neue Mörike-Lieder aus der Taufe gehoben. Interpret ist Christoph Prégardien, der im Oktober außerdem ein Konzert mit Brahms' "Schöner Magelone" (6.) und eine Meisterklasse (7. bis 10.) gibt. Das Weihnachtskonzert am 11. Dezember mit der Sopranistin Assumpta Mateu und dem Kammerorchester "arcata" widmet Höll der israelisch-palästinensischen Versöhnung und stellt das Projekt einer völkerverbindenden Geburtsklinik auf dem Gaza-Streifen vor. Am 29. Januar entfalten Peter Härtling und fünf Liedduos ein innermusikalisches Thema: "Lieder über Lieder". Zum Schiller-Jahr 2005 hat die Hugo-Wolf-Akademie den Komponisten Karl Michael Komma mit einem neuen Werk für Stimmen und Kammerensemble beauftragt, das am 26. Februar uraufgeführt wird.

Die thematische Verklammerung einer ganzen Saison will Hartmut Höll nicht wiederholen. Das Publikum reagiere zurückhaltend auf solche Projekte, meint er, gibt aber den Anspruch auf thematische Vertiefung deswegen nicht auf. Das Zauberwort für den Kompromiss lautet "Dreiklang": Am 19. März soll der Mozart-Saal vom Nachmittag bis zum Abend zur Bühne für Lyrik, Musik, Tanz und Theater aus Frankreich, Italien und Spanien werden, und zum Ausklang der Spielzeit am 25. Juni gibt es eine dreiteilige Schubertiade. Der 30. April bringt ein "kulinarisches Duettprogramm" mit den polnischen Sängerinnen Urszula Kryger und Jadwiga Rappé, und am 21. Mai singt ein Lesekonzert mit Norbert Beilharz und Kolja Lessing das "Lied der triumphierenden Liebe" zwischen Iwan Turgenjew und Pauline Viardot.

Das pralle Programm und das eigene Engagement in mehreren Konzerten machen Hartmut Höll weniger Sorgen als finanzielle Unwägbarkeiten: "Ich hoffe, wir überstehen das alles", sagt er – aber es klingt eher fröhlich als pessimistisch.

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Melancholie und Sarkasmus

Magdalena Kozenás neues Recital - Rezension für die Stuttgarter Zeitung (April 2004)

Man kann Magdalena Kozená nicht vorwerfen, dass sie sich nur auf Gängiges verlässt. Mit ihrer neuen CD begibt sich die tschechische Mezzosopranistin in die Nischen der Liedkunst im 20. Jahrhundert. Zwar klingen die Namen der Komponisten vertraut, aber Kozená hat sich aus den Oeuvres von Ravel, Schostakowitsch, Respighi, Schulhoff und Britten ausschließlich Raritäten herausgesucht, die – zumal in fünf verschiedenen Sprachen und erweiterter Instrumentalbegleitung – auch gute Kenner des Repertoires überraschen dürften.

Früh im vergangenen Jahrhundert entstanden die Drei Stimmungsbilder von Erwin Schulhoff, in Prag geboren und somit ein Landsmann Kozenás, der allerdings deutsche Texte komponierte. Ähnlich melancholisch wie Schulhoffs Miniaturen ist Ottorino Respighis „Il tramonto“ von 1914. Hier fügt sich Kozenás Mezzosopran anschmiegsam in das begleitende Streichquartett ein. Am besten ist die Sängerin, die mit genauem Gespür für die Klangfarben der verschiedenen Sprachen zu Werke geht, in Benjamin Brittens „A Charm of Lullabies“. Auch für den Sarkasmus von Dmitri Schostakowitschs Fünf Satiren von 1960 stehen Magdalena Kozená die Ausdrucksmöglichkeiten zu Gebote, während sie in Maurice Ravels „Chansons madécasses“ nicht die Expressivität der großen Konkurrentin Jessye Norman erreicht. Es bleibt aber erstaunlich, wie Kozená ihrer nicht allzu großen Stimme, die in der Höhe und im Forte schnell angestrengt klingen kann, vielfältige Schattierungen abgewinnt.

Magdalena Kozená: Songs / Lieder / Chansons / Canzoni. Mit Malcolm Martineau (Klavier), Henschel Quartett u.a. DGG 471 581-2. 

http://www.deutschegrammophon.com/special/?ID=kozena-recital 

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Alles klang schön

Das Berner Symphonie-Orchester mit Muhai Tang - Rezension für die Esslinger Zeitung (Konzert am 24.03.2004)

Zuhause in der schweizerischen Hauptstadt hat das Berner Symphonie-Orchester die Kollegen vom Westdeutschen Rundfunk eingeladen und sich auf diese Weise Zeit für eine Konzertreise frei gemacht. Über Sinn und Unsinn solcher Manöver kann man trefflich diskutieren, aber eines steht fest: Dem Stuttgarter Publikum gefiel das heitere bis klangprächtige Programm, das die Nachbarn zum „Konzertanten Querschnitt“ in den Beethoven-Saal mitgebracht hatten.

Dmitri Schostakowitschs Konzert für Trompete, Klavier und Streicher von 1933 ist für das fremde Terrain – und die genannte Konzertreihe – fast schon ein Experiment. Das sperrige Werk, das strenge Form und chaotische Tendenzen mischt, versprühte denn auch wenige Funken. Einige Zwischentöne hätten den Jubel für die forsche Pianistin Ju Hee Suh sicher nicht gemindert, die sich auch und gerade im langsamen Satz jede romantische Anwandlung verkniff. Der vorzügliche junge Trompeter Sergej Nakarjakow wirkte hier unterfordert, beinahe lustlos.

In Johann Nepomuk Hummels Trompetenkonzert hatte der 27-jährige Nakarjakow, im Auftreten jungenhaft zurückhaltend, vor der Pause ein virtuoses Feuerwerk entzündet. Der heute wenig bekannte Komponist – er war 1816-19 Hofkapellmeister in Stuttgart - schrieb das klangschöne Werk 1804 für die gerade erfundene Klappentrompete und kostete deren Möglichkeiten mit hörbarem Vergnügen aus. Sergej Nakarjakow ließ gar nicht erst den Verdacht aufkommen, die unvermittelten dynamischen Abstufungen und die schnellen Tonfolgen könnten ihm irgendwelche Schwierigkeiten bereiten – der in Russland geborene und heute in Paris lebende Künstler spielte schlichtweg perfekt.

Muhai Tang führte das Berner Symphonie-Orchester routiniert von Schostakowitschs eröffnender Ballettsuite Nr. 3 von Schostakowitsch bis zum tosenden Finale mit Modest Mussorgskijs durch Ravel instrumentierten „Bildern einer Ausstellung“. Während sich das Orchester für die ironischen Übertreibungen und Vordergründigkeiten in Schostakowitschs Tanznummern mit Humor und Kraft ins Zeug legte, schienen Mussorgskijs farbenreiche Musikbilder – sie begannen um eine Uhrzeit, zu der andere Konzerte meist vorüber sind – von einer gewissen Müdigkeit beeinträchtigt. Niemand patzte, alles klang schön, aber das letzte Quäntchen an Kraft und Glanz blieb auf der Strecke.

www.bernorchester.ch
www.nakariakov.com

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Die Freude an der Leere

Die Neuen Vocalsolisten mit fünf deutschen Erstaufführungen im Theaterhaus - Rezension für die Esslinger Zeitung (Konzert am 20.04.2004)

Als sich die Menschenmenge vom überfüllten Foyer des Theaterhauses in die Säle T1 und T2 verlagerte, fühlte man sich an den Quotenabstand zwischen Dudelfunk und Kulturradio erinnert. Das Broadway-Stück „Caveman“ wollten, nicht zum ersten Mal, rund 1.000 Zuschauer sehen, während sich die Neuen Vocalsolisten einem handverlesenen Publikum gegenüber sahen. Solch massives Desinteresse hatte das Programm mit fünf erstmals in Deutschland präsentierten Vokalwerken nicht verdient.

Das an diesem Abend als Sextett mit wechselndem Damen-Doppel auftretende Ensemble, das demnächst den Schneider-Schott-Preis erhält, brachte die Stücke vom Festival GRAME in Lyon mit, wo es sie im März uraufgeführt hat. So erklärt sich die Dominanz französischer Komponisten, darunter James Giroudon und Pierre Alain Jaffrenou, die das Festival vor gut 20 Jahren gründeten. Zwei aktuelle Stücke dieser älteren Komponisten standen neuen Werken von Philippe Gouttenoire und Vincent-Raphael Carinola gegenüber. Das ließ aufschlussreiche Vergleiche zu, gehören doch Gouttenoire und Carinola, beide um die 40, zu den jüngeren in Lyon ausgebildeten und geförderten Komponisten.

Gouttenoires „Un creux toujours futur“, übersetzt mit „Hohl auf immerdar“, ist zumal im zarten Wohlklang der a cappella singenden Neuen Vocalsolisten schön anzuhören. Ein Text von Paul Valéry wird in Vokalisen und rhythmisch akzentuierende Wortfetzen aufgelöst, wobei die die Komposition letztlich doch den Charakter einer (Fantasie-)Sprache entfaltet. Carinolas „Stilleben“ auf der Basis eines Textes der ebenfalls in Lyon lebenden Autorin Helga Kasper serviert größere Worthappen vom Band, zu dem das Vokalsextett lose Kommentare abgibt und die Live-Elektronik Geräusche und rhythmische Akzente beisteuert.

Das neue Stück des 1974 in Hagen geborenen Sven-Ingo Koch namens „Die Überwindung des großen Klaffen (Räume-Bewegungen)“ - Beitrag von „Musik der Jahrhunderte“ als Stuttgarter Partner der deutsch-französischen Kooperation - zeigte eine verblüffende Ähnlichkeit zu den Werken Gouttenoires und Carinolas in der Dekonstruktion der Sprache (hier aus einem Text des altgriechischen Dichters Hesiod über die Geburt der Götter), der Erweiterung der vokalen Mittel bis zur Gefahr der Komik, dem Einsatz der Elektronik und dem inhaltlichen Verweis auf die „Leere“ – hier als „klaffende“ Spannung zwischen Vertrautem und Fremdem interpretiert.

Respektvoller gehen die im zweiten Teil des Abends präsentierten Werke von Giroudon („L’océan suit le silence“, gemeinsam mit Jean Francois Estager) und Jaffrenou („In carmine planctus“) mit ihren Textvorlagen um. Im Zusammenhang von Textdeklamation, musikalischer Ausformung und begleitender Elektronik war dies der „sinnlichere“, abwechslungsreichere Abschnitt des Programms. Der kurzfristig angesetzten Einlage mit Karlheinz Stockhausens 1956 entstandenem „Gesang der Jünglinge“ hätte es nicht bedurft – es sei denn, die Veranstalter wollten mit dieser vom Band abzuspielenden, seinerzeit revolutionären Verbindung von Elektronik und vokalen Elementen zeigen, dass die Unterschiede nach einem halben Jahrhundert mehr technischer als musikalischer Natur sind. 

www.neue-vocalsolisten.de

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Ein Monopol als Glücksfall

Die Kettwiger Vokalisten in der Stiftskirche - Rezension für die Stuttgarter Zeitung (Konzert am 16.04.2004)  

Im englischen Musikleben des späten 16. Jahrhunderts waren die Komponisten Thomas Tallis und William Byrd als Organisten an der Londoner Chapel Royal höchst einflussreich. Ihre Bedeutung gründete sich allerdings nicht nur auf ihre musikalische Kompetenz. Auf Grund eines 1575 von Königin Elisabeth I. verliehenen Monopols durften Tallis und Byrd ein Vierteljahrhundert lang als einzige englische Bürger Noten drucken, veröffentlichen oder einführen. Dass William Byrd dieses Monopol, das er nach Tallis’ Tod 1585 allein verwaltete, für die Verbreitung eigener Werke ausgiebig nutzte, ist für die Nachwelt ein Glücksfall.

Die Kettwiger Vokalisten und ihr Leiter Wolfgang Kläsener, die für ihren Beitrag zur Stunde der Kirchenmusik in der Stuttgarter Stiftskirche eine fiktive Ostermesse der Tudor-Zeit zusammengestellt hatten, griffen jedoch – neben gregorianischen Gesängen und zwei Stücken von Tallis - hauptsächlich auf ein zu Byrds Lebzeiten im Verborgenen gebliebenes Werk zurück. Als nur durch königliche Protektion vor Verfolgung geschützter Katholik hatte Byrd nämlich in den kirchenpolitischen Wirren seiner Zeit gute Gründe, für seine drei lateinischen Messkompositionen sein Notenmonopol nicht zu nutzen.

Die von den Kettwiger Vokalisten stilsicher und mit schlanker Tongebung gesungene fünfstimmige Messe ist ein strenges und doch ungemein vielfältiges Werk. Prachtvoll ist das Credo, zurückgenommen sind Sanctus und Benedictus, die Musik orientiert sich meist eng am Text, um sich dann immer wieder zu weiten Klangräumen zu öffnen.

Zum Wechsel zwischen den Stimmlagen sind die Kettwiger Vokalisten – sechs Herren, vier Damen – ebenso fähig wie zu solistischem Einsatz im gregorianischen Gesang und bei Tallis’ liedhaften Stücken. Das unterhalb der Kanzel platzierte Ensemble reagierte souverän auf die heikle Akustik der Stiftskirche und hielt seinen Gesang immer transparent, beinahe zart. Freundlicher Applaus – und als Zugabe die Wiederholung des schönsten Einzelstücks, Byrds „Agnus dei“ mit der besonders kunstvollen Vertonung der Worte „dona nobis pacem“.

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Schönklang und Gegrummel

Das Quartetto FaDeus in der Esslinger Kreissparkasse - Rezension für die Esslinger Zeitung (Konzert am 08.04.2004)  

Das war der Abend der Einspringer: Eigentlich sollte in der Esslinger Kreissparkasse das „Schmucktrio“ auf drei Klarinetten musizieren. Da die jungen Instrumentalisten Gelegenheit zu einem Fernsehauftritt hatten, gab ihnen die veranstaltende Sparkassenstiftung gerne frei – „im Interesse der Karriere“, wie Regionalleiter Wolfgang Höfer zu Konzertbeginn sagte. Das „Quartetto FaDeus“ war jedoch alles andere als bloßer Ersatz, obwohl auch hier mit Frank Lehmann von den Stuttgarter Philharmonikern ein Viertel des Ensembles mit einem Einspringer besetzt war. Man merkte es kaum – und das zeigt, wie professionell die drei Stammmitglieder des Quartetto FaDeus, Susanne von Hayn, Sabine Müller und der aus Ostfildern-Ruit gebürtige Christian Kunert musizieren.

Gerade Anfang 20 sind die drei – wie auch der verhinderte vierte im Bunde, der Cannstatter Philipp Zeller -, und haben doch bereits vielfältige Erfahrung als Solisten, Orchester- und Kammermusiker. Sie lernten sich beim Wettbewerb „Jugend musiziert“ kennen, studieren gemeinsam in Würzburg und befinden sich nun auf dem typischen Weg zum Instrumentalprofi: Landes- und Bundesjugendorchester, verschiedene Wettbewerbe und einzelne Engagements bei Klangkörpern wie den Münchner Philharmonikern oder dem Staatsorchester Stuttgart.

Viel Repertoire gibt es nicht für ein Fagottquartett, und so fanden sich auf dem Programm der Reihe „Junge Interpreten“ neben einigen Originalkompositionen mehrere Arrangements bekannter Musikstücke für das ungewöhnliche Ensemble. Gerade diese – eine Rossini-Arie, eine Smetana-Ouvertüre und der Piaf-Hit „Milord“ als Zugabe – zeigten die Möglichkeiten des tiefen Holzblasinstruments: Von dunklem Gegrummel über humoristisches Stammeln bis hin zu melodiösem Schönklang, der in den hohen Lagen an ein Saxophon erinnert. Zwei Werke des Südafrikaners Allan Stephenson und des 2002 gestorbenen Hans Posegga, der übrigens auch die Titelmelodie zur „Sendung mit der Maus“ komponierte, waren als Verbindung von klassisch-romantischer Technik mit Jazz- und Popelementen besonders vergnüglich. Die anfängliche Nervosität hatte das Quartett schnell im Griff, wozu die umsichtige und sichere Koordination durch Christian Kunert als „Erster unter Gleichen“ beitrug.

Siehe auch www.albrecht-holder.de (Fagottklasse der Musikhochschule Würzburg)

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Als wäre es ein Denkmal

Neue Musik mit dem Radio-Sinfonieorchester Stuttgart - Rezension für die Esslinger Zeitung (Konzert am 02.04.2004)

Zwei von den drei Stücken, die Hans-Peter Jahn für das attacca-Konzert des Südwestrundfunks im Theaterhaus geplant hatte, mussten – "aus verschiedenen Gründen", wie das Programmheft raunt – kurzfristig ausgetauscht werden. Immerhin blieb die Uraufführung von Gérard Zinsstag, bei der man eine Gefährdung am ehesten hätte annehmen können, an ihrem Platz im Zentrum des Konzerts. Die "Empreintes" des Schweizer Komponisten, die das Radio-Sinfonieorchester Stuttgart unter dem ebenfalls eingesprungenen Rupert Huber erstmals spielte, sind allerdings nicht vollständig neu. Zinsstag entwickelte das Stück aus seiner 2000 entstandenen "Passage"; auffälligster Unterschied ist die Ergänzung durch eine Gesangsstimme, die drei Briefzeilen von Gérard Grisey zitiert. Der Erinnerung an den 1998 gestorbenen Kollegen hatte Zinsstag schon "Passage" gewidmet, und dass Griseys Lebensgefährtin Mireille Deguy nun als Vokalsolistin an der Uraufführung mitwirkte, gab dem Stück eine weitere persönliche Note.

Gérard Zinsstag schreibt im Programmheft vom "körperlichen Aspekt des Klanges", den er unter anderem mithilfe einer neuen Sitzordnung und des Synthesizers als Vierteltonlieferanten herausarbeiten will. Tonlos geblasenes Blech und repetitive Formeln setzt der Komponist öfter ein, als es dem Werk bekömmlich ist, zumal musikalische Steigerungen mit demgegenüber recht konventionellen Mitteln erreicht werden. Der Applaus für das atmosphärisch dichte, aber zur Schwerfälligkeit neigende Stück blieb matt.

Auch Karlheinz Stockhausen lässt das Orchester für sein Werk "Punkte" anders Platz nehmen als gewohnt. Ob die spiegelverkehrte Aufstellung den Klang verändert, sei dahingestellt, einen heiteren Aspekt immerhin entfaltete die Sitzordnung, als Rupert Huber am Ende des Konzerts den Konzertmeister nicht sofort finden konnte. Stockhausens von 1952 an rund vier Jahrzehnte lang immer wieder überarbeitetes Stück spielte das Radio-Sinfonieorchester, von der überdeutlichen Schlagtechnik des Dirigenten beflügelt, äußerst versiert. Das "Punktuelle" in diesem Werk ist in der Verteilung der Strukturen auf die Instrumentengruppen gut zu verfolgen. Paradoxerweise bleibt das Stück aber trotz lärmender Bewegung immer wieder auf der Stelle – als wäre es ein fest gefügtes Denkmal, vom geneigten Publikum ehrfürchtig zu bewundern.

http://www.swr.de/swr2/faszination-musik/musikreihen/attaca.html 

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Die Liedkunst als roter Faden

Die Hugo-Wolf-Akademie organisiert einen Liedwettbewerb und ehrt Mörike - Beitrag für die Stuttgarter Zeitung (25.03.2004)

Eigentlich gebe es zu viele Gesangswettbewerbe, meint Hartmut Höll – und hat doch vor drei Jahren einen neuen erfunden. Diesen „Internationalen Wettbewerb für Liedkunst“ veranstaltet die von ihm geleitete Stuttgarter Hugo-Wolf-Akademie ab dem 29. März zum zweiten Mal. Die anfangs zögerlichen Anmeldungen führt Höll auf die vergleichsweise hohen Anforderungen zurück: Nur Duos – also Sänger/in plus Pianist/in – dürfen sich beteiligen, 31 Lieder haben sie mitzubringen, und deren Auswahl schreibt ihnen die Akademie zumindest in den Grundzügen vor. Dieses Jahr sind Brahms und die Wiener Moderne angesagt.

Hartmut Höll, als Liedpianist überaus erfahren, will mit diesen Vorgaben einerseits Teilnehmer und Publikum für ungewöhnliches Repertoire interessieren, andererseits das kammermusikalische Miteinander von Gesang und Klavier unterstreichen. Die Klassifizierung als Wettbewerb für „Gesang-Klavier“ gefällt ihm ohnehin nicht; in drei Jahren – wenn Wolf, Schumann und Reutter auf dem Programm stehen – wird er das wohl durch „Liedduo“ ersetzen. Für diesen Begriff reklamiert Höll gar das Urheberrecht, hat er ihn doch vor rund drei Jahrzehnten gemeinsam mit seiner Partnerin Mitsuko Shirai erfunden.

Der Wettbewerb ist komplett öffentlich. Vom 29. März bis 6. April finden in der Musikhochschule drei Auswahlrunden statt, bei denen aus den 124 Teilnehmern aus 29 Ländern vier Duos für das Finale herausgesiebt werden. Am 18. April gestalten diese Finalisten im Mozart-Saal ein Programm mit jeweils 12 Liedern. Danach wird das Preisgeld von 40.000 EUR durch die neunköpfige Jury unter Leitung des finnischen Dirigenten und Pianisten Ralf Gothóni verteilt.

Die Liedkunst zieht sich als roter Faden auch durch die Mörike-Ehrung der Hugo-Wolf-Akademie. Von April bis Oktober werden musikalische Reflexe auf Mörikes Dichtung vorgestellt– und das nicht nur im historischen Rückblick. Ein neues Werk von Wolfgang Rihm soll im Rahmen des „großen Mörike-Tags“ am 16. Mai im Mozart-Saal erstmals erklingen, Wilhelm Killmayers Mörike-Lieder gibt es erstmals am 12. Oktober am gleichen Ort. Weitere Schauplätze sind das Literaturarchiv in Marbach sowie die Kirchen von Weilheim/Teck und Ochsenwang, wo Mörike 1832 als Vikar arbeitete.

http://www.hugo-wolf-akademie.de/

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Gut aufgelegt

Die Stuttgarter Philharmoniker mit Beethoven und Schulhoff - Rezension für die Stuttgarter Zeitung (veröffentlicht 16.03.2004) 

Ungerade gut, gerade schlecht: Diese Faustregel, Beethovens Sinfonien betreffend, wird immer wieder gern zitiert – ebenso wie die Behauptung, dass die beiden ersten Sinfonien des „Titanen“ noch nicht recht würdig seien, der sich erst mit der „Eroica“ in voller Größe manifestiert habe. Die Stuttgarter Philharmoniker mit Gastdirigent Israel Yinon am Pult bewiesen im Beethoven-Saal, dass die 1801/02 komponierte 2. Sinfonie ein Meisterwerk aus eigenem Recht ist. Der stürmische 1. Satz und der von Haydn inspirierte musikalische Humor im Schlussrondo waren ein flotter Kehraus für einen vergnüglichen Konzertabend.

Das gut aufgelegte Orchester war von Anfang an vielfältigen Herausforderungen und Anregungen ausgesetzt. Erwin Schulhoff, 1894 in Prag geboren und von den Nazis wegen seiner jüdischen Herkunft und kommunistischen Orientierung in ein KZ verschleppt, wo er 1942 starb, orchestrierte zwei Jahre vor seinem Tod Beethovens populäre „Wut über den verlorenen Groschen“. Ein virtuoser Spaß für Orchester und Hörer, an den sich nahtlos der Auftritt von Paul Gulda anschloss. Der Wiener Pianist kam in Hemdsärmeln und Weste, freute sich über das Spiel seiner Orchesterkollegen wie über sein eigenes, dirigierte ein bisschen mit und eroberte das Publikum im Sturm, als spiele er eine Jazz-Session und nicht Beethovens 2. Klavierkonzert. Für dieses 1798 abgeschlossene Werk hat wiederum Schulhoff eine Kadenz geschrieben, die innerhalb der mozartischen Umgebung aber eher fremd wirkt.

Während der vom Pianisten zugegebene erste der „Neun kleinen Reigen“ von 1913 die impressionistische Seite von Schulhoffs Werk aufleuchten ließ, steht die nach der Pause vom wiederum sichtlich begeisterten Orchester gespielte Jazz-Suite von 1921 – offiziell „Suite für Kammerorchester“ betitelt – für die Beschäftigung des Komponisten mit musikalischen Tendenzen seiner Zeit. Es ist zu vermuten, dass der Dirigent Israel Yinon das spritzige Werk auswählte, setzt er sich doch seit Jahren für die sträflich vernachlässigte Musik von Schulhoff, Haas und Ullmann ein, die alle drei in Konzentrationslagern der Nazis umkamen.

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Paganini im Telegrammstil

Garth Knox und Jürg Stenzl im Theaterhaus - Rezension für die Esslinger Zeitung (März 2004)

Die Idee des Teams von „Musik der Jahrhunderte“, in der Reihe „1 & 1 … Meister für Zuhörer“ einen Musiker und einen Redner zusammenzuspannen, ohne das die Rede zum Verständnis der Musik beiträgt (der umgekehrte Fall ist ohnehin kaum denkbar), ist nicht ohne Risiko. Das Ergebnis kann irritierend langatmig sein oder überraschend unterhaltsam. Im aktuellen Fall hatte die nicht gerade zahlreich erschienene Hörerschaft im Theaterhaus Glück: Das Doppel aus dem Bratschisten Garth Knox und dem Musikhistoriker Jürg Stenzl bescherte zwei kurzweilige und anregende Stunden.

Stenzl, als Experte für mittelalterliche und moderne Musik gleichermaßen geschätzt, schien ein wenig zu hadern mit der Maßgabe, sich einem fachlich entlegenen Thema widmen zu müssen. Seine selbst gestellte Frage, ob Kochen eine Kunst sei, garnierte der sympathische Professor mit allerlei Beilagen, machte Anleihen bei Wolfram Siebecks Abscheu vor Rohkost und Ketchup und servierte kulinarische Details aus dem heimischen Eheleben mit Nike Wagner. Stenzls von Eitelkeit nicht freier Humor kam zwar beim Publikum nicht so recht an - ein hübscher Vortrag war es dennoch, und man lernte nicht zuletzt aus berufenem Munde, dass das Schweizer Nationalgericht („die“ Rösti) ausschließlich in der Mehrzahl auftritt.

Das musikalische Programm bestritt der irische Bratschist Garth Knox, in den 90-ern Mitglied des Arditti Quartetts und als neugieriger, unkonventioneller Interpret auf der modernen Bratsche und der historischen Viola d’amore, die er für die moderne Musik entdeckt hat, bekannt. Die 1997 und 2001 entstandenen Werke von Georges Aperghis und Alejandro Castanos hatte Garth Knox offenbar im Hinblick auf die Kombination von Musik und Rede ausgesucht, denn beide orientieren ihre Komposition an stimmlichen Gesten. In Aperghis’ „Volte – face“ unterstützte Knox den sprechenden Charakter dezent mimisch, Castanos’ „Ft“ hingegen schreibt dem Instrumentalisten sogar vokale Geräusche vor, was aber im Vergleich zu den anderen Werken des Abends als bloßer Effekt daherkommt.

Die Stücke von Salvatore Sciarrino, Georg Friedrich Haas und Horatio Radulescu holen nämlich aus dem Instrument selbst ganz Erstaunliches heraus und brauchen dazu nur gelegentlich elektronische Verstärkung. Haas schafft in seinem „Solo“ durch aufgesetzte Mikrofone vielfältige Klangräume, ohne zu verfälschen, Radulescu hingegen experimentiert in seinem Stück „Das Andere“ mit faszinierenden Obertönen. Sciarrinos 1974 komponierte „Tre notturni brillanti“ wiederum enthüllen einen sehr eigenständigen Begriff von instrumentaler Virtuosität. Leise und fragmentarisch huschen die drei Stücke vorbei, von Garth Knox mit großem Vergnügen vorgetragen, das sich unmittelbar auf die Hörer übertrug: Paganini im modernen Telegrammstil – und in Zimmerlautstärke.

www.mdjstuttgart.de 
www.rrz.uni-hamburg.de/rz3a035/gknox.html (Homepage von Garth Knox)

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Nach den Sternen greifen

Die erste Saison der Stuttgarter Philharmoniker mit dem neuen Chef - Artikel für die Esslinger Zeitung (veröffentlicht 11.03.2004)

Mindestens sechs „Sternstunden“ versprechen die Stuttgarter Philharmoniker für die Konzertsaison 2004/05. Es ist die erste, die der neue Chefdirigent Gabriel Feltz gestaltet hat, nachdem er das Orchester bereits mehrfach als Gast dirigierte – zuletzt in einem fabelhaften Abend mit der „Alpensinfonie“ von Richard Strauss.

Nach den Sternen greifen Feltz und ein überwiegend bekannter Kreis von Gastkünstlern jedoch nicht nur im mittleren Abonnement „Sextett“, das laut Intendant Michael Stille „eine uralte Tradition der Beziehung zwischen Astronomie und Musik“ beleuchten soll und neben Strauss’ „Zarathustra“ und Mozarts Jupiter-Sinfonie auch Unbekanntes von dem Haydn-Zeitgenossen Wilhelm Herschel, dem Elsässer Charles Koechlin sowie eine Uraufführung von Christian Jost präsentiert. In der großen Reihe mit neun Konzerten erlauben sich die Philharmoniker einen ausführlichen Blick zum tschechischen Nachbarn mit Populärem wie der „Sinfonie aus der Neuen Welt“ und der „Moldau“, kombiniert mit Mozart, Beethoven, Brahms und Gershwin.

Aus der dritten Abonnementsreihe, dem „Klassik-Terzett“, hält sich der neue Chefdirigent Gabriel Feltz zwar heraus. Ansonsten ist der energische Orchesterleiter überaus fleißig: Zum Start der Großen Reihe Ende Oktober stellt Feltz mit Martinus „Mahnmal für Lidice“, Dvoraks Cellokonzert und der Sinfonietta von Janacek Stücke vor, „die den Tschechen selbst besonders wichtig sind“, wie Michael Stille unterstreicht. Der noch immer unterschätzte Martinu ist außerdem mit seinem Konzert für zwei Klaviere vertreten, und zwar mit Leos Svarovsky am Dirigentenpult, der am 1. Februar bei den Philharmonikern debütieren wird.

Svarovsky ist der einzige dem Orchester unbekannte Dirigent der Saison, die Gabriel Feltz nicht nur mit acht Abonnementskonzerten prägen wird. Der neue Chef will darüber hinaus eine Tradition begründen und jährlich eine konzertante Oper aufführen, „die sonst in Stuttgart nicht zu hören wäre“. Nach Absprache mit der Staatsoper wird das am 23. April 2005 Erich Wolfgang Korngolds „Die tote Stadt“ sein, ein Sensationserfolg aus den 20-er Jahren des vorigen Jahrhunderts und in letzter Zeit auffällig oft auf den internationalen Spielplänen zu finden. Ein weiteres Großprojekt der Stuttgarter Philharmoniker ist die Begleitung des Filmklassikers „Metropolis“ mit der rekonstruierten Originalmusik am 2. Juli 2005 im Beethoven-Saal.

Unter den Gastdirigenten sind neben Walter Weller und Stefan Vladar auch die beiden Konkurrenten von Gabriel Feltz um den philharmonischen Chefposten, Simone Young und Pedro Halffter. Young wird am 21. Juni Bruckners 3. Sinfonie in der Urfassung dirigieren, Halffter leitet im November und Februar Konzerte mit Werken von Holst („Die Planeten“) und Mahler (1. Sinfonie). Ein schönes, kollegiales Zeichen.

www.stuttgart.de/philharmoniker  

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Im Mutterleib der Natur

Leif Segerstam inspiriert die Stuttgarter Philharmoniker zu einer Spitzenleistung - Rezension für die Esslinger Zeitung (Konzert am 29.02.2004)

Gern klagt man über die vielen Wiederholungen im Fernsehen. Das Konzertleben funktioniert anders: Steht einmal gerade keine Wiederholung der klassisch-romantischen Zugstücke auf dem Programm, bleiben viele Stühle leer. Mögen die Stuttgarter Philharmoniker sich über den am Sonntagabend nur mäßig gefüllten Beethovensaal damit hinwegtrösten, dass die Anwesenden sich begeistern ließen und die Daheimgebliebenen etwas Großes verpasst haben.

Mit Leif Segerstam am Dirigentenpult gab es (bereits zum zweiten Mal in der aktuellen Saison, die ohne Chefdirigenten auskommen muss) erst einmal eine der schillerndsten Persönlichkeiten des internationalen Musiklebens zu bewundern. Weltweit erprobter Dirigent, fleißiger Komponist, extravagante Erscheinung und freundlicher Zeitgenosse – der finnische Riese gewann die Herzen des Publikums ebenso schnell wie kürzlich Nigel Kennedy. Vielleicht ist es ganz richtig, das gesamte Publikum unmittelbar vor der Aufführung in ein modernes Werk einzuführen. Segerstams Worte über sein Stück „alone in a boat in the middle of a lake“, am Anfang des Konzerts platziert, schienen jedenfalls die Ohren zu öffnen und zu gewinnen für das gut 20-minütige Werk aus dem Zyklus „Impressions of Nordic Nature“. „Im Mutterleib der Natur“ befinde man sich dort, meinte Segerstam, „mit Haut und Haar“ gebe sich der Finne der Einsamkeit eines dunklen Sees hin. Die Komposition entwickelt indessen eher die bedrohliche als die idyllische Seite der Natur, beeindruckt mit fremdartigen Klängen von zerbrechlicher Schönheit, denen nur selten naturalistische Effekte wie Vogelstimmen beigemischt sind.

Interessanterweise wiederholte sich der suchende, an eine Struktur sich vorsichtig herantastende Beginn von Segerstams Stück an diesem nordeuropäischen Abend der Philharmoniker mehrmals. Das erste Orchesterlied aus Gösta Nystroems in den 40-er Jahren komponierten „Gesängen am Meer“ fängt ganz ähnlich an, und auch Carl Nielsen braucht in seiner 5. Sinfonie lange, bis er zu einem geschlossenen musikalischen Thema findet. Selbst wenn Nielsens Sinfonie nicht ausdrücklich mit der nordischen Natur zu tun hat, scheint der dänische Komponist in diesem 1922 abgeschlossenen Werk eine ganz ähnliche Absicht zu verfolgen wie Nystroem und Segerstam und gestaltet machtvolle Gegensätze zwischen fast an Brahms erinnernden musikalischen Bögen und harten Einschnitten, durch die alles Romantische brüchig wird.

Erneut zeigte sich in diesem Konzert, dass ein inspirierender Dirigent die Stuttgarter Philharmoniker zu einer Spitzenleistung anspornen kann. Ebenfalls auf hohem Niveau sang die Schwedin Ingrid Tobiasson die Lieder ihres Landsmanns Nystroem. Ihr an dramatischen Opernpartien geschulter Mezzosopran könnte durchaus öfter im Stuttgarter Musikleben aufleuchten.

www.stuttgart.de/philharmoniker   
www.patrickgarvey.com/artists/l_segerstam.htm   

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Musikalisches Gipfeltreffen

Vokalmusik vom Anfang des 16. Jahrhunderts - CD-Rezension für die Stuttgarter Zeitung (März 2004)

Auch die Klassikbranche neigt längst zum „Event“, und das nicht nur auf dem Podium, sondern ebenso auf CD. Immer öfter erscheinen Aufnahmen nach dem Motto „so hätte es gewesen sein können“ – rekonstruierte Gottesdienste beispielsweise oder, wie im Falle dieser neuen Aufnahme des Orlando Consorts, Begleitung historischer Ereignisse.

Natürlich weiß niemand, ob die bunte Mischung von geistlichen und weltlichen Werken, die die vier Herren aus Großbritannien eingespielt haben, so und nicht anders gesungen wurde, als das burgundische Herzogspaar im Sommer 1502 mehrere Monate im spanischen Toledo verbrachte. Allerdings war das Zusammentreffen der flämischen und spanischen musikalischen Tradition in Gestalt der jeweiligen Hofsänger tatsächlich eine Art Gipfeltreffen, zu dem Meister wie Agricola, Josquin, de la Rue, La Torre und Mondéjar eigene Kompositionen beigetragen haben sollen.

Man darf allerdings keine pompösen Festmusiken erwarten. Vielmehr bietet die Aufnahme eine Reihe von glänzenden Miniaturen, darunter weit ausgreifende geistliche Sätze und kleinformatige, sinnliche Liebes- und Tanzlieder. Diese Vielfalt von Stilen und Formen ist beim Orlando Consort (ein Quartett aus Countertenor, zwei Tenören und Bariton) bestens aufgehoben. Die weltlichen Lieder sind mit ihren vielen Details und den glasklaren Stimmen ein ungetrübtes Vergnügen. Und bei den geistlichen Kompositionen mag man kaum glauben, dass da wirklich nur vier Männer singen – das Orlando Consort bietet hier mindestens die vokale Pracht eines Kammerchores.

The Toledo Summit. Orlando Consort. Harmonia mundi HMU 907328.

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Schrulliger Eigensinn

Orchesterwerke von Gordon Sherwood - Rezension für die Stuttgarter Zeitung (März 2004)

Sein Leben war wechselhaft und seltsam, und doch ist er unbekannt geblieben, der 1929 geborene amerikanische Komponist Gordon Sherwood. Dmitri Mitropoulos führte ein Werk des talentierten Studenten mit den New Yorker Philharmonikern auf. Aber Sherwood ließ die Gelegenheit, international berühmt zu werden, verstreichen. Stattdessen reiste er Ende der 60-er Jahre in den Libanon, um dort am Klavier Kinofilme zu begleiten, später nach Afrika und Asien. Verarmt kommt er nach New York zurück, um schließlich als Bettler in Paris zu leben. Komponiert hat er die ganze Zeit, das Fernsehen wird auf ihn aufmerksam, die Pianistin Masha Dimitreva bringt sein Klavierkonzert ans Tageslicht.

Man sollte annehmen, dass diese von Tragik umwehte Biografie sich in Gordon Sherwoods Werken niedergeschlagen hat. Beim Hören der CD mit dreien seiner Stücke – es ist die erste Sherwood-Einspielung überhaupt, und das Bayerische Landesjugendorchester unter Werner Andreas Albert spielt mit überschäumendem Schwung – überrascht jedoch die Leichtigkeit der Musik, die spielerische Heiterkeit, die nur selten und wohldosiert eingetrübt wird. Sherwoods Musik hat mancherlei Einflüsse verarbeitet, Neoklassisches ebenso wie Orientalisches. Aber die lebhafte, in den 50-er Jahren begonnene Sinfonie, das virtuose Klavierkonzert und die 1988 vollendete, luftige Sinfonietta sind durchaus kein Patchwork. Der schrullige Komponist hat dem vielfältigen 20. Jahrhundert eine kräftige, eigensinnige Stimme hinzufügt.

Gordon Sherwood: 1. Sinfonie, Klavierkonzert, Sinfonietta. cpo 777 012-2. Erhältlich nur über www.jpc.de

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Sanfter Glanz

Haitink mit Brahms’ 2. Sinfonie - CD-Rezension für die Stuttgarter Zeitung 

Vor rund drei Jahren gründete das London Symphony Orchestra sein eigenes CD-Label und bietet seitdem Konzertmitschnitte zu günstigen Preisen an – ein ungewöhnlicher Schritt, der in der von Umsatzschwäche befallenen Klassikbranche nicht nur auf Begeisterung stieß. Seitdem hat das britische Spitzenorchester ein gutes Dutzend Aufnahmen veröffentlicht, die indessen eher das Standardrepertoire von Brahms bis Elgar dokumentieren und leider kaum Neuland erschließen.

Das Doppelkonzert und die 2. Sinfonie von Johannes Brahms wurden im Mai 2003 aufgezeichnet, mit Bernard Haitink am Pult und solistisch mit Gordan Nikolitch und Tim Hugh aus dem Orchester heraus besetzt. Die große Erfahrung des niederländischen Dirigenten mit diesem Repertoire spürt man in jedem Takt, die Details werden bei auffällig langsamen Tempi sorgfältig ausmusiziert und verbinden sich dennoch zu einem sanft glänzenden Mischklang. Die weit ausgreifende Steigerung im Finalsatz der 2. Sinfonie geht Haitink mit unerschöpflicher Geduld an, riskiert dabei auch einige Längen, lässt die Blechbläser nie vordergründig schmettern, um das Ende dann umso souveräner zu gestalten. Das jagt die sprichwörtlichen Schauer über den Rücken des Hörers.

Auch technisch ist der Mitschnitt hervorragend. Man empfindet die besondere Spannung eines Live-Konzerts, ohne dass die Musik durch Publikumsgeräusche oder gar Applaus beeinträchtigt wird.  

Johannes Brahms: Doppelkonzert / Sinfonie Nr. 2, LSO Live LSO0043. Internet: www.lso.co.uk  

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Pastorale, zum dritten

Frieder Bernius dirigiert Beethoven und Kalliwoda - Rezension für die Esslinger Zeitung (Konzert am 07.02.04)

Ein wenig lang war es zwar, das Konzert von Frieder Bernius und seinem Barockorchester Stuttgart im ausverkauften Konzertsaal der Musikhochschule. Zumal das Programm auf dem Papier nicht viel Abwechslung versprach: Zwei Mal Beethoven (Tripelkonzert und 6. Sinfonie) und der weitgehend unbekannte, von Bernius geschätzte Johann Wenzel Kalliwoda mit seiner 6. Sinfonie von 1843 als gewichtigem Auftakt. Langweilig wurde es nicht – Bernius animierte sein Orchester zu außerordentlich lebendigem Spiel und besaß mit dem Klang der Originalinstrumente eine Trumpfkarte, die stach: Beethovens beliebte „Pastorale“, die den Stuttgarter Konzertfreunden 2002 von Roger Norrington und kürzlich von Gabriel Feltz aufgetischt wurde, klang unter Frieder Bernius Stabführung in kleiner Orchesterbesetzung frisch und feinsinnig. Bernius gestattete den Streichern den vollen Ton, ließ die Holzbläser klar hervortreten und gestaltete die langsamen Steigerungen wie auch die blockhaften Kontraste mit klassischem Ebenmaß. Seine Musikerinnen und Musiker durften ganz zu Recht im jubelnden Schlussapplaus baden.

Auch an Johann Wenzel Kalliwoda, der von 1822 bis 1866 dem Fürsten in Donaueschingen als Hofkapellmeister diente und nach Meinung von Frieder Bernius als regionale Größe gewürdigt werden muss, hatten Dirigent und Orchester hörbaren Spaß. Seine 6. Sinfonie ist nicht extravagant, aber solide: Gute-Laune-Musik auf hohem Niveau und in gewisser Weise pädagogisch. Man hört nämlich sehr gut, wie die Musik gemacht ist, zumal in der sehr klaren Wiedergabe durch das Barockorchester Stuttgart.

Romantische Sauce gab es auch in Beethovens Tripelkonzert nicht, einem seltsamen Werk für Violine, Cello, Klavier und Orchester, das kein virtuoses Solokonzert ist, sondern an die Tradition von Concerto grosso und Sinfonia concertante anknüpft, die drei Solisten also überwiegend als Gruppe dem Orchester gegenüber stellt. Im ersten Satz hielten sich Christine Schornsheim am Hammerklavier und die beiden ansonsten im Orchester eingesetzten Musiker Benjamin Hudson (Violine) und Juris Teichmanis (Cello) auffällig zurück – womöglich musste man sich erst zusammenspielen, oder es lag an der Akustik, die den feinen Klang der alten Instrumente nicht so recht übermitteln wollte. Mittelsatz und Finale jedenfalls brachten wieder schönstes Beethoven-Glück.

www.musikpodium.com

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Der Star und sein Meister

Nigel Kennedy spielt und inszeniert Vivaldi - Rezension für die Esslinger Zeitung (Konzert am 15.02.04)

Der Star lässt sein Publikum warten. Fünf Minuten nach acht nimmt „Das Collegium“ auf der Bühne des Stuttgarter Beethovensaals Platz, nach weiteren spannungsreichen Momenten erscheint Nigel Kennedy, der freundliche Rabauke, den der bürgerliche Konzertbesucher gerade noch so als Schwiegersohn akzeptieren würde – schließlich kaufen Punks eher selten Klassikplatten, selbst wenn auf dem Cover ein vermeintlich Seelenverwandter erscheint.

Dann komplimentiert Nigel seinen Freund und Oboensolisten Albrecht Mayer auf die Bühne, der sich immerhin einen Nadelstreifenanzug traut und sich damit vom seriös im Frack musizierenden „Collegium“ abhebt, einem exzellenten Ensemble aus Mitgliedern der Berliner Philharmoniker samt Verstärkung durch Cembalo und Laute. Kennedys Konzertkleidung hingegen zitiert aus der Konvention gerade noch die Schwarz-Weiß-Zusammenstellung – und aus der Entfernung fragt man sich bange, ob die Cargo-Hose womöglich an der heikelsten Stelle einen Riss hat. (Hat sie nicht.)

Nachdem Kennedy dann auch noch die angeblich vergessenen Noten aus der Garderobe geholt, das solchermaßen aufgewärmte Publikum unwiderstehlich charmant begrüßt und seine „monster friends“ aus Berlin vorgestellt hat, kommt die Musik zu ihrem Recht.

Das tut sie tatsächlich, denn Nigel Kennedys im gerammelt vollen Beethovensaal geradezu euphorisch bejubelte Lockerheit – er nennt das Konzert ganz ungeniert „the show“ - ist nur die eine Seite der Medaille. Der Stargeiger, eine Ikone der gebeutelten Klassikindustrie, weil er rekordträchtige Verkaufszahlen erreicht und die größten Säle füllt, erkennt in Vivaldi durchaus seinen Meister an. Er spielt nicht immer ganz sauber, der Ton seines Instruments mag etwas matt sein – aber er vermittelt etwas, das Vivaldi sicher nicht fremd war: Spaß an der Musik. Kennedy und die philharmonische Auswahl können es sich sogar leisten, den Publikumswunsch nach schnellerer Wiederholung eines Konzertsatzes herauszukitzeln, und sie amüsieren sich dabei prächtig. Dass er den Applaus zwischen den Sätzen ebenso provoziert wie die stehende Ovation für sein Begleitensemble – wir wollen es ihm nachsehen. Im ersteren Fall befindet er sich in guter Gesellschaft mit dem Stuttgarter Fixstern Sir Roger, und das „Collegium“ hatte die Zuwendung ohnehin verdient. Die schönsten Momente des Konzerts waren indessen die kostbaren langsamen Sätze. Wenn er den Ton fast verlöschen ließ, das Drumherum zu vergessen schien, war der noch immer junge Wilde vielleicht ganz bei sich. Und hat dann bestimmt nicht an „the show“ gedacht.

www.nigelkennedy.de

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Stimmkunst als Markenzeichen

Portraitkonzert für Dieter Schnebel in Cannstatt - Rezension für die Esslinger Zeitung, Konzert am 13.02.2004

Er wolle die Tradition bewahren und sie weiterreichen, sagte der Komponist Dieter Schnebel im Gespräch mit Ewald Liska in der Cannstatter Lutherkirche. Das Gotteshaus bot einen spannungsvollen Rahmen für das Portraitkonzert im Rahmen der Reihe „Musik am 13.“ samt Verleihung des Preises der Stiftung Bibel und Kultur. Das Programm kombinierte geistliche Werke Schnebels mit Stücken, die aus Improvisation und Sprachvirtuosität wachsen.

Damit sind zwei Fixpunkte in Leben und Werk des 1930 im Badischen geborenen Theologen, Lehrers und Komponisten markiert. Die Bibel habe ihn sein ganzes Leben lang begleitet, sagte Schnebel, prägnant und in Kürze für den vom ehemaligen bayerischen Kultusminister Hans Maier überreichten Preis dankend. Aus dieser Beschäftigung sind zahlreiche sakrale Kompositionen hervorgegangen, darunter die großformatige „Dahlemer Messe“ zum Berlin-Jubiläum 1987, bei der ihn der Senator ausdrücklich dazu aufgefordert habe, „aus dem Vollen zu schöpfen“, wie Schnebel erzählte – selige Zeiten, diese Achtziger.

Den geistlichen Teil des Komponistenportraits in der Lutherkirche verantwortete der Cannstatter Kantor Jörg-Hannes Hahn, der seinen Kammerchor Cantus Cannstatt in Schnebels komplexen Werken „AMN“ und „Motetus“ zu hoch konzentriertem, über normalen Chorgesang weit hinaus reichendem solistischen Einsatz führte. Als Organist begleitete Hahn Daniel Gloger im „Lamento di Guerra“, einem Werk, das Dieter Schnebel unter dem Eindruck der Kriege am Anfang der 90-er Jahre schrieb. Der Sänger muss hier seine kultivierte Altus-Stimme durch Brusttöne ebenso ergänzen wie durch Geräusche, Klagelaute und todesnahes Röcheln.

Die außergewöhnliche und vor einigen Jahrzehnten äußerst provokante Behandlung der menschlichen Stimme durch Dieter Schnebel ist sein Markenzeichen, insbesondere in den „Maulwerken“, die Schnebel um 1970 in mehreren Abschnitten komponierte. Hier lässt der Komponist die Mitwirkenden an der ganz langen Leine agieren. Ewald Liska und sein Ensemble ExVoco – für diesen Abend holte er sich Monika Meier-Schmid und Berthold Schmid hinzu – dürfen, unterstützt von Tontechnik und Originaldias aus der Entstehungszeit, sich mannigfaltigen Atemgeräuschen, Kehlkopftönen, Zungenkunststücken und Mundbewegungen hingeben – deren Wirkung zwischen Humor und dem Überschreiten der Ekelgrenze nicht immer genau zu verorten ist.

Dieter Schnebels besonderes Verhältnis zur menschlichen Stimme kann im besten Fall alles sein: witzig, anrührend, erschütternd und subversiv. Der Komponist hebt in den meisten seiner Stücke die Grenzen der fest gefügten Werkgestalt auf und erschwert damit wohlmeinende Erklärungsversuche – nicht umsonst kehrte in seinen eigenen, sympathisch-behäbig gegebenen Erläuterungen immer wieder eine Frage wieder: „Wie soll ich sagen?“.

www.musik-am-13.de   
www.bibelundkultur.de 

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Der Humor, dem nicht zu trauen ist  

Die Stuttgarter Philharmoniker mit Oppitz und Weller - Rezension für die Stuttgarter Zeitung (Konzert am 20.01.04)

Die Zeit ohne Generalmusikdirektor nutzen die Stuttgarter Philharmoniker für einen Zyklus der Beethoven-Sinfonien unter wechselnder Stabführung. Der rauschende Jubel, den der künftige Chef Gabriel Feltz kürzlich mit der „Pastorale“ ausgelöst hatte, wollte sich bei der aktuellen Brahms-Beethoven-Kombination unter Walter Weller im so gut wie ausverkauften Beethoven-Saal allerdings nicht wieder einstellen.

Dietmar Holland hat bemerkt, in Beethovens 8. Sinfonie finde sich ein Humor, dem nicht zu trauen sei: Beethoven spielt mit den Hörerwartungen des Publikums. Die musikalische Form wird feinsinnig variiert, der "richtigen" Endung bestimmter kompositorischer Verläufe bewusst ausgewichen. Im Finale droht die Struktur gar zu zerfallen, am Ende scheint Beethoven sich selbst und seine ausgedehnten Schlussformeln zu parodieren. Walter Weller, den Philharmonikern als Ehrendirigent verbunden, ging die Achte jedoch allzu behäbig an, um diese spezielle Qualität des Werks ausspielen zu können. Breite Tempi und schwerfällige Akzente hoben die Interpretation nicht über den philharmonischen Durchschnitt hinaus.

Vielleicht wirkte Brahms über die Pause hinweg zu stark nach – gerade bei der Kombination des schwergewichtigen 1. Klavierkonzerts mit Beethovens sinfonischem Augenzwinkern hätte sich das Wagnis gelohnt, die konventionelle Programmfolge einfach mal umzudrehen. Johannes Brahms hat sich mit dem großformatigen Werk jahrelang gequält, darin eine Annäherung an die sinfonische Form angestrebt, ohne den Anspruch des virtuosen Solokonzerts aufzugeben. Walter Weller ging auch hier recht maßvoll ans Werk, setzte eher auf musikalische Einheit als auf Kontraste. Mit Gerhard Oppitz hatte der Dirigent einen Pianisten an seiner Seite, der seine reiche Erfahrung und ungebrochene Kraft ganz ohne Getue einzusetzen weiß. Ihm steht das Virtuose ebenso wie das Lyrische zu Gebote, er kann ironisch sein und auch mal den breiten Pinsel nehmen. Das Orchester war bei Brahms in seinem Element: Samtig tönten die Streicher, frisch das Holz, ordentlich das Blech.

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Auftakt zu den Flitterwochen

Musikalische Naturkunde im Konzert der Stuttgarter Philharmoniker - Rezension für die Stuttgarter Zeitung (Konzert am 08.12.2003)

Alles habe sich bestens gefügt, meint Bernd Stille, Intendant der Stuttgarter Philharmoniker, und freut sich darüber, dass er ab der nächsten Saison wieder einen Chefdirigenten an seiner Seite hat. Zwar hätte Gabriel Feltz Beethovens Pastorale und die Alpensinfonie von Richard Strauss in jedem Fall auch als Gast dirigiert. Dass dieser Abend nun sein erster als designierter Generalmusikdirektor war, erwies sich als Glücksfall. Der Blick aufs Standardrepertoire (Beethoven) sowie Sinn und Handwerk für das Außergewöhnliche (Strauss) waren zu verdeutlichen, und das mit Feltz als alleinigem Mittelpunkt, denn die Dimensionen der einstündigen Alpensinfonie erübrigen die Frage nach einem mitgereichten Solokonzert.

Die Kombination der naturkundlichen Sinfonien von Beethoven und Strauss war allerdings keine Idee des Dirigenten, sondern geht auf Konzeption und Vorlieben des Intendanten zurück. So ließ Stille die Philharmoniker, die dieses Werk in ihrer mehr als 75-jährigen Geschichte noch nie gespielt haben, sich ordentlich strecken und sorgte für die nötige Verstärkung – schließlich verlangt die Alpensinfonie nebst Spezialitäten wie Windmaschine und Kuhglocken vor allem eine aufgestockte Bläsergruppe.

Wie gut, dass Gabriel Feltz schon im zarten Alter in Liebe zu dem von Wissenschaft und Musikbetrieb eher ungeliebten Werk entflammte, mit dem Richard Strauss zwischen 1911 und 1915 die pompöse Reihe seiner sinfonischen Dichtungen auf die Spitze trieb und abschloss. Dass er das Stück allerdings nicht naiv betrachtet, machte die Aufführung in der Liederhalle deutlich. Die Alpensinfonie ist mehr als ein verspätetes Relikt aus dem 19. Jahrhundert, sie weist an einigen Stellen weit in die Moderne, in eine Richtung, die Strauss allerdings selbst nicht mehr einschlug. Schon die suchenden – im Konzert etwas verwackelten – ersten Takte bilden eine diffuse Klangwolke, die nicht weit von den Clustern der Neuen Musik entfernt ist. Gabriel Feltz organisiert das vom Pult aus sehr sorgfältig und bleibt auch im bald folgenden Getöse nüchtern. Er hält die Spannung, agiert gegenüber dem Orchester mal kumpelhaft, mal streng, feuert Streicher und Holzbläser - größte Aktivposten der Philharmoniker – zu Hochleistung an und lässt mit etwas Verspätung auch das Blech gemeinsam mit Richard Strauss den Gipfel an Glanz und Lautstärke erreichen.

Das war spektakulär und wurde zu Recht bejubelt – die Duftmarken indessen setzt man in Stuttgart nicht so sehr mit Richard Strauss, wohl aber mit Beethoven. Feltz’ Pastorale war eine flotte Angelegenheit, er initiiert einen ungewohnt hellen Streicherklang, gliedert Dynamik und Tempi klar, zuweilen fast blockhaft, dirigiert deutlich, ohne den Effekt auf Orchester und Publikum zu vernachlässigen. Die Ausrichtung auf den forschen neuen Chef ist für die Philharmoniker ein Prozess und noch kein Zustand. Jedenfalls wirkte das Orchester sehr munter in dem Bemühen, es Feltz recht zu machen. Die Flitterwochen haben begonnen.

www.stuttgart.de/philharmoniker  

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Anspruchsvolles Geburtstagsständchen

Tabea Zimmermann und Hartmut Höll im Mozart-Saal - Rezension für die Stuttgarter Zeitung (Konzert am 6. Dezember 2003)  

Ein besonderes Geburtstagsgeschenk dachten sich die Bratschistin Tabea Zimmermann und ihr Klavierpartner Hartmut Höll aus: Sie widmeten ihr Konzert im Mozart-Saal der großen Elisabeth Schwarzkopf, die am Dienstag 88 wird. Dass die Sopranistin selbst Bratsche spielte, bevor sie Gesang studierte, ließ sich Höll nicht zwei Mal sagen – und die Freude der legendären Sängerin an Musik und Blumenstrauß war nicht zu übersehen. Das Programm war indessen kein harmloses Ständchen, sieht man von den unterhaltsamen Stücken Fritz Kreislers ab, die die ausgefeilte Balance des Abends störten. Vielleicht waren die Interpreten mit ihrer Entscheidung für Kreisler selbst nicht glücklich – jedenfalls spielten sie die sechs Belanglosigkeiten unter ihrem eigentlichen Niveau.

Dmitri Schostakowitschs tiefernste Sonate für Viola und Klavier ließ nach der Pause den Fehlgriff vergessen. Das 1975 als letzte Komposition des Russen entstandene Werk, dessen klassische Satzbezeichnungen nur noch Maskierung für eine klar strukturierte und doch geheimnisvolle Folge von musikalischen Gedanken sind, fordert von Interpreten und Hörern höchste Konzentration. Schostakowitsch hat nur je eine Sonate für Violine, Bratsche und Cello geschrieben, und er wusste auch dem meist unterschätzten mittleren Streichinstrument vielfältigen Klang und Ausdruck abzugewinnen.

Dass die Bratsche – zumal in den Händen einer großartigen Musikerin wie Tabea Zimmermann – ebenso sinnlich wie dramatisch glühen kann, erlebte das beeindruckte Publikum auch in Rebecca Clarkes Viola-Sonate von 1919. Die zu Lebzeiten als Musikerin und Komponistin erfolgreiche Engländerin verbindet romantische Hochspannung mit Einsprengseln aus Folklore und Alter Musik, hin und wieder schaut sie sogar über den Tellerrand der traditionellen Tonalität hinaus.

Für diese beiden Entdeckungen hatten sich Tabea Zimmermann und Hartmut Höll mit Mozarts G-Dur-Sonate aufgewärmt – die eigentlich der Violine gehört. Zimmermann spielte das auf ihrer Bratsche, als müsste es so sein – und gewann dem reizvoll abgedunkelten Werk sogar noch eine Dimension hinzu.

www.hugo-wolf-akademie.de  
www.ks-gasteig.de/tabea.htm    
www.rebeccaclarke.org  

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Ein glänzender Abend

Peter Eötvös am Pult des Radio-Sinfonieorchesters Stuttgart - Rezension für die Esslinger Zeitung (27.11.2003)

Dass die Klangkörper des öffentlich-rechtlichen Rundfunks sich immer stärker in den kommerziellen Konzertbetrieb integriert haben, ist wohl eine unumkehrbare Entwicklung. Ihr Auftrag, sich dem Unbekanntem und vor allem und immer wieder dem Neuen zu widmen, Werke jenseits des gängigen Repertoires durch Aufführungen und Einspielungen zugänglich zu machen und dauerhaft zu dokumentieren – dieser noch immer gültige Auftrag sorgt heutzutage weder für große Publicity noch für regen Publikumszuspruch.

Das Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des Südwestrundfunks macht denn auch vor allem durch den inzwischen sprichwörtlichen „Stuttgart Sound“ von sich reden, mit dem Sir Roger Norrington den Klangkörper in der deutschen Orchesterlandschaft prominent und individuell platziert hat. Für das Neue sind im Gefüge des SWR eher die Kollegen aus Baden-Baden zuständig.

Dafür, dass diese öffentliche Wahrnehmung sich nicht allzu sehr verfestigt, ist in Stuttgart überwiegend Peter Eötvös zuständig. Seit gut zwei Jahren ist er dem RSO fest verbunden, und dass man mit Eötvös einen Künstler am Pult hat, der als Dirigent und Komponist international gleichermaßen geschätzt ist, erwies sich beim aktuellen Konzert in der Stuttgarter Liederhalle erneut als Gewinn. Im Zentrum des Programms stand nicht das übliche Solokonzert, sondern Eötvös’ eigenes Werk „zeroPoints“. In dem 1999 entstandenen Stück, das vom Ensemble Modern bereits auf CD veröffentlicht wurde, skizziert Eötvös neun mögliche musikalische „Anfänge“, nimmt mit den 0.1 bis 0.1 betitelten Abschnitten gleichsam immer wieder Anlauf zu einem ersten Satz, den es jedoch nicht gibt. Dieses interessante Spiel überrascht mit unerwarteten Wendungen und reizvollen Klangmischungen vor allem im Schlagwerk. Wenn Eötvös seine Stücke selbst aufführt, scheint sich ihnen stets noch eine weitere Dimension zu öffnen – der dirigierende Komponist und das Orchester musizierten ebenso entspannt wie konzentriert, dabei offenbar in Respekt und Zuneigung verbunden – das tat dem anspruchsvollen Werk gut und riss immerhin einen Teil der Zuschauer zu kräftigen Bravos hin.

Andere Hörer empfanden Eötvös’ nicht übermäßig provokante Musik indessen schon als Zumutung, nach der Pause hatten sich einige Reihen gelichtet. Schade drum, denn mit Alexander Zemlinskys „Seejungfrau“ schloss ein üppig schillerndes Werk das Programm ab, dem der analytische, jegliche Kitschgefahr umgehende Zugriff von Peter Eötvös außerordentlich gut tat. Zemlinsky verknüpfte in der 1902 entstandenen, weiträumigen Kompositon Andersens Märchen mit seiner eigenen, gescheiterten Liebe zu Alma Mahler. Das groß besetzte Radio-Sinfonieorchester folgte Eötvös’ straffer, völlig uneitler und dennoch spürbar inspirierender Leitung wie schon bei den eröffnenden Vier Orchesterstücken von Bartók sehr engagiert, mit fabelhaften Abstufungen in Klang und Dynamik und aparten solistischen Leistungen. Ein im Wortsinne „glänzender“ Abend.

http://www.swr.de/swr2/faszination-musik/orchester/rso/ 

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Orchester unter Strom

Die Stuttgarter Philharmoniker mit Pedro Halffter – Rezension für die Esslinger Zeitung (08.11.2003)

Chefdirigent der Stuttgarter Philharmoniker ist er nicht geworden, der 32-jährige Spanier Pedro Halffter, der mit Simone Young und dem schließlich vorgezogenen Gabriel Feltz in der allerletzten Runde konkurrierte. Aber sein Dienstagskonzert im Beethoven-Saal bewies zweierlei: Halffter wäre ebenfalls eine sehr gute Wahl gewesen, und er scheint dem Orchester nicht gram zu sein. Der Sohn des Komponisten und Dirigenten Christobal Halffter wirkt bei seiner Arbeit meistens entspannt und freundlich, er geht konzentriert und mit sehr deutlicher Schlagtechnik ans Werk, Übertreibungen sind seine Sache nicht.

Mit diesen im besten Sinne kapellmeisterlichen Tugenden reizt Pedro Halffter das Potenzial der Stuttgarter Philharmoniker in erstaunlichem Maße aus. Ohne Taktstock dirigierte er Claude Debussys Tondichtung „Prélude à l’après-midi d’un faune“ und erreichte damit eine sehr durchsichtige und schön strukturierte Wiedergabe des Stückes. In Hochform musizierten die jungen Holzbläser, derzeit wichtigster Aktivposten des Orchesters.

Manuel de Fallas duftige „Nächte in spanischen Gärten“ verleiteten auch das Blech zu glanzvollen Steigerungen. Diese um 1910 komponierten „sinfonischen Impressionen“ mit Beteiligung eines Solo-Klaviers sind nicht ganz so exotisch angehaucht wie die wenig bekannte Fantasie „Africa“ von Camille Saint-Saëns. Das 1891 entstandene Werk ist musikalisch nicht ganz auf der Höhe seiner Zeit, aber der fulminante Schluss versöhnt mit einigen Banalitäten.

Da riss es sogar den Pianisten François-Joël Thiollier vom Hocker, der sich bei de Falla sehr souverän und im Sinne des Werkes eher bescheiden in den Orchesterklang eingefügt hatte. Erst bei Saint-Saëns konnte er den Tastenlöwen geben und tat das zur Begeisterung des Publikums.

Nach der Pause: Beethoven. In Stuttgart muss man sich inzwischen an der (fast) authentischen Spielweise messen, die Roger Norrington seinem Radio-Sinfonieorchester verordnet hat. Mit Pedro Halffter am Pult brauchen sich die Stuttgarter Philharmoniker nicht zu verstecken. Auch er schliff die Ecken und Kanten, sorgte für Kontraste und setzte vor allem die Streicher unter Strom. Das klang nicht so blank gewienert wie bei Sir Roger, aber Halffters goldenes Mittelmaß bei den Tempi und der samtig-dunkle Gesamtklang machten deutlich, dass es in Stuttgart auch außerhalb des Funkhauses hochklassigen „Sound“ gibt.

www.stuttgart.de/philharmoniker

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Erschüttert bis ins Mark

Liszts „Dante-Sinfonie“ mit dem Bruckner-Sinfonie-Orchester – Rezension für die Esslinger Zeitung (04.11.2003)

Es ist schon seltsam, wie sich eine im Grunde musikhistorische Diskussion bis in die aktuelle Konzertpraxis fortsetzt. Nach dem Auftritt des Bruckner-Sinfonie-Orchesters Stuttgart mit Franz Liszts „Dante-Sinfonie“ in der Domkirche St. Eberhard kann man sich eigentlich nur wundern darüber, dass dieses Werk eine Rarität im Musikleben geblieben ist (und, zugegeben, auch über die eigene Unkenntnis). Selbst in der kulturell hochwertigen Landeshauptstadt ist das Werk seit 1945 nur ein einziges Mal aufgeführt worden, und das ist 30 Jahre her. Aber Liszts 1854/56 komponierte Großtat nach Motiven aus Dantes „Göttlicher Komödie“ ist nun einmal ein Markstein der Programmmusik, und diese jahrzehntelang erbittert umstrittene Richtung ist bis heute nicht vom Ruch des Halbseidenen befreit.

Man kann dem Dirigenten Wolfgang G. Hofmann nur dafür danken, dass er die „Dante-Sinfonie“ dem Publikum wieder einmal vorgesetzt hat. Und das nicht nur wegen der makellosen Aufführung mit exzellenten solistischen Leistungen im groß besetzten Orchester, dem der überirdisch schöne Gesang der Mädchenkantorei St. Eberhard im dritten Satz noch einen letzten Glanzpunkt aufsetzte. Hofmann probt mit seinem aus Studenten, Profis und einigen Hobbymusikern geformten Orchester offenbar sehr effizient, denn im Konzert selbst braucht er kein Getue, um die Musikerinnen und Musiker zu blitzblankem Spiel und kühnen Steigerungen zu bewegen.

Aber diese ausgezeichnete Interpretation ist nur die halbe Miete. Es ist das Werk selbst, das ein aufmerksames Publikum noch heute bis ins Mark erschüttern kann. Man braucht nicht viel Fantasie, um sich die Verblüffung und das Unverständnis vorzustellen, mit der Liszts Zeitgenossen auf dieses Werk reagiert haben müssen, zumal der Komponist dies zu einer Zeit erfand, als Wagner und Brahms sich eher auf dem Weg als am Ziel befanden.

Dem Lisztschen Schwergewicht hatte Hofmann Mozarts frühreife Sinfonie KV 183 in einer gediegenen Interpretation vorangestellt. Im kommenden Jahr will sich das Bruckner-Sinfonie-Orchester vorwiegend seinem Namenspatron widmen – vielleicht ist danach wieder Zeit für ähnlich grandiose Ausgrabungen wie im Falle Liszt.

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Sinfonik von Aulis Sallinen

CD-Rezension für die Stuttgarter Zeitung

Finnland hat in der letzten Zeit politisch, wirtschaftlich und kulturell eine starke Dynamik entfaltet. Das Musikleben des Landes erhielt vor zehn Jahren durch die Eröffnung der neuen Oper in Helsinki einen starken Impuls. Aulis Sallinen schrieb zu diesem Anlass ein neues Bühnenwerk („Tapiola“), was die Autorität des 1935 Geborenen als wichtigster Komponist Finnlands bestätigte.

Sallinen entschied sich früh für die konventionelle Tonalität als Arbeitsprinzip und entfernte sich damit von der musikalischen Avantgarde.

Das risikofreudige Label cpo stellt nun die erste CD aus der geplanten Gesamtaufnahme der Sinfonien von Aulis Sallinen mit Orchestern aus Schweden und Deutschland vor. Hier spielt die Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz unter Sallinens Landsmann Ari Rasilainen, und sie tut das absolut erstklassig.

Sallinens Erstling ist mittlerweile 30 Jahre alt, die damit gekoppelte 7. Sinfonie entstand 1995/96. Hinzu kommen die streicherlosen „Chorali“ und die „Festliche Ouvertüre“, ein Auftragswerk des Fürsten von Monaco, das später als Einleitung zu Sallinens Oper „König Lear“ diente. Es ist interessant zu hören, wie der Komponist in seinen frühen Jahren noch im Schatten des großen Sibelius zu stehen scheint. Seine gediegene Instrumentationskunst lässt die 1. Sinfonie üppig und ausladend daherkommen, während die Siebte für das späte Schaffen Sallinens steht, mit dem sich der Komponist vom vermeintlich „typisch Finnischen“, also Schwermütigen, zu Gunsten einer schlankeren Orchesterbehandlung emanzipierte.

Aulis Sallinen: Symphonies 1 and 7 / A Solemn Overture (King Lear) / Chorali. cpo 999918-2, erhältlich über www.jpc.de

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Kurzweilig und anspruchsvoll

Die Budapest Strings im Mozart-Saal - Rezension für die Stuttgarter Zeitung (25.10.2003)

Wenn Bartók und Janácek die ältesten Komponisten eines Konzertprogramms sind, zeugt das vor allem für ein Gastorchester von beträchtlichem Mut, zumal die Budapest Strings neben diesen beiden halbwegs populären Namen nicht nur Neueres, sondern auch weitgehend Unbekanntes in den Mozart-Saal mitbrachten. Mit Werken von Sándor Veress, Ferenc Farkas und Jean Francaix setzte das 17-köpfige Streicherensemble, verstärkt durch eine Harfenistin und den Oboisten Lajos Lencsés, auf die Entdeckerfreude des Stuttgarter Publikums.

Es wurde indessen kein Abend der schwierigen Zeitgenossen. Farkas und Veress, 1905 und 1907 geboren, stehen für eine maßvolle Moderne unter dem Einfluss des großen Béla Bartók. Ihre Kompositionen finden Orientierung an folkloristischen Elementen und Einflüssen alter Musik. Sie sind dennoch sehr eigenständig, dabei auch in reiner Streicherbesetzung äußerst farbenreich. Der notorisch unterschätzte Jean Francaix hingegen verwandelte die sprichwörtliche „clarté“ französischen Denkens in Töne, unbekümmert darüber, dass er sich damit innerhalb der Musik des 20. Jahrhunderts abseits stellte.

Die kleine Besetzung der Budapest Strings mit ihrem sehr sorgfältigen, im Programmheft ungenannt bleibenden Konzertmeister an der Spitze verbindet solistischen Ehrgeiz mit gediegenem Ensemblespiel. Der wunderbar homogene Klang wurde in der abschließenden Streichersuite des jungen Leos Janácek einzig durch Polizeisirenen von draußen gestört – während sich bei Sándor Veress’ das Konzert eröffnenden Transsylvanischen Tänzen der Oboist Lajos Lencsés nebenan recht unkollegial eingespielt hatte.

Lencsés gestaltete die drei übrigen Werke des Programms als Solist und Bearbeiter mit. Bartóks skizzenhafte, kühl melancholische Volksweisen arrangierte er ebenso routiniert für Oboe und Streicher wie drei Stücke aus Francaix’ Oper „La princesse de Clèves“. Insgesamt ein kurzweiliger und gleichermaßen anspruchsvoller Abend.

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Naivität und Gefühl

Helmuth Rilling entdeckt Mendelssohns Bühnenwerke - Rezension für die Esslinger Zeitung (19.10.2003)

Vier Appetithäppchen reichte Helmuth Rilling im zweiten Teil seines Konzertes in der Liederhalle. Gemeinsam mit Solisten, der Gächinger Kantorei und dem Radio-Sinfonieorchester Stuttgart stellte der Dirigent Auszüge aus Felix Mendelssohn Bartholdys Oper "Der Onkel aus Boston" vor. Das Werk ist seit der privaten Erstaufführung im Februar 1823 überhaupt nicht mehr auf die Bühne gelangt. Beim Europäischen Musikfest 2004 will die Bachakademie Stuttgart das im Theaterhaus nachholen.

Es ist nämlich nicht so, dass Mendelssohn die Gattung Oper überhaupt nicht interessiert hätte. Als ganz junger Komponist hat er mehrere Operntexte vertont und die Ergebnisse einem geneigten Zuschauerkreis im privaten Rahmen vorgestellt. Mit der ersten öffentlich aufgeführten Oper unter dem Titel "Die Hochzeit des Camacho" indessen fiel er 1827 bei Publikum und Presse durch und brachte es fortan nicht mehr über sich, ein Bühnenwerk zu vollenden.

Wie so oft neigt man heute dazu, diesen Misserfolg nicht der Musik, sondern dem Libretto zuzuschreiben. Das Qualitätsgefälle dieser Komponenten hat zwar beispielsweise bei Beethovens "Fidelio" den seit zwei Jahrhunderten währenden Erfolg nicht verhindert. Mendelssohns frühe Bühnenversuche peilten allerdings nicht die große humanistische Aussage oder die romantische Gefühlstiefe an. Auch die hin und wieder zu hörende "Heimkehr aus der Fremde" von 1829, die Helmuth Rilling in voller Länge im ersten Teil des Konzerts vorstellte, ist eine überwiegend harmlose, ja biedere Angelegenheit, dabei dem Anlass gemäß: Mendelssohn schenkte die Aufführung dieses "Liederspiels" 1829 seinen Eltern zur Silberhochzeit. Dass die Dialoge des Mendelssohn-Freunds Karl Klingemann dem Stuttgarter Publikum vorenthalten wurden, war kein großer Verlust. Andreas Bombas eigens verfasste Zwischentexte, von Stefan Müller-Ruppert launig vorgetragen, verpackten die sprachlichen Nichtigkeiten der Gesangsnummern in sanfte Ironie, ohne das Werk im Ganzen zu denunzieren.

Die Ausführenden hatten an Mendelssohns jugendlicher Idylle sicht- und hörbar ihre Freude. Vor allem der Sopranistin Juliane Banse gelang es, Naivität mit tiefem Gefühl anzureichern. Makellos sang sie ihre große, Beethovens "Fidelio" inhaltlich und musikalisch überraschend nahe Arie aus dem "Onkel aus Boston" - und widerlegte damit überzeugender als jede theoretische Argumentationskette das Vorurteil von Mendelssohns Oberflächlichkeit.

www.bachakademie.de

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Prächtige Stimmen

The Powers of Heaven. Orthodoxe Musik des 17. und 18. Jahrhunderts. Harmonia mundi 907318. - CD-Rezension für die Stuttgarter Zeitung.

Die zweite gemeinsame Aufnahme von Paul Hillier und dem Estnischen Philharmonischen Kammerchor lohnt sich für den Hörer doppelt: Einmal dokumentiert die Einspielung das hohe Niveau der Chormusik Estlands, dessen Einwohner für ihre Sangesbegeisterung bekannt sind - der vor gut 20 Jahren von Tonu Kaljuste gegründete Chor, weit in der Welt herumgekommen und seit 2001 unter Hilliers Leitung, singt prächtig vom ersten bis zum letzten Ton. Zweitens erschließt die Einspielung eine hierzulande wenig bekannte Nische der Musikgeschichte. Der ursprünglich schlichte Vokalstil der orthodoxen Kirchenmusik wurde nach und nach durch „westliche“ Mehrstimmigkeit erweitert. Peter der Große trieb diese Entwicklung durch die kulturelle Öffnung Russlands voran. Beispielsweise brachte der Italiener Baldassare Galuppi während  seiner russischen Jahre um 1765 Elemente der venezianischen Musik mit den schönen altslawischen liturgischen Texten zusammen. In der Folge vermittelten dann auch einheimische Komponisten wie der aus der Ukraine stammende Dimitri Bortnjanski zwischen westlichem Einfluss und orthodoxer Tradition. Sie brachten die Form des „Geistlichen Chorkonzerts“ zur Vollendung – ein vielfältiges Vokalstück für exponierte Stellen der Liturgie. Die Verbindung von Ost und West, die sich hier musikgeschichtlich eindrucksvoll manifestiert, findet in der fruchtbaren Zusammenarbeit des Briten Paul Hillier mit den baltischen Sängern eine schöne aktuelle Entsprechung.

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Taten statt Klagen

Frieder Bernius und seine Ensembles sind in der neuen Konzertsaison besonders aktiv - Beitrag für die Esslinger Zeitung

Jammern wollte Frieder Bernius bei der Vorstellung seiner neuen Konzertsaison nicht. Er hat gehandelt: Mit der Umstellung der Festtage Alter Musik vom jährlichen Turnus auf zweijährigen Abstand und dem „Sommernachtstraum“ auf Schloss Solitude, den Bernius durchaus als anspruchsvollen „Event“ verstanden wissen will, ist das Musikpodium als Projektbüro von Kammerchor und Barockorchester Stuttgart der schwankenden finanziellen Lage durch Taten begegnet. Ob der Wechsel zwischen Festival in der Innenstadt und sommerlichem Großereignis auf der Solitude so bestehen bleibt, ist indessen noch nicht ganz klar. Bernius und sein Projektleiter Joseph Liebl, seit kurzem verstärkt durch die neue Ensemblemanagerin Fee Schlennstedt, wollen zunächst einmal die in „Stuttgart Barock“ umbenannten Festtage unter dem Motto „Bach und Söhne“ im April 2004 abwarten, die große Namen wie Emma Kirkby und Jordi Savall aufbieten.

Vor 35 Jahren gründete Bernius als Schulmusikstudent den Kammerchor Stuttgart. Ausgewählte Mitglieder dieses Ensembles gestalten gemeinsam mit Gästen den Saisonauftakt am 26. Oktober in der Musikhochschule. Neben originaler Vokalmusik von Monteverdi und Scarlatti will Frieder Bernius Bearbeitungen von Clytus Gottwald vorstellen, dessen Arbeit er sehr schätzt: „Seine Einrichtungen gerade der Musik des 19. Jahrhunderts für Vokalensembles bereichern das Repertoire ungemein“, sagt der Dirigent. Am 7. Februar wird Beethovens „Pastorale“ der 6. Sinfonie von J. W. Kalliwoda gegenübergestellt – einem nach Bernius zu Unrecht verkannten Komponisten, der gerade im Badischen wichtige Arbeit auch als Kapellmeister geleistet habe. Mit der Beethoven-Aufführung setzt sich der Dirigent bewusst dem Vergleich mit seinem Kollegen Sir Roger Norrington aus – dessen „Kompromiss“, das Radio-Sinfonieorchester an den authentischen Klang heranzuführen, lasse auch in Stuttgart durchaus noch Raum für Interpretationen mit Originalinstrumenten.

Für den 11. März plant Bernius die Wiederbegegnung mit Bachs h-Moll-Messe, die er höher schätzt als die Passionen und „alle vier, fünf Jahre“ ins Programm nimmt. „Gespannt“, aber wohl auch skeptisch ist der Dirigent hinsichtlich der viel diskutierten Akustik in der Stiftskirche, wo dieses Konzert stattfinden wird.

Nach dem Abschluss von „Stuttgart Barock“ werden Bernius und seine Ensembles in der Landeshauptstadt nicht mehr zu erleben sein – „im Sommer besteht hier kein Interesse“, sagt der Dirigent. Stattdessen geht er mit Kammerchor und Barockorchester auf Reisen und gastiert bei mehreren Festivals. Aber auch die Stuttgarter Konzerte werden andernorts gespielt, meist sogar mehrfach. Diese Gastspiele von Paris bis Innsbruck sind als Einnahmefaktor unverzichtbar, dienen aber ebenso der Pflege des guten Rufs von Kammerchor und Barockorchester, der durch den renommierten französischen Schallplattenpreis „Diapason d’Or“ für die Einspielung des Mozart-Requiems gerade erst bestätigt wurde. Mit dem Oktober-Programm reisen Bernius und sein Kammerchor u. a. nach Finnland und Kanada, die Sinfonie von Kalliwoda will der Dirigent an dessen Wirkungsstätten in Donaueschingen und Karlsruhe vorstellen. Im Juni 2004 wird Bernius mit der Kammerphilharmonie Bremen und Damen des Kammerchors Stuttgart bei den Dresdner Musikfestspielen den „Sommernachtstraum“ wiederholen, und zwar mit allen Schikanen – die Schauspielmusik ist Teil einer szenischen Aufführung der berühmten Bremer Shakespeare Company.  

www.musikpodium.com

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Ordentlich ist nicht genug

„Mozart pur“ bei den Philharmonikern - Rezension für die Stuttgarter Zeitung (Konzert am 12.10.2003)

Dass Michael Stille über ein gutes Maß an Dickhäutigkeit verfügt, weiß man nicht erst, seit der Intendant der Stuttgarter Philharmoniker im aktuellen Saisonprospekt mit einem Elefanten posierte. Diese Qualität kam ihm gerade wieder zugute, denn knapp vor dem letzten Konzert in der Liederhalle wurde er mit zwei krankheitsbedingten Absagen konfrontiert. Es verdient Respekt, dass das Auftaktprogramm der Reihe „Wiener Klassik“ – der Musikstadt Prag und ausschließlich Mozart gewidmet – erhalten blieb, obwohl Solistin und Dirigent ersetzt werden mussten. Vor allem der eingesprungene Dirigent Matthias Foremny, ein junger Mann mit geradliniger Kapellmeisterkarriere bis zum Chefposten in Schwerin, hatte es jedoch schwer. Bei einem reinen Mozart-Programm einen erfahrenen Spezialisten wie Bruno Weil zu vertreten, erfordert Courage und Selbstbewusstsein, zumal Foremny erstmals die Philharmoniker leitete. Auch der Wechsel beim Pianisten brachte einen Generationssprung mit sich: Für Marie-Luise Hinrichs kam der Franzose Jonathan Gilad, der mit gut 20 schon auf eine beachtliche Laufbahn zurückblicken kann.

„Mozart pur“ ist auf den ersten Blick eine nette Sache, birgt aber allerhand Gefahren. Erst recht unterstreicht die Kombination drei reifer und recht bekannter Werke – Giovanni-Ouvertüre, d-Moll-Klavierkonzert und Prager Sinfonie – die Tendenz zur Gleichförmigkeit. So eintönig, wie Foremny und die Philharmoniker die Ouvertüre zum „Don Giovanni“ angingen, muss es allerdings dann doch nicht sein. Das Bedrohliche der langsamen Einleitung, die eigentlich scharfen Kontraste im schnellen Teil – alles wurde zu einer sämigen Sauce mit bedenklichen Nachlässigkeiten verrührt. Auch im Klavierkonzert neigte der Dirigent zum Gefälligen - und der Pianist zum Romantischen. Die Kadenz im 1. Satz ging Gilad dann plötzlich so virtuos und donnernd an, als wolle er die bis dahin vermissten Funken auch aus dem Orchester schlagen – was nur in Maßen gelang. Die Prager Sinfonie gestaltete Foremny dann endlich energischer, ebnete aber auch hier die filigranen Strukturen zu oft ein. Dass alle ihre Arbeit ordentlich verrichten, ist für Mozart eben nicht genug.

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Flexibler Nachwuchs

Ein Besuch bei den Stuttgarter Hymnus-Chorknaben (Beitrag für das Journal des Europäischen Musikfest Stuttgart)

In schönster Aussichtslage auf den Killesberg residieren sie, die Stuttgarter Hymnus-Chorknaben, und zwar nicht etwa in einer ehemaligen Schule, sondern in einem Anfang der 70-er Jahre in Auftrag gegebenen Neubau vom späteren Olympia- und Bundestagsarchitekten Guenter Behnisch. Das zeigt Stolz und Selbstbewusstsein, und tatsächlich hat sich der Knabenchor, dessen Träger die Evangelische Gesamtkirchengemeinde Stuttgart ist, seit seiner Gründung im Jahr 1900 zum gefragten Ensemble entwickelt. In einem Internat, wie bei manchen anderen Knabenchören, leben die rund 200 Jungen und jungen Männer (denn Tenöre und Bässe gibt es auch) aber nicht. Zwei Mal in der Woche ist regelmäßig Probe, hin und wieder gibt es Sondertermine, ansonsten wohnen die Hymnus-Knaben zu Hause, gehen auf verschiedene Schulen und pflegen dort ihre Freundschaften.

 »Manchmal wundern sich die Mitschüler schon«, gibt Franz zu, der gerade 14 geworden ist und (noch) Sopran singt. Klassische Musik ist eben nicht unbedingt cool unter Jugendlichen, aber davon lässt er sich nicht beirren. Franz hat schon als Kind mit dem Großvater gesungen, spielt seit der 1. Klasse Posaune und wurde bei einem von Chorleiter Hanns-Friedrich Kunz arrangierten Vorsingen in seiner Schule für die Hymnus-Chorknaben »entdeckt«.

Früher konnte es bei bis zu sechs Proben wöchentlich recht streng zugehen - heute achten die Verantwortlichen darauf, dass auch der Spaß nicht zu kurz kommt. Während der Chorfreizeit, von der die Knaben gerade mit großem Hallo zurückgekehrt sind, wurde Fußball gespielt oder eine Nachtwanderung unternommen. Dennoch: Um einige Stunden Probe täglich kamen die jungen Sänger nicht herum. Vorbereitet wurde u.a. der Gottesdienst am letzten Tag des Europäischen Musikfests, bei dem die Hymnusianer die Bachkantate »Der Himmel lacht, die Erde jubilieret« singen werden.

Wie Franz ist auch der 13-jährige Leonard seit 1998 dabei. Inzwischen sind sie »Oldies« und gehören zum so genannten C-Chor, der die großen Konzerte und Gottesdienste gestaltet. Eher hinter den Kulissen üben A- und B-Chor, in denen die Knirpse erst einmal an die musikalischen Grundbegriffe herangeführt werden und einfacheres Repertoire lernen.

Das bisher größte Erlebnis im Knabenchor war für Franz und Leo eine 10-tägige Skandinavien-Tournee (auch deshalb unvergesslich, weil auf Franz' T-Shirt die Konzerttermine aufgedruckt sind). Ein ganz anderes Abenteuer steht beiden in naher Zukunft bevor: »Ich komme schon nicht mehr ganz so hoch wie früher« - so kündigt sich der Stimmbruch an, der zunächst einmal eine Zwangspause nach sich zieht. Ob die beiden danach bei den Hymnus-Knaben als Tenor oder Bass weitermachen wollen? »Klar!«, bestätigen sie unsisono. Und noch später, was dann? »Ein Beruf mit Musik wäre schön«, sagt Franz. Leo ist nicht ganz so fest gelegt: »Vielleicht Richter. Aber Hornist oder Dirigent wäre auch toll.« Ist doch sehr flexibel, unser musikalischer Nachwuchs.

http://www.hymnus-chor.de 

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Freude und Ernst

3 aus 8: Litauen im Festivalensemble - Beitrag für das Journal des Europäischen Musikfests Stuttgart

Von den drei baltischen Ländern ist das südlichste, die Republik Litauen, hierzulande das unbekannteste. Vielleicht, weil Litauen im Gegensatz zu Estland und Lettland noch nicht den Eurovision Song Contest gewonnen hat? Bei diesem kultigen Popwettbewerb war das Land bisher wenig erfolgreich, aber in der klassischen Musik hat Litauen viel zu bieten. Allein in der Hauptstadt Vilnius, mit ihren 600.000 Einwohnern etwas größer als Stuttgart, gibt es drei große Sinfonieorchester, ein Kammerorchester und die Oper.

Die Musikhochschule in Vilnius versteht sich durchaus als Kaderschmiede für die musikalischen Profis der noch jungen baltischen Republik. Im Internet begrüßt der Rektor die Besucher in vollem Ornat und bekundet seinen Stolz darauf, dass die Mehrheit der in aller Welt tätigen und erfolgreichen litauischen Künstler in seiner Institution ausgebildet wurde. Die statistischen Verhältnisse im Stuttgarter Festivalensemble bestätigen die besondere Qualität der dortigen Studenten: An keinem anderen Ort, in dem die Bachakademie Vorspiele und Vorsingen abhielt, war die Erfolgsquote so hoch.

Acht Mal taucht der Zusatz »Litauen« in der Namensliste von Festival Chor und Orchester auf. Der 23-jährige Fagottist Zilvinas Smalys ist zum dritten Mal dabei. Zwischendurch hat er auch in London ein Jahr studiert und bekam eine Stelle im Litauischen Staatsorchester, einem Klangkörper, der eng mit der nationalen Wiedergeburt des Landes Ende der 80-er Jahre verbunden ist. Der Dirigent und Gründer des 1989 entstandenen Ensembles, Gintaras Rinkevicius, steht auch für die Öffnung des Landes zu den Nachbarstaaten: Er ist gleichzeitig musikalischer Chef der Opernhäuser in Riga und Malmö.

Zilvinas begann mit dem Fagottspiel als 13-Jähriger, vorher musizierte er auf der Blockflöte. Sein Landsmann Dainius Peseckas (19), Geiger im Festivalorchester, hatte da weniger Auswahl: Beide Eltern spielen Violine und schenkten ihm früh genug ein Instrument, um die Laufbahn festzulegen. Er ist erstmals in Stuttgart und meint, dass das Musikfest ein guter Ersatz für die verloren gegangene Sommerpause ist: »Das ist perfekt, Musik, neue Erfahrungen, und dazu ein bisschen Ferien.«

Wie Dainius und Zilvinas denkt auch Agne Svagzdyte, dass Litauens Beitritt zur Europäischen Union spürbare Auswirkungen haben wird. »Es wird vielleicht leichter, internationale Stipendien zu bekommen«, hofft die 23-jährige Geigerin, »aber der Wettbewerb in Litauen selbst wird härter werden.« Das Musikleben in einem kleinen Land findet sie im Grunde vorteilhaft (»Alle Musiker kennen sich irgendwann, und man wird auch beim Publikum leichter bekannt«), obwohl sie damit rechnet, irgendwann einmal im Ausland zu arbeiten, vielleicht noch ein Zusatzstudium anzuhängen. Agne spielt im städtischen Kammerorchester Vilnius, das nach dem Schutzpatron der litauischen Hauptstadt, dem Heiligen Christophorus, benannt ist.

Auch in Litauen hat sich die Kunde vom Stuttgarter Festivalensemble nicht nur durch Internet und Plakate verbreitet. Wie die meisten jungen Musikerinnen und Musiker haben Agne, Dainius und Zilvinas durch Freunde und Kommilitonen vom Europäischen Musikfest und seinen Möglichkeiten erfahren. Gerade in den Ländern, die vor den Toren der EU stehen, ist die Motivation, internationale Erfahrungen zu machen, besonders hoch - aber auch das Selbstbewusstsein, dass man sich auf gleicher Augenhöhe mit allen anderen Nationen befindet. Ob Roxana und Raluca aus Rumänien, Joanna und Ewelina aus Polen oder Agne, Dainius und Zilvinas - bei allen Interviewpartnern des diesjährigen Musikfest-Journals ist die Mischung aus Freude an der Musik und künstlerischem Ernst zu spüren, die grundlegend für den Erfolg ist.

Für den Eurovision Song Contest interessieren sich die drei jungen Litauer übrigens nicht. »Dann schon lieber Heavy Metal«, meint Zilvinas.

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Ein buntes Leben

Der SWR beim Musikfest - Beitrag für das Journal des Europäischen Musikfests Stuttgart am 03.09.2003  

Wenn am kommenden Sonntag fünf Sendungen vom Europäischen Musikfest den »Festlichen Radiosommer« beschließen, können Marlene Weber-Schäfer und Thomas Angelkorte, Redakteurin und Tonmeister beim Südwestrundfunk, erst einmal aufatmen. Viel Arbeit liegt hinter ihnen, denn auch für einen so großen Sender ist ein Festival wie dieses kein alltägliches Projekt.

»Als erstes zerbrechen wir uns in der Redaktion den Kopf über die Auswahl«, erzählt Marlene Weber-Schäfer. Eine Mischung von Schnipseln unter dem Titel »best of EMS« komme nicht in Frage: »Wir wollen Thematik und Dramaturgie des Musikfests abbilden und ein möglichst geschlossenes Ganzes präsentieren«, betont die Redakteurin. Am besten gefiel ihr die Kombination des Brahms-Requiems mit dem Violinkonzert von Alban Berg samt den darauf vorbereitenden Gesprächskonzerten.

Um dieses Paket im SWR2-Programm unterzubringen, hat sich Weber-Schäfer alle Musiktermine am Sonntagnachmittag gesichert. Ganz einfach war das nicht, denn normalerweise sind die Sendezeiten aufgeteilt in Mittagskonzert, Große Interpreten und eine Stunde Jazz. Aber auch beim SWR wäscht eine Hand die andere, und für Sonderprogramme wie zum Europäischen Musikfest räumen die anderen Redaktionen schon mal die sorgsam gehütete Sendezeit - spätere Gegenleistung vorausgesetzt. Die Aufzeichnung der Klavierprogramme als weiterer Schwerpunkt des Musikfests sowie, einer persönlichen Vorliebe der Redakteurin folgend, die der Liederabende von Cornelia Kallisch und Dietrich Henschel komplettieren die umfangreiche Beteiligung des Südwestrundfunks am diesjährigen Musikfest.

Alle Aufzeichnungen gehen ins sendereigene Archiv, aus dem sich auch andere ARD-Mitglieder bedienen können. Allerdings geschehe dies eher selten, sagt Weber-Schäfer, denn jeder Sender nehme mit seinen Klangkörpern und regionalen Ensembles relativ viel selbst auf. Neben Aufzeichnungen und Übertragungen von Konzerten gehören zur Aufnahmetätigkeit einer Rundfunkanstalt auch so genannte »Produktionen«, bei denen die Künstler oder Ensembles im Studio aufnehmen, ohne Publikum und mit viel Detailarbeit. Die Weiterverwertung auf CD hingegen ist bisher eher Ausnahme als Regel - wobei die viel beachtete Gründung des Labels »Faszination Musik« durch SWR und Hännsler-Verlag die Richtung zur intensiveren Vermarktung der Radioarchive vorgegeben hat.

Verglichen mit dem Großprojekt »Passion 2000« ist Evgeni Koroliovs Klavierprogramm für Thomas Angelkorte rein logistisch kein großer Aufwand. Allerdings kennt der Tonmeister den Perfektionsdrang des Pianisten aus früherer Zusammenarbeit. Auch diesmal geht es nicht ohne Nachaufnahmen ab, die die Dauer des eigentlichen Konzertes schnell überschreiten können. Vor dem Mozart-Saal steht der Ü-Wagen - einer mit analoger Technik, bei dem das Ergebnis der Aufzeichnung eine handliche DAT-Cassette ist. Beim Einsatz digitaler Technik wird direkt auf eine Festplatte gespeichert, wodurch Angelkorte bei der Weiterverarbeitung im Schnittraum viel Zeit spart. Ein Hauptmikrofon und bei großer Orchesterbesetzung mehr als 20 Stützmikrofone garantieren den Ausgleich von Gesamtklang und Detail. Unter Experten ist das Verhältnis von Haupt- und Stützmikros umstritten. Manch einer schwört auf den Grundsatz »weniger ist mehr«, aber Angelkorte betont: »Wenn Sie zu wenig Stützmikrofone verwenden, ist das, als wenn ein Film fast nur in der Totale aufgenommen würde.«

Die Tontechnik solle vor allem den individuellen Klang von Musikern und Konzertsaal abbilden, unterstreicht Angelkorte. »Die Klangbalance macht aber trotzdem der Dirigent«, betont der Tonmeister, dessen Arbeit nicht erst mit dem Aufbau der Aufzeichnungstechnik beginnt. Angelkorte besucht Proben und berät sich bei neuer Musik auch direkt mit dem Komponisten. Der kann dem Tonmeister manchmal Kopfzerbrechen bereiten: Tan Dun beispielsweise verwarf bei seiner Passion den gesamten Aufbau des Orchesters, und Angelkorte musste alle Mikrofone neu positionieren. Er ist ein Fan von Live-Übertragungen: »Das ist die größte Aufgabe und Berechtigung für den Rundfunk«, schwärmt er und freut sich, wenn er zwischen all der Ernsten und Neuen Musik auch mal wieder die SWR Big Band betreuen kann: »Das ist ein richtig buntes Leben.«

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Herbstliche Musiktage in Bad Urach mit einer Oper von Siegfried Wagner

Meldung für ddp 23.09.2003
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CD-Rezension Siegfried Wagner

Am 29. September beginnen die Herbstlichen Musiktage in Bad Urach. Das Thermalbad im Herzen der Schwäbischen Alb wird für eine Woche im Zeichen von „Richard Wagner und seinen Freunden und Epigonen“ stehen. Werke aus dem Umkreis und der Nachfolge des Bayreuther Musikdramatikers werden in mehreren Konzerten und Rahmenveranstaltungen vorgestellt.

Das Festival beginnt mit einem Vortrag des Tübinger Musikwissenschaftlers Klaus Aringer. Franz Hawlata und Soile Isokoski geben am Dienstag und Donnerstag Liederabende mit Werken von Richard Wagner und verschiedenen seiner Zeitgenossen. Schwerpunkt des Programms ist die Oper „Rainulf und Adelasia“ von Siegfried Wagner, die am Samstag, 4. Oktober in der Stadthalle Metzingen konzertant uraufgeführt wird. Das Werk Siegfried Wagners steht bis heute im Schatten seines berühmten Vaters und ist weitgehend unbekannt. In einem von Peter P. Pachl moderierten Symposium sollen Aspekte seines Schaffens am Freitag, 3. Oktober genauer beleuchtet werden.

Die Herbstlichen Musiktage wurden auf Initiative eines Bad Uracher Bürgers im Jahre 1981 von dem Bariton Hermann Prey gegründet, der das Festival bis zu seinem Tod 1998 leitete. Jedes Jahr steht ein bestimmtes Thema oder ein Komponist im Zentrum. Die Musiktage werden seit einigen Jahren von einer Stiftung getragen. Ein wichtiger Konzertort ist die Alte Festhalle, deren Architektur den Jugendstil mit regionalen Elementen verbindet.

www.herbstliche-musiktage.de

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Das Größte und Schwerste

Das Christophorus-Symphonie-Orchester probt Mahlers Sechste - Beitrag für das Musikfestjournal (EMS 2003)

Zwischen den Glastüren der Esslinger Waldorfschule rangiert ein Kleinkind mit seinem Plastiktraktor, auf der Galerie des großen Saals malt ein Halbwüchsiger schicke Jachten aus einem Quartettspiel ab. Die gewichtigen Töne von Gustav Mahler, die gleichzeitig eine Hundertschaft junger Leute unten im Saal produziert, kümmern diese beiden nicht. Das könnte sich aber bald ändern, viele der Musikerinnen und Musiker sind im jugendlichen Alter. Und Dirigent Patrick Strub, musikalischer Leiter des Christophorus-Symphonie-Orchesters, weiß zu erzählen, dass der Klangkörper - heute eine ebenso renommierte wie außergewöhnliche Institution im Stuttgarter Musikleben - inzwischen selbst für seinen Nachwuchs sorgt: Einige Söhne und Töchter der Gründergeneration dürfen sogar die Warteliste überspringen, die die Neuzugänge ansonsten reguliert.

»Das darf auf keinen Fall nett klingen«, instruiert Strub den jugendlichen Trompeter, und sofort bläst dieser sein Signal scharf und kantig. »Habt Geduld, ich gebe euch die zwei ganz bestimmt«, beschwichtigt er die allzu forschen Hornisten, und an anderer Stelle spornt er das ganze Orchester zu größtmöglicher Lautstärke an. All das wäre bei routinierten Profis so kaum vorstellbar, und in der Tat ist das Christophorus-Symphonie-Orchester kein Ensemble wie jedes andere. 1969 von Schülern und Studenten zunächst als Kammerorchester gegründet, wuchs der Klangkörper schnell zu symphonischer Größe heran und hat heute rund 90 ständige Mitglieder. Nach wie vor sind Schüler und Studenten in der Mehrzahl, einige Krankenschwestern spielen ebenso mit wie mehrere hauptberufliche Musiker. Den Namen liehen sich die Gründer übrigens von ihrem damaligen Probenort aus, der Stuttgarter Christoph-Kirche.

Patrick Strub weiß, was er an seinen Christophorussen hat. Der 55-Jährige, der als Geiger im Stuttgarter Radio-Sinfonieorchester begann, übernahm die musikalische Leitung vor 25 Jahren. »Ich verdanke dem Orchester meine Dirigentenkarriere«, sagt er und ist überzeugt davon, dass die vom Engagement aller Mitwirkenden getragene Struktur ohne professionelle Geschäftsführung das eigentliche »Erfolgsrezept« ist. Denn die Camp-Atmosphäre mit Kinderbetreuung und Kochkünsten, die während der Probenphasen in der Waldorfschule den äußerlichen Rahmen prägt, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass für die Vorbereitung des Musikfest-Konzerts alle Beteiligten zu besonders großer Disziplin verpflichtet wurden.

Erst im Frühjahr wurde der Auftritt beim Musikfest festgeklopft, und es geht hier um alles andere als leichte Kost. »Mahlers Sechste ist das Größte und Schwerste, was wir je gemacht haben«, erklärt Patrick Strub und erzählt von mehrstündigen Treffen mit den Stimmführern, bei denen Pro und Contra hin- und hergewälzt wurden. »Es geht nur, wenn wirklich jeder zu allen Proben erscheint«, wurde beschlossen. Und so wird es durchgezogen. So genannte Tutoren betreuen die Einzelproben der Instrumentengruppen, zumeist sind es Musiker vom Staatsorchester oder dem Rundfunk. Eine gute Woche lang donnern Mahler-Töne durch die ferienbedingt leere Schule, bevor es zu den letzten Proben in die Stuttgarter Liederhalle geht. Für das Großprojekt wurde die Besetzung auf 114 Personen aufgestockt. Darunter sind an exponierten Stellen einige Profis, aber auch eine Reihe Ehemaliger kam ins Orchester zurück - Musiker, die inzwischen in München oder Zürich arbeiten.

Nicht wenige der Beteiligten haben ihren Urlaub geopfert oder ihre Jobs auf Halbtagsarbeit ohne vollen Lohnausgleich reduziert. Ums Geld geht es ohnehin nicht, ausschließlich geringe Aufwandsentschädigungen oder Fahrtkosten werden gezahlt. Nur so, und mit Unterstützung einiger Unternehmen und Privatpersonen, kann sich das Ensemble finanziell selbst tragen.

Die Sechste ist für Patrick Strub »das zentrale Werk in Mahlers Symphonik«. Seine ei-gene Mahler-Wahrnehmung habe sich über die Jahre sehr verändert, sagt der Dirigent: »Früher habe ich mich von der Oberfläche blenden lassen.« Heute sieht er Gustav Mahler als großen Zweifler und damit als »direkten Nachfahren von Schubert«. Für Gary Bertini hat Patrick Strub Mahlers Sechste schon einmal in Genua einstudiert, jetzt dirigiert er sie erstmals selbst. »Es ist Mahlers persönlichstes Werk, und gleichzeitig sein formal strengstes«, sagt er: »Und genau das verbindet Mahler mit Schubert und Beethoven.«

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In Beethovens Schatten

Friedrich Ernst Fesca: Sinfonien Nr. 2 und 3. cpo 999 869-2 (erhältlich über www.jpc.de). Rezension für die Stuttgarter Zeitung.

Eine sensationelle Entdeckung sind sie zwar nicht, die Sinfonien von Friedrich Ernst Fesca. Aber eine lohnende Begegnung, denn der 1789 geborene Komponist gehört zu den (vielen) vergessenen Zeitgenossen Beethovens. Dessen Schatten wurde jedoch erst nach 1840 so übergroß, bis dahin standen auch Fescas Sinfonien und Opern regelmäßig auf den Spielplänen. Als junger Mann wurde er von Louis Spohr gelobt, hatte als Violinvirtuose Erfolg, brachte später seine Werke bei renommierten Verlagen unter, reüssierte in Leipzig, Kassel, Karlsruhe, Wien, überstand die Wirren der napoleonischen Besetzung der deutschen Länder - und fiel allzu früh, mit 37 schon, einer Lungenkrankheit zum Opfer.

Die auf dieser CD vorgestellten Sinfonien sind bereits die beiden letzten, die Fesca in seiner kurzen Karriere komponierte. Im Vergleich mit Beethoven mag man sie für leicht befinden, sie sind weniger pathetisch, in den langsamen Sätzen lahmen sie ein wenig und entbehren der romantischen Glut, aber die schnellen Teile sind dafür schwungvoll bis rasant. Es ist allerdings nicht Beethovens revolutionärer Elan, sondern eher ein repräsentativer, fast noch höfischer Gestus, der sich da in Töne verwandelt.

Vor allem ist das gut gemachte Musik, und besonders die gewichtigere 3. Sinfonie ist sehr dicht komponiert, mit vielen schönen Details und effektvollem Einsatz aller Instrumente. Insofern ist das Spiel der Radiophilharmonie Hannover unter Frank Beermann ganz werktreu: Am besten ist das Orchester, wenn es richtig loslegen kann.  

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Nicht nur Lautstärke

Ein Treffen mit Maria Guinand

Maria Guinand ist wieder da. Mit dem Festivalensemble arbeitet die temperamentvolle Chorleiterin aus Venezuela seit dessen Gründung 2001. Den diesjährigen Konzerten in Stuttgart gingen Proben und ein Auftritt am Bodensee voraus.  Während des Festivals arbeitet Maria Guinand täglich intensiv mit dem Festivalchor. Am Dirigentenpult wird sie wieder am 1. September stehen.

Interview für das Journal des Europäischen Musikfests Stuttgart, dort veröffentlicht am 26.08.2003.

Zwei Drittel des diesjährigen Festivalchors sind zum ersten Mal dabei, ein Drittel kennen Sie schon.

Das stimmt, und es ist ein gutes Verhältnis. Das »Herz« des Chores sind diejenigen, die erneut eingeladen wurden. Vielleicht könnten es noch einige mehr sein. Aber das muss man immer wieder neu überlegen.

Kommen die jungen Leute als Solisten zu Ihnen und müssen sich erst an den Chorgesang gewöhnen?

Ja. Es sind rund 85 wunderbare Stimmen, aber das heißt nicht automatisch, dass es gute Stimmen für einen Chor sind. Das ist nicht nur eine Frage der Lautstärke. Das Allerwichtigste ist, dass man aufeinander hört, den anderen zuhört. Das scheint mir in diesem Jahr sogar der wichtigste Aspekt meiner Arbeit zu sein.

War das letztes Jahr anders?

Ganz anders, aber nicht wegen der Sängerinnen und Sänger. Letztes Jahr haben wir Beethoven gesungen, die Missa solemnis, da muss der Klang kompakt sein. Bei Brahms und Mahler braucht es ganz klare Harmonien, lupenreine Intonation. Aber wir haben schon jetzt sehr gute Ergebnisse erzielt, alle reagieren sehr intelligent. Besonders an den A-cappella-Werken arbeiten wir sehr hart, zumal das Ensemble für solche Stücke recht groß ist.

Wie kamen Sie auf die afrikanischen Stücke, die Sie in Ihrem ersten Stuttgarter Programm aufgeführt haben?

Im letzten Jahr war Jaco Brand aus Südafrika unter den Mitwirkenden. Er erzählte mir von religiösen Gesängen der Zulu in seiner Heimat und schickte mir die Noten. Ich wählte die Stücke aus. Jaco hat derzeit einen Job in London und kam zu uns nach Salem, um uns die ungewöhnliche Sprache beizubringen. Das war natürlich auch interessant für die diesjährigen Sängerinnen und Sänger - dass ein ehemaliges Mitglied des Chores auf diese Weise aktiv wird. So bringen wir immer ein wenig Licht aus fremden Kulturen in unser Leben.

Außerdem haben Sie die Komponisten Ginastera und Lopez auf dem Programm. Was bedeuten Ihnen diese Musiker?

Ginastera ist ein Wahrzeichen, nicht nur für die lateinamerikanische Musik. Er hat gar nicht so viel mit dieser zu tun, er ist ein typischer Neoklassiker. Im Argentinien der 40-er und 50-er Jahre hat er ganz neue Wege für die nationale Musik geöffnet. Leider hat er nicht viel für Chor geschrieben, im Gegensatz zu Guido Lopez, dessen »Mambo« wir am 1. September aufführen. Lopez ist heute der wichtigste Chorkomponist Südamerikas. Er geht von kubanischen Rhythmen aus und komponiert auf dieser Grundlage sehr virtuose Stücke.

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Auf die Stimmung kommt es an

Über Reiner Thiemann, Klavierstimmer beim Europäischen Musikfest Stuttgart (Beitrag zum Musikfestjournal)

Liederhalle, Mozart-Saal, 6.30 Uhr morgens. Arbeitslicht, einige Geräusche, einzelne Töne von Orgel und Cembalo. So beginnt ein Arbeitstag von Reiner Thiemann, der sich während des Europäischen Musikfestes und anderer Konzerte der Bachakademie um die Stimmung der historischen Tasteninstrumente kümmert. Wenn um eins Robert Levins Mittagskonzert an Clavichord, Cembalo und Orgelpositiv beginnt, hat Thiemann einige Stunden konzentrierte Arbeit hinter sich. Die Vorbereitung der Instrumente fängt jedoch noch wesentlich früher an. Einige Tage vor dem Konzert beginnt der Stimmer mit seiner Tätigkeit. Die aus mehreren Orten des Landes nach Stuttgart transportierten Instrumente stehen dann noch im Hospitalhof, müssen aber im Hinblick auf den späteren Konzertsaal vorbereitet werden - bei dieser »hypothetischen« Arbeit spielt sogar das Wetter eine Rolle. Auf der Bühne des Mozart-Saals werden Orgel und Cembalo dann schließlich mit Scheinwerfern »vorgeheizt«, damit sich während des Konzerts die Stimmung nicht mehr allzu stark verändern kann.

Die gleichsam mechanische Seite der Musik, das Handwerk am Instrument, hat Reiner Thiemann schon früh interessiert. In seiner Jugend bediente der heute 45-Jährige das Mischpult einer Rockband und baute Lautsprecherboxen. Aus dem Effeff weiß Thiemann im akustisch bedenklichen Gesprächsraum von Frequenzen, Schallwellen und Dämpfungswerten anschaulich zu erzählen; von der heute herrschenden, im Grunde irrigen Auffassung, dass die Akustik mithilfe der elektrischen Energie bestimmt werden könne und davon, dass die Grundlagen der Hifi-Technik bereits in den 30-ern gelegt wurden.

Vier Klavier spielende Geschwister verleiteten den Jungen zwar zum Experimentieren an den Tasten, zum systematischen Unterricht mochte sich Reiner Thiemann jedoch erst mit 17 bequemen. Nach dem Abitur verdingte er sich bei einem Cembalobauer im Bergischen Land als Hilfskraft, fegte die Halle aus, glättete Risse im Putz und baute, ehe er sichs versah, selbständig so genannte Klein-Spinette, im Betriebsjargon »Huddelskisten« genannt. Die offizielle Ausbildung bei einem anderen Klavierbauer schloss sich an, später ging Thiemann zu einem Unternehmen in Fürth, auch um in der Nähe der riesigen Sammlung von Tasteninstrumenten im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg zu sein und diese ausführlich zu studieren. 1985 machte er sich selbständig - zunächst ganz puristisch, »ohne Auto, ohne elektrische Maschinen.«

Inzwischen hat Reiner Thiemann ein mittelständisches Unternehmen in Lauf/Pegnitz und ist ein gefragter Spezialist, da er sowohl Orgeln als auch Cembali stimmen kann. Als er sich bei der Bachakademie vorstellte, prüfte ihn sein Vorgänger dennoch »auf Herz und Nieren«. Thiemanns Meisterstück ist der eigenhändige Nachbau des ersten Hammerklaviers. Darauf wurde auch die Fachpresse aufmerksam, das einmalige Instrument wird bis heute auf Festivals gespielt und für CD-Aufnahmen eingesetzt.

Nicht immer ist die Arbeit von Reiner Thiemann so ruhig wie früh morgens im Mozartsaal oder gar nachts um zwei in der Stiftskirche. Gelegentlich muss der Stimmer auch Feuerwehr spielen: So war vor einigen Jahren eine Orgel nicht so einwandfrei wie dem Konzertveranstalter zugesichert. Mithilfe eines kurzfristig alarmierten Kollegen stimmte Thiemann die Orgel in kürzester Zeit - und reparierte nebenbei noch das Pedal.

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Lichtgestalt und Magier

Alleskönner, Magier, Lichtgestalt – die Fachleute sparen nicht mit Superlativen, wenn es um Jörg Widmann geht. Der 30-Jährige ist als Klarinettist und Komponist gleichermaßen erfolgreich. Gerade ging in München die Uraufführung seiner ersten Oper über die Bühne. Am Dienstag, 26.8., spielte Jörg Widmann im Mozart-Saal gemeinsam mit dem Vogler-Quartett das Klarinettenquintett von Johannes Brahms (Interview für das Journal des Europäischen Musikfests Stuttgart 2003).

Sie haben ja, wie man so sagt, viel "gute Presse". Ist das auch eine Belastung?

Nicht nur gute Presse, es gibt auch Gegenbeispiele! Man muss natürlich mit verschiedenen Meinungen rechnen, wenn man etwas komponiert. Wenn ich aber nach der Uraufführung eines Stückes an den Arbeitstisch zurückkomme, gibt es immer nur das nächste Problem, das nächste Werk. Das ist mir wichtiger als die Erwartungen von außen.

Sie haben mit sieben das Klarinettenspiel und mit elf den Kompositionsunterricht begonnen. Seitdem konzertieren und komponieren Sie parallel. Gab es irgendwann einen Zeitpunkt, an dem Sie überlegt haben, sich für eins von beiden zu entscheiden?

Ich kann mir nicht vorstellen, nur eins von beiden zu machen. Ich brauche beides. Mittlerweile versuche ich, mir einen zeitlichen Rhythmus zu schaffen, einige Zeit verstärkt Konzerte zu geben und dann zwei bis drei Monate nur zu komponieren. Natürlich ist das schwer zu planen, und ich unterlaufe die guten Vorsätze meistens in der Praxis.

Komposition und Klarinettenspiel befruchten sich also?

Ja, unbedingt. Noch intensiver wurde das Nachdenken über die eigenen Kompositionen, als ich selber zu unterrichten begann. Die Schüler stellen gute Fragen, man muss ständig Rechenschaft ablegen. Aber auch das eigene Musizieren bringt immer wieder neue Ideen. Im Klarinettenkonzert von Mozart entdecke ich jedes Mal ganz neue Klänge. Und wenn ich die Proben eigener Stücke verfolge, kommen neue Ideen für das nächste Stück, vor allem, wenn Instrumentengruppen einzeln proben.

Spielt Ihr Instrument, die Klarinette, bei Ihren Kompositionen eine besondere Rolle?

Ja, vor allem in der Kammermusik der letzten Zeit. Vor sechs Jahren gab es aber einen Zeitpunkt, an dem ich plötzlich Probleme damit hatte, für Klarinette zu schreiben. Ich habe beim Komponieren immer in Gedanken den Ton „gegriffen“. Später habe ich versucht, bei der Komposition alles, was ich über das Instrument weiß, zu vergessen. Inzwischen schreibe ich wieder gerne für Klarinette. Der Austausch mit den Musikern ist mir aber bei anderen Instrumenten genauso wichtig.

Ihre Oper „Das Gesicht im Spiegel“, kürzlich in München uraufgeführt, wurde von Publikum und Fachleuten begeistert aufgenommen. Ist die nächste Oper schon in Arbeit?

Nein, noch nicht, aber es gibt Anfragen. Sicher mache ich wieder etwas für das Musiktheater. Wenn man damit einmal infiziert ist, kommt man davon nicht mehr los! Im Moment arbeite ich aber an zwei Konzertwerken, für das Arditti Quartett und Kent Naganos Orchester in Berlin.

Beim Europäischen Musikfest spielen Sie das Klarinettenquintett von Brahms. Haben Sie zu seiner Kammermusik ein spezielles Verhältnis?

Ja, besonders zu diesem Stück, unabhängig davon, dass dort die Klarinette dabei ist. Es ist so dicht komponiert, das größte Kammermusikwerk von Brahms. Die Harmonik in diesem Stück macht mich süchtig!

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Wunder und Widerstände

Mendelssohns „Elias“ in Ludwigsburg - Rezension für die Esslinger Zeitung (11.07.2003)

Es ist nur ein Zufall, aber doch ein interessanter: Eine knappe Woche nach der Stuttgarter „Moses und Aron“-Premiere dirigierte Wolfgang Gönnenwein bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen Felix Mendelssohn Bartholdys Oratorium „Elias“. In Schönbergs Oper geht es um die Frage, ob Gott bildlich dargestellt werden darf. Auch der Prophet Elias muss ein Wunder herbeizitieren, um die Existenz des wahren Gottes zu beglaubigen und sich anschließend gewaltsam gegen seine Widersacher durchzusetzen.

Während Arnold Schönberg sich über dieses Problem den Kopf zerbrach und seine um 1930 komponierte Oper fragmentarisch hinterließ, beschäftigten Mendelssohn ein knappes Jahrhundert vorher ganz andere Schwierigkeiten. Eigentlich sehnte er sich nach einem guten Opernlibretto, und so war der „Elias“ für ihn auch ein Schritt zum Musiktheater. Das erschwerte ihm die Zusammenarbeit mit dem Textdichter Julius Schubring, denn der Theologe wollte im Gegensatz zum Komponisten die biblische Handlung nicht in ein konzertantes Drama umformen, sondern bewegte sich auf den Pfaden des konventionellen, erzählenden und kommentierenden Oratoriums. So geriet Mendelssohn der „Elias“, dessen Entstehung sich über ein ganzes Jahrzehnt erstreckte, zu einem Schmerzenskind.

Die vom Publikum in der Ludwigsburger Friedenskirche stürmisch bejubelte Aufführung durch Wolfgang Gönnenwein, den Süddeutschen Madrigalchor und das Festspielorchester beweist indessen, dass die musikalische Geschlossenheit des Werkes die Probleme des Textes verblassen lässt. Der Dirigent hielt die Zügel locker, das Orchester hingegen ging recht rasant zu Werke und übertönte gelegentlich den nicht allzu groß besetzten Chor, der Mendelssohns Komposition klanglich differenziert auffächerte. Mit den Solisten bewies Gönnenwein ein glückliches Händchen – vom glockenklaren Sopran Britta Stallmeisters bis hin zu Detlef Roths kernigen Bariton in der Titelrolle ertönten gute Stimmen, einschließlich zweier Chorsolistinnen und eines ungenannt bleibenden Aurelius-Sängerknabens. Für 30 Jahre Konzerttätigkeit in der Friedenskirche bekam Wolfgang Gönnenwein nach Konzertschluss eine Beethoven-Partitur geschenkt – eine schöne Geste, doch der weit ausholenden Lobrede des ehemaligen Pfarrers hätte es dazu nicht unbedingt bedurft.

www.schlossfestspiele.de  

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Der Spaß geht weiter

Halbzeit und Ausblick in der Stuttgarter Haydn-Dekade - Bericht für die Stuttgarter Zeitung (11.07.2003)

Hätte Joseph Haydn nur zehn oder zwölf Sinfonien geschrieben, würden wir heute wie bei Beethoven jede Note davon kennen, ist sich Dennis Russell Davies sicher, der als Chef des Stuttgarter Kammerorchesters seit 1998 die Konzertreihe „Haydn-Spaß“ im Stuttgarter Mercedes-Forum dirigiert. Aber Haydn hinterließ 107 Sinfonien, und man weiß nicht einmal genau, ob das wirklich alle sind. Zumindest neue Fassungen tauchen immer wieder auf und werden dem einzigartigen Projekt einverleibt, das an Haydns 200. Todestag, dem 31. Mai 2009, mit der „Abschieds-Sinfonie“ vollendet werden soll.

Rainer Cadenbach, der die Haydn-Dekade wissenschaftlich betreut und jedes Konzert freundlich und kompetent moderiert, hat der bevorstehenden sechsten von zehn Spielzeiten das Motto „Die gothischen Künste der Alten“ gegeben. Immer wieder habe Haydn nahezu vergessene musikalische Techniken in seine Werke eingebaut, so Cadenbach – gelegentlich auch nur, um dem harschen Urteil einiger Kritiker über die handwerkliche Seite seiner Kompositionen zu begegnen.

Die Saison 2003/04 umfasst wiederum fünf Konzerte mit jeweils zwei Haydn-Sinfonien und einem weiteren Werk, das dazu in beziehungsreichem Kontrast stehen soll. Hier sieht Dennis Russell Davies einen zweiten, ebenso wichtigen Schwerpunkt der Haydn-Dekade: Junge Künstler sollen sich solistisch beweisen können. Teils sind sie Studenten, teils sogar noch Schüler wie der 12-jährige Leonard Hermann, der im Februar 2004 ein Alphorn-Konzert von Leopold Mozart zum Besten geben wird. Kristjan Randalu, Stipendiat der Kunststiftung Baden-Württemberg, trägt zum Saisonauftakt im Oktober eine selbst komponierte Suite für Klavier und Kammerorchester vor, und für das letzte Konzert der Saison im Mai 2004 ist der Kinderchor des Ungarischen Rundfunks eingeladen.

Reine Freude macht den Verantwortlichen das Stuttgarter Publikum, denn es scheint die Begeisterung von Davies und Cadenbach für die größtenteils kaum bekannte Haydn-Sinfonik zu teilen. Nach 54 Sinfonien in fünf Jahren wartet der Dirigent noch immer vergeblich auf „eine einzige schlechte“. So begeistert ist Russell Davies inzwischen von „Papa Haydn“, dass er sich schon jetzt vorstellen kann, nach Abschluss der Haydn-Dekade 2009 von vorne zu beginnen.

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Stars und Störche

Das Musikfestival im elsässischen Colmar stellt Krzysztof Penderecki in den Mittelpunkt - Festivalbericht für die Esslinger Zeitung und Westdeutsche Allgemeine Zeitung (07.07.2003)

Manierliche Fassaden, freundliche Menschen und über allem ein stolzes Storchenpaar im luftigen Nest – im elsässischen Colmar scheint die Welt noch in Ordnung. Hier kann man getrost einen Gang herunterschalten, das prächtige Stadtbild auf sich wirken lassen und die kulinarischen Spezialitäten vom Sauerkraut bis zum Munsterkäse genießen.

In den ersten zwei Juli-Wochen ist Colmar aber auch Schauplatz eines Musikfestivals, das viele deutsche Besucher anzieht. Es könnten noch mehr sein, denn Festivalchef Vladimir Spivakov versammelt in seinem Programm Stars und Nachwuchs, musikalische Entdeckungen und immer wieder gern Gehörtes.

Die Stadtoberhäupter knüpften 1989 mit Spivakovs Berufung an die sommerlichen Konzerte an, die Karl Münchinger und sein Stuttgarter Kammerorchester früher in Colmar gegeben hatten. Die Beziehungen und Überredungskünste des russischen Geigers und Dirigenten erweisen sich Jahr für Jahr als wertvoll. Der bescheidene Etat von einer runden Million Euro ermöglicht trotz mäßiger Eintrittspreise 24 Konzerte verschiedenen Formats mit mehreren Sinfonieorchestern, zwei Chören und in diesem Jahr auch Klavierstars wie András Schiff und Ewa Kupiec.

Von der in Frankreich nicht seltenen Festival-Beliebigkeit grenzt sich Vladimir Spivakov durch das Konzept der jährlichen „Hommage“ an einen Großen der Musikwelt ab. Während die so Geehrten bisher meist verstorbene Musiker waren, steht heuer der polnische Komponist Krzysztof Penderecki aus Anlass seines 70. Geburtstags im Mittelpunkt. 13 seiner Werke erklingen in Colmar, und zwar nicht in kleinformatigen Spezialkonzerten, sondern verteilt auf viele Programme – und verständlicherweise garniert mit Zugstücken von Schubert bis Chopin.

Natürlich reiste Penderecki zu dieser freundschaftlichen Ehrung an, dirigiert selbst vier Konzerte und nimmt bei jeder Aufführung seiner Stücke den Applaus des kundigen Publikums entgegen. Seine Interpretation von Schuberts 5. Sinfonie – kürzlich auch bei den Stuttgarter Philharmonikern zu erleben – fiel allerdings beim Litauischen Staatsorchester, einem behäbigen Klangkörper mit wenig Neigung zu überschäumendem Engagement, nicht auf fruchtbaren Boden. Ganz anders kommt die Sinfonietta Cracovia daher – das junge Orchester aus der alten Königsstadt Krakau brannte in Pendereckis Concerto grosso für drei Klaviere und Dvoraks Sinfonie „Aus der Neuen Welt“ ein klangliches Feuerwerk ab, das seinesgleichen sucht. Festivalchef Vladimir Spivakov ließ bei einem Kammerkonzert mit Schostakowitsch, Schnittke und Dvorak einen wunderbar samtigen Geigenton hören, und der Star des Festivals, András Schiff, wurde für sein entspanntes Bach-Chopin-Programm auf zwei verschiedenen Flügeln mit stehenden Ovationen gefeiert.

Das Musikfestival in Colmar, ein heißer Ausflugstipp für württembergische Musikfreunde, dauert noch bis zum 14. Juli. Am kommenden Wochenende dirigiert Penderecki die Sinfonia Varsovia, Vladimir Spivakov steht am Pult des Russischen Nationalorchesters. Zwar ist das sehr gute Programmbuch nur in französischer Sprache erhältlich – als Besucher kommt man jedoch mit Deutsch problemlos durch.

www.festival-colmar.com 

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Süddeutsche Rivalitäten mit gutem Zweck  

Baden-Württembergs Landesmusikrat wird 25
Esslinger Zeitung 20.06.2003

Man mag es Helmut Calgéer nicht verübeln, dass er den Kollegen aus München ein wenig auf die Schippe nahm. Der Präsident des Landesmusikrats Baden-Württemberg gratulierte seinem bayerischen Amtsbruder freundlich zu den knapp 50 ersten Preisen beim letzten Bundeswettbewerb „Jugend musiziert“.

Genüsslich ließ er dann die Vergleichszahl aus Baden-Württemberg folgen: Satte 147 Mal wurden die jugendlichen Teilnehmer aus dem Südwesten mit den begehrten Trophäen ausgezeichnet. 92 Prozent der baden-württembergischen Teilnehmer gingen als Preisträger nach Hause, was Calgéer als beeindruckenden Beweis für die breit gefächerte Arbeit seiner Organisation wertete.

Der Festakt zum 25. Jubiläum des Landesmusikrats in der Stuttgarter Musikhochschule stellte nicht staatstragende Redner, sondern den Zweck der Organisation in den Mittelpunkt: Junge Leute, die auf hohem Niveau Musik machen. Landesjugendchor, Sinfonisches Jugendblasorchester, Gitarren- und Akkordeonensembles sowie die Junge Kammerphilharmonie zeigten, was sie können.

Elf musikalische Ensembles hat der Landesmusikrat seit seiner Gründung im Juni 1978 ins Leben gerufen. Sie setzen sich aus den Preisträgern bei „Jugend musiziert“ und weiteren, durch Vorspielen und Vorsingen ausgewählten Mitgliedern zusammen.

Das ausgeklügelte Wettbewerbssystem vom Chorgesang bis hin zur Komposition ist jedoch nicht in erster Linie zur Erziehung musikalischer Spitzenkräfte gedacht. Beim Jubiläumsfestakt wies Helmut Calgéer ausdrücklich darauf hin, dass dem Landesmusikrat die musikalische Breitenwirkung wichtiger sei als das „schmalspurige Spezialistentum“. Bei den Tagen der Laienmusik kommen rund 5000 Teilnehmer zusammen, und vor allem die Förderung der Musikschulen hat in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen.

Calgéer dankte Kultusministerin Annette Schavan und ihrem Haus für die engagierte Unterstützung, und die Ministerin gab die Komplimente gern zurück: Einfallsreich, beharrlich und innovativ sei der Landesmusikrat – und zukunftsfähig darüber hinaus. Solch eitel Sonnenschein herrschte zwischen Landesmusikrat und Kultusministerium nicht immer: 1996 beispielsweise fiel das Tonkünstlerfest den Kürzungen der Zuschüsse zum Opfer. Ansonsten navigierte der Landesmusikrat in den letzten Jahren ohne größere Schäden durch die wenig kulturfreundlichen Zeiten. Nichts ist erfolgreicher als der Erfolg – das gilt wohl auch in diesem Fall. Es bleibt also wichtig, dass Baden-Württemberg auch in Zukunft mehr Preise als Bayern kassiert – die traditionelle Rivalität der beiden deutschen Südländer hat wenigstens in diesem Fall einen guten Zweck.  

www.landesmusikrat-bw.de 

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Stars und Studenten

Die Hugo-Wolf-Akademie stellt ihr neues Programm vor
Esslinger Zeitung 14.06.2003

Exklusiv will sie schon sein, die Stuttgarter Hugo-Wolf-Akademie, die ihren Namen flott und griffig in „hugo!“ abkürzt. Bei der Vorstellung des neuen Saisonprogramms betonte Hartmut Höll, künstlerischer Leiter der Akademie und bei fast allen Konzerten auch als Pianist im Einsatz, dass er „nicht nur hübsche Programme, sondern historische und thematische Zusammenhänge“ bieten wolle. Die Gratwanderung zwischen dem unvermeidlichen Drang der Öffentlichkeit zum Event und dem unzeitgemäßen Bekenntnis zum hochkulturellen, bildungsbürgerlichen Anspruch wird durch Kürzungen der Geldgeber noch erschwert. Klagelieder stimmte Hartmut Höll jedoch ganz bewusst nicht an und dankte auch seinem Vorstand Georg Büchner für die „Gelassenheit in schwierigen Zeiten“.

Die Absage des für den 17. Oktober bereits angekündigten Großereignisses mit Hugo Wolfs Schauspielmusik zu Ibsens „Fest auf Solhaug“ hat keine finanziellen Hintergründe. Hier klappte die Kooperation mit der Stuttgarter Musikhochschule nicht so recht. Hartmut Höll zeigte sich enttäuscht, zumal die Zusammenarbeit mit der Hochschule in Karlsruhe absolut problemlos laufe. Eine eingedampfte Version des Konzertprogramms gibt es nun am 15. Oktober – es bleibt bei der „Penthesilea“ für Klavier vierhändig samt Kleist-Lesung durch Rosel Zech; an Stelle der Ibsen-Vertonung steuern Höll und die Sopranistin Mitsuko Shirai Wolf-Lieder zu „Frauengestalten in der Dichtung“ bei.

Dass im Laufe der Saison 2003/04 viele bekannte Künstler zu den Konzerten der Akademie nach Stuttgart kommen, ist nicht zuletzt den guten Kontakten Hartmut Hölls zu verdanken. Von Schauspielstar Cornelia Froboess über die Geiger Ulf Schneider und Kolja Lessing bis zu Tabea Zimmermann (Bratsche) reicht das Spektrum. Der persönlichen Freundschaft mit Zimmermann ist auch das schon fast sensationelle Debüt eines neuen Streichquartetts zum Saisonende am 24. Juni 2004 zu verdanken. Im Geheimen haben Antje Weithaas, Daniel Sepec, Jean-Guihen Queyras mit Tabea Zimmermann schon lange geprobt, nun geht’s mit einem Mozart-Bartók-Beethoven-Programm an die Öffentlichkeit.

Mit besonderen Thementagen will die Hugo-Wolf-Akademie den Charakter der Konzertreihe schrittweise verändern. Am 13. November bekommt der Freund und Anreger Peter Härtling ein Programm zum 70. Geburtstag geschenkt, das seine Dichtung mit Schubert-Musik kombiniert. Geburtstagskonzerte gibt es auch für Elisabeth Schwarzkopf am 6. Dezember, für Gioacchino Rossini am 29. Februar (auf Wunsch mit Diner in Vincent Klinks „Wielandshöhe“) und für Eduard Mörike, den die Akademie mit mehreren Konzerten im Jahr 2004 feiern will. Den Auftakt einer Reihe von Uraufführungen nach Mörike-Texten macht am 16. Mai eine Komposition von Wolfgang Rihm.

Auf ungewohnten Pfaden bewegt sich ein Konzert mit türkischer und deutscher klassischer Musik im Linden-Museum am 25. Januar, während der Wettbewerb für Liedkunst im April turnusgemäß nach drei Jahren erneut stattfindet. Dieses Ereignis an insgesamt vier Tagen ist ein Höhepunkt der Nachwuchspflege, die Hartmut Höll besonders wichtig ist. Schließlich gebe es heute, im Gegensatz zu den Anfangsjahren seiner eigenen Karriere, kaum noch wohlmeinende Förderer und Auftrittsmöglichkeiten für Musikstudenten.

www.hugo-wolf-akademie.de  

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Der besondere Griff

Der Stuttgarter Dirigent Helmuth Rilling wird 70
Feature ddp-Nachrichtenagentur 23.05.03

Der Stuttgarter Dirigent Helmuth Rilling feiert am kommenden Donnerstag seinen 70. Geburtstag. Als Leiter der von ihm gegründeten Bachakademie und durch Tourneen mit seinen Ensembles Gächinger Kantorei und Bach-Collegium Stuttgart ist Rilling weltweit gefragt. In Stuttgart verantwortet er die Bachwoche und das Europäische Musikfest, bei dem Bachs Werk in Zusammenhänge mit romantischer und neuer Musik gestellt wird. Sein Geburtstag wird in Stuttgart mit einem Festgottesdienst, einem Festakt und einem Benefizkonzert begangen.

Manchmal greift Helmuth Rilling den Taktstock ganz anders als seine Kollegen. Der Stuttgarter Dirigent, der am kommenden Donnerstag 70 wird, macht den kleinen Stab, der nicht selten für Macht und Distanz gleichzeitig steht, durch eine besondere Haltung der Hand gleichsam kürzer und verringert damit den Abstand zu Chor und Musikern. Das mag nur ein Detail sein und ist dennoch sehr bezeichnend für Helmuth Rillings persönliche und am gemeinschaftlichen Wollen ausgerichtete Art, das Werk von Johann Sebastian Bach – und nicht nur dieses – zu musizieren.

Zwar steht die Bach-Pflege im Mittelpunkt von Rillings Wirken als Dirigent und Pädagoge. Die Gründung der Stuttgarter Bachakademie vor über 20 Jahren, die Einspielung aller Bach-Kantaten auf Schallplatte und CD sowie die jährliche Bachwoche dokumentieren diesen Schwerpunkt nach außen. Langweilig wird es Rilling dabei nicht. „Gerade Bach entdecke ich immer wieder neu“, erklärt er und freut sich, wenn auf Tourneen die eigentlich unspektakulären Kantaten besonders nachgefragt werden, wie kürzlich in Mailand geschehen.

Dennoch hat sich der Dirigent, der als junger Student 1953 die Gächinger Kantorei gründete und sie schnell zum Spitzenensemble erzog, nie als Bach-Spezialist verstanden, obwohl er die großen Passionen wohl mehrere hundert Male dirigiert hat. Im Gegenteil: Von Anfang an beschäftigte sich Rilling intensiv und gegen den damaligen Zeitgeist mit den großen Oratorien des 19. Jahrhunderts, und mit dem Europäischen Musikfest schuf er sich ein Forum, das die Werke von Bach in größere Zusammenhänge stellt.

Dabei macht Rilling auch vor ganz neuer Musik nicht Halt. Das Musikfest 2000 setzte mit der Uraufführung von vier neu komponierten Passionen ein besonderes Zeichen. Spätestens in diesem Jahr setzte auch die internationale Resonanz ein, die sich Rilling für das 1990 gegründete Stuttgarter Festival wünschte. In Sachen Bach gehört die weltweite Nachfrage längst zur Arbeit des Dirigenten –nicht nur auf Tourneen, sondern immer wieder durch Kurse für junge Musikerinnen und Musiker von Krakau bis Caracas. Den dortigen Ablegern der Bachakademie hat der Dirigent die Spenden zugedacht, die er sich an Stelle von Geschenken wünscht – und die Einnahmen des Benefizkonzerts am Abend des Ehrentags, bei dem sich Rilling das Dirigentenpult mit seinem polnischen Kollegen und Freund Krzysztof Penderecki teilt.

Im Gespräch strahlt Helmuth Rilling eine charismatische Mischung aus Altersweisheit und fast jugendlichem Schwung aus –für einen Dirigenten ist 70 schließlich kein Alter, in dem man ans Aufhören denkt. Vor allem gelassen geht er auch mit der Diskussion um die historische Aufführungspraxis um, die sich in den 80-er Jahren beinahe zum Glaubenskampf erweiterte. Rilling ließ sich zwar anregen und experimentierte mit alten Instrumenten, geht aber seinen persönlichen Weg unbeirrt weiter – die Macht des Dirigenten nie in den Vordergrund stellend, aber auch nie auf das für ihn Wichtigste an der Musik verzichtend: das Gefühl.

www.bachakademie.de

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Zur Geschichte der Schlesischen Musikfeste

Dieser Text entstand - in Zusammenarbeit mit dem Görlitzer Historiker Dr. Ernst Kretzschmer und dem Journalisten Sebastian Beutler - zum Schlesischen Musikfest 1998, das ich als Vorsitzender des Programmausschusses und Mitarbeiter des Geschäftsführers mitorganisierte. Für diejenigen, die vom Schlesischen Musikfest noch nie gehört haben, sei einleitend betont, dass es sich hier nicht etwa um eine folkloristisch angehauchte Veranstaltung handelt, die möglicherweise noch politisch-revanchistische Absichten verfolgt, sondern um ein regionales Musikfestival mit großer Tradition und einem vielfältigen, gemischten Programm mit dem Akzent auf "E-Musik".

Die Schlesischen Musikfeste waren zwischen 1876 und 1942 unumstrittene Höhepunkte im Musikleben Niederschlesiens. Spitzenorchester, Laienchöre und ein begeisterungsfähiges Konzertpublikum begründeten und bewahrten eine Tradition, die immerhin über sieben Jahrzehnte hinweg das kulturelle Leben dieser Landschaft stark prägte. Ausgangspunkt der Schlesischen Musikfeste war 1876 Hirschberg in der Mitte der Provinz Schlesien (heute Jelenia Góra). In der Folgezeit hatten die Musikfeste bis 1887 je viermal in Breslau und Görlitz stattgefunden. Ab 1889 wurde Görlitz mit 19 Festen bis zum vorläufigen Ende 1942 ständiger Austragungsort. Für Görlitz sprach nicht nur, dass die Musikfeste hier lokal größere Bedeutung erlangen konnten als in der Provinzhauptstadt Breslau mit ihrem großen kulturellen Angebot, sondern auch die Möglichkeit einer Ausstrahlung in nördlicher und westlicher Richtung zu den Großstädten Berlin, Dresden und Leipzig. Von dort kamen zahlreiche Gastkünstler zu den Musikfesten, die sich mit den Chören aus der niederschlesischen Provinz zusammenfanden.

Die Organisation des Musikfestes in Görlitz kann man als eine frühe Form der Bürgerinitiative bezeichnen. Bald nach dem Beginn der Schlesischen Musikfeste bildete sich ein "Zentralkomitee", das zwischen den einzelnen Festen die Verbindungen mit den regionalen Gesangsvereinen hielt, Verhandlungen mit den lokalen Behörden führte, Geldquellen erschloss, Einnahmen und Ausgaben verwaltete und auch Bauvorhaben organisierte und begleitete. Dies alles und auch die künstlerische Vorbereitung der Musikfeste durch Programmüberlegungen und Verpflichtung von Künstlern geschah ehrenamtlich, also neben der beruflichen Tätigkeit. Es gab keinerlei fest angestellte Mitarbeiter für die Vorbereitung des Großereignisses. Für jedes einzelne Musikfest wurde ein eigenes Komitee berufen, dessen Vorsitz in der Regel der Oberbürgermeister übernahm. Zu diesem Komitee gehörten etwa 50 Personen aus dem Kreis der Görlitzer Wirtschaft und Verwaltung, aus den Reihen der Musikschaffenden, Ärzte, Lehrer, Pastoren, Juristen und Offiziere. Natürlich nützten die beruflichen Beziehungen und das persönliche Ansehen der Komiteemitglieder dem Anliegen des Musikfestes nicht unerheblich. Dem Festkomitee waren neun Ausschüsse untergeordnet, die sich um die konkrete Vorbereitung kümmerten. Beim Geschäftsführenden Ausschuss liefen die Fäden zusammen. 1877 hatten die Görlitzer Stadtverordneten einen Zuschuss von 3000 Mark beschlossen. In der Folgezeit wechselten die Kassenabschlüsse des Musikfestes zwischen Gewinn und Schulden, wobei die Eintrittspreise für die damalige Zeit verhältnismäßig hoch angesetzt wurden (billige Karten wurden für Haupt- und Generalproben ausgegeben). Die Programme der Schlesischen Musikfeste hatten, was von der zeitgenössischen Kritik durchaus "aufgespießt' wurde, einen eher konservativen Charakter. Einen Schwerpunkt bildeten die großen Chorwerke Händels, später auch Mendelssohns, Bachs und Bruckners. Darüber hinaus wurden auch die damals beliebten "geistlichen Dramen" wie Rubinsteins "Das verlorene Paradies" (1880) oder ein Oratorium "Der Fall Jerusalems" von Martin Blumner, dem langjährigen Leiter der Sing-Akademie zu Berlin, aufgeführt. Neben dem Chorwerk stand häufig ein sinfonisches Werk aus dem engeren Standardrepertoire, schließlich gehörte zum Programm ein bunter Abend mit bekannten Opernausschnitten. Eher selten wurden zeitgenössische Werke aufgeführt; immerhin gelangten nach und nach Werke von Bruch, Wolf, Pfitzner und Glasunow auf die Programmzettel. Im Dritten Reich schließlich verschob sich der Schwerpunkt vom "klassischen" Musikfest in Richtung auf ein Volksfest, das auch einen längeren Zeitraum bis zu zwei Wochen umfasste.

Als künstlerische Leiter oder zumindest prägende Persönlichkeiten finden sich bedeutende Namen in der Geschichte der Musikfeste. Neun der ersten zehn Musikfeste wurden von Ludwig Deppe aus Berlin geleitet, der als Kapellmeister an der Hofoper Berlin sowie als Klavierlehrer und Komponist tätig war. Vom 12. bis 17. Musikfest verantwortete Karl Muck, einer der Dirigenten der Bayreuther Festspiele und später GMD in Berlin, die Programmgestaltung und künstlerische Organisation. Er brachte die Königliche Kapelle in Berlin als ein ständiges Festorchester nach Görlitz.

Beim 19. Schlesischen Musikfest taucht erstmals der Name auf, der wohl unangefochten der berühmteste in der Geschichte der Feste ist: Wilhelm Furtwängler. Er kam mit den Berliner Philharmonikern nach Schlesien und dirigierte diesen Klangkörper bei den Musikfesten 1925, 1928 und 1931. Ab 1930 prägte auch der Görlitzer Kirchenmusiker Eberhard Wenzel die Programmgestaltung, indem er u. a. erstmals ein reines Orgelkonzert aufführte.

Nach 1945 war es für lange Zeit nicht möglich, sich zu schlesischer Geschichte und Kultur zu bekennen. An eine Wiederbelebung der Schlesischen Musikfeste war vorerst nicht zu denken. Neun Görlitzer Musikwochen von 1946 bis 1957 waren ein Versuch der Fortsetzung unter anderen Bedingungen. Auch hier gab es ein weit gefächertes Programm, stärker als je zuvor auch mit jugendlicher Beteiligung bei Ausführenden und Zuhörern. Viele große Namen - Abendroth, Konwitschny, Mauersberger, Ramm u. a. - bleiben für die Görlitzer Kulturgeschichte mit dieser Zeit verbunden.

Ab 1989/90 gab es die Möglichkeit, die mit Schlesien verbundenen Traditionen auch in Görlitz wiederzuentdecken und zu pflegen. Als Bereicherung kam die Gemeinsamkeit mit den polnischen und den tschechischen Nachbarn in dieser Absicht hinzu. 1994 wurde von der Schlesischen Jugend Görlitz der Vorschlag gemacht, ein 27. Schlesisches Musikfest in Görlitz in Aussicht zu nehmen und die unterbrochene Tradition fortzuführen. Auf Einladung des Kuratoriums Schlesische Lausitz bildete sich ein Gründungskreis, später in Festkomitee umbenannt. Unter dem Vorsitz von Kirchenmusikdirektor Karl Jonkisch (Stellvertreter wurde Landeskirchenmusikdirektor Erich Wilke) wurde das Musikfest auf den Juni 1996 terminiert. Das Festkomitee und die ebenfalls erneut gebildeten Ausschüsse setzten sich wieder aus verschiedenen Persönlichkeiten der Stadt und der Region (die im Rahmen wichtiger Förderungsprogramme im Dreiländereck den Titel "Euroregion" trägt) zusammen. Das 27. Schlesische Musikfest 1996 unter der Schirmherrschaft des Landtagspräsidenten Erich Iltgen und des Görlitzer Oberbürgermeisters Matthias Lechner war ein wichtiger Bestandteil der 925-Jahr-Feier in Görlitz und Zgorzelec. Die rege Beteiligung von polnischen und tschechischen Nachbarn sowohl bei den Mitwirkenden als unter den Zuhörern führte zu der Entscheidung, die Nachbarstadt Zgorzelec beim 28. Fest vom 10. bis 14. Juni 1998 stärker als bisher einzubeziehen.

Das 28. Schlesische Musikfest 1998 war ein ,,Musikfest des Übergangs", wie so vieles in diesen Jahren von der Spannung zwischen fortführenswerter Tradition und unsicherer, aber auch kreativitätsfördernder Zukunftsaussicht bestimmt wurde und bis heute wird. Das Fest sollte so etwas wie eine Schnittstelle zwischen Tradition und Zukunft werden, denn für das Jahr 2001, in dem es das nächste Schlesische Musikfest geben wird, sind Überlegungen zu einer Neuorganisation im Gange. Ziel ist es, eine professionelle künstlerische Leitung zu etablieren, die mit einem jeweils neuartigen programmatischen Profil Akzente setzen soll. Das Engagement der Bürgerschaft wird aber eine unverzichtbare Basis bleiben, auf der das Schlesische Musikfest den "modernen Zeiten" standhalten soll.

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Das Oratorium "Helmuth James von Moltke"
des Breslauer Komponisten Miroslaw Gasieniec

Dieser Text entstand 1997 für das Programmheft zu Konzerten der Neuen Lausitzer Philharmonie in Görlitz, Breslau, Brüssel und Brügge.

In Miroslaw Gasieniec begegnet man einem Menschen, der vieles gleichzeitig ist: Komponist, Pianist, Organisator eines Musikfestivals und dabei mehr oder weniger "Mädchen für alles". Die Gespräche mit ihm waren, wie es in den hektischen Zeitläuften meistens ist, organisierender, mitunter fast geschäftlicher Art. Fast mutete es wie eine Überraschung an, als in Vorbereitung der sommerlichen Konzertreise der Neuen Lausitzer Philharmonie die Beschäftigung mit dem Oratorium "Helmuth James von Moltke" und somit mit dem Komponisten Gasieniec in den Vordergrund trat. Das mit dem Textdicher Jan Telejko gemeinsam geschaffene Stück, das im Libretto auch Texte aus der Bibel und Lyrik von Dawn und Horaz einbezieht, ist ein sehr persönliches, bekenntnishaftes Werk. Es zeugt von der tiefen christlichen Verwurzelung, die Gasieniec mit Moltke verbindet, und von persönlicher Identifikation des Künstlers mit seinem "Titelhelden". Nicht zuletzt aber plädiert dieses Werk dafür, die deutsch-polnische Gemeinsamkeit in der historischen Landschaft Schlesien als Bereicherung zu begreifen und so – ganz im Sinne Moltkes – einen stabilen Grundstein für die Freundschaft von zwei Nachbarvölkern innerhalb eines europäischen Hauses zu legen.

Der erste Teil des Oratoriums, unter dem Titel "Weissagung", beginnt symbolisch mit Glockentönen – eine Reminiszenz an jene Glocken, die am Eingang des Moltke-Gutes in Kreisau hingen und auf verschlungenen Wegen dorthin zurückgekehrt sind. Bald schleicht sich ein drohender Unterton ein: über einem Ostinato der Pauken beginnt der Chor mit einem Text, der bereits den religiösen und den verallgemeinernden Aspekt des Werkes verbindet: "Frage nicht, wem die Glocke läutet – sie läutet doch dir". Die Paradoxie des menschlichen Suchens nach Antworten stellt sich dar, indem auf eine vermeintlich gerade nicht zu stellende Frage, für wen die Glocke läuten mag, eine Antwort gegeben wird. Ob es um eine konkrete Person geht, bleibt zunächst offen.

Begleitet von solistisch behandelter Oboe und Klarinette, die im Verlauf des Werkes noch mehrfach auf die Einsamkeit des Individuums zu verweisen scheinen, stellt der vom Bariton vorgetragene Text ein Bild vom Eingebunden-Sein des einzelnen Menschen in die großen Zusammenhänge auf: ("Aber kein Mensch ist ein freies Eiland, jeder bildet ein Stück des Kontinentes"). Ein wichiges Motiv des Oratoriums deutet zugleich auf die wiederum paradoxe "Schattenseite" dieser Erkenntnis: die Machtlosigkeit des Einzelnen wird verzweifelnd erkannt, was jedoch keineswegs zum Rückzug ins Private führen darf – ein Dilemma, aus dem auch Moltke und seine Brüder und Schwestern im Geiste nicht herausfinden konnten.

Bogenförmig endet der erste Teil, indem nach der Wiederholung des einleitenden Chorgesangs nur die einsamen Glockentöne übrig bleiben.

Eine archaische und zugleich widerspruchsvolle Musik leitet den zweiten Teil ("Krieg") ein: Paukenwirbel und Flöten schaffen eine fast spielerische Grundlage, die auf die "Dekorierung" der kriegerischen Handlungen durch Militärmusik verweist, während allmählich Blechbläser und der Chor bedrohlich-ernst in diese Stimmung eindringen. Grundiert von "Weh"-Rufen des Chores, erzählen die Solisten rezitativisch vom "Tier", das "von der Erde bewundert" werde – es bleibt dem Zuhörer überlassen, ob er diese Passage eher allgemein auffasst oder den Text, der im weiteren Verlauf auch vom Teufel spricht, mit Hitler assoziiert. Gemeinsame "Weh"-Rufe von Chor und männlichen Solisten beenden diesen Abschnitt.

Ein ruhiger, nachdenklicher, teilweise fast idyllisch anmutender Teil folgt: "Der Auserwählte". Das zentrale Motto wird vom Chor a capella in einer archaisch-choralhaften Weise vorgetragen: "Alles hat seine Zeit". Trotz des geraden 4/4-Taktes macht diese Passage den Eindruck eines Wiegenliedes, Trost und dessen Vergeblichkeit gleichzeitig enthaltend. Ein instrumentales Zwischenspiel, mit pentatonischen Elementen einen meditativen Eindruck erzeugend, bringt über einem Streichergrund Glocken- und Flötentöne. Man meint sich in einem Traum zu befinden: die Welt ist in Ordnung. Sopran und Tenor vereinigen sich in einem weit ausgesponnenen Gesang, der zugleich Verheißung und Ermutigung ist: die Gerechtigkeit und Unbeugsamkeit widerstehe jeglicher Tyrannei. Die tiefen Streicher fügen mit einem leisen Ostinato dieser Passage jedoch einen bedrohlichen Unterton hinzu. Nach einer Wiederholung des einleitenden Chorteils erscheinen erneut die beiden Solostimmen. Zwei Menschen versichern sich hier ihrer gegenseitigen Solidarität und Hilfe. Es fällt nicht schwer, in diesem mehr und mehr flehendem Gebet die damalige Situation von Helmuth und Freya von Moltke zu erkennen, zumal bereits davon die Rede ist, dass nicht verbrennen wird, wer ins Feuer gehen muss. Was mit Worten nicht mehr gesagt werden kann, beschreiben anschließend zunächst Flöte und Klarinette über Harfenarpeggien, sodann die beiden Solisten in textlosen Vokalisen. Still, aber durchaus ermutigend endet dieser zentrale und auch längste Satz des Oratoriums mit einer erneuten Wiederholung der Choreinleitung.

Ein kurzes Interludium, in dem über wildbewegtem Instrumentarium der Chor die "Zeit für Kriege" ausruft, leitet über zu der szenisch empfundenen und umgesetzten Gerichtsszene, in der der Angeklagte Moltke von seinen Richtern und einem mehr und mehr hysterischem Publikum befragt wird. Radikal ändert sich der musikalische Gestus, wenn der Solotenor (in der "Rolle" Moltkes) seine christliche Verwurzelung beruft ("Gott ist mein Licht") und diesen Satz trotz offensichtlicher Chancenlosigkeit einen Ton höher wiederholt. Vor unseren Ohren entsteht eine klangliche Insel der Humanität, bevor "Verrat"-Rufe und ein Schuldspruch, der nurmehr aus Wort- und Musikfetzen besteht, den Gang zur Hinrichtung einleiten. Am Ende wird der Chorgesang zur inneren Stimme des Verurteilten: "Wer ist zu Tode bereit, war zu Lebzeiten Christi Zeuge" – ein zentraler Satz für Moltkes Haltung wie auch für die Autoren des ihm gewidmeten Oratoriums.

Das Finale bringt eine Reminiszenz an den Beginn des Werkes. Der Text erinnert hier streckenweise an die Seligsprechungen der Bergpredigt ("Glücklich war der Mann, der nicht auf den Weg der Sünder trat, der nicht wandelte im Rat der Gottlosen, der nicht im Kreise der Spötter saß"). Über Glockentönen steigert sich der Schluss des Werkes zu einem hymnischen Gesang zu Ehren des "Titelhelden". Auch das Rätsel, wem die Glocke schon zu Beginn läutete, wird entschlüsselt: "Sie läutet dir, Helmuth James von Moltke".

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Konzerte in Greifswald

Dieser Artikel entstand 1994 als Rückblick auf die Konzerttätigkeit des Theaters Greifswald. Anlass war die Veröffentlichung eines Heftes über die Greifswalder Theatergeschichte, die mit der Theaterfusion Stralsund/Greifswald 1994 eine wichtige Zäsur erlebte.

Seit 1945 hat es, zunächst weniger regelmäßig, Konzerte des Theaterorchesters gegeben. In der Nachkriegszeit setzte die Konzerttätigkeit zwar einige Jahre aus, ab 1952 jedoch wurde sie zu einer festen Einrichtung mit fünf bis sieben Konzerten pro Spielzeit. Während der inzwischen "historischen" ersten Fusion der Theater Greifswald und Stralsund (seinerzeit Putbus einschließend) gab es sogar acht bis neun Sinfoniekonzerte, danach wieder weniger. Ab 1980 wurde ein zweiter Abonnementsring eingerichtet und das monatliche Konzert doppelt gespielt. 1990-94 gab es acht Sinfoniekonzerte mit je zwei Terminen. In diesen Jahren hat es darüber hinaus eine stattliche Anzahl von Sonderkonzerten gegeben, u.a. in den verschiedenen Kirchen und teils in Zusammenarbeit mit den hiesigen Chören; Serenaden im Kloster Eldena, Konzerte zu den 1991 ins Leben gerufenen Musiktagen mit skandinavischem Schwerpunkt sowie zum Musiksommer Mecklenburg-Vorpommern und der jährlichen Bachwoche mit einem besonderen Akzent auf der Moderne.

Das letzte Konzert des Vorpommerschen Sinfonieorchesters Greifswald, eine Serenade in der Klosterruine Eldena am 16. Juli 1994, endete mit einer Uraufführung. Beziehungsreich fügte der Komponist Ottmar-Wolfram Vogel, 1. Fagottist des Orchesters und als origineller Tondichter in den Greifswalder Konzerten mehrfach erprobt, seinem Werk den Untertitel "Finale" hinzu.

Dass das Oeuvre eines komponierenden Musikers gepflegt wird, ist in vielen Orchestern eine Selbstverständlichkeit. Ein Rückblick auf die Arbeit des Vorpommerschen Sinfonieorchesters Greifswald - wie sich das Orchester des Theaters seit 1990 nannte - zeigt aber im Konzertbereich eine außergewöhnliche Aktivität auf dem Gebiet der neueren Musik, die in vielen Facetten und nationalen Ausprägungen vorgestellt wurde. Sicher nicht immer nur zum Vergnügen von Musikern und Hörern - aber für den am Rande Beteiligten war es höchst erstaunlich, mit welcher Energie und Professionalität die Musiker des Orchesters sich diesen Aufgaben näherten und sich letztlich offenbar doch als "Anwalt" der zeitgenössischen Komponisten verstanden, und nicht zuletzt, welche Aufmerksamkeit das Publikum auch und gerade diesen Werken entgegengebracht hat.

Unvergesslich das atemlose Lauschen bei Allan Petterssons 7. Sinfonie (November 1992), aber auch das herzliche Lachen über Jens Peter Ostendorfs Westernparodie "Johnny reitet westwärts" (Oktober 1993). Und nicht selten vermeinte man, die Musiker inzwischen besser kennend als zu Beginn, beim oft als Ritual verstandenen Entgegennehmen des Beifalls nach einem modernen "Brocken" auch einige selbstbewusste, zu Recht stolze Mienen zu sehen...

Es soll an dieser Stelle aber kein Abschied zelebriert werden. Die Fusion wird bei den Orchestern zweifellos mit einem künstlerischen Gewinn einhergehen, vor allem hinsichtlich des umfangreicheren Repertoires und auch größerer organisatorischer Flexibilität (wer stöhnte nicht unter der Einengung durch die engen Dienstpläne!). Und doch: Wir sind stolz darauf, auf einen Konzertbetrieb dieses Ausmaßes zurückblicken zu dürfen, stolz auch darauf, dass dieses Orchester so gut geworden ist, wie es ist. Dazu wiederum hat - dies wurde auch von langjährigen kritischen Beobachtern bestätigt - gerade die häufige Übung an moderner Musik nicht unwesentlich beigetragen.

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Sie machte kein Furore - Beethovens 8. Sinfonie

Es scheint, als habe Ludwig van Beethoven vor der gewaltigen, gelegentlich aber auch ausufernden "Neunten" noch einmal Atem geholt: mit der tänzerisch inspirierten 7. Sinfonie und mit der kurzen, äußerst konzentrierten und doch so vielfältigen "Achten". Sie ist die kürzeste aller Beethoven-Sinfonien, und dies sowohl in der Spieldauer als auch in der Entstehungszeit. Beethoven komponierte sie im Jahre 1812, überwiegend während eines Aufenthalts in Böhmen und gleichzeitig mit der 7. Sinfonie. Letztere war auch schuld daran, dass die Achte von Anfang an ein wenig im Schatten blieb, denn bei der Uraufführung wurde die kleinere, feinere der beiden von der Wiederholung der 7. fast "erschlagen", zumal Beethovens Werk "Wellingtons Sieg" die patriotischen Gefühle der Wiener, die Napoleon überwunden glaubten, hochschlagen ließ. Gegen diese verständlichen Aufwallungen und gegen die letztlich doch eingängigere, populärere Siebente hatte die 8. Sinfonie, die am 27. Februar auch gespielt wurde, keine rechte Chance.

Wie ungerecht, nicht nur aus der Sicht des Komponisten, der die F-Dur-Sinfonie für viel besser hielt als die Siebente und über den bloßen Achtungserfolg des Werkes enttäuscht war (ein Kritiker hatte bemerkt, die 8. habe kein Furore gemacht).

Interessant sind die Auseinandersetzungen in der Musikwissenschaft über den "Humor" in diesem Werk. Dietmar Holland bemerkt treffend, in der 8. finde sich ein Humor, dem nicht zu trauen ist. Der Humor ist in der Tat kein direkter, kein musikalischer Witz; sondern Beethoven spielt mit den Hörerwartungen des Publikums, irritiert diese nachhaltig. Die musikalische Form wird hintersinnig variiert, der "richtigen" Endung bestimmter kompositorischer Verläufe wird bewusst ausgewichen.

Im Gegensatz zu den meisten anderen Beethoven-Sinfonien gibt es in der Achten keine Einleitung (weder eine "irritierende" noch eine zum "eigentlichen" Satz direkt hinführende). Es geht unmittelbar in medias res. Doch der Komponist verwischt schon bald die herkömmlichen Grenzen zwischen Exposition und Durchführung - und der Hörer weiß nicht recht, wo er sich eigentlich befindet. Die wirkliche Durchführung entfernt sich weit von der vorgegebenen musikalischen Struktur, rhythmisch wie harmonisch. Hinsichtlich des zweiten Satzes gab es lange die Auffassung, hier sei ein Kanon Beethovens zu Ehren des Metronom-Erfinders Mälzel verwendet worden. Dies ist zwar nicht der Fall, doch der Satz ist in der Tat ein "auskomponiertes Ticken". Auch hier wird vieles verschoben, was eigentlich ganz direkt, gleichsam "geradeaus" funktionieren müsste. Auch das Menuett (distanzierend "tempo di menuetto" genannt) gerät schnell aus den Fugen, im Wortsinne "aus dem Takt". Trompeten und Pauken "stören" das Thema des Satzbeginns, später stören sie sich sogar gegenseitig.

Das Problem des Finales in der romantischen Sinfonie gipfelt bei einigen Beethoven-Werken in Schlüssen, die nie recht zum Ende kommen wollen (siehe die gelegentlich sogar parodierte "Fünfte"). In der 8. Sinfonie hat sich der Komponist offenbar selbst ein wenig auf die Schippe genommen: die Tonartendisposition ist ganz in Unordnung, die Begleitung überspielt das Hauptthema und die Verhältnisse von Themenwiederkehr und formaler Disposition sind unklar. Der Schluss ist radikal: die Haupttonart kehrt "ganz einfach" unvermittelt wieder - womit das Finalproblem auch gelöst ist.

Die 8. Sinfonie Beethovens wirkt "klassisch" wie die frühen Werke, vor allem die 2. Sinfonie. Der Weg jedoch, den der Komponist bis dahin gegangen war, die Entwicklungsstufe, an der er sich vor der gewaltigen Neunten fand, ist in diesem Stück nicht zu verleugnen. Und es ist vielleicht gerade der ironische Charakter vieler Passagen, der das Werk nicht so populär wie die sinfonischen Vorgänger und Nachfolger gemacht hat. Dem aufmerksamen Hörer jedoch ermöglicht die "Achte" jedoch um so größeres Vergnügen.

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Das Problem mit der Freude

Ein sinfonisches Finale als "ästhetische Ungeheuerlichkeit"
Text zum Programmheft des Europäischen Musikfests Stuttgart 2002

"Lasst uns das Lied des unsterblichen Schiller singen!" – so wollte Ludwig van Beethoven nach Angabe seines Vertrauten und Biografen Anton Schindler ursprünglich die Überleitung vom instrumentalen zum vokalen Teil der 9. Sinfonie textieren. Mit diesem Übergang – dessen endgültige Form "O Freunde, nicht diese Töne! Sondern lasst uns angenehmere anstimmen, und freudenvollere!" sich denn doch als wesentlich glücklichere Wahl erwies – hatte der Komponist lange gerungen. Das verwundert nicht, war doch die Vertonung von Schillers "Ode an die Freude" als kalkulierte Erweiterung der sinfonischen Form ein kühnes Experiment, das die wenigen Vorläufer wie beispielsweise Peter von Winters "Schlacht-Sinfonie" (1813) an Konsequenz bei weitem übertraf. Schillers 1786 geschriebenes Gedicht, dessen erhabener Schwung Beethoven stark ansprach, hatte der Komponist schon in den 90-er Jahren des 18. Jahrhunderts zur Vertonung ausersehen und damit bei Eingeweihten große Hoffnungen geweckt: "Ich erwarte etwas Vollkommenes", hatte der mit Beethoven bekannte Bonner Juraprofessor Bartholomäus Fischenich im Januar 1793 an Charlotte von Schiller, die Gattin des Dichters, geschrieben. Aber erst im Oktober 1822 verband der Komponist diese Idee mit dem Plan zu einer neuen Sinfonie.

Ludwig van Beethoven erwies sich damit nicht zum ersten Mal als Grenzgänger zwischen den Gattungen. Sowohl die "Chorfantasie" – als Mischung von Kantate und Klavierkonzert – als auch die der 9. Sinfonie vorangegangene "Missa solemnis", die Richard Wagner als "rein sinfonisches Werk" bezeichnet hatte, bezeugen nicht nur Beethovens eigenes Streben nach neuen Lösungen. Dass er so agieren konnte, zeigt auch, dass die sinfonische Form im frühen 19. Jahrhundert nicht mehr fest gefügt war. Auch Beethoven hatte bereits in früheren Sinfonien – der 3. und der 5. vor allem – einerseits den zeitlichen Verlauf ins Monumentale ausgedehnt, andererseits der absoluten Form außermusikalische Aspekte assoziiert, die sein Biograf Adolf Bernhard Marx als "Ideengehalt" bezeichnete.

Die in dieser Zeit unternommenen Versuche anderer Komponisten, vokale Elemente in die sinfonische Form einzubringen – neben der genannten "Schlacht-Sinfonie" auch ein 1809 entstandenes "Concertino für Violine, Soli, Chor und Orchester" von Ferdinand Fränzl, betitelt "Das Reich der Töne" – basieren noch deutlicher auf solchen außermusikalischen Aspekten. Die Fortsetzung dieser Linie ist jedoch eher in der Programmsinfonie zu sehen, wie sie in Hector Berlioz' "Symphonie fantastique" (1830) einen frühen Höhepunkt erreichte und sich in den sinfonischen Dichtungen am Ende des 19. Jahrhunderts der eigenen Auflösung näherte.

Beethovens neuartiges Konzept, den vokalen Anteil so in die sinfonische Form zu integrieren, dass der Charakter der "absoluten Musik" weit gehend bewahrt bleibt und sowohl das Dramatische wie das Programmatische ausgespart bleiben, ist als Wendepunkt der Gattungsgeschichte gleichzeitig Auftakt zu einer vielfältigen Entwicklung. Die zeitliche Ausdehnung der Sinfonie bei Anton Bruckner und ihre formale Erweiterung durch Gustav Mahler, der erneut vokale Sätze integrierte, haben ebenso mit Beethovens Experiment zu tun wie die sinfonischen Versuche des 20. und 21. Jahrhunderts, die zwar häufig – wie z. B. bei Karl Amadeus Hartmann und Hans Werner Henze – die formalen Prinzipien der tradierten Sinfonie noch durchscheinen lassen, später aber diese Prinzipien radikal als Versuchsmaterial begreifen wie Wolfgang Rihm in "vers une symphonie fleuve". Dieses "work in progress" ist eine permanente Auseinandersetzung mit der sinfonischen Form und drückt aus, welche Herausforderung die Sinfonie als musikalische Form und repräsentative Gattung bis heute darstellt.

Zwar soll Beethoven, wie wir allerdings nur aus dritter Hand wissen, ins gleiche Horn gestoßen haben wie einige seiner Kritiker und den 4. Satz als "Missgriff" bezeichnet haben, und es gab auch Entwürfe zu einem rein instrumentalen Schlusssatz. Dennoch hätte die 9. Sinfonie, so monumental sie auch als Ganzes ist, ohne das Chorfinale wohl kaum eine so weit greifende Wirkung entfaltet. Der Schlusssatz der Neunten stand von Anfang im Zentrum der kritischen Auseinandersetzung mit dem Werk. Von zahlreichen Interpreten wurde dieser Satz, genau genommen der Teil ab "O Freunde, nicht diese Töne!", gar als Einzelerscheinung wahrgenommen, die sich von den 50 Minuten, die die Sinfonie bis dahin immerhin bereits dauert, vollkommen absondert. Dies zeigt, wie schwer Beethovens Entscheidung wog, Solisten und Chor in eine Sinfonie einzuführen.

So sehr sich der Komponist um die musikalische Einheit mit den drei instrumentalen Sätzen bemühte, so quer stand doch das vokale Element zu dem Vorangegangenem – nicht zuletzt durch seine äußerliche Dominanz und seine praktischen Anforderungen. Allerdings hat die Auseinandersetzung um die Berechtigung und Wirkung der menschlichen Stimme in einer Sinfonie auch die Bedeutung verschleiert, die der ausgedehnte instrumentale Teil vor dem Einsatz des Solobassisten für die Interpretation des Werkes und des Schlusssatzes hat. Die Gebrochenheit, die hier zum Ausdruck kommt, wurde erst lange nach der Uraufführung als Kategorie der Interpretation und als Qualität des Werkes erkannt.

Innerhalb des sinfonischen Werkes von Ludwig van Beethoven folgt die 9. Sinfonie nach einer Pause von über zehn Jahren auf die 8., die in ihren äußeren Dimensionen hinter die vorangegangenen Sinfonien seit der "Eroica" zurückgeht und so an Beethovens sinfonische Anfänge anknüpft. Schon lange vor der Uraufführung der Neunten finden sich in Beethovens Skizzenbüchern Notizen zu einer neuen Sinfonie und zu einer Vertonung von Schillers "Ode an die Freude" – getrennte Projekte, die sich erst wesentlich später zum Entwurf eines "Lebenswerks" (Karl-Heinz Köhler) verdichteten. Beethoven richtete den Schillerschen Text selbst für seine Zwecke ein, wobei die Bearbeitung einerseits die erwähnten Überleitungszeilen aus eigener Feder, andererseits umfangreiche Kürzungen umfasste. Dabei erwies sich Beethoven als geschickter Redakteur – seine Striche reduzierten die "Ode an die Freude" auf ihre zentralen und allgemeingültigen Aspekte, wobei aber auch die Zeilen "Duldet muthig, Millionen! / Duldet für die bess're Welt!" dem Rotstift zum Opfer fielen, die der Nachwelt die Interpretation als erhebende Feierstunde möglicherweise etwas schwerer gemacht hätten.

Die Uraufführung fand im Rahmen eines erstaunlich umfangreichen Programms am 7. Mai 1824 im Wiener Kärtnertortheater statt. Ihr waren zahlreiche Wirrnisse und eine umständliche Vorbereitung vorausgegangen. Vor allem die Herstellung der Noten und die Ausführung der Vokalpartien erwiesen sich als beinahe unüberwindliche Hemmnisse: "Die Sternstunde der Musikgeschichte (...) war umgeben von Empfindlichkeiten, Missverständnissen, Erbärmlichkeiten, dem Unverständnis und dem Unvermögen vieler fragwürdiger Charaktere; sie war Konstellationen ausgesetzt, die sich aus dem Widerspruch zwischen den Realitäten, mit denen sich ihr Schöpfer herumzuplagen hatte, und der Größe des Werkes ergaben" (Karl-Heinz Köhler).

Der "enthusiastische, rauschende Beifall", von dem die an der Uraufführung Mitwirkenden berichteten, setzte sich in der positiven Resonanz in den Zeitungen fort. "Ein Tag der Feyer für alle wahren Freunde der Musik", jubelte ein Wiener Kritiker, und ein Leipziger Kollege lobte, es sei "alles neu, und nie da gewesen". Das Werk verbreitete sich zwar rasch, die Folgeaufführungen (1825 in London, Frankfurt, Aachen; 1826 in Leipzig und Berlin), von denen einige das Werk nur teilweise wiedergaben, stießen jedoch auf Skepsis. In Leipzig hielt ein Kritiker das Werk für "überkünstelt", und ein Aachener Rezensent meinte, es fehle "an Haltung und Ausführbarkeit". Die praktischen Schwierigkeiten, die hier anklingen, vor allem die instrumentale und vermeintlich unsingbare Ausführung der Solopartien und Chöre, blieben eine Konstante der Kritik. Noch 1866 schrieb der Rezensent Otto Hahn über eine Aufführung beim Niederrheinischen Musikfest: "Das vollständige Gelingen des letzten Satzes liegt außer jeder Berechnung, eine wohltuende Wirkung wird wohl kaum zu erreichen sein."

Vor allem aber die musikalische Gestalt des Werkes spaltete noch lange die Musikwelt. Monströsität, Formlosigkeit, Trivialität und übertriebene Originalitätssucht waren die zentralen Einwände: "Mitte des 19. Jahrhunderts war die 9. Sinfonie das Werk, an dem sich die kontroversen musikästhetischen Positionen manifestierten" (Andreas Eichhorn). Diese Funktion als "Wasserscheide", wie es der Kritikerpapst des 19. Jahrhunderts, Eduard Hanslick, bezeichnete, drückt sich also nicht nur im Vorher/Nachher aus, sondern auch darin, dass die 9. Sinfonie von Befürwortern und Gegnern vereinnahmt und instrumentalisiert wurde. Kernpunkt war hier wie dort die Rolle des gesungenen Worts. Mit dem überlieferten romantischen Musikbegriff, der das Instrumentale dem Vokalen als überlegen sah und eine Sinfonie vor allem als "Rätsel" begriff, war das Werk nicht zu vereinbaren. Hier machte auch Hanslick seine Position fest, der das Innovative des Werkes wohl nicht abstritt, das Chorfinale dennoch als "ästhetische Ungeheuerlichkeit" kritisierte. Die konträre Meinung ging davon aus, dass gerade das Wort die Instrumentalmusik von ihren Fesseln befreie und endlich die Möglichkeit eröffne, eine Grundidee, die außerhalb des musikalischen Werkes liege, in dieses zu integrieren.

Vor allem der spätere Beethoven-Biograf Adolf Bernhard Marx hat immer wieder für diesen "Ideengehalt" als innovative Erweiterung der sinfonischen Form geworben. Er betrachtete die 9. Sinfonie als Synthese von objektiver Darstellung und subjektivem Ausdruck. Die "Ideen als Urbilder des Ewig-Wahren" und ihre Konkretisierung durch den Gesang schienen ihm die absolute Musik auf ideale Weise zu ergänzen: "All das mystisch-mythische Leben jener nicht menschlichen Stimmen drängt nur unwiderstehlicher zum Menschenwort hin; alle jene Traumgedanken fliegen vorüber, wenn die klangverhüllten Bässe drang-, fast qualvoll sich in die Gestalt der Menschenrede hineinringen. (...) Menschenstimme, Menschenwort allein kann vollenden, was jenes Stammeln nur versucht und ahnen lässt."

Damit war der Tonfall für die Rezeption der Neunten für lange Zeit gesetzt. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts konnte das Werk sowohl als Musterbeispiel für das "Erhabene" in der Musik stehen wie auch als "Revolutionssinfonie" gedeutet werden. Besonders für Richard Wagner, der die theoretische Beschäftigung mit dem Werk und dessen Interpretation als Dirigent verbinden konnte, wurde die 9. Sinfonie zum überaus wichtigen Erlebnis, zum "mystischen Anziehungspunkt all seines phantastisch-musikalischen Sinnens und Trachtens". Früh schon stellte er einen Klavierauszug her, um dem "Geheimnis" des Werkes auf die Spur zu kommen. 1846 leitete er erstmals eine Aufführung, 1849 schließlich erkannte er – während in Dresden die Barrikaden gebaut wurden und der russische Anarchist Michail Bakunin mit überschwänglicher Begeisterung der Generalprobe beiwohnte – das Werk als "Revolutionssinfonie", nicht ohne zu bemerken, dass er das Chorfinale für deren schwächsten Teil halte. Wagner war auch unter den ersten, die die Funktion des Werkes als Ersatzreligion mit dem Wunsch beglaubigten, dass "eigentlich die ganze vorhandene Zuschauerschaft" die Chöre der Sinfonie mitsingen müsste – eine Idee, die in ihrer Leutseligkeit kaum vermuten lässt, dass sie ausgerechnet von den Nationalsozialisten wieder aufgegriffen werden sollte, die auch die Neunte schamlos für ihre eigenen Zwecke einsetzten.

Es hat nicht an frühen Warnungen vor solcher Instrumentalisierung des Werkes gefehlt. Der Dirigent Hans von Bülow bekannte, nachdem er sich von der "neudeutschen" Richtung Liszts und Wagners distanziert hatte, im Jahr 1888: "Ich habe kein Herz, keine Begeisterung mehr für dieses Finale, dessen Gemeinschädlichkeit (...) mir von Jahr zu Jahr einleuchtender geworden ist."

Die Gemeinschädlichkeit, die Bülow kritisierte, wirkte sich nicht nur in der Aufforderung zu weiteren Experimenten mit der sinfonischen Form bis hin zu ihrer Auflösung in der Übersteigerung aus, sondern gerade darin, dass die 9. Sinfonie "zur Feierstunde verkommen" ist (Michael Gielen). Das Herabsinken zur Gebrauchsmusik steht für Gielen, darin ganz kritischer Interpret der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, im Mittelpunkt seiner Haltung zur Neunten: "Im Moment, da ein Meisterwerk zum Festakt, zur Heldenverehrung, also zum Nationalfeiertagsstück usw. erniedrigt wird, werden auch die Inhalte ideologisch. Das heißt: die sowieso höchst gefährdeten Schiller-Texte, die Beethoven verwendet – gefährdet, weil so abstrakt idealistisch -, verkommen zur Phrase; so wie das ganz Werk zur Phrase verkommt." Tatsächlich ist Beethovens 9. Sinfonie – damit seiner Oper "Fidelio" verwandt, die sogar ein ähnliches "Finalproblem" aufwirft – ein vielen offiziellen Anlässen dienliches Werk. Richard Wagner begründete die Tradition, die 9. Sinfonie zur Eröffnung der Bayreuther Festspiele aufzuführen und sich damit vor dem großen Vorbild zu verneigen. Als Silvesterstück wurde das Werk erstmals in einem Konzert des Arbeiterbildungsinstituts Leipzig aufgeführt, das damit 1918 Kriegsende und Sieg der Demokratie feiern wollte. Die Neunte erklang als zentrales Werk 1938 zu den Reichsmusiktagen in Düsseldorf und ebenso 1945 am Ende des Weltkrieges. Man spielte sie zur deutschen Vereinigung 1990, und acht Jahre später mit internationaler Chorbeteiligung zur Eröffnung der Olympischen Winterspiele in Nagano. Die Absicht eines Generalmusikdirektors in Magdeburg, das Werk nicht mehr – wie seit Jahrzehnten üblich - zum Jahrestag der verheerenden Bombardierung der Stadt im 2. Weltkrieg zu spielen, kostete ihn sein Amt. "Freude, schöner Götterfunken" wurde zum leicht verdaulichen "Song of Joy" verpoppt und war als Nationalhymne des neu vereinigten Deutschlands im Gespräch, so wie dieser Teil des Werks auch schon offiziell zur "Europahymne" deklariert worden war. Hanns Eisler verurteilte den Missbrauch durch die Nationalsozialisten und vereinnahmte das Werk gleichzeitig für die "kämpfenden Arbeiter", wobei Beethoven als "Vorbild des Antifaschisten" zu dienen hatte. Leonard Bernstein, beglückt über den Fall der Berliner Mauer, ersetzte kurzerhand "Freude" durch "Freiheit" und deklarierte seine Interpretation verkaufsfördernd zur "Ode an die Freiheit", obwohl doch verständigen Hörern der Schillerschen Texte sehr wohl der inhaltliche Gleichklang der beiden Begriffe bewusst sein dürfte.

Die Vereinnahmung als Festmusik verwässert jedoch, ganz wie beim "Fidelio", die Mischung aus Utopie und Skepsis, aus der die Vertonung von Schillers Ode hervorgeht – "es ist ein höchst problematisches Stück, in dem die musikalische Faktur im ersten Satz und im Adagio und auch im Scherzo und in der Einleitung zum Finale so zerbrochen, so gebrochen ist, dass man dann (...) das Freudenthema im Unisono als eine Erlösung empfindet" (Gielen). Diese Gebrochenheit ist also für das Werk im Ganzen – und gerade für den Finalsatz – von grundlegender Qualität. Auch in den vermeintlich nur freudigen Chorsatz hat Beethoven einige sperrige Elemente eingebaut – nicht zuletzt das "vulgäre Tschingbumm" (Gielen) kurz vor dem Ende. Vor allem aber kann der aufmerksame Hörer in der Einleitung zum Chorfinale, die Zitate aus den vorangegangenen Sätzen durch rezitativische Einschübe gleichsam abarbeitet, das eigentlich Revolutionäre sehr deutlich wahrnehmen: "Die Zerstörung vergangener Strukturen, wie sie in jeder Revolution notwendig ist und wie sie in Beethovens Kompositionstechnik Ereignis wird, wird hier ins Subjekt verlagert, das die Errungenschaft der vorherigen Sätze Revue passieren lässt und für nicht genügend erachtet. Die Erledigung vergangener Inhalte ist wohl Vorbedingung jeder Entwicklung, auch der der Psyche. Es ist die Verinnerlichung des Gedankens der Revolution" (Gielen).

Am Ende des Finalsatzes steht die lärmende Übersteigerung des so ruhig und zuversichtlich eingeführten Freudenmotivs – auch dies wohl eher ein Ausdruck von Skepsis als von ungetrübter Zuversicht. Die alles verharmlosende Spaßgesellschaft macht allerdings auch vor dem erweiterten "Song of Joy" nicht Halt. Die dazu passende Interpretation und ein letztes Beispiel an Vereinnahmung lieferte 1994 Egon Voss jenseits aller politischen und philosophischen Implikationen: "Gerade der Schlusssatz der Neunten ist mit seinem Loblied auf die Freude, die allerdings nicht einfach da ist, sondern gleichsam herbeigezwungen werden muss, nichts anderes als Ausdruck des Wunsches nach fröhlicher Ausgelassenheit, nach selig-vergnügtem Happy End, nach heiterem Kehraus."

Verwendete Literatur

Andreas Eichhorn: Beethovens Neunte Symphonie. Kassel 1993. - Martin Geck: Von Beethoven bis Mahler. Stuttgart 1993. Taschenbuchausgabe Reinbek 2000. - Michael Gielen/Paul Fiebig: Beethoven im Gespräch. Die neun Sinfonien. Stuttgart 1995. - Peter Gradenwitz: Leonard Bernstein. Zürich 1984. Neuausgabe 1992. - Karl-Heinz Köhler: ...Tochter aus Elysium. Frankfurt am Main 2000.
Dieter Rexroth: Beethoven, 9. Sinfonie. Einführung und Analyse. Mainz 1979. - Stefanie Steiner: Zwischen Kirche, Bühne und Konzertsaal. Kassel 2001. - Renate Ulm (Hrsg.): Die 9 Symphonien Beethovens. Kassel 1994.

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Ein anschauliches Bild - Mendelssohns "Italienische"

Felix Mendelssohn Bartholdy unternahm zwischen Mai 1830 und Juni 1832 eine Bildungsreise, die ihn, mit ausgedehnten Zwischenaufenthalten, von Berlin aus bis nach Neapel und dann nach Paris und London führte. Bereits einen Großteil des Jahres 1829 hatte er auf Reisen verbracht, bei denen er England und Schottland besuchte. Einen gewichtigen Anteil der heute meistgespielten Werke Mendelssohns verdankt die Musikwelt diesen Auslandsaufenthalten, wobei die Chronologie der Opuszahlen eher verwirrt als informiert, da sie Anregungen einerseits und Umarbeitungen andererseits naturgemäß nicht erhellen kann: Die Arbeit an der dritten, "schottischen" Sinfonie und ihrem "italienischen" Pendant sowie an den beiden Ouvertüren "Die Hebriden" und "Meeresstille und glückliche Fahrt" (die wiederum von der Reise nach Großbritannien inspiriert sind) verschränken sich vielfach während der Jahre 1828 bis 1833, während - dies sei noch hinzugefügt - Mendelssohns vermeintliche "Fünfte" mit dem Beinamen "Reformationssinfonie" noch vor der Dritten entstand.

Die 4. Sinfonie in A-Dur op. 90 dirigierte Mendelssohn am 13. Mai 1833 in London (!) zum ersten Male. Gedruckt und veröffentlicht wurde das Werk erst nach dem Tode des Komponisten. Der erste Satz beginnt, über einem lebhaften Bläser-Ostinato, mit einem fanfarenartigen Thema der Violinen. Diese knappe, charakteristische Wendung wird im Verlauf des Satzes weit ausgesponnen und im Mittelteil dem eher verhaltenen Seitenthema gegenübergestellt. Die beiden mittleren Sätze weisen im Gegensatz zu den Ecksätzen weniger "italienische" Anklänge auf. Das Andante ist von schlichter Erhabenheit; im Menuett mit seinen Hörnerklängen vermeinte man gar den sprichwörtlichen deutschen Wald zu vernahmen, während Karl-Heinz Köhler in seiner Biographie, sich auf eine Äußerung Mendelssohns berufend, jene Hörnermotive in Zusammenhang mit einem von Goethe literarisch verewigten gezähmten Bären bringt. Der Schlußsatz, mit dem Namen eines temperamentvollen Volkstanzes italienischen Ursprungs hinlänglich gekennzeichnet, sprüht geradezu vor südlicher Lebensfreude.

Mit der "Italienischen Sinfonie" gelang es Mendelssohn, fernab jeder gewichtigen und später zunehmend ideologisierten Programmusik, ein anschauliches Bild Italiens zu zeichnen, das den Hörer immer wieder hinzureißen imstande ist. Nicht umsonst hat man es hier mit dem nächst dem Violinkonzert populärsten und meistgespielten Werk des Komponisten zu tun.

Der junge Deutsche stand übrigens, bei allem Respekt vor der literarischen, historischen und musikalischen Vergangenheit des Gastlandes seiner großen Reise, dessen Gegenwart durchaus kritisch gegenüber: "Ein Orchester müssen Sie sich denken wie im letzten bayrischen Dorf, berichtet er, um an anderer Stelle ebenso realistisch zu konstatieren: Warum soll auch mit Gewalt Italien ein Land heutzutage der Kunst sein, während es das Land der Natur ist und dadurch alles beglückt?"

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Anmerkungen zur "Symphonie fantastique" 
von Hector Berlioz

Berlioz will auch gar nicht artig und elegant gelten; was er hasst, fasst er grimmig bei den Haaren, was er liebt, möchte er vor Innigkeit zerdrücken (...). Seht es einmal einem feurigen Jünglinge nach, den man nicht nach der Krämerelle messen soll! (Robert Schumann, 1855)

In dem Franzosen Hector Berlioz begegnen wir dem eigentlichen Begründer der "Programmmusik", einer Richtung, die zunächst aus der Sackgasse der "absoluten Musik" herauszuführen schien, dann aber selbst in monströser Übersteigerung in eine solche geriet und um so heftiger kritisiert wurde. In der Tat sind spätere Auswüchse dieser Richtung durchaus anfechtbar; um die Mitte des 19. Jahrhunderts jedoch entsprachen sie dem Geist der Zeit - vor allem in Frankreich, wo die traditionelle Sinfonie von untergeordneter Bedeutung blieb. Die Anregung zur "Symphonie fantastique" empfing Berlioz von einem Werk, das bereits zwanzig Jahre früher außermusikalische Anregungen (also ein "Programm") mit der sinfonischen Form verbunden hatte: von Beethovens "Pastorale". Das Erlebnis der Beethoven-Sinfonie 1828 hatte Berlioz nachhaltig beeindruckt, begeistert rühmte er ihre "sprechenden Bilder".

Das Publikum im Pariser Konservatorium scheint die Bedeutung der Symphonie fantastlque gespürt zu haben, als diese am 5.12.1830 uraufgeführt wurde - und stand damit in krassem Gegensatz zum vorherrschenden Akademismus, der dem jungen und stets nach Neuem strebenden Komponisten schon vorher das Leben und Arbeiten schwer gemacht hatte - und davon auch später nicht ablassen sollte. Mit ihrem kompromisslos subjektiven Charakter wurde Berlioz' Sinfonie zum vermutlich einflussreichsten Werk der Epoche, zum Schlüsselwerk der musikalischen Romantik und zum Vorbild für Franz Liszt und Richard Strauss - um nur die bekanntesten Komponisten sinfonischer Dichtungen zu nennen.

Um eine sinfonische Dichtung nämlich handelt es sich im Grunde bei der "Symphonie fantastique". Berlioz selbst stellte dem Werk bei der Uraufführung ein Programm voran, das unverkennbar autobiographische Züge trägt, der "junge Musiker von krankhafter Phantasie" hatte nicht nur selbst Erfahrungen mit dem Opium als Schmerzmittel, sondern machte gerade eine Phase intensiver Gefühle für die Schauspielerin Harriet Smithson durch. Deren Zurückweisung kompensierte Berlioz mit rastloser schöpferischer Tätigkeit, und für das fast einstündige Werk brauchte er im Ganzen zwei Monate (übrigens heiratete selbige Schauspielerin später den Komponisten und bescherte ihm eine mehr oder weniger langweilige Ehe - bis er sie verließ).

Ein junger Musiker von krankhafter Phantasie hat sich in einem Anfalle verliebter Verzweiflung mit Opium vergiftet. Zu schwach, den Tod herbeizuführen, versenkt ihn die narkotische Dosis in einen langen Schlaf, den die seltsamsten Visionen begleiten. In diesem Zustand geben sich seine Empfindungen, seine Gefühle und Erinnerungen durch musikalische Bilder in seinem kranken Gehirne kund. Die Geliebte selbst wird für ihn zur Melodie, gleichsam zu einer fixen Idee, die er überall wiederfindet, überall hört (Berlioz' Programm in einer Fassung von 1855).

Die "fixe Idee" (unter der man in der Wissenschaft eine wahnhafte Zwangsvorstellung versteht) als musikalisches Thema: ein Prinzip, das Berlioz in seiner Sinfonie bis an den Rand des (damals) Möglichen führt. Im ersten Satz ist die Obsession noch recht harmlos, das Thema präsentiert sich in verschiedenen Spielarten der Liebe. Ein dezenter Walzer führt den Hörer im zweiten Satz auf einen Ball, auf dem der Held seiner Geliebten in Gestalt der "idée fixe" wiederbegegnet.

Im dritten Satz ist die Nähe zur Dramatik besonders zu spüren. Zwei Hirten scheinen sich - in einem Dialog von Englisch Horn und Oboe - ihre Weisen zuzurufen. Ein noch fernes Donnergrollen mischt sich in die melancholische Träumerei und kündigt Böses an. Im vierten Satz wohnt der Held seiner eigenen Hinrichtung bei; er hat die Geliebte ermordet und wurde zum Tode verurteilt. Die aufblitzende Erinnerung an die Geliebte wird vom Henkersbeil "abgeschnitten". Auch die Vision des Begräbnisses bleibt dem Besessenen nicht erspart, im fünften Satz feiert eine Grauen erregende Versammlung über dem Grab die Walpurgisnacht. In der gespenstischen Orgie erscheint die "idée fixe" als Grimasse: ein bizarr verzerrtes Abbild der Geliebten.

Die Symphonie fantastique ist bis heute das bekannteste Werk von Hector Berlioz. Schon früh trug der mit dem Komponisten befreundete und ihm geistesverwandte Franz Liszt mit einer Klavierfassung zu ihrer Verbreitung bei. Berlioz - er schrieb später u. a. das riesenhafte Requiem (1837), das bei Zuhörerinnen zu Ohnmachten geführt haben soll; die dramatischen Sinfonien "Harold in Italien" und "Romen und Julia" (1834 bzw. 1839) und die große Oper "Die Trojaner" (1859) - gilt als Schöpfer des modernen Orchesterklangs. Von bleibendem Gewicht sind auch seine journalistischen Arbeiten - die er eher notgedrungen schrieb - und die Epoche machende Instrumentationslehre von 1843/44. Gemessen am musikgeschichtlichen und internationalen Einfluss dürfte ihm unter den französischen Komponisten nur noch Claude Debussy gleichkommen.

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Weltschmerz und Verfremdung

Über Mahlers 1. Sinfonie - Dieser Text basiert auf einer (mündlichen) Konzerteinführung, die auch Musikbeispiele umfasste. 

Man hat Mahler einmal den "zweiten bedeutenden Weltschmerz-Komponisten nach Schubert" genannt, wohl angelehnt an die Feststellung des Letzteren, es gebe keine "fröhliche Musik" mwehr. Mahler litt aber auch jenseits seiner kompositorischen Tätigkeit an Weltschmerz; vor allem daran, dass er sich das Komponieren von seiner Zeit abzwingen musste, die er größtenteils dem Dirigieren widmete - und es muss heute, wo naturgemäß eher Mahler als Komponist gewürdigt wird, unterstrichen werden, welch bedeutender Dirigent dieser Komponist war - auch und im Besonderen durch die Förderung junger Komponisten-Kollegen und nicht zuletzt als praktischer Theatermacher und -reformer. Das Komponieren war für ihn eine sommerliche Beschäftigung; in späteren Jahren, während der Wiener Opernbetrieb ruhte, zog sich Mahler in sein "Komponierhäuschen" am Attersee zurück. (Seine 1. Sinfonie, um die es hier gehen soll, begann er früher, 1884 während seiner Provinzzeit in Olmütz, und arbeitete weiter an ihr bis 1888, als er in Budapest Opernchef war.)

Mahlers Sinfonien sind ein Abgesang auf das 19. Jahrhundert, und sein Werk markiert - als Abschluss und Auftakt zugleich - eine Schnittstelle in der Geschichte der Sinfonik. Das 20. Jahrhundert ließ in Mahlers Nachfolge durchaus noch Sinfonien entstehen; es gab Komponisten, die diese Form weiterhin als Schwerpunkt ansahen (denken wir an Hartmann beispielsweise, oder Henze). Die Form der Sinfonie jedoch sah sich zunehmend in Frage gestellt, und das dürfte wohl auchdie Folge ihrer Übersteigerung durch Gustav Mahler gewesen sein. Man kann sogar so weit gehen, die ungeheure Ausweitung der sinfonischen Dimensionen durch diesen Komponisten bereits als ein erstes Fragezeichen zu begreifen.

Die - ursprünglich fünfsätzige - 1. Sinfonie ist auch die Erste der so genannten "Wunderhorn-Sinfonien", die sich aus jener Gedichtsammlung "Des Knaben Wunderhorn" speisen, die neben den mit vokalen Elementen angereicherten Sinfonien Nr. 2 bis 4 (1894 bis 1900) auch dem gleichnamigen Zyklus von Orchesterliedern (1892-95) zu Grunde liegen. Zwar wird in der ersten Sinfonie nicht gesungen, ihr Anfangssatz beruht jedoch auf einem Lied, das auch im Zyklus "Lieder eines fahrenden Gesellen" erscheint: "Ging heut' morgen übers Feld". Während die Melodie im Orchesterlied geradlinig ausschreitet, geht sie am Beginn der Sinfonie gleichsam aus einer musikalischen "Ursuppe" hervor.

Doch nicht nur hinsichtlich des liedhaften Elements ist Mahlers "Erste" der Keim für alle seiner späteren Sinfonien. Wir finden hier auch tänzerische Elemente, und es ist erkennbar, wie der Komponist speziell die Form des "Ländlers" als leicht aus den Fugen geratene, schräge, fast gespenstische Tanzweise verarbeitet. Dies sollte in den späteren Sinfonien noch weiter ausgreifen und ist insgesamt ein Kennzeichen für die Mahlersche Sinfonik. Schon im dritten Satz der 1. Sinfonie findet sich eine Verbindung des Liedhaften mit dem Gespenstischen: Mahler verarbeitet den Kanon "Bruder Jakob" ebenfalls auf verfremdende Weise; es erscheint vertraut und doch irritierend - eine Ambivalenz, die ein weiteres Charakteristikum aller Mahlerschen Musik ist.

Der 4. Satz beginnt mit einem unvergleichlichen Aufschrei und lässt den Hörer bis zum furiosen Schluss nicht los. In diesem Satz - er zeichnet grob gesagt einen Weg von der Hölle zum Paradies, von der Verzweiflung zum Triumph nach - finden sich Zitate aus Liszts "Dante-Sinfonie" und, als Ausdruck des schlussendlichen Sieges, Wagners "Parsifal". Das Motiv, das aus diesem Bühnenwerk herüberklingt, war jedoch auch bei Wagner schon ein Zitat. Es basiert auf dem "Dresdner Amen", das in Mendelssohns "Reformationssinfonie" verwendet wird. Bei Mahler wird es zum musikalischen Signum des Durchbruchs.

Den zur Uraufführung in Budapest 1889 beigegebenen Titel "Der Titan" zog Gustav Mahler ebenso wie den zusätzlichen Satz "Blumine" zurück. Zu stark schätzte er wohl die Gefahr von Missverständnissen ein und wollte Distanz von allem gewinnen, was die sinfonische Form mit "Programm" belastete. Zwar geistert der "Titel" ebenso durch Programmhefte wie der "Blumine"-Satz durch manche Konzerte, aber Mahlers Erste steht auch ohne diese Zutaten einzigartig da.

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Eine jäh abgebrochene Karriere

Der Komponist Edmund von Borck

Der Text basiert auf einer Konzerteinführung. Das Philharmonische Orchester Görlitz führte auf meine Anregung hin 1996 in einem Sinfoniekonzert und beim Schlesischen Musikfest das "Konzert für Orchester" und "Orphika" von Edmund von Borck auf.

Edmund von Borck (1906-44) ist heute nahezu vergessen. Zu seinen Lebzeiten war der jung im Krieg gefallene Komponist, zwar nicht weltberühmt, aber auch kein unbeschriebenes Blatt. Als Kind nahm er Klavierunterricht, außerdem Kompositionsstudien, beides bei Koryphäen des Musiklebens in seiner Heimatstadt Breslau. Nachdem er musikwissenschaftliche Ambitionen zurückgestellt hatte, widmete er sich dem Dirigieren als Schwerpunkt und studierte in der Kapellmeisterklasse. Erstaunlicherweise sind Kompositionsstudien nicht nachgewiesen, wobei man allerdings betonen muss, dass die Informationslage über das Leben und Werk von Edmund von Borck ohnehin eher bescheiden ist.1

Als Dirigent kam von Borck relativ weit herum, schon in den frühen 30-er Jahren leitete er als Gast u.a. die Berliner Philharmoniker und das Concertgebouw Orchester in Amsterdam. Ein bekannter Saxofonist verbreitete das durch von Borck für ihn geschriebene Saxofonkonzert und trug dessen Namen als Komponist in weitere Kreise. Beim Festival der IGNM (die renommierte Internationale Gesellschaft für Neue Musik) 1933 in Amsterdam wurden von Borcks Fünf Orchesterstücke op. 8 aufgeführt und errangen einen bemerkenswerten internationalen Erfolg. Übrigens wurden (und werden!) seine Werke von zwei Verlagen betreut, die bis heute einen hervorragenden Ruf in Sachen Neue Musik haben: Der Universal Edition und Schott.

Bis zur Einberufung zur Wehrmacht war von Borck als Komponist in Berlin und dort als Lehrer am Kittelschen Konservatorium tätig. In diesen Jahren ist eine Reihe weiterer interessanter Werke entstanden, u.a. oft gespielte Solokonzerte und verschiedene Orchesterwerke, die nicht sinfonischer Art waren, sondern sich eher an anderen Formen orientierten - von Borck gab seinen Stücken Titel wie "Präludium und Fuge" oder "Konzert für Orchester".

Für den beachtlichen Bekanntheitsgrad des jungen Komponisten spricht auch die Liste der Orte, an denen in relativ dichter Folge das "Konzert für Orchester" aufgeführt wurde: Berlin, Stuttgart, Breslau, Weimar, Amsterdam, Budapest und Philadelphia. Uraufführungsorchester anderer Werke waren die Dresdner Philharmonie, das Gewandhausorchester Leipzig sowie Klangkörper in Prag und den Niederlanden.

Von Borcks Oper "Napoleon" wurde 1942 unter großem Beifall in Gera uraufgeführt. Weitere Aufführungen waren zum Teil schon über die Bühne gegangen oder befanden sich in Vorbereitung, als der Opernbetrieb in Deutschland 1943 insgesamt eingestellt wurde. Die Partitur verbrannte bei einem Bombenangriff in Wuppertal und wurde bis heute nicht neu herausgegeben.

Dieses Werk entstand nach Grabbes gleichnamigen Drama und spielt zur Zeit der "100 Tage", nach Napoleons Rückkehr an die Macht, die bald von Verfall und der schließlichen Niederlage gekennzeichnet war. Dem Vernehmen nach wurde die Oper in einer sehr modernen, abstrakten Inszenierung uraufgeführt, die von Borck ausdrücklich begrüßte. Man hat darüber gestritten, ob diese Oper seinerzeit regimekritisch gemeint war oder ganz im Gegenteil Hitler verherrlichen wollte. Es spricht mehr gegen die zweite Annahme, denn das Stück stellt - abgesehen von pazifistischen Textpassagen - einen bereits untergehenden Herrscher dar, und auch nicht gerade eine Lichtgestalt aus der Sicht der Nazi-Machthaber.

Die letzten Werke, neben "Orphika" noch ein Rilke-Zyklus für Altstimme und eine "Tragische Ouvertüre", zeigen einen kompositorischen Weg, der von der gewissen Forschheit der früheren Werke übergeht zu sensibleren, durchgeistigten Tönen. Dies dürfte sicher der Einwirkung von Kriegserlebnissen geschuldet sein, zeigt aber auch eine persönliche Entwicklung dieses Künstlers, dessen Karriere durch den Tod auf dem Kriegsschauplatz jäh abgebrochen wurde.

(1) Die einzige erhältliche Biografie, die der Autor bewusst als "Fragment" bezeichnet, ist von Hans Gresser (Laumann-Verlag, Dülmen/Westf. 1989).

 

Perlen des Repertoires

Joseph Calleja mit italienischen Tenor-Arien - CD-Rezension für die Stuttgarter Zeitung (April 2004)

Pünktlich zu Maltas EU-Beitritt lanciert die Klassikbranche einen Tenorstar von der felsigen Mittelmeerinsel. Mit dem erst 26-jährigen Joseph Calleja aus dem Mekka der Sporttaucher und partylustigen Sprachschüler tritt ein Sänger ins grelle Licht der internationalen Öffentlichkeit, der bereits auf renommierten Bühnen wie Dresden, Berlin, Frankfurt, Brüssel und London Erfahrungen gemacht hat und nun sein erstes CD-Recital präsentiert. Der sympathische Künstler, der im Interview und beim Singen viel lockerer wirkt als auf den ein wenig plump geratenen offiziellen Fotos, hat sich für sein Debüt die Perlen des italienischen Repertoires ausgesucht: „La traviata“, „Rigoletto“, „Liebestrank“ und „Lucia“. Hinzu kommen Arien aus „Macbeth“ sowie – ausdrücklich zum bloßen Ausflug ins schwerere Fach heruntergespielt – Stücke von Cilea und Puccini.

Der Dirigent Riccardo Chailly, der dem jungen Tenor einen luxuriösen Klangteppich ausbreitet, glaubt aus Callejas Stimme eine Verbindung von italienischer Tradition und „dem Geschmack unserer Zeit“ herauszuhören. Vorderhand scheint der Sänger eher auf die Tradition zu setzen und beeindruckt mit beinahe makelloser Technik stärker als mit persönlicher Gestaltungskraft; gewinnt seiner hellen, durchaus individuellen Stimme noch nicht allzu reiche Ausdrucksfarben ab. Ein schönes Hörerlebnis ist sie dennoch, diese CD – und wenn Joseph Calleja den Verführungen des frühen Ruhms standhält, dokumentiert sie womöglich den Beginn einer großen Karriere.

Joseph Calleja, Tenor Arias, Orchestra Sinfonica di Milano Giuseppe Verdi, Dirigent Riccardo Chailly. Decca 475 250-2

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Rache hinterm Kühlschrank

Die Musikhochschule mit Mozarts „Giovanni“ - Rezension für die Stuttgarter Zeitung (Premiere am 14.05.2004)

An sich ist es eine schöne Idee, Mozarts „Don Giovanni“ im schnuckeligen Wilhelma-Theater zu zeigen. Ob es das richtige Stück für die Gesangsstudenten der Musikhochschule ist – darüber kann man trefflich streiten. Einmal aus gleichsam politischen Gründen: Warum muss ein Werk, das die ortsansässige Staatsoper im Spielplan hat, in einer Zweitversion inszeniert werden, wenn das Repertoire so viele Alternativen zu bieten hat? Problematischer indessen ist ein anderer Aspekt: Eine Oper, mit deren Besetzung auch renommierte Theater ihre liebe Not haben, kann ein Ensemble aus zwar hoch motivierten, aber naturgemäß wenig erfahrenen Studenten nur überfordern. Kaum jemand aus der Premierenbesetzung dürfte im professionellen Umfeld so bald in der Rolle auftreten, die ihr oder ihm hier zugemutet wurde – warum also mussten stimmliche Grenzen ausgereizt oder gar überschritten werden? Hee-Young Chun beispielsweise, die Donna Anna der freitäglichen Premiere, ist auf gutem Wege zur dramatischen Sängerin, aber eben noch längst nicht am Ziel. Falko Hönisch in der Titelrolle und Cornelius Burger als Leporello bemühen sich, aus der unverschuldeten Not eine kreative Tugend zu machen und legen mit sanfter Stimme die Verletzlichkeit der Figuren frei. Das mindert indessen bei dem einen die erotische und beim anderen die komödiantische Energie, zumal es Per Borin am Dirigentenpult mit knalligen Effekten und eigentümlichen Tempi den jungen Sängern nicht gerade einfach macht. Bernd Schmitts Regie im karg-schwarzen Raum von Kersten Paulsen würzt die werkdienliche Inszenierung mit vordergründig komischen Zutaten: Die von Giovanni Geschädigten greifen in ihrer Wut zu Sofakissen und Werkzeugkasten, und der finale Racheakt findet hinterm Kühlschrank statt, auf dem der Titelheld zuvor die berühmte Champagner-Arie abgeliefert hat.

www.mh-stuttgart.de 
www.wilhelma-theater.de 
www.bass-bariton.de (Website von Falko Hönisch)

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Schönheit und Schärfe

Der Dirigent Sylvain Cambreling macht Leos Janaceks Oper „Die Sache Makropulos“ in Stuttgart zu einem großen Abend - Rezension für die ddp-Nachrichtenagentur (25.01.04); dies ist eine etwas längere Version als der Agenturtext.

In einer Neuinszenierung von Hans Neuenfels kehrte am Samstag nach über drei Jahrzehnten Leos Janáceks Oper „Die Sache Makropulos“ auf die Bühne des Stuttgarter Opernhauses zurück. Während Neuenfels dort ein regelmäßiger Gast ist, leitete der Dirigent Sylvain Cambreling erstmals eine Opernproduktion in Stuttgart. In der Titelrolle knüpfte Eva-Maria Westbroek an den Erfolg der jungen Anja Silja an, die 1970 erstmals in ihrer langen Karriere die Hauptrolle der Emilia Marty gesungen hatte. Der Tenor Jürgen Müller gab als Albert Gregor sein Stuttgarter Debüt. Neuenfels lässt in seiner Inszenierung den Komponisten als stumme Figur in das Bühnengeschehen eingreifen. Das Premierenpublikum bedachte alle Beteiligten mit großem Jubel.  

Gut 30 Jahre ist es her, da inszenierte Hans Neuenfels erstmals eine Oper und entfachte damals in Nürnberg einen wilden Skandal, dem nicht viel später die zur Legende verklärte Frankfurter „Aida“ folgte. Seine Stuttgarter „Meistersinger“ veranlassen noch nach fast zehn Jahren nicht wenige Alt-Wagnerianer zu aggressiven Zwischenrufen. Bei der Premiere von Leos Janáceks rätselhaft faszinierender Oper „Die Sache Makropulos“ am Samstag hingegen schloss das Publikum im Stuttgarter Opernhaus den Regisseur wohlwollend in den allgemeinen Jubel ein.

Vielleicht liegt das daran, dass das 1926 in Brünn uraufgeführte Werk über ewiges Leben und einmalige Liebe ein Sonderling im Opernrepertoire geblieben ist. Gerade Stuttgart kann allerdings auf eine hoch bedeutende Inszenierung unter Günther Rennert und Vaclav Neumann zurückblicken, die vor gut drei Jahrzehnten als Emilia Marty erstmals die in dieser Partie jahrzehntelang sensationelle Anja Silja präsentierte. In deren Fußstapfen musste nun Eva-Maria Westbroek treten, eine Sängerin mit starker Bühnenwirkung, die ihren üppigen Sopran jedoch zu sehr ins Ungefähre gleiten lässt und ihre stimmliche Präsenz nicht recht zuzuspitzen vermag.

Jürgen Müller hingegen, der erstmals an der Stuttgarter Oper gastiert, beeindruckt als Emilias Gegenspieler und Bewunderer Albert Gregor durch seinen hell gefärbten, sicher geführten Tenor und empfiehlt sich mit Nachdruck für größere Partien. Darüber hinaus ist er der einzige im soliden Gesangsensemble, der das ungewohnte Tschechisch zu sinnlicher Klangschönheit aufblühen lässt. Auf der Originalsprache hatte der Dirigent Sylvain Cambreling bestanden, und tatsächlich ist die gebräuchliche deutsche Fassung von Max Brod eher Nachdichtung als Übersetzung und wird Janáceks hoch sensibler, sprachnaher Komposition kaum gerecht.

Allerdings hatte man im Stuttgarter Opernhaus die angekündigten Übertitel zu Gunsten von im Bühnenbild eingeblendeten Texten von Hans Neuenfels fallen lassen, die zur Erläuterung einer weiteren Zutat des Regisseurs dienten. In dieser Inszenierung tritt der Komponist höchstpersönlich auf, befehligt fünf ebenfalls hinzu erfundene, sportlich gewandete Schauspieler und greift mithilfe dieser hektischen Heinzelmännchen und der meist ins Allgemeine abschweifenden Texte ins Bühnengeschehen ein. Unschwer ist diese theatralisch durchaus virtuos geführte, heimliche Hauptigur als Alter Ego des Regisseurs zu erkennen, der mit intellektuellen Verweisen und wohlfeilen Witzchen auf die Bereitschaft der Zuschauer vertraut, die aufdringliche Irreführung als Erklärung misszuverstehen.

Geradezu tragisch scheitert dieser Teil der Inszenierung (die die eigentlichen Opernfiguren durchaus werkdienlich, dabei im Grunde konventionell führt), indem die „blöde Komödie“, als die Neuenfels die Textvorlage von Karel Capek herabwürdigt, ausgerechnet durch die Zutaten des Regisseurs als dick aufgetragene Pantomime sich durch die Hintertür in das Bühnengeschehen mogelt und dieses als Geisel nimmt. Fast schon pathetisch hatte Neuenfels im Vorfeld der Premiere beteuert, er werde niemals dem Beispiel seines Kollegen Peter Konwitschny folgen und die musikalische Substanz eines Werkes antasten. Ob die überdeutlichen Kommentare, die Janáceks Oper als Werkzeug der Regie missbrauchen, womöglich eine ebenso tief greifende Beschädigung des Werkes sein könnten, wäre eine ernsthafte Diskussion wert.

Dass „Die Sache Makropulos“ im Stuttgarter Opernhaus zu einem großen Abend wird, ist vor allem Sylvain Cambreling zu verdanken. Vom ersten Ton an erforscht der Dirigent die vielen bewusst widersprüchlichen Schichten von Janáceks Musik, vermittelt mit dem in Hochform spielenden Staatsorchester die Schärfen der Komposition ebenso wie ihre Schönheit. Das mechanische Vorwärtsdrängen, die krassen Schnitte, die wechselnden Perspektiven – all das legt Cambreling, der erstmals an diesem Pult steht, Takt für Takt sorgfältig frei, ohne den musikalische Fluss jemals zu behindern. Er war der eigentliche Star des Abends – und das Premierenpublikum überschüttete ihn zu Recht mit Bravos.

www.staatstheater.stuttgart.de

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Bodenständig und beweglich

Der Tenor Jürgen Müller singt in der „Sache Makropulos“ erstmals in Stuttgart - Portrait für die Esslinger Zeitung

Schon als Jürgen Müller vor gut sieben Jahren im abgelegenen Görlitz mit dem Max im „Freischütz“ ins schwere Tenorfach einstieg, konnte aufmerksamen Beobachtern die glückliche Verbindung von klarer Tongebung, sorgfältiger Aussprache und darstellerischer Beweglichkeit nicht entgehen. Wenig später stellte sich der in Magdeburg geborene Sänger, der bis 1994 fest an der Leipziger Oper engagiert gewesen war, im südthüringischen Meiningen vor. Als Siegfried im dortigen, zunächst als größenwahnsinnig belächelten und dann doch weithin respektierten Wagnerschen „Ring“ machte Müller Anfang 2001 erneut mit körperlicher Präsenz und sicherer Stimme Furore – und überreichte Agenten und Intendanten größerer Häuser damit seine künstlerische Visitenkarte.

Nun also Stuttgart: In der anstehenden Neuproduktion von Janaceks „Sache Makropulos“ wird Müller den Albert Gregor verkörpern. Sein erster Kontakt mit dem tschechischen Komponisten ist das nicht, in Detmold sang er vor einigen Jahren in „Jenufa“ – „allerdings nicht in Originalsprache“, erzählt er. Bisher hat Müller sogar Partien im italienischen Repertoire immer in Übersetzungen gesungen, was er aber nicht als Zukunftsperspektive sieht: „Meine Stimme ist deutsch“, meint der Tenor und findet es ganz richtig, sich auf ein bestimmtes Fach zu spezialisieren.

Beinahe hätten ihn auch die Stuttgarter in einer Wagner-Partie kennen gelernt, aber sein vorgesehener Einsatz als Stolzing in den „Meistersingern“ kam wegen der festen Bindung des Sängers an die Komische Oper Berlin nicht zu Stande. Die sprunghafte Planung des hauptstädtischen Hauses hätte Müller letztlich sogar für Stuttgart Zeit gelassen, wo man jedoch inzwischen einen anderen Sänger engagiert hatte. Ein Grund mehr für den Tenor, sich ab dem kommenden Sommer nicht mehr fest an ein Theater zu binden, zumal er in Berlin nur wenige Partien, darunter die Titelrolle in Zemlinskys „Zwerg“, ganz neu erarbeiten konnte.

Schon im Leipziger Ensemble vor über zehn Jahren hatte man keine rechten Aufgaben für Jürgen Müller gehabt. 1994 riskierte er den Ausstieg in die Freiberuflichkeit: „Ich musste erst mal wissen, wer ich bin“, erinnert sich der Tenor und lacht heute darüber, dass schon in der Hochschule seine heldische Lautstärke „gar nicht gern gesehen“ gewesen sei. Inzwischen weiß Müller recht genau, wer er ist, und das internationale Parkett hat er als Stolzing in Sydney mit Simone Young am Dirigentenpult inzwischen auch betreten.

„Mir liegen die bodenständigen Typen, sie bekommen auch meiner Stimme gut“, ist sich Jürgen Müller sicher. Als realistischer Widerpart zu der rätselhaften Emilia Marty in der „Sache Makropulos“ fügt sich seine erste Stuttgarter Rolle gut in diese Erkenntnis. Dass auch in dieser Produktion viel Bewegung herrscht, beurteilt Müller ganz praktisch: „Dann sind die Proben Sport genug“. Konditionsprobleme kennt der 43-jährige Sänger sowieso nicht, selbst wenn er, wie ein Mal in Meiningen, „Siegfried“ und „Götterdämmerung“ an zwei aufeinander folgenden Tagen singt: „Da brauchte ich mich wenigstens nur ein Mal einzusingen.“

http://www.staatstheater.stuttgart.de/oper_neu/index.php

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Seriell und sinnlich

Luigi Dallapiccolas Odysseus-Oper - Rezension für die Stuttgarter Zeitung (Januar 2003)

Wenn ein Werk bei Ernest Bour nicht gut klang, sei es eben nicht gut gemacht, hat Wolfgang Rihm über den langjährigen Chefdirigenten des SWF-Sinfonieorchesters gesagt. Pedantisch im Detail und unerbittlich im Qualitätsanspruch, war Bour ein großartiger Anwalt Neuer Musik, ohne dabei das Expressive zu vernachlässigen.

Luigi Dallapiccolas Oper „Ulisse“, die Ernest Bour 1975 bei Radio France dirigierte, war bei ihm gerade deshalb in den allerbesten Händen. Das sieben Jahre vorher durch Lorin Maazel uraufgeführte Werk ist seriell komponiert, aber über weite Strecken voll sinnlicher Klangpracht. Dallapiccola komponiert stimmenfreundlich und widmet dem Orchester ausgedehnte instrumentale Passagen und Zwischenspiele, die allerdings das erzählerische Tempo verlangsamen.

In seinem selbst verfassten Libretto verwob der Komponist zahlreiche Motive – Homers „Odysseus“ ist nur eins davon, hinzu kommen Joyces „Ulysses“ sowie Zitate aus früheren Werken Dallapiccolas. Der Italiener, am 3. Februar wäre er 100 Jahre alt geworden, sah „Ulisse“ als sein Haupt- und Lebenswerk, als Synthese. Das Werk zeugt von einem eher milden Altersstil: Dallapiccola vertraut auf eine konventionelle Dramaturgie, nimmt sich Zeit für weit ausholende Erzählungen.

Der Mitschnitt der konzertanten Aufführung in Paris, der jetzt erstmals auf CD vorliegt, ist technisch und musikalisch tadellos. In der Titelrolle beweist Claudio Desderi mit baritonalem Wohlklang, dass zwischen dem Belcanto und der Moderne keine Welten liegen müssen.  

Luigi Dallapiccola: Ulisse. 2 CD. Naive 4960 (Vertrieb: Harmonia Mundi). - Website über Dallapiccola (in französisch): http://mac-texier.ircam.fr/textes/c00000022/ 

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Die Macht der Soprane

Der Stuttgarter Liederkranz mit Rossinis Moses-Oper – Rezension für die Stuttgarter Zeitung (10.11.2003)

Nicht nur Arnold Schönberg machte Moses zur Opernfigur. Ein Jahrhundert vor ihm brachte auch Gioacchino Rossini die biblische Figur auf die Bühne. Die reife italienische Version der Oper „Mosè“ von 1827 präsentierte der Stuttgarter Liederkranz mit Mitgliedern des Staatsorchesters und acht Gesangssolisten am Sonntag konzertant im ausverkauften Beethoven-Saal.

Während Schönberg die Selbstzweifel des wenig wortgewandten Moses zu faszinierend diskursiven Musiktheater verarbeitete, erfanden Rossinis Librettisten die Liebe von Moses’ Nichte Anaíde zu Aménofi, dem Sohn des Pharao. Aus ihrer Entscheidung für ihr Volk erwächst die Wut des Thronfolgers, der die Juden von ihrem Auszug aus Ägypten abhalten will. Rossini dachte in doppeltem Sinne praktisch: Während der Fastenzeit durften seinerzeit nur biblische Stoffe auf die Bühne, außerdem dämpfte die Einbettung ins Private die politische Sprengkraft des Stoffes.

In „Mosè“ hat sich Rossini weit vorgewagt und eine sehr abwechslungsreiche Musik voller individueller Eindrücke, jedoch aus einem Guss geschrieben. Die konzertante Aufführung unter Ulrich Walddörfers umsichtiger und souveräner Leitung beeindruckte schon vor dem ersten Ton durch die schiere Größe des Chores, der rund 300 Sängerinnen und Sänger umfasste. Dementsprechend war der Klang: großformatig, abgerundet, hin und wieder etwas verwaschen, was jedoch am Saal und nicht an den Sängern liegen dürfte. Mario Carrara als wutentbrannter Pharaonensohn schleuderte bombensichere, nicht immer zielsicher vorbereitete Spitzentöne in den Raum, Thomas Wittig in der Titelrolle zeigte sich kultivierter und kleidete die Figur in würdigen, weich timbrierten Baritonglanz. Der Abend gehörte dennoch den Sopranen. Arantxa Armentia ist eine erstklassige Sängerin mit großer Gestaltungsvielfalt, zumal im zarten und doch tragenden Piano. Primadonna assoluta des Abends war indessen Helen Bickers. Ihre fabelhaft hell strahlende Stimme beherrscht locker Rossinis Verzierungen, verfügt über einen schier endlosen Atem und kann auch mal richtig röhren, wenn es sein muss. Perfekt!

www.stuttgarter-liederkranz.de  

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Landleben mit brisanten Untertönen 

Vicente Martín y Solers vergessene Oper „Una cosa rara“ wird in Stuttgart wiederbelebt - Premierenbericht für die ddp-Nachrichtenagentur (02.11.2003)

Eine Ausgrabung hat derzeit die Oper Stuttgart auf dem Programm. Die Premiere von „Una cosa rara“, einer vergessenen Oper des Mozart-Zeitgenossen Vicente Martín y Soler, wurde am Samstag vom Publikum gefeiert. Nur für das Regieteam mischten sich Buhs in den Applaus: Jossi Wieler und Sergio Morabito hatten die brisanten Untertöne des nur an der Oberfläche naiven Stücks betont und damit die tragischen Aspekte der komischen Oper in den Vordergrund gestellt. Als Geniestreich erwies sich das Bühnenbild von Martin Zehetgruber, das im Laufe des Abends immer neue Details entfaltete.

Schon die Inhaltsangabe erinnert an Loriots berühmte Fernsehansage, allerdings mit italienischer Besetzung. Und wenn man die Geschichte um allerlei Liebesverwirrung für abgeschlossen hält und sich auf der Bühne von Stuttgarts Oper ein wackliges Happy-End andeutet, setzt Vicente Martín y Soler noch eins drauf. Der Komponist von „Una cosa rara“, ein Zeitgenosse, Vorbild und Konkurrent Mozarts, lässt seine beiden Heldinnen aus dem einfachen Volk noch ein Liedchen singen, das hinter der naiven Fassade reichlich böse Anspielungen bereit hält. Das lassen sich die Regisseure Jossi Wieler und Sergio Morabito nicht entgehen und zelebrieren ein überaus sarkastisches Finale, dessen Humor den Zuschauern der Premiere am Samstag im Halse stecken blieb.

Auch davor hatte das 2002 von der Fachkritik zum „Regieteam des Jahres“ beförderte kreative Duo sein Versprechen gehalten, die brisanten Untertöne des als ländliche Idylle verkleideten Stücks zu betonen. Martin Zehetgrubers mit Extrabeifall bedachtes Bühnenbild, das im Laufe des Abends immer mehr geniale Details entfaltet, ist ihnen dabei mehr als Spielraum. Im ersten Akt dreistöckige Bauruine, im zweiten dann nüchtern vollendeter sozialer Wohnungsbau - manchmal erzählt die Bühne mehr als das Stück selbst, dessen Musik über weite Strecken eher plätschert als strömt.

Zwar hatte Dirigent Enrique Mazzola im Vorfeld der Premiere betont, dass der Vergleich mit Mozarts Opern unfair sei – dennoch drängt er sich alle paar Takte auf und geht nicht zu Gunsten Martín y Solers aus, dessen „Cosa rara“ bis weit ins 19. Jahrhundert hinein ein internationales Erfolgsstück gewesen ist. Dass es danach umso gründlicher vergessen wurde, ist allerdings eine Tatsache, die auch die umfangreiche Vorwärtsverteidigung des Regieteams, das dieses Werk gar als frühes Musical verstanden wissen will, nicht entkräftet.

Die Inszenierung von Wieler, Morabito und Zehetgruber mit den sehr charakteristischen Kostümen von Heide Kastler legt trotzdem viel Ehre für den versunkenen Opernschatz ein. Vom rasanten Beginn, wenn die Königin als veritables Flintenweib eine knallige Mafiajagd anführt, bis zum doppelbödigen Ende beweisen die Regisseure erneut ihre in der heutigen Opernszene recht einsame Begabung, die vielen oberflächlichen Details und Gesten unseres heutigen Lebens zu menschlicher Tragik zu verdichten. Immer wieder scheint zunächst komisch, was sich einen Augenblick später als traurig erweist: Kann man beispielsweise einen ersten Hochzeitstag elender feiern als mit Pizza direkt aus dem Pappkarton?

Gesungen und musiziert wird auf durchschnittlichem bis soliden Niveau. Das mit Spannung erwartete Debüt des neuen Ensemblemitglieds Karine Babajanian war zumindest musikalisch nicht sehr aussagekräftig. Stimmlich war die aus Bielefeld gekommene, vielseitige Sopranistin mit der Partie der Königin eher unterfordert. Falls sie schwierigere Rollen allerdings mit derselben Leichtigkeit singen und darstellen sollte, dürften sensationelle Abende anstehen. Das Ensemble wurde vom Premierenpublikum gefeiert, dem Regieteam wehten überraschend kräftige Buhs entgegen.

www.staatstheater.stuttgart.de

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Viel Mut und ein bisschen Heimweh

Die armenische Sopranistin Karine Babajanian ist neu im Stuttgarter Opernensemble – Beitrag für die Stuttgarter Zeitung (29.10.2003)

Falls Karine Babajanian irgendwann einmal im Betriebsbüro der Stuttgarter Oper um Gastierurlaub für einen auswärtigen „Troubadour“ bittet, sollten dort die Alarmglocken schrillen. Die Leonora in Verdis Oper scheint für die armenische Sopranistin, die seit kurzem Ensemblemitglied in Stuttgart ist, eine „Wechselpartie“ zu sein. Von Koblenz, wo sie von 1999 bis 2001 sang, gastierte sie im Bielefelder „Troubadour“ – und erhielt das Angebot für ein festes Engagement. Gleiches in Stuttgart: Im Dezember 2001 sprang Karine Babajanian ganz kurzfristig für Catherine Naglestad ein. „Spät abends bin ich geflogen, vormittags war Probe, abends stand ich auf der Bühne“, erzählt die Sängerin. Aller Hektik zum Trotz wurde es eine tolle Aufführung, und Stuttgart warb Bielefeld kurzerhand seinen Sopranstar ab.

Vier Jahre Opernprovinz waren für die 1968 in Armeniens Hauptstadt Eriwan geborene Künstlerin Teststrecke und Verwöhnprogramm zugleich. An einer größeren Bühne hätte sie kaum Gelegenheit gehabt, so verschiedene Partien wie die Figaro-Gräfin, Senta, Jenufa, Desdemona und Agathe zu singen. Im Sommer 2002 hat Karine Babajanian sogar Bellinis Norma ausprobiert – an der südenglischen, von Liebhabern organisierten Dorset Opera, wo es „richtig gemütlich“ gewesen sei. Überall schlossen Publikum und Presse die Sängerin ins Herz.

Lobeshymnen wie „vollendetes Puccini-Glück“ oder „Gesangsmagierin“ wollen nun am neuen Wohn- und Arbeitsort Stuttgart ersungen sein. Dazu will die Sopranistin ihr ungewöhnlich breites Repertoire ein wenig umsortieren. „Ich werde mich noch mehr auf das italienische Fach konzentrieren“, sagt Babajanian und überrascht mit einer erfrischend ehrlichen Begründung: „Damit habe ich bisher den größten Erfolg gehabt.“

Ihre von den Kritikern besonders gelobte Koloraturtechnik war Karine Babajanian zunächst eher fremd. „Als ich mit dem Studium angefangen habe, konnte ich nur schöne große Töne singen“, erinnert sie sich. Ihre Lehrerin an der Hochschule in Eriwan habe ihr die stimmliche Beweglichkeit beigebracht: „Das war harte Arbeit!“ Jetzt beherrscht sie Koloratur, lyrische Geschmeidigkeit und dramatische Attacke. Beste Voraussetzungen also für Erfolge von Mozart über den Belcanto und Verdi bis zur veristischen Oper, zumal die Sängerin dem stimmlichen Material eine sehr attraktive äußere Erscheinung mitgeben kann.

Ihre Heimatstadt Eriwan, rund doppelt so groß wie Stuttgart, verfügt trotz aller wirtschaftlichen Probleme über ein breit gefächertes Kulturleben. „Wir haben mehrere Orchester, eine Oper, ein Operettentheater, und alles auf hohem Niveau“, erzählt Karine Babajanian. Schon während ihrer Ausbildung stand sie auf der Bühne der Armenischen Staatsoper und sang dort große Partien wie Santuzza und Desdemona.

Nach Deutschland kam sie 1998 für ein kleineres Konzert in Hamburg und hörte dort beim ersten Tag eines Gesangswettbewerbs zu. Zufällig lauschte eine Organisatorin an der Tür des Übungsraums, als Karine Babajanian mit einer Landsmännin nur zum Spaß ein Duett sang. Über Nacht fand sie sich selbst im Wettbewerb wieder - „zum Glück konnte ich die Pflichtstücke schon“, lacht sie. Auch eine Agentur wurde in Hamburg auf sie aufmerksam und vermittelte das Engagement nach Koblenz. Erst in dieser Zeit begann Karine Babajanian, Deutsch zu lernen – heute beherrscht sie die schwere Sprache sehr gut und wundert sich im Nachhinein, dass sie im Studium schon so viele deutsche Lieder lernen konnte.

Am kommenden Samstag steht in Stuttgart die Premiere von Martin y Solers „Una cosa rara“ an, in der Karine Babajanian die Isabella singt – laut Mitteilung der Operndramaturgie „eine erfolgreiche Powerfrau“ und damit nicht weit vom Charakter der Darstellerin entfernt. Wie vielen anderen Opernfreunden war der Sängerin dieses Werk nur in Form eines kurzen Zitats in Mozarts „Don Giovanni“ bekannt gewesen. Bei Probenbeginn war sie ebenso wie ihre Partner auf der Bühne skeptisch – „wir dachten, es ist eben doch kein Mozart“, erzählt sie. „Aber inzwischen lieben wir alle das Stück“, fügt sie an. Regisseur Jossi Wieler und Dirigent Enrique Mazzola scheinen auch das neue Ensemblemitglied von dem versunkenen Opernschatz überzeugt zu haben: „Sie machen das Werk lebendig“, freut sie sich.

In dieser Spielzeit stehen noch Elvira, Mimi und Gräfin auf Karine Babajanians Programm. Rund 30 Abende in Stuttgart sollen es werden, ein paar mehr als ursprünglich geplant. Dennoch zieht die Sängerin die feste Bindung an ein Ensemble der Freiberuflichkeit vor. „Als Gast kann man auch nicht alles machen, was man will“, urteilt sie und freut sich, dass ihr die Stuttgarter Oper Auftritte an anderen Häusern wie Essen, Hannover und wieder Bielefeld ermöglicht. An diesem Ort ihrer bisher größten Erfolge will Karine Babjanian einmal pro Saison eine große Partie erarbeiten und ausprobieren – in dieser Spielzeit wird es die Amelia in Verdis „Maskenball“ sein.

Wagemutig war die Sopranistin auch bei der Wohnungssuche in Stuttgart. Sehr optimistisch gab sie eine Anzeige mit der Titelzeile „Sänger-Ehepaar sucht Wohnung“ auf und erhielt prompt das Angebot eines opernbegeisterten Vermieters. Jetzt ist der Stuttgarter Westen auch für ihren in Dortmund engagierten Ehemann und die elfjährige Tochter eine neue Heimat. „Mehr als West, Ost und Mitte kenne ich aber noch nicht“, bedauert Karine Babajanian. Vielleicht hat sie nach der Premiere etwas Zeit, die Stadt über Theater und Probebühne hinaus zu erkunden. Dem immer mal wieder auftauchenden Heimweh nach Armenien werden aber auch die Schönheiten der Schwabenmetropole sicher nicht völlig abhelfen. Jeden Sommer fährt die Sängerin in ihre Heimat, nur dieses Jahr hat es wegen des Umzugs nach Stuttgart nicht geklappt. „Ich habe noch immer viele Kontakte nach Armenien“, erzählt Karine Babajanian, und ihre großen dunklen Augen strahlen: „Sie warten dort auf mich!“  

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Jubiläum mit ungewissen Aussichten

Das Heidelberger Theater wird 150 Jahre alt - Feature für die ddp-Nachrichtenagentur (27.10.2003)

Vor 150 Jahren eröffnete Heidelberg sein Theater. Die Gründung ging von Bürgern aus, später übernahm die Stadt die Spielstätte in öffentliche Regie. Baulich steht das Haus nach Umbauten im 20. Jahrhundert heute gut da. Der künstlerische Betrieb indessen ist mit ungewissen Aussichten konfrontiert. In den letzten Jahren haben Sparmaßnahmen zu unbequemen Entscheidungen geführt, das Tanztheater wird in einer regionalen Kooperation aufgehen. Für 2005 sucht Heidelberg einen neuen Intendanten, gleichzeitig muss auch die Stelle des Generalmusikdirektors besetzt werden.

Unbeschwert und sorgenfrei kann hier und heute wohl kein Theater feiern. Auch der 150. Geburtstag des städtischen Musentempels in Heidelberg ist überschattet von Ungewissheit und Zukunftsängsten. Äußeres Zeichen: Die ursprünglich geplante Festschrift zum Jubiläum wurde aus Kostengründen gestrichen. Aber auch hinter den Kulissen dürfte wenig Feierlaune herrschen, will doch Intendant Günther Beelitz, ein renommierter und erfahrener Theatermann, seinen Vertrag nicht über 2005 hinaus verlängern. Für diesen Zeitpunkt sucht Heidelberg auch einen neuen Generalmusikdirektor – im zweiten Anlauf nach einer unerfreulichen ersten Runde. Als wären diese Unsicherheiten noch nicht genug, steht auch eine Umwandlung des Tanztheaters in eine regionale Compagnie bevor, die sich Heidelberg mit Freiburg und Heilbronn teilen soll.

Heidelbergs Bühne wurde nicht als Residenztheater gegründet, sondern geht auf eine bürgerliche Initiative zurück und wurde bald darauf in städtische Regie übernommen. Der in nur sechs Monaten errichtete Bau von 1853 wurde 1923/24 und 1978 umgebaut und erneuert. 1990 konnten die Theaterleute schließlich einen Erweiterungsbau beziehen, der das Publikum von der bis dahin herrschenden räumlichen Enge in den Foyers befreite und vor allem Chor und Orchester angemessene Probenmöglichkeiten verschaffte. 619 Plätze hat der Zuschauerraum, auf der Bühne werden Schauspiel, Musik- und Tanztheater geboten. Kinder- und Jugendstücke spielt man hingegen im "zwinger 3", einer 1984 erbauten zweiten Spielstätte.

Der Vorgänger des heutigen Heidelberger Theaterchefs Günther Beelitz hatte – ebenso wie dieser es vorhat – seinen fünf Jahre laufenden Vertrag erfüllt und war dann "ohne Zorn und Verbitterung, aber auch nicht unwillig" abgegangen. Heute scheint es, als könne man diese Abschiedsworte von Volkmar Clauß unverändert auch Beelitz in den Mund legen. Er hat als Intendant einige Neuerungen technischer und organisatorischer Art eingeleitet und einen anspruchsvollen Spielplan verantwortet, der immer wieder auch überregionale Beachtung fand. Die Schlossfestspiele hat Beelitz erneuert und enger mit dem Heidelberger Theater verknüpft. Mit diesem touristisch attraktiven Festival hängt allerdings auch eine der schmerzlichsten Entscheidungen des Intendanten zusammen: Wegen des gestiegenen Kostendrucks sparte man 2003 erstmals die legendären Aufführungen der amerikanischen Operette "The Student Prince" ein.

Beelitz' Verzicht auf eine denkbare Vertragsverlängerung dürfte auch bestärkt haben, dass der Intendant die komplette Eigenständigkeit des Heidelberger Tanztheaters nicht verteidigen konnte. In Kooperation mit Freiburg und mit Abstechern nach Heilbronn soll in Zukunft ein Ballettensemble agieren, das mit elf denkbar knapp bemessen ist. Die Einsparungen sind im Vergleich mit den Theateretats gering und werden mit einem beträchtlichen organisatorischen Mehraufwand erkauft, dessen finanzielle und nicht zuletzt künstlerische Auswirkungen kaum hieb- und stichfest kalkuliert werden können. Beelitz' Amtszeit ist außerdem durch die im ersten Anlauf gescheiterte Suche nach einem Orchesterchef getrübt, die zwischen Tragödie und Posse schwankte: Nachdem sich der favorisierte Gabriel Feltz für die Stuttgarter Philharmoniker entschieden hatte, wollte man in Heidelberg die ursprünglich zweitplatzierte Dirigentin Cosima Sophia Osthoff plötzlich nicht mehr haben – eine angeblich künstlerische Wertung, die jedoch den Verdacht nicht entkräften konnte, dass Osthoff letztlich doch nur als Quotenfrau der vermeintlich "zweitbeste" Rang zuerkannt worden war.

2005 sollen nun die Stellen des Intendanten und des Generalmusikdirektors gleichzeitig neu besetzt werden. Eine durchaus nicht unsinnige Perspektive, dürfte doch eine neue Doppelspitze besonderen Schwung mit sich bringen. Dennoch steht zu befürchten, dass die beiden Neuen keine Morgengaben der Stadt erhalten, sondern mit weiteren Kürzungen konfrontiert werden. Mit diesen trüben Aussichten steht Heidelberg in der deutschen Theaterlandschaft nicht alleine. Den festlichen Grußworten zum Jubiläum jedenfalls mischt sich unter diesen Umständen ein schaler Beigeschmack hinzu.

www.theaterheidelberg.de

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Wo die Welt der Wagnerstimmen noch in Ordnung ist

Perfekte vokale Leistungen und minimalistische Regie in Straßburgs neuem „Parsifal“ - Rezension für die Stuttgarter Zeitung (21.10.2003)

Während draußen supermoderne Straßenbahnen vorbeigleiten, ist in Straßburgs Oper ein besonderes Exponat des internationalen Musiktheatermuseums zu betrachten. Seit 1989 wird Klaus Michael Grübers „Parsifal“-Inszenierung im europäischen Bühnenbetrieb herumgereicht. Der Premiere in Amsterdam folgten Übernahmen nach Madrid, London, Paris und Florenz. Auch Straßburgs neuer Intendant Nicholas Snowman wollte Richard Wagners letztes Bühnenwerk in dieser Version und keiner anderen: „Der beste Parsifal seit Wieland Wagner“, urteilt der Theaterchef.

Grübers Sichtweise lässt sich durchaus mit den Inszenierungen des Komponistenenkels vergleichen. Die Gralsritter bewegen sich wie auf Schienen, der Titelheld so gut wie gar nicht, sogar Kundry gibt die Verführerin als Standbild. Nun ist Richard Wagners Bühnenweihfestspiel keine sehr dramatische Angelegenheit, und jenseits der unbefriedigenden Personenführung bietet Grübers Regie in der Szenerie von Gilles Aillaud zahlreiche eindrucksvolle Bilder. Vor allem der zweite Akt ist in seiner Mischung von optischen Versatzstücken eine irritierende, glänzende Überraschung. Klingsor, den Tomas Möwes mit gepresstem Timbre und furchtlosem mimischen Einsatz sehr charakteristisch darstellt, wirkt wie ein besonders grelles Requisit in einem Kuriositätenkabinett. Parsifal dringt hier wie schon im ersten Akt als giftgrüner Fremdkörper ein – ganz unpassend zu Kundrys festlichem Blau. Der erdige Naturton, in den der alternde Ritter Gurnemanz gewandet ist, rundet die Farbdramaturgie von Moidele Bickels Kostümen ab.

All das wirkt heute wie eine Reminiszenz an die 80-er Jahre, als die Opernwelt noch in Ordnung war. Sängerisch ist die Welt in Straßburg auch heute in allerbester Ordnung, wenn man die inakzeptable Besetzung einiger ganz kleiner Rollen vergisst. Es ist erstaunlich, dass die Amerikanerin Jeanne-Michèle Charbonnet in Deutschland kaum zu hören ist. Sie sieht blendend aus und singt die Kundry schlichtweg perfekt, mühelos von der sanften Tiefe bis zur hochdramatischen Attacke und mit einem bittersüßen Piano, das Stimmen dieses Kalibers selten gelingt. Eine vokale Glanzleistung bringt auch Frank van Aken als Parsifal ein, sich von Naivität zu Heldentum angemessen steigernd. Friedemann Röhlig ist für den Gurnemanz noch sehr jung – das macht ihn zum Publikumsliebling und entschuldigt kleine Unsicherheiten. Er wird in die Partie weiter hineinwachsen, denn die makellose Aussprache und die ungewöhnliche Präsenz seiner angenehm kernigen Stimme versprechen eine große Zukunft. Den Amfortas gibt Claudio Otelli als wilden Schmerzensmann ohne Rücksicht auf stimmliche Verluste. Seine Darstellung ist wie immer äußerst intensiv, sein Bariton kommt im Eifer des vokalen Gefechts nicht gerade ebenmäßig über die Rampe.

Das Orchestre philharmonique de Strasbourg, das kürzlich in Stuttgart ein eher unerfreuliches Gastspiel gab, findet erst spät zum unentbehrlichen Mischklang. Der routinierte Günter Neuhold am Pult dämpft diese Problematik mit zügigen Tempi und spart im Vergleich zu vielen Kollegen eine glatte Viertelstunde Spieldauer ein.

Zur Premiere zeigten sich weder Regisseur noch Bühnenbildner. Vor Protesten hätten sie sich nicht fürchten müssen, denn das Publikum bedachte alle Beteiligten mit reichlich Jubel. Hoffen wir, dass Grübers Fernbleiben kein schlechtes Omen für die ehrgeizigen Straßburger Pläne ist, ihn in absehbarer Zeit für eine Originalproduktion zu gewinnen.

www.opera-national-du-rhin.com

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Text naiv, Musik hinreißend

Siegfried Wagners "Heilige Linde" (Rezension für die Stuttgarter Zeitung) - Siegfried Wagner, Die heilige Linde, cpo 999 844-2, erhältlich über www.jpc.de.

Dass Fürstensöhne südlich der Alpen nach Knoblauch riechen, ist eine der Erkenntnisse aus Siegfried Wagners Oper "Die heilige Linde". Solch naive Peinlichkeiten finden sich öfters in der Mischung aus Märchen und Mythos, aus Familiengeschichte und politischer Allegorie, die Wagner für die 1927 vollendete, erst 2001 in Köln konzertant uraufgeführte Oper anrührte. Es geht um das Mit- und Gegeneinander von Germanen und Römern im 3. Jahrhundert unserer Zeitrechnung, um Liebe und Intrigen, um einen Heldentod und eine bessere Welt auf den Ruinen der alten (vergleiche Papas "Götterdämmerung"). Auch Peter P. Pachls Bemühungen im Beiheft zu dieser Aufnahme können das Werk jedoch nicht vor dem nationalen Gschmäckle retten.

Also besser weglegen? Nein. Denn Siegfried Wagners Musik, häufig als verwackelte Kopie seines Vaters verspottet, ist in der opulenten Interpretation durch das WDR Sinfonieorchester unter Werner Andreas Albert über weite Strecken geradezu hinreißend. Auf dem Bayreuther Musikdrama aufbauend, komponiert Wagner junior raffinierte instrumentale und harmonische Effekte, hin und wieder auch pompöse Ballungen, die aber in diesem Mitschnitt der Uraufführung immer transparent bleiben. Volker Horn glänzt in der zwischen Hofnarr und intellektuellem Fiesling schwankenden Rolle des Philo, Roman Trekel wertet die Episodenrolle des Antenor zu einem Zentrum der Oper auf. Mit John Wegner und Mechthild Georg sind zwei in Stuttgart gut bekannte Künstler mit von der Partie.

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Multimedialer Wagner-Marathon

Stuttgarts „Ring“ im Fernsehen, auf DVD, im Internet - Stuttgarter Zeitung, 24.07.2003

Wie war das mit dem „Jahrhundert-Ring“? Gab es nicht auch einen „Jahrtausend-Ring“? Die besondere Stellung von Richard Wagners Nibelungen-Tetralogie drückt sich nicht zuletzt in der Neigung aus, wichtigen Inszenierungen griffige Beinamen anzuhängen. Dass „Jahrhundert-Ring“ seinerzeit, 1976 in Bayreuth, eigentlich nur den Abstand zur Uraufführung meinte, vergisst man schnell. Immerhin verwandelte sich die Inszenierung von Patrice Chéreau binnen Jahresfrist vom Skandal zum theatralischen Trendsetter, der Beiname wurde also doch zum Ehrentitel.

Mit dem Jahrtausend ist es nicht so einfach. Der Regisseur Jürgen Flimm verantwortete vor drei Jahren die Bayreuther Neuinszenierung und könnte sich wohl auf den Lorbeeren für einen „Jahrtausend-Ring“ ausruhen – hätten nicht gleichzeitig Stuttgarts Opernchef Klaus Zehelein und seine Dramaturgie eine besondere Rückbesinnung auf den früheren Status der Stadt als „Winter-Bayreuth“ im Schilde geführt: Nicht ein Regieteam sollte die Tetralogie erarbeiten, sondern vier. Im Rückblick, nach ausverkauften Vorstellungen und hymnischen Kritiken aus aller Welt, wundert man sich beinahe darüber, dass bis dahin niemand auf diese Idee gekommen war.

Bei der Vorstellung der Fernsehproduktion von Arte und SWR gab Zehelein nochmals zu Protokoll, dass die eigentliche Idee zwar alt sei – schon nach dem von ihm 1986 betreuten Frankfurter „Rheingold“ habe er beschlossen, den „Ring“ nie wieder mit einem einzigen Team für alle vier Opern zu machen. Leicht gemacht hat es sich Zehelein mit der revolutionären Idee der Aufspaltung trotzdem nicht.

Neben Visionen und starken Nerven hat dem Vernehmen nach auch die Kochkunst der Chefdramaturgin Juliane Votteler eine Rolle bei der Entscheidungsfindung gespielt, die hinter den Kulissen aber mehr am Köcheln gehalten hat als die Tomatensauce auf dem heimischen Herd. Einfach sei es nicht gewesen, vier Produktionsteams an einen Tisch zu holen und in intensive Diskussionen zu verstricken, erzählt die Dramaturgin. Den Zwang zu einer gemeinsamen Sicht habe es nicht gegeben, wohl aber die Erwartung, dass die Regisseure und Bühnenbildner im Gespräch bleiben. Von der „Rheingold“-Premiere im März 1999 bis zur „Götterdämmerung“ ein knappes Jahr später erwies sich das einzigartige Konzept dann als Meilenstein in der Wagner-Interpretation.

Nun hat die Stuttgarter Großtat den Bayreuther „Jahrtausend-Ring“ auch noch in multimedialer Hinsicht überflügelt. Der Südwestrundfunk, der deutsch-französische Kultursender Arte und die Produktionsfirma EuroArts haben die Aufführungen aufgezeichnet und bildschirmgerecht aufbereitet. Die Sendungen auf Arte stehen im August an, der DVD-Verkauf beginnt im Herbst. Arte hat außerdem eine ungewöhnlich vielseitige Internetpräsentation herstellen lassen.

Bei der offiziellen Vorstellung der Produktion lobten sich Theaterleute und Fernsehmenschen ein wenig selbst und vor allem gegenseitig – nur für die noch wenig konkrete Idee, die vier Opern für die Anfang 2004 vorgesehenen Sendungen in den Dritten Programmen in Akte zu zergliedern, kassierte Dietrich Mack vom SWR einen missbilligenden Blick der Chefdramaturgin. Ansonsten sei die Fernsehproduktion aber sehr feinfühlig auf die unterschiedlichen Sichtweisen der Opernregisseure zugeschnitten, betonten Votteler und Zehelein.

Geradezu ins Schwärmen geriet Klaus Wenger von Arte, der die mediale Verbreitung des Stuttgarter „Rings“ als wichtigen Bestandteil eines europäischen Kulturauftrags sieht. Die Senderechte werden international angeboten, für Australien gibt es bereits Termine, aus Japan großes Interesse. Die Stuttgarter Oper will den DVD-Marathon bei einer „Langen Nacht“ im kommenden Herbst zeigen. Ob Juliane Votteler dazu kocht, steht allerdings noch nicht fest.

www.stuttgarter-ring.de

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Das unvorstellbare Bild

Arnold Schönbergs „Moses und Aron“ in Stuttgart - Rezension für die WAZ

„Oh Wort, du Wort, das mir fehlt“ – diese Zeile, einer der stärksten Schlusssätze der Opernliteratur, war ursprünglich gar nicht als Finale gedacht. Nachdem er die ersten beiden Akte von „Moses und Aron“ vertont hatte, ließ Arnold Schönberg 1932 sein nach den Moses-Büchern des Alten Testaments selbst verfasstes Textbuch liegen und kam trotz einiger Anläufe nicht mehr auf das Projekt zurück. Erst 1954, drei Jahre nach Schönbergs Tod, erklang das Fragment in konzertanter Form, weitere drei Jahre danach wurde es szenisch uraufgeführt – immer ohne den 3. Akt, der den Streit der beiden Brüder Moses und Aron um die bildhafte Darstellung des „unvorstellbaren Gottes“ zu Gunsten von Moses entscheidet.

In der unvollendeten Fassung gewinnt scheinbar der wortgewandte Aron diese Auseinandersetzung und zieht mit seinem Volk dem Gelobten Land entgegen. Moses bleibt mit den besagten Schlussworten verzweifelt und einsam zurück.

Für Stuttgarts Oper, die eine aufregende Spielzeit mit Schönbergs Ausnahmewerk beendet und einer weiteren Krönung zur „Oper des Jahres“ wohl erwartungsvoll entgegensehen darf, hat Bühnenbildnerin Anna Viebrock erneut einen kongenialen Raum erfunden. Die Handlung, sofern man bei Schönbergs Konzentration auf das Wesentliche von einer solchen sprechen mag, spielt sich in einem Parlamentssaal ab, der im 2. Akt noch stärker einem Theater ähnelt als vorher. Dass der schwer darzustellende „Tanz ums Goldene Kalb“ in der Inszenierung von Jossi Wieler und Sergio Morabito auf ein für das Publikum nicht sichtbares „Bild“ konzentriert wird, ist ein sehr geschickter Kunstgriff. Aron zeigt dem Volk, das des „Unvorstellbaren“ überdrüssig ist und seine alten Götter zurückhaben will, einen Film. Dessen Inhalt ist nur an den Reaktionen des Publikums auf der Bühne abzulesen – es wird wohl eine bunte Mischung von Rührstück bis Porno sein.

Der Mut der Regie zu dieser riskanten Lösung gründet sich auf dem auch schauspielerisch fabelhaften Stuttgarter Chor, den zusätzliche Sänger aus Krakau zu einer gewaltigen Stimmpracht verstärken. Schönbergs komplizierte, aus einer einzigen Zwölftonreihe entwickelte Musik birgt für Chor und Orchester enorme Risiken – von denen man in Stuttgart nicht einmal etwas ahnt. Lothar Zagrosek am Dirigentenpult gestaltet Momente von eindringlicher Schönheit und solche von schneidender Schärfe – und dabei bleiben selbst die stärksten Klangballungen immer durchsichtig, als handele es sich um Kammermusik und nicht um eine der größten Instrumentalbesetzungen der Operngeschichte.

Moses ist in Wolfgang Schönes Darstellung ein von Anfang an gebrochener, alter Mann mit löchrigen Socken, während Chris Merritt den Aron als sportlichen Funktionär postmoderner Prägung zeigt. Der von Schönberg angelegte Kontrast zwischen dem rhythmisch ausformulierten Sprechgesang für Moses und der hohen Tenorpartie des Aron wird so auch szenisch fassbar. Moses verkriecht sich hinter dem Rednerpult, während Aron schnellstmöglich den Mittelpunkt anpeilt – wer Recht behält, mochte auch Arnold Schönberg nicht entscheiden.

Premiere am 6. Juli, rezensierte Vorstellung: 9. Juli.

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Die neue Saison an den Stuttgarter Staatstheatern

ddp 11.06.2003 

Der bekannte belgische Regisseur Luc Perceval wird in Stuttgart seine erste Operninszenierung erarbeiten. Wie der Intendant der Stuttgarter Staatsoper, Klaus Zehelein, auf der Pressekonferenz zum Spielplan der Saison 2003/04 bekannt gab, wird Wagners Musikdrama „Tristan und Isolde“ in Percevals Regie am 4. Juli 2004 herauskommen. Als erste Premiere der neuen Saison kündigte Zehelein für den 1. November 2003 die selten gespielte Oper „Una cosa rara“ des spanischen Mozart-Zeitgenossen Soler an. Hier werden Jossi Wieler und Sergio Morabito, kürzlich als „Regieteam des Jahres“ ausgezeichnet, die Inszenierung übernehmen. Auf dem Premierenplan stehen außerdem eine neue „Zauberflöte“ in der Regie von Peter Konwitschny (ab 13. März), „Simplicius Simplicissimus“ von Karl Amadeus Hartmann (8. Mai) sowie „Die Sache Makropoulos“ von Leos Janacek (24. Januar). Bei dieser Produktion wird Sylvain Cambreling erstmals am Stuttgarter Dirigentenpult stehen.

Schauspielintendant Friedrich Schirmer nannte als Schwerpunkt der kommenden Saison die Situation von „Gesellschaften nach einem Krieg“. Dieses Thema werde in Brechts „Kaukasischem Kreidekreis“ (ab 11. Oktober), Horváths „Don Juan kommt aus dem Krieg“ (7. Februar) und den „Troerinnen“ von Euripides (17. April) behandelt. Für die Dramatisierung von Mörikes „Stuttgarter Hutzelmännchen“, die ab 8. November zu sehen ist, hat Schirmer den Tatort-Autor Felix Huby gewonnen. Der Intendant kündigte außerdem die Rückkehr des Schauspielers Samuel Weiss in das Stuttgarter Ensemble an. Neben den in Stuttgart bereits bekannten Regisseuren wie Elias Perrig, Hasko Weber und Jacqueline Kornmüller werden erstmals Tina Lanik und Philip Tiedemann inszenieren.

Das Stuttgarter Ballett zeigt in der kommenden Spielzeit die erste abendfüllende Arbeit von Hauschoreograf Christian Spuck nach Wedekinds „Lulu“ mit Musik von Berg und Schostakowitsch (Premiere am 5. Dezember). Ballettintendant Reid Anderson kündigte darüber hinaus einen Abend mit drei Uraufführungen von Mauro Bigonzetti, Douglas Lee und Itzik Galili an (ab 8. April). Der 100. Geburtstag des Choreografen Georges Balanchine wird mit einem neuen Ballettabend ab 17. Juli 2004 gewürdigt. Neu als Erste Solistin kommt im Januar 2004 Maria Eichwald ins Ballettensemble, die derzeit in München tanzt. Yseult Lendvai und Robert Conn werden die Compagnie verlassen.

Der geschäftsführende Intendant Hans Tränkle wies auf die unklaren finanziellen Perspektiven hin. Das Fehlen von bereits durch die Rechtsträger Stadt und Land zugesagten Geldern habe man durch Mehreinnahmen teilweise ausgleichen können. Die Theaterleitung gehe aber davon aus, dass die Stadt Stuttgart und das Land Baden-Württemberg „zu dem Auftrag stehen, den sie den Intendanten bis 2006 erteilt haben“. Zu ihrem Verbleib über diesen Zeitpunkt hinaus wollten sich Zehelein, Schirmer, Anderson und Tränkle angesichts der Finanzlage und den ihrer Ansicht nach dringend notwendigen, aber derzeit nicht realisierbaren Sanierungsmaßnahmen an den Spielstätten nicht äußern.

www.staatstheater.stuttgart.de 

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Der mit dem Kirchturm tanzt

Stuttgarts „Verkaufte Braut" mit Stefan Soltesz am Pult - Rezension für die WAZ (besuchte Vorstellung: 11.03.2003) 

Essens Opernchef Stefan Soltesz hat in Stuttgart ganze Arbeit geleistet. Auch in der dritten Vorstellung musiziert das „Orchester des Jahres" in Bestform.

Manchmal ist es aufschlussreich, auf den Premierenglanz zu verzichten und eine spätere Vorstellung zu besuchen. Besonders die Qualitäten des Dirigenten werden im Repertoire deutlicher als bei der durch dichte Probenfolge gefestigten Premiere. Essens Opernchef Stefan Soltesz, der sich an vielen Theatern als Repertoiredirigent bewährt hat, debütierte kürzlich an der Stuttgarter Oper mit der Premiere von Smetanas „Verkaufter Braut" und bewies auch in der dritten Vorstellung, dass seine Einstudierung kein Verfallsdatum kennt. Der Dirigent entfacht bereits in der Ouvertüre einen im Stuttgarter Orchestergraben selten so erlebten Wirbelwind, lässt die vertrackten Rhythmen federn, die lyrischen Schönheiten aufblühen und schärft dennoch die Ecken und Kanten, die Smetana seiner populären Oper einkomponiert hat. Dabei lässt sich Soltesz nicht zu Lautstärke verführen, sondern begleitet das Bühnengeschehen dezent, ja kammermusikalisch. Nicht einmal bei den populären Tänzen trumpft der Dirigent auf, sondern mischt ihnen einen melancholischen Unterton bei.

In diese Art des Musizierens wollen sich der üppige Tragödinnenton von Eva-Maria Westbroek und der grelle Heldentenor Albert Bonnemas nicht recht fügen. Als Marie und Hans profitieren sie nur bedingt von ihren Wagner-Erfahrungen, und auch Wolfgang Probst mangelt es an stimmlicher Beweglichkeit für den Heiratsvermittler Kecal.

Womöglich passte jedoch diese aus musikalischer Sicht fehlgeschlagene Sängerbesetzung der Regisseurin ganz gut ins Konzept. Andrea Breth hatte im Vorfeld der Premiere klar gestellt, dass sie eins auf keinen Fall will: Komödie spielen. Wenn Marie gleich nach der Ouvertüre ohnmächtig auf die Vorbühne fällt, ist der Grundton von Breths Inszenierung gesetzt. In Karl Kneidls Bühnenbild, das bewegliche Fragmente ländlichen Lebens unter einen unheilvoll dräuenden Gewitterhimmel platziert, entfaltet die Regisseurin ein Panorama von Depression und Trauer. Ihre Sympathie gehört den Schwachen: In Maries ärmlicher Familie spürt sie einen Rest an menschlicher Solidarität auf, während sie Hans als egozentrischen, im Wortsinne a-sozialen Unsympathen zeichnet. Held des Abends ist der verlegen-kindliche Wenzel, den Bernhard Schneider mit schönem Tenor und klarer Diktion gibt.

Das Problem von Breths Inszenierung sind nicht die gelegentlichen Leerstellen – wenn sie den Chor nur als statisches Kollektiv behandelt oder den Volkstanz verweigert und stattdessen zwei Häuser plus Kirchturm über die Bühne schieben lässt. Die absolute Negierung der komödiantischen Anteile birgt verkürzt vielmehr die Fallhöhe von der komischen Oberfläche zur tragischen Tiefendimension von Smetanas Oper. Dass gerade dem Komischen das Tragische innewohnt, will Andrea Breth partout nicht gelten lassen - und nimmt ihrer sorgfältigen Personenführung damit ohne Not einen wichtigen Aspekt weg.

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Verwirrung statt Rätsel

Händels „Giulio Cesare in Egitto" ist an der Stuttgarter Oper ein Triumph des Ensembles - Rezension für die Westdeutsche Allgemeine Zeitung, Premiere am 01.02.2003

Das Stuttgarter Solistenensemble rettet Georg Friedrich Händels Oper um Cäsar und Cleopatra aus der Falle, die sich Regisseur Martin Kušejs Inszenierung durch eine austauschbare Rahmenhandlung selbst stellt.

Ein Fotoautomat ist in Martin Kušejs neuester Stuttgarter Openregie die Schwelle zwischen Heute und Gestern, zwischen unserer modernen Welt und dem historischen Thema von Händels 1724 uraufgeführter Oper „Giulio Cesare in Egitto" - wohl auch eine Grenze zwischen der alltäglichen Wirklichkeit und ihrer musikalischen und szenischen Überhöhung. Noch vor der Ouvertüre verschwinden acht Passanten auf mehr oder weniger witzige Weise in diesem modernen Reproduktionsgerät, um sich dann nach wirrem Gerenne stückweise in ihre Opernrollen zu finden. Ihre Anweisungen dazu scheinen sie per Kopfhörer zu erhalten, es mag auch Telepathie im Spiel sein.

Das ist ein heiterer Auftakt für einen unterhaltsamen Opernabend – ganz im Sinne eines breiten Konsens in der Theaterlandschaft, der die barocke Oper in erster Linie als Vorlage zum Entertainment sieht. Im Gegensatz zu Joachim Schlömers kraftvoller „Orfeo"-Inszenierung vom Herbst, die inzwischen ein Dauerbrenner in Stuttgarts Spielplan ist, provoziert Kušejs Rahmenhandlung jedoch die schlichte Frage nach dem Warum. Die Distanz einer Oper zum Hier und Heute als wichtigsten Ausgangspunkt einer Inszenierung zu nehmen, lässt eine arglose Unverbindlichkeit um sich greifen: Ob hinter dem Fotoautomaten nun Händel, Verdi oder Lachenmann gespielt wird, ist letzten Endes ohne Bedeutung. Und von der beliebigen Verwirrung zur absichtsvollen Verrätselung wäre es noch ein weiter - und bestimmt nicht so spaßiger - Weg.

Man könnte sich ärgern, wäre da nicht das wunderbare Stuttgarter Ensemble, das Kušejs Regie immer dann, wenn ihm aufgeregtes Getue erspart bleibt, doch noch mit Persönlichkeit und Gefühl zu füllen weiß. Wenn sich Catriona Smith als Cleopatra dem Tode entgegen singt und mit engelsgleicher Stimme das Unsagbare berührt, wenn Helene Schneiderman in der Titelrolle über die Vergänglichkeit des herrscherlichen Daseins sinniert und später nach der tot geglaubten Geliebten sucht – dann ist es ganz und gar unbedeutend, ob hier antike Menschen oder umgemodelte Zufallspassanten auf der Bühne stehen.

Smith und Schneiderman führen eine Solistenriege an, die für die kluge Politik der Stuttgarter Oper einsteht, fast allen Herausforderungen mit eigenen Kräften zu begegnen. An das Dirigentenpult hat man sich allerdings erneut einen Spezialisten geholt. Wie Jean-Claude Malgoire beim „Orfeo" vermittelt nun Raymond Leppard dem mit vielen Wassern gewaschenen Staatsorchester seine große Erfahrung in der Alten Musik, und wie sein französischer Kollege setzt der Brite auf einen altersmilden Glanz, der hin und wieder matte Flecke zeigt: Aus dem erhöhten Orchestergraben tönt ein sanfter Mischklang mit einigen Wacklern und ohne allzu scharfe Akzente.

Ganz zu Recht ließ das Stuttgarter Publikum sein Ensemble hochleben, applaudierte höflich dem Dirigenten und verweigerte sich erneut dem für Martin Kušej eigentlich zum Ritual gehörenden Proteststurm. Einige Buhs waren alles, was dem Regisseur an Widerspruch entgegen schlug – ansonsten kräftiger Beifall und ein Schwung Bravos. Der Provokateur vom Dienst darf sich fragen, ob er etwas falsch gemacht hat.

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Der rechte Schluss

Wagners "Holländer" als work in progress - Text für das Programmheft Theater Görlitz 2002

Dass Richard Wagner in seinen letzten Lebensjahren, sogar noch kurz vor seinem Tod erklärte, er sei "der Welt noch den Tannhäuser" schuldig, ist bekannter als die Feststellung des Komponisten, auch "Der Fliegende Holländer" sei ihm nicht zur vollen Zufriedenheit gelungen. Cosima Wagner notierte unter dem 8. September 1881 in ihrem Tagebuch: "R. spricht beim Abend-Tee über den Fl. Holländer und sagt mir, es habe ihn traurig gemacht, so vieles darin zu finden, Geräuschvolles, Wiederholungen, kurz so vieles, was dem Werk schade." Es ging ihm offensichtlich darum, sein Gesamtwerk stärker zu verkla mm ern, zur musikalischen und inhaltlichen Einheit zu formen. Dieser Absicht wollten sich – aus der Perspektive des "Tristan"- und "Parsifal"-Schöpfers – die beiden Werke, die den frühen Wagner auf dem Weg von der romantischen Oper zum Musikdrama zeigen, auch nach mehreren Umarbeitungen nicht fügen.

Ob es Wagner wohl gelungen wäre, das schroffe, unvermittelte Nebeneinander von naiver Kantilene und musikalischer Psychologie im "Holländer" so zu bearbeiten, dass es sich an den Ansprüchen des Gesamtkunstwerks hätte messen lassen – darüber zu spekulieren ist müßig. Die "Fassung letzter Hand" ist jene Version, die Wagner parallel zur Arbeit am   "Tristan" erstellte. Seine Umarbeitung der Ouvertüre für Konzertaufführungen in Paris im Januar und Februar 1860 und in der Folge davon die Ergänzung des Schlusses griffen tief in das Werk ein – nicht nur musikalisch und stilistisch, sondern auch inhaltlich. Der Freitod Sentas wurde nun auch in den Noten als todessehnsüchtige Erlösung des Holländers dokumentiert – mit über 40 veränderten oder neu komponierten Takten, die die furiose Entschlossenheit der ursprünglichen Komposition mit der sublimen Harmonik und Instrumentationstechnik des "Tristan" konfrontieren – eine Erweiterung, die wirkt, als sei ein neues Kapitel in ein existierendes Buch eingefügt worden. Hörbar sind die beiden Stellen vor allem durch den Gebrauch der Harfe, die in der ersten Fassung nicht enthalten war und den Rest des Abends zu schweigen hat.

Doch die Geschichte des "Holländers" als work in progress beginnt viel früher, schon vor der Uraufführung. Bis zur Annäherung an den "Tristan" handelt es sich bei den Veränderungen des Werkes um praktische Korrekturen. Ende 1842, während der Proben für die Uraufführung in Dresden, änderte Wagner den Handlungsort von Schottland in Norwegen um und tauschte dabei die Namen einiger Figuren aus. Aber auch die erste musikalische Änderung wurde fällig: Der für die Rolle der Senta verpflichteten Wilhelmine Schröder-Devrient war die Ballade zu hoch, so dass sie Wagner um einen Ton von a-Moll nach g-Moll transponierte. Dies wiederum bedingte Änderungen in der Instrumentation.  Der repräsentativen Theaterpraxis beugte sich der Komponist mit der Aufteilung des voluminösen Einakters in drei Aufzüge mit Pause – die Überleitungsmusiken modelte er routiniert in Vorspiele um.

Die knapp zwei Jahre danach gedruckte Partitur entsprach jedoch schon nicht mehr der uraufgeführten Version. Louis Spohr, erfahrener Dirigent, Komponist und in mancherlei Hinsicht verehrtes Vorbild Wagners, hatte Anfang Juni 1843 die zweite Produktion der Oper in Kassel geleitet. Er lobte das Werk überschwänglich, fügte seinem Dankesbrief aber folgende Empfehlung an: "Ist es mir erlaubt im Bezug auf künftige Arbeiten einen Wunsch auszusprechen, so ist es der, daß Sie weniger schwierige Figuren in den Saiteninstrumenten, weniger Blech, weniger Modulation und etwas mehr harmonischen und melodischen Wohlklang entfalten mögen."

Wagner beherzigte den Hinweis auf das allzu starke Blech und milderte dessen Übermacht ab, bevor die Partitur in kleiner Auflage gedruckt wurde. Als 1846 die Premiere in Leipzig anstand, nahm er weitere Änderungen mit dem gleichen Ziel vor Auch für die Erstaufführung des Werkes in Zürich (1852) sah er die Partitur nochmals durch. Schon in dieser Zeit, zwei Jahre bevor er den "Tristan" konzipierte, dachte Wagner an eine gründliche Umarbeitung des "Holländers", stellte jedoch den Plan zurück, da er sich dessen Tragweite bewusst geworden war: "Näher besehen hätte ich aber die Instrumentation, wenn ich sie meinen jetzigen Erfahrungen gemäß herstellen wollte, meist total umarbeiten müssen, und dazu verging mir natürlich sogleich die Lust. Um zum Beispiel das Blech durchgehends auf ein vernünftiges Maß zurückzuführen, hätte ich in konsequenter Weise alles umzuändern gehabt, denn das Blech war eben hier nicht nur Zufälligkeit, sondern es lag in der ganzen Art und Weise, nicht nur der Instrumentation, sondern selbst der Komposition so bedingt. Wohl verdroß mich diese Einsicht, aber – lieber gestehe ich nun den Fehler ein, als daß ich ihn ungenügend verbessere. Nur wo es rein überflüssig war, habe ich daher das Blech etwas ausgemerzt, hier und da etwas menschlicher nüanciert" (Brief an Theodor Uhlig, März 1852).

Abgehakt war der "Holländer" für Wagner damit allerdings noch längst nicht. Franz Liszt, der das Werk im Februar 1853 in Weimar zum Erklingen brachte, erhielt von Wagner eine Änderung der Instrumentation übermittelt – es geht um Sentas Schrei beim Erscheinen ihres Trau mm annes: "Das Blech und die Pauken bei diesem Schlage waren von zu grober, materieller Wirkung: man soll über Sentas Schrei beim Anblick des Holländers erschrecken, nicht aber über die Pauke und das Blech." Im gleichen Jahr komponierte Wagner für Sentas Ballade einen Konzertschluss, der bereits das Motiv enthält, das er sieben Jahre später in Ouvertüre und Schluss einführte. Für die Münchner Aufführung 1864 ergänzte Wagner die Regieanweisungen. Eine neue Melodie für Sentas Ballade blieb dagegen im Entwurfsstadium stecken.

1896, dreizehn Jahre nach Wagners Tod, gab der Dirigent Felix Weingartner eine neue Partitur mit den vom Komponisten veranlassten Änderungen heraus. Die Unruhe, die das Leben der Titelfigur besti mm t, blieb auch eine Konstante der Aufführungsgeschichte. Schon 1929, lange bevor die Suche nach einer "originalen" Werkgestalt zum allgemein akzeptierten Desiderat der Musikwissenschaft und – in engeren Grenzen – der Theaterpraxis wurde, dirigierte Otto Klemperer an der Berliner Krolloper den "Holländer" in der ursprünglichen Instrumentation. Wolfgang Sawallisch ließ 1960 in Bayreuth seine Senta (die damals 20-jährige Anja Silja) die Ballade in der von der Schröder-Devrient zurückgewiesenen Tonart a-Moll singen – was allerdings, da sängerisch kaum zufrieden stellend, keine Vorbildfunktion entfaltete. Auch die umstrittene Münchner Inszenierung von 1981 reklamierte die "straffe, ungeglättete Originalfassung" für sich. Aber erst Ende der 90-er Jahre konnten sich Aufführungen dieser Art auf eine philologisch exakte Grundlage in Form einer kritischen Gesamtausgabe der Urfassung berufen. In dieser Gestalt wurde "Der Fliegende Holländer" erstmals Anfang 2002 am Opernhaus Chemnitz gespielt. Die Veränderungen in der Instrumentation sind allerdings in der Praxis kaum wahrnehmbar und verdienen vor allem musikwissenschaftliches Interesse. Die Frage der "Holländer"-Fassung reduziert sich somit auf zwei Entscheidungen – jene, das Werk mit oder ohne Pause zu spielen und jene, die 1860 erstellten Schlüsse von Ouvertüre und Oper vorzustellen oder nicht.

Seit Ende der 70-er Jahre des vergangenen Jahrhunderts sind die Begriffe "original" und "authentisch" zu Maßstäben für die musikalische Aufführungspraxis geworden. Dabei geht es einmal um Fragen der Ausführung vor allem Alter Musik, aber auch um das Streben nach der ursprünglichen, nicht verfremdeten Gestalt eines Werkes. Hat der Komponist selbst Änderungen vorgeno mm en, wird es allerdings kompliziert. Bei den Sinfonien Anton Bruckners beispielsweise ist die Rückkehr zu den Ur- oder Originalfassungen (was in diesem Fall nicht ein und dasselbe ist) dadurch legitimiert, dass der verunsicherte Komponist nur auf Einrede vermeintlicher Fachleute und falscher Freunde Änderungen vornahm. Der Umgang Wagners mit seinem "Holländer" jedoch ist nicht eindeutig und blieb ohne greifbares Ergebnis. Mit der später so genannten "Urfassung" war der Komponist nachweislich unzufrieden. Die folgenden Umarbeitungen waren ein Weg, nicht das Ziel. Eine vom Komponisten autorisierte Fassung gibt es also nicht. Aber auch das Argument, dass die Bearbeitungen des Komponisten - da sie ja nicht zu einer definitiven Version führten - allein schon deshalb ungültig seien, will nicht recht verfangen.

In einem Brief an Mathilde Wesendonk bezeichnete Richard Wagner 1860 seine Neufassung mit Harfe und "Tristan"-Chromatik als "rechten Schluss" für die Ouvertüre und damit für die gesamte Oper. Selbst wenn Wagner uns den "rechten Holländer" im Ganzen schuldig bleiben musste, hat die bühnenpraktische Entscheidung zu Gunsten dieser Version also viel für sich. Sie ist - zumal in pausenloser Darbietung - von großer dramatischer Zugkraft, gleichzeitig kann der Hörer den Blick des späteren Wagner auf sein furioses Frühwerk akustisch nachvollziehen.

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Festlich und unbehaglich zugleich

Beethovens "Fidelio" im Spiegel seiner Aufführungsgeschichte - Text zum Programmheft des Europäischen Musikfests Stuttgart 2002

Beethovens "Fidelio" in Wissenschaft und theatralischer Praxis - das ist ein besonders weites Feld. Der zentrale Stellenwert von Beethovens einziger Oper im Repertoire wird heute zwar kaum bestritten, wohl aber über die Qualität des Werkes trefflich diskutiert. Dies verbindet "Fidelio" mit Mozarts "Zauberflöte", die sich unter anderem das böse Wort vom "Machwerk" gefallen lassen musste. Hier wie dort richten sich die skeptischen Urteile fast ausschließlich gegen das Textbuch. Das war nicht immer so. Beethovens kritische Zeitgenossen hatten auch gegen die musikalische Verarbeitung des Stoffes ihre Einwände. Fragen der Werkgestalt, die nach der komplizierten Entstehungsgeschichte erledigt schienen, wurden mehr als 100 Jahre später virulent. Die Urfassung der Oper wurde zur Diskussion gestellt und bestand ihre Bewährungsproben auf der Bühne, die gesprochenen Dialoge fielen tief greifender Neufassungen teilweise oder gänzlich zum Opfer. Die praktische Aufführungsfassung verweist auf die Haltung der Ausführenden zu dem ungewöhnlichen, ja schillernden Werk; eine Haltung, die vor allem im späteren 20. Jahrhundert immer stärker auch Ausdruck der Zeitläufte war.

Die Linien der seit fast zwei Jahrhunderten andauernden Diskussion um Beethovens "Fidelio" sind schon in der publizistischen Reaktion auf die beiden ersten Fassungen unter dem Namen "Leonore" (Uraufführungen in Wien am 20.11.1805 und 29.03.1806) zu erkennen. Während der Rezensent im "Journal des Luxus und der Moden" die matte Publikumsreaktion auf die bedrückende politische Lage nach der Einnahme Wiens durch Napoleon zurückführte und Beethoven zugestand, "dass er die lieblichste Grazie mit Stärke und einem unerschöpflichen Reichthume von Ideen in das schönste Ebenmaas zu bringen verstehet", machte die Wiener Theater-Zeitung die Verantwortung für den Misserfolg beim Librettisten fest: "Es ist unbegreiflich, wie sich der Kompositeur entschließen konnte, diesen gehaltlosen Text mit der schönen Musik beleben zu wollen". In dieses Lob mochte die Allgemeine Musikalische Zeitung nicht einstimmen. "Das Ganze, wenn es ruhig und vorurteilsfrey betrachtet wird, ist weder durch Erfindung noch durch Ausführung hervorstechend", meinte deren Kritiker und schloss mit dem befremdlichen Urteil: "Die Chöre sind von keinem Effekte, und einer derselben, der die Freude der Gefangenen über den Genuss der freyen Luft bezeichnet, ist offenbar missrathen". Selbst 1823, nach der Wiederaufnahme der stark umgearbeiteten, dritten Fassung unter dem Titel "Fidelio" aus dem Jahre 1814, forderte ein Rezensent, "dass man künftig den sehr langen Schlussgesang etwas abkürzen möchte".

Vielleicht zielte der zuerst zitierte, wohlmeinende Rezensent mit seiner Bemerkung von "Grazie und Stärke" auch auf jenen Bruch im ersten Akt, der seither ein Diskussionsthema geblieben ist. Die ersten Nummern schlagen einen singspielhaften Ton an, die tragischen Dimensionen finden erst nach und nach Eingang in Beethovens Musik, mit dem Auftritt Leonores/Fidelios weht urplötzlich ein neuer Wind. Man darf darüber streiten, ob dieses Phänomen ein Versehen, ein Ergebnis der Umarbeitungen des Werkes oder gar volle Absicht ist. Die "Ur-Leonore" von 1805 hatte die Ebenen oder Sphären der Oper in dreiaktiger Symmetrie geordnet: Den ersten Akt bestimmte Roccos kleinbürgerliche Welt, der zweite Akt wurde durch den Tyrannen Pizzaro dominiert, und im dritten Akt stand das hohe Paar Leonore/Florestan im Mittelpunkt. Die Verdichtung zur zweiaktigen Version von 1806 hob diese Symmetrie auf und schuf damit erst den Anlass zu der Frage, ob die Vermischung der Welten von Singspiel und Tragödie dem "Fidelio" zum Nachteil gereiche. Zur Verwirrung trägt bei, dass das heitere Geplänkel im Eingangsduett "Jetzt, Schätzchen, jetzt sind wir allein" (Nr. 1), in Marzellines Arie "Ach wär ich schon mit ihm vereint" (Nr. 2) und vor allem in Roccos Lob des Goldes (Nr. 4) durch das gänzlich anders geartete, ernste und kontemplative Quartett "Mir ist so wunderbar" (Nr. 3) unterbrochen wird.

Vom "Klischeelibretto" (Hans Mayer) ist die Rede gewesen, von einem "befremdenden Stilbruch" (Carl Dahlhaus), von "Rissen und Brüchen" (Peter Gülke). Eine rein musikhistorische Betrachtungsweise kann dem Problem beikommen, indem sie die "singuläre Erscheinung" der Oper (Sabine Henze-Döhring) im Sinne eines "Epochenwerkes" auffasst, einer "'summa' dessen, was die Musikbühne damals an kompositorisch bedeutsamen Gattungsformen aufzuweisen hatte" (Heinrich W. Schwab). Auch Hector Berlioz, der von der ersten Aufführung in französischer Sprache im Mai 1860 berichtete, empfand die Brüche als lobenswerte Vielfalt: "Die 16 Nummern des 'Fidelio' tragen fast alle ein schönes und edles Charaktergepräge. Aber ihre Schönheiten sind von sehr verschiedener Art, und hierin scheint mir gerade ihr hauptsächlicher Vorzug zu liegen". Ulrich Schreiber hält den ungewöhnlichen Verlauf der Handlung für einen logischen Aufbau, eine "ungeheure Spannungskurve der Oper, von ihrer singspielhaft-harmlosen Einleitung über die Befreiung eines politischen Gefangenen hin zur Feier der Gattenliebe als Symbol des Widerstands gegen eine tyrannische Herrschaft".

Die Vermischung der niederen und hohen Sphäre als wunder Punkt des "Fidelio" ist – wie die von Schreiber angedeutete politische Symbolik - immer auch Antrieb zur Sinnstiftung gewesen. Klaus Zehelein spricht mit Bezug auf die "Zauberflöte" von der Spiegelung des hohen Paares durch ein "Schattenpaar" – dort Papageno/Pamina, hier Leonore (Fidelio)/Marzelline. Im Detail handelt es sich bei Beethoven allerdings um eine andere Konstruktion als bei Mozart. Während Pamina und Papageno ganz ehrlich miteinander reden und in einer Art von platonischer Liebesszene ihre ähnlich gerichteten Gefühle ausdrücken ("Bei Männern, welche Liebe fühlen"), beruht das Verhältnis vom vermeintlichen Schließer Fidelio und der Kerkermeisterstochter Marzelline auf einer doppelten Täuschung. Nicht nur die Gefühle der Figur "Fidelio" an sich sind – wenn auch unter äußerstem moralischen Zwang – geheuchelt. Vielmehr beruht die Möglichkeit der Verbindung schon auf einer Verkleidung, auf Travestie, die hier nicht als theatralisches Mittel eingesetzt ist, sondern eine Strategie innerhalb der Handlung bildet. Zehelein macht als "eigentliches Thema" der Oper die "Sehnsucht" fest, die alle Figuren miteinander verbindet, vor allem das falsche Paar Leonore und Marzelline – wobei letzten Endes die größere, weil allgemein gültige Sehnsucht Leonores (die von der Gattenliebe zum humanistischen Auftrag ohne Ansehen der Person fortschreitet) jene von Marzelline zwangsläufig neutralisieren muss.

Attila Csampai geht noch einen Schritt weiter und bezeichnet die Figuren als "Gleiche untereinander": "Alle tragen die Hoffnung auf eine bessere Zukunft in sich, selbst die Episodenfiguren Jaquino und Marzelline und sogar der dämonische Pizarro. Alle streben nach Erfüllung, nach Verwirklichung ihrer selbst". Auch Carl Dahlhaus betrachtet die Divergenz, das Miteinander der traditionellen Gattungen comédie lyrique und tragédie bourgeoise innerhalb des "Fidelio" nicht als der Einheit hinderliches, sondern vielmehr als Sinn stiftendes Element: "Die Empfindsamkeit der comédie lyrique und das Pathos der tragédie bourgeoise zielten – und darum war eine Verschränkung der Gattungen ohne Stilbruch möglich – in einer Dramaturgie, die primär Psychologie war, letztlich auf ein und dasselbe: auf ein Gefühl, in dem Mitleid und Sympathie oder sogar Bewunderung sich mischen". Als einer der wenigen Interpreten stellt Dahlhaus diese Divergenz eindeutig in den Zusammenhang der Entstehungszeit: "Man versteht die innere Einheit (...) erst dann, wenn man sich bewusst macht, dass nach den Begriffen des frühen 19. Jahrhunderts die Idylle nicht so trivial und substanzlos und andererseits die Utopie nicht so ausschließlich politisch war, wie sie dem gegenwärtigen, auch bei Nichtmarxisten durch den Marxismus geprägten Denken erscheint".

Erst die Nachwelt hat die Problematik der verschiedenen Fassungen wieder zum Thema gemacht, mit der Beethoven nach der dritten Version seines geliebten Schmerzenskindes abgeschlossen zu haben glaubte. Um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert war der "Leonore"-Stoff in verschiedenen Librettovarianten nach einem Stück von Jean Nicolas Bouilly mehrfach vertont worden (von Pierre Gaveaux 1798 und Ferdinando Paer 1804). Schon in diesen Fassungen wurde die Spannung zwischen der privaten Sphäre der Gattenliebe und dem politischen Akt einer Gefangenenbefreiung deutlich. Vor allem durch die Aufwertung des Don Pizarro versuchte Beethovens erster Librettist Joseph Sonnleithner diese Pole der Handlung ins Gleichgewicht zu bringen. Dass die politische Aussage deutlich genug war, lässt sich an den Rangeleien Sonnleithners mit der Wiener Zensur erkennen, die den Dichter u. a. zur Verlegung der Handlung um rund 300 Jahre in die Vergangenheit nötigte. Nach dem mäßigen Erfolg der "Leonore"-Uraufführung 1805 ließ Beethoven das Libretto durch seinen Freund Stephan von Breuning umarbeiten. Die Kürzungen dieser 1806 uraufgeführten Fassung übernahm Beethoven größtenteils in die "endgültige", musikalisch nochmals durchgreifend veränderte Version von 1814 nach dem neuen Libretto von Georg Friedrich Treitschke, in deren Gestalt die Oper bis heute überwiegend gegeben wird.

Gustav Mahler und Richard Strauss, Komponisten und Theaterpraktiker, hinterfragten 1904/05, hundert Jahre nach der Uraufführung der "Leonore", die Endgültigkeit des "Fidelio". Strauss stellte in Berlin die Urfassung vor, deren Herausgeber Erich Prieger das "ungehemmt breite Ausströmen der Melodien in den mächtiger ausgeführten Sätzen" als Vorzug dieser Version ins Feld führte. Mahler begründete in Wien die immer wieder geübte Praxis, zwischen dem Duett "O namenlose Freude!" und dem Schlussbild die vom Komponisten nicht verwendete, in fast viertelstündiger Dauer die Handlung der Oper musikalisch nacherzählende Ouvertüre "Leonore III" einzulegen. Die zweite Fassung von 1806 hat niemals Bedeutung für die Praxis erlangt. Aber auch wenn Umstellungen oder Streichungen am Anfang der Oper und historisierende Aufführungen der Urfassung interessante Beiträge zur Werkdeutung liefern mögen, hat sich die Fassung von 1814 mit ihrer "Substanzverdichtung" (Schreiber) durchgesetzt. Selbst erfolgreiche "Leonore"-Versuche mit internationaler Resonanz wie 1996 in Salzburg haben dies nicht ändern können.

Unabhängig von der Fassung ist der Gebrauch des "Fidelio" im Repertoire, wo sich die Oper in der Saison 1999/2000 an 11. Stelle der meistgespielten Werke und mit 18 Inszenierungen befand. Beethovens Werk wurde von Anfang an immer wieder zur Feier besonderer Anlässe gewählt. "Fidelio" erklang 1814 für die zum Wiener Kongress versammelten Fürsten und 2002 zum Jubiläum des Landes Baden-Württemberg, die Inszenierung an der Berliner Krolloper 1927 konnte zu einem Fanal des modernen Musiktheaters der Weimarer Republik werden, und das Dritte Reich setzte "Fidelio" mit gutem Gewissen zur staatlichen Repräsentation ein. Man brachte es sogar fertig, den politischen Impetus der Gefangenenbefreiung gegen die Weimarer Republik als verhasstes System zu lenken: "Pizarro ist die Verkörperung eines Systems, dessen Niederlage den Sieg der Gerechtigkeit bedeutet. (...) Der Drang nach äußerer Freiheit kommt durch Leonore selbst zum Ausdruck", schrieb Ludwig Schiedermeier in der 2. Auflage seiner "Deutschen Oper" - im Jahre 1940.

Die erstaunliche Mischung von Kühnheit, Arroganz und Gleichgültigkeit im Umgang mit dem Werk veranlasste Thomas Mann im Rückblick zu einer bitteren Frage an die Deutschen: "Wie durfte denn Beethovens 'Fidelio', diese geborene Festoper für den Tag der deutschen Selbstbefreiung, im Deutschland der zwölf Jahre nicht verboten sein? Es war ein Skandal, dass er nicht verboten war, sondern dass es hochkultivierte Aufführungen davon gab, dass sich Sänger fanden, ihn zu singen, Musiker, ihn zu spielen, ein Publikum, ihm zu lauschen. Denn welchen Stumpfsinn brauchte es, in Himmlers Deutschland den 'Fidelio' zu hören, ohne das Gesicht mit den Händen zu bedecken und aus dem Saal zu stürzen!" Allerdings spricht auch Thomas Mann von der "geborenen Festoper". Das Schicksal des im Anschluss an Sonntagsreden wohlig genossenen Werkes für repräsentative Akte verbindet "Fidelio" mit Lessings "Nathan" und Goethes "Iphigenie", aber auch mit Wagners "Meistersingern" - und macht die Oper zum Opfer eines permanenten Missverständnisses, das ihre "schreckliche Wahrheit" (Hans Mayer) außen vor lässt.

Vor allem das Unbehagen an der Kolportage, die böse Eindeutigkeit des Pizarro und die gute des Ministers, die Wandlung des Rocco und der Rekurs auf den "besten König" – der ja die autoritäre Staatsgewalt nicht weniger verkörpert als es Pizarro tut – veranlassten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zahlreiche Interpreten des "Fidelio" zu skeptischen Neudeutungen. So mancher, der über "Fidelio" schrieb, versuchte sich vor diesen spät erkannten wirklichen Brüchen durch Verallgemeinerungen zu retten - so bezeichnet Hans Mayer die Figur der Leonore als "Idee" jenseits der "sinnlichen Menschlichkeit". Die Bühnenpraxis hingegen wurde durch Neueinrichtungen bereichert, der die ungeliebten Dialoge zum Opfer fielen, während die Unantastbarkeit der musikalischen Teile bis heute common sense geblieben ist. Die Regisseure Ulrich Melchinger (Kassel 1968) und Kurt Horres (Wuppertal 1969) setzten Sprecher und Tonbandeinspielungen ein und nabelten damit erstmals die gesungenen Partien vom szenischen Kontinuum ab, das maßgeblich von den Dialogen bestimmt wird. Die Reduzierung auf den Ideengehalt, die Horres als "analytischen Zugang" bezeichnete, hatte die Wiedergabe des Schlussbildes als Oratorium zur Konsequenz. Hans Magnus Enzensbergers Zwischentexte für die Bremer Inszenierung 1974 wiederum loteten mit ihrem Kernsatz "Die Oper ist das Reich des Scheins" die Paradoxien der Gattung aus, die sich im "Fidelio" als besonders widerständig erweisen. Walter Jens hingegen stellte zehn Jahre später die Handlung unter die individuelle Perspektive Roccos, der die Geschehnisse im Rückblick schildert. Gemeinsam ist diesen Fassungen ihr kommentierender Charakter, der das im Ganzen unbehaglich gewordene Werk nur noch fragmentarisch gebraucht und dabei den utopischen Gehalt im doppelten Sinne "aufhebt". Solche Versuche, Beethoven vor sich selbst zu retten, weisen zurück auf die allerersten Rezensionen zum "Fidelio" und treiben die Auseinandersetzungen um das "Klischeelibretto" auf die Spitze.

Einer der im "Fidelio" versteckten Widersprüche ist, dass das Trompetensignal als Fanal der nahenden Befreiung ausgerechnet von einem der Schergen Pizarros abgegeben wird. Die Lektüre der vollständigen Dialoge gibt darüber Aufschluss, dass diesem zunächst nur dem Gouverneur verständlichen Trompetensignal einige bange Augenblicke für Leonore und Florestan folgen und sie ihre "namenlose Freude" in einer noch immer als gefährlich empfundenen Situation bekräftigen. Dennoch haben sich diese Takte, die der Philosoph Ernst Bloch zum Ausgangspunkt seines großen Buchs "Das Prinzip Hoffnung" nahm und die ihn kurz vor seinem Tode ein letztes Mal zu Tränen rührten, zum Signal der Freiheit verselbständigt. Es "vollzieht im Blitzschlag eines Augenblicks, was 'Fidelio' als Ganzes kennzeichnet. Von außen fällt die revolutionäre Idee ein, im Bruch herkömmlicher Ordnungen wird die neue Wahrheit sichtbar" (Gülke). Der Freudentaumel, die für den Augenblick erfüllte Hoffnung ertönt jedoch auf einem brüchigen Resonanzboden. Hans Mayer hat zu Recht gewarnt: "Pizarro lebt, wir alle wissen es. Auch Alberich hat die Götterdämmerung überlebt. Man hat stets Anlass zu Tränen, wenn man ihnen von neuem ausgesetzt wird: Beethoven, dem Hohen Paar Leonore und Florestan, dem Prinzip Hoffnung."

Verwendete Literatur

Hector Berlioz: Musikalische Streifzüge. Leipzig 1912. - Jochem Wolff: Annäherungen an Fidelio. Programmheft Hamburgische Staatsoper 1979 (dort auch das Zitat von Thomas Mann). - Dietmar Holland: Zur Dramaturgie des "Fidelio". Programmheft Bayerische Staatsoper 1978. - Attila Csampai: Moralischer Appell und Utopie der Freiheit. Programmheft Bayerische Staatsoper 1978. - Klaus Zehelein: Die ersten Szenen des "Fidelio" (1998). In: Dramaturg und Intendant. Hamburg 2000. - Sabine Henze-Döhring: Ein Singspiel aus dem Geist der Restauration. In: Oper und Musikdrama im 19. Jahrhundert. Laaber 1997. - Hans Mayer: Beethoven und das Prinzip Hoffnung. In: Versuche über die Oper. Frankfurt am Main 1981. - Ulrich Schreiber: Die Kunst der Oper. Band II. Frankfurt am Main 1991. - Carl Dahlhaus in Neue Zeitschrift für Musik Bd. 146 (1985), Heft 11. - Stefan Kunze (Hrsg.): Ludwig van Beethoven – Die Werke im Spiegel seiner Zeit. Laaber 1987 (dort alle zeitgenössischen Rezensionen). - Heinrich W. Schwab: Fidelio. In: Albrecht Riethmüller u. a. (Hrsg.): Beethoven – Interpretationen seiner Werke. Band 1. Laaber 1996. - Ludwig Schiedermeier: Die Deutsche Oper. Berlin 1940. - Peter Gülke: "...immer das ganze vor Augen". Studien zu Beethoven. Stuttgart 2000.

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Abschied von den Trillerpfeifen

Mit Wagners "Parsifal" sagt der Regisseur Sebastian Baumgarten dem Staatstheater Kassel adieu - Feature für die ddp-Nachrichtenagentur, Frühjahr 2002

Sebastian Baumgarten, seit 1999 Oberspielleiter der Kasseler Oper, verabschiedet sich mit Wagners "Parsifal" vom Staatstheater der nordhessischen Stadt. Der 33-Jährige hat in den vergangenen Jahren für seine kompromisslosen Inszenierungen viel Lob von Fachleuten erhalten, beim Kasseler Publikum jedoch regelmäßig Proteststürme ausgelöst. Seine Zeit in Kassel bezeichnete Baumgarten im Gespräch mit der ddp-Nachrichtenagentur als wichtige Entwicklungsphase. Die Zukunftspläne des Regisseurs, der in Oper und Schauspiel tätig ist, umfassen Gastspiele in der Schweiz und ein festes Engagement in Meiningen ab 2003. Im kommenden Herbst eröffnet Baumgarten mit Massenets "Werther" die Spielzeit der Deutschen Oper Berlin.

Kassel ist für Theaterleute kein einfaches Pflaster. Die vergangenen Jahrzehnte zeigen, wie gerade die Oper unter vier unterschiedlichen Intendanten zwischen Konvention und Aufbruch pendelte. Die 80-er Jahre mit Manfred Beilharz und Siegfried Schoenbohm an der Spitze des Musiktheaters waren eine Ära, in der der spielerische Zugriff auf die ehrwürdigen Werke das Publikum zunächst irritierte, dann aber zunehmend begeisterte. Nach der Intendanz von Michael Leinert, der in dieser Hinsicht weniger risikobereit war, macht Christoph Nix seit 1999 mit seinem "Freibeuter"-Konzept von sich reden. Als Oberspielleiter für die Oper berief er seinerzeit Sebastian Baumgarten. Der 1969 in Berlin geborene und von Ruth Berghaus ausgebildete Regisseur bereichert seitdem das nordhessische Opernleben mit den kompromisslosen Sichtweisen eines wilden jungen Mannes.

Während die Fachleute auf Baumgartens Regietaten mit Begeisterung reagierten, ihn zum "Opernmann für das 21. Jahrhundert" ausriefen, mit dem Götz-Friedrich-Preis für Nachwuchsregisseure auszeichneten und an die ersten Adressen empfahlen, war das bequem gewordene Kasseler Publikum empört. Nachdem der junge Regisseur mit der "Entführung" 1999 einen nicht ganz glücklichen, mit heftigen Buhrufen bedachten Einstand gegeben hatte, rückten einige Besucher bald darauf zur "Rosenkavalier"-Premiere mit Trillerpfeifen an, um Baumgarten den überschäumenden Protest zu signalisieren. Im Gespräch betrachtet der Regisseur seine drei Kasseler Jahre denn auch mit gemischten Gefühlen. Obwohl er mittlerweile auch konstruktive Kritik erhalte, seien die Fronten seiner Gegner fest gefügt. "Inzwischen prallt das an mir ab", meint Baumgarten und pariert die Proteste mit gestärktem Selbstbewusstsein: "Kassel war für mich eine wahnsinnige Entwicklungsphase".

Zum Abschied steht für Baumgarten nun Wagners "Parsifal" an. Vor 13 Jahren hatte Siegfried Schoenbohm am Staatstheater Kassel dieses Ausnahmewerk des Musiktheaters als Endzeitdrama im Atomkraftwerk gezeigt. Auch für Sebastian Baumgarten ist "Parsifal", dem Richard Wagner den monströsen Untertitel "Bühnenweihfestspiel" mitgab, keine Oper wie jede andere. Ihn fasziniert vor allem die Reibung von Text und Musik. "Eigentlich ist das ein Schauspiel mit sinfonischer Musik, und auch Wagner hat mit den Sängern wochenlang nur den Text geprobt", meint der Regisseur. Das Miteinander von Oper und Schauspiel will Baumgarten auch in Zukunft für sich fruchtbar machen. Ab 2003 wird er am Meininger Theater als Chefregisseur für beide Sparten zuständig sein. In der vor ihm liegenden Saison als Freiberufler will der Künstler ein wenig Atem holen und nur vier Produktionen erarbeiten. Mittlerweile hat ihn auch eins der ganz großen Häuser entdeckt - im September eröffnet Sebastian Baumgarten die Spielzeit der Deutschen Oper Berlin mit Massenets Goethe-Oper "Werther".

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Der Herr Kammersänger auf Lerchenau

Am 30. Mai 2002 singt Helmut Berger-Tuna zum 200. Mal den Ochs im „Rosenkavalier" - Beitrag für die Esslinger Zeitung - Kurzfassung auch für die ddp-Nachrichtenagentur

Wer eine Opernpartie fast 200 Mal gesungen hat, kann was erzählen. Vor 25 Jahren debütierte Kammersänger Helmut Berger-Tuna an der Stuttgarter Oper als Baron Ochs auf Lerchenau, und die bevorstehende Vorstellung von Richard Strauss‘ „Rosenkavalier" am 30. Mai wird die Zahl seiner Ochs-Auftritte auf stattliche 200 runden. Damit gelangt der österreichische Bassist in einen exklusiven Club, dem Legenden der Operngeschichte wie Otto Edelmann, Oskar Czerwenka und Kurt Böhme angehören.

„Die ersten zehn Mal geht man durch’s Feuer", erzählt der Bassist. 1976 in Graz fand sich Berger-Tuna eigentlich noch zu jung, um den Landedelmann auf Freiersfüßen zu interpretieren. Sein sonorer Bass und seine Wiener Herkunt prädestinierten ihn für die Rolle, die eine der längsten im gesamten Opernrepertoire ist. „Am schwierigsten ist es, die geistige Spannkraft zu halten und die Reserven einzuteilen", meint Berger-Tuna. „Im ersten Akt sprechen, im zweiten singen, im dritten vor allem konzentrieren", lautet des Bassisten Geheimrezept. Heute hat Berger-Tuna die Partie längst „im kleinen Finger". „Auf die erste Probe gehe ich aber noch immer, als würde ich das Stück überhaupt nicht kennen", betont der Ochs-Jubilar.

Seine große Erfahrung mit der anstrengenden Partie lässt Berger-Tuna auch auf modernistische Regieeinfälle gelassen reagieren, denen er meist nicht allzu viel abgewinnen kann. Namentlich als Rüpel will der Sänger seinen Ochs auf keinen Fall verstanden wissen: „Der ist ein verbauerter Edelmann, eine ehrliche Haut, die im intriganten Wien halt fehl am Platze ist."

Zu den elf Neuproduktionen der Strauss-Oper, bei denen Berger-Tuna von Anfang an dabei war, kamen immer wieder Übernahmen – bisher in weiteren acht Inszenierungen. Am hektischsten war’s 1980 an der Deutschen Oper Berlin, wo der Dirigent Heinrich Hollreiser den Sänger zur eilig angesetzten Probe mit der knurrigen Frage „Kennen Sie denn die Partie überhaupt?" begrüßte. Von den Dirigenten weiß Berger-Tuna so einiges zu erzählen. Vom Stuttgarter Silvio Varviso beispielsweise, der die Proben unlustig abspulte und erst am Vorstellungsabend zu unschlagbarer Glanzform auflief. Und von Ferdinand Leitner, unter dem Berger-Tuna 1979 im Zürcher „Rosenkavalier" sang. Leitner nörgelte bei den Proben am Wiener Dialekt des Sängers herum. Berger-Tuna war gefällig: „Ich sang den Ochs praktisch auf Hochdeutsch". Gedankt wurde es ihm nicht: Die Presse bemängelte, dass der gebürtige Wiener offenbar seinen heimatlichen Dialekt nicht beherrsche.

Helmut Berger-Tuna weiß um die Verpflichtung, seine Erfahrungen an die junge Generation weiterzugeben. Damit hat er gleich in der eigenen Familie begonnen und seinem Sohn die Bassstimme geradewegs vererbt. So bleibt es nicht aus, dass der Junior von Zeit zu Zeit in Paraderollen des Vaters auf der Bühne steht. Und wie geht‘s dem dabei? „Schlecht!", antwortet der Sänger, „ich bin nervöser, als wenn ich selbst singen würde." Vielleicht hilft dann etwas Ruhe in der heimatlichen Steiermark – Berger-Tunas Domizil heißt, wie sollte es anders sein, „Auf Lerchenau".

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Giovanni und die schwäbische Küche

Ein junger Schweizer ist der Titelheld in der bevorstehenden Mozart-Premiere - Stuttgarter Zeitung 24.05.2002

Beim Vorsingen in Stuttgart war Rudolf Rosen ganz ruhig: "Ich habe blauäugig ein paar Arien geträllert", erzählt der junge Sänger im Rückblick auf den entscheidenden Tag im Dezember 2000. Nervös sei er erst geworden, als er beim anschließenden Gespräch im Direktionszimmer erfuhr, dass er in der geplanten Neuinszenierung des "Don Giovanni" nicht den vergleichsweise harmlosen Masetto singen sollte. Stattdessen offerierten ihm die Herren Zehelein, Zagrosek und Neuenfels die Titelpartie. "Da fing ich an zu zittern", gesteht der 1967 in Bern geborene Bariton, der seit Spielzeitbeginn festes Mitglied im Stuttgarter Opernensemble ist. Guten Grund für die Aufregung gab es, denn Rosen hatte bis zu diesem Zeitpunkt zwar viele Konzerte gesungen, als Opernsänger jedoch "nur unbedeutende Sachen an unbedeutenden Orten" abgeliefert. Seine mangelnde Bühnenerfahrung war jedoch nicht einmal für Regisseur Hans Neuenfels, der beim Vorsingen anwesend war, ein Hindernis. "Das kriegen wir schon hin", zitiert Rosen den umstrittenen Theatermacher und imitiert sehr charakteristisch dessen heiseren Brummbass.

Mittlerweile hat Rosen zwei "Wurzen" in Stuttgart hinter sich (so nennt man hinter den Kulissen die eher undankbaren kleinen Partien) und fiebert wie alle Beteiligten der Mozart-Premiere entgegen. Die Proben mit Neuenfels seien "wunderbar", meint der Sänger und betont immer wieder, wie gut er sich im Stuttgarter Ensemble aufgehoben fühlt. Angst vor dem Debüt in einer derart exponierten Partie hat er nicht. Prominente Vorbilder, die er sich angehört und angesehen hat, können ihn nicht schrecken: "Ich bin wie keiner von denen, und ich versuche, die Rolle so weit wie möglich aus mir selber zu entwickeln." Das heikle Gleichgewicht zwischen den Forderungen eines Regisseurs und den Wünschen des Sängers meint Rosen fast problemlos gefunden zu haben. Doch auch mit den Tücken der Bühnenarbeit hat er inzwischen Bekanntschaft gemacht - spätestens bei der ersten Kostümprobe. "In meinem Kostüm habe ich jeden Abend einmal Sauna gratis", erzählt der Sänger lachend.

Ganz so geradlinig, wie die offizielle Biografie glauben machen will, verlief der Berufsweg des Baritons nicht. Ein bösartiger Virus machte ihm am Berner Konservatorium bald nach Beginn des Studiums einen Strich durch die Rechnung - die Stimme war weg. "Ich habe mich damals wirklich vom Gesang verabschiedet", betont Rosen, der sich nach dieser Entscheidung zur Kunstgeschichte wechselte. Erst zwei Jahre später begann er wieder zu singen und setzte seine Ausbildung fort. Wie so oft, scheint im Rückblick die Krise ihr Gutes gehabt zu haben. "Gleich nach der Schule ans Konservatorium, das war vielleicht auch zu früh", kommentiert der Sänger.

Nach dem Abschluss der Studien bei Jakob Stämpfli und Juliette Bise ging's flott bergauf. Obwohl Rosen die renommierten Gesangswettbewerbe, bei denen er zwischen 1997 und 1999 reüssierte, als Sprungbrett durchaus zu schätzen wusste, blieb er skeptisch gegenüber diesen Veranstaltungen, die nicht selten zur Profilierung der Jurymitglieder gegeneinander dienen. Vor allem beim ARD-Wettbewerb in München 1998 habe er "die Geister geschieden". Einer der Juroren fand seinen Vortrag kalt und herzlos, ein Anderer lobte ihn für den besonders gefühlvollen Gesang.

In den 90-er Jahren legte Rudolf Rosen eine bemerkenswerte Konzertkarriere auf das internationale Parkett. Auftritte mit Dirigenten wie Eschenbach, Järvi, Kitajenko und Rilling sowie Liederabende in Salzburg, Zürich und Leipzig ließen die Sehnsucht nach der Oper in dieser Zeit nicht allzu stark werden, bilanziert Rosen: "Ich habe damals eben kein Blut geleckt."

Das wird nun anders. An gut dreißig Abenden steht der Sänger in der laufenden Saison auf der Bühne, in der kommenden Spielzeit werden es eher mehr sein. Die Zukunftspläne sind zwar noch ein Geheimnis der Operndirektion, aber man darf davon ausgehen, dass diese ihre baritonale Neuerwerbung nicht ungenutzt lässt. Sogar Schauspielunterricht hat man dem Sänger spendiert, für den nur ein kleiner Wermutstropfen in den Becher der Opernfreude fällt. Er bedauert es, für Konzerte als festes Ensemblemitglied nur noch wenig Zeit zu haben. Immerhin: Einen Liederabend in seiner Geburtsstadt Bern hat Rosen im kommenden November noch untergebracht.

In Stuttgart fühlt sich der weit herumgekommene Schweizer, dem man sprachlich seine Herkunft fast gar nicht anmerkt, sehr wohl. Marga Schiml, die ihn im November 2000 an Stuttgarts Betriebsdirektor Jörg Geiger vermittelte, hat also Recht behalten. "Stuttgart wäre das Beste, was dir passieren kann", hatte die bekannte Altistin zu Rudolf Rosen gesagt. Unterstellen wir einmal, dass damit nicht nur die Oper des Jahres gemeint war, sondern auch deren Umfeld. Jedenfalls hat sich der handwerklich talentierte Sänger längst heimisch gemacht und renoviert seine neue Wohnung in Untertürckheim ganz alleine. Schließlich wollte Rosen auch mal Restaurator werden.

Am Sonntag haben die Stuttgarter Premierentiger Gelegenheit, ihm seine Entscheidung für den Gesang zu danken. Derweil übt der neue Giovanni vom Eckensee den Charme des freundlichen Neulings und legt am Ende des Gesprächs noch ein eher seltenes Kompliment an das Ländle nach: "Und übrigens: Ich liebe auch die schwäbische Küche!"

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Als erstes ein Tusch

Catherine Rückwardt startet als Generalmusikdirektorin in Mainz - Text für die ddp-Nachrichtenagentur (September 2001)

"Als erstes hat das Orchester einen Tusch gespielt", erzählt Catherine Rückwardt von der letzten Probe. Der Tusch im Mainzer Staatstheater galt jedoch nicht der neuen Generalmusikdirektorin, die schon seit einigen Wochen Händels "Saul" zur Premiere am 15. September vorbereitet. Das Orchester nahm mit dem musikalischen Gruß das frisch renovierte Haus in Besitz.

Fertig ist das Große Haus allerdings eine gute Woche vor der feierlichen Eröffnung noch nicht. Rückwardt und ihre Musiker mussten sich einiges hinzudenken: Der Einbau der Bestuhlung und andere bauliche Details werden die Akustik des Hauses nochmals verändern. Die Dirigentin ist jedoch zuversichtlich: "Wir waren alle gespannt, und der erste Eindruck war gut".

Dabei könnte Catherine Rückwardt durchaus Sorgen haben, dass ihr die noch anstehenden akustischen Veränderungen ihr musikalisches Konzept verderben. Rückwardt will zwar nicht hochspezialisierten Ensembles für Alte Musik nacheifern. "Wir spielen mit modernen Instrumenten, orientieren uns aber an barocken Spieltechniken." Klangbild und Besetzung sollen sich aber während der Aufführung verändern - passend zur Handlung auf der Bühne.

Catherine Rückwardt tritt ihren ersten Chefposten motiviert und fröhlich an. "Mainz hat mich gereizt, und ich fand ein bemerkenswertes menschliches und musikalisches Fundament vor." Das typisch deutsche Ensembletheater hat die gebürtige Amerikanerin, die in den 60-er Jahren als Kind mit ihren Eltern nach Deutschland kam, ab 1984 als Korrepetitorin und Dirigentin in Bremen und seit 1997 als Kapellmeisterin an der Frankfurter Oper gründlich kennen gelernt. In Frankfurt leitete sie u. a. von Rihms "Jakob Lenz" und Strauss' "Salome" und wurde dafür zu Recht gefeiert. Gleich nach dem Mainzer "Saul" beginnt die vielseitige Künstlerin mit den Proben für Puccinis "Tosca" und ihr erstes Mainzer Sinfoniekonzert.

Eine Frau als musikalischer Chef? Vor einiger Zeit war Catherine Rückwardt diesbezüglich gar nicht optimistisch: "Die Jungs werden den Kuchen weiter unter sich aufteilen", meinte sie 1999 im Interview mit "Crescendo". Nun kann sie ihr Kuchenstück genießen und mag nicht mehr nachdenken, warum es so wenige Dirigentinnen gibt: "Ich rede lieber über Musik".

"Frauen und Musik" - ein Dossier von klassik.com  
Über die Musikstadt Mainz (Neue Musikzeitung nmz)

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Eine Opernreise durch Belgien

März 2002 - Langfassung eines Beitrags für die Stuttgarter Zeitung

Wie silberne Fäden verschlingen sich die Stimmen von Oleg Riabets, Lawrence Zazzo und Alain Aubin zu einem Ornament, wie es schöner an keinem Brüsseler Jugendstil-Haus gedacht werden könnte. Nur dass musikalische Ornamente, wie sie die drei Countertenöre in Peter Eötvös' Oper "Tri Sestry" kunstvoll gestalten, allzu schnell wieder zerfallen. Allzu vergänglich sind die Opernwunder, von denen "Tri Sestry" am Königlichen Theater La Monnaie in der belgischen Hauptstadt ein ganz besonderes ist. Das Stagione-System kennt Ensembles nur für die einzelne Produktion und leidet nicht unter dem quantitativen Zwang, der das deutsche Opernleben prägt: Die Produktion der Eötvös-Oper wird in Brüseel gerade neun Mal gespielt.

Bernd Loebe, derzeit noch künstlerischer Direktor der Brüsseler Oper und als ehemaliger HR-Redakteur und designierter Frankfurter Intendant so etwas wie ein Bindeglied zur deutschen Musiklandschaft, weiß sehr genau um die Potenzen von La Monnaie. Das Stagione-System kennt Ensembles nur für die einzelne Produktion und leidet nicht unter dem quantitativen Zwang, der das deutsche Opernleben prägt: „Bei 80 Aufführungen pro Saison gibt es eigentlich keine Ausrede mehr für schlechte Qualität“, meint der betont lässig auftretende Theatermann schmunzelnd.

Wenn Loebe seine Pläne für die Oper Frankfurt in seinem Brüsseler Büro erläutert, entfalten sich diese deutlich auf der Folie der paradiesischen Zustände, die die belgische Nationaloper (eine der wenigen Kulturinstitutionen, die in der zentralen Regie des 1994 in einen Bundesstaat umgewandelten Königreichs verblieben sind) vor allem den Künstlern bietet. „Das Haus kann sehr hohe Ansprüche beispielsweise an die Bühnentechnik erfüllen“, erzählt Loebe. Die 1986 beendete Grundsanierung und vor allem Ankauf und Sanierung eines heruntergekommenen Gebäudekomplexes hinter der Oper, der jetzt Büros, Probebühnen und Werkstätten beherbergt, machen die Brüsseler Oper auch in dieser Hinsicht zum Ausnahmefall.

Die Produktion von „Tri Sestry“ ist identisch mit der Uraufführung, die 1998 in Lyon herauskam und auch als CD-Mitschnitt verfügbar ist. Loebe und sein Intendant Bernard Foccroulle haben die Übernahme dieser Inszenierung erst vereinbart, nachdem sie den ungewöhnlichen Erfolg in Lyon erlebt hatten. Insofern handelt es sich nicht um eine echte, von mehreren Häusern gemeinsam konzipierte und vorbereitete Koproduktion. Aber auch solche Übernahmen sind gerade im Stagione-System, in dem herausragende Produktionen kaum dauerhafte Wirkung entfalten können, eine gute Sache. Da ein großer Teil der Brüsseler Besetzung an identisch mit der Uraufführung ist und einige andere Partien mit Interpreten besetzt wurden, die diese Produktion in Paris mitgestaltet hatten, reichten zehn Tage Proben aus. Es kommt hinzu, dass Peter Eötvös, der die acht Aufführungen selbst dirigiert hat, ein langjähriger Berater der Brüsseler Oper ist. Bernd Loebe schätzt ihn hoch: Man hänge an seinen Lippen, wenn er dem Orchester die Eigenarten seiner Komposition vermittle. „Ich gönne Eötvös seinen jetzigen Erfolg“, sagt Loebe über den Komponisten, der nach einigen mageren Jahren mit Aufträgen bis 2008 eingedeckt ist.

Die Brüsseler Oper ist eine Pralinenschachtel, eins der Foyers trägt sogar den Namen „Bonbonnière“. In diesem Prachtstück würden sogar die „Jungen Wilden“ unter den Regisseuren und Bühnenbildnern zahm, erzählt Bernd Loebe. Er nimmt für sich in Anspruch, seinem Intendanten einiges vom deutschen Musiktheater schmackhaft gemacht zu haben, gesteht aber auch, dass zwei Seelen in seiner Brust wohnen. Vielleicht wirkt sich der genius loci also auch auf die Bühnenästhetik aus. „Ein Haus zum Wohlfühlen“ sei La Monnaie ohnehin, meint Loebe, dem die freundschaftlichen Beziehungen zu vielen Sängern aber auch die Möglichkeit geben, „Tacheles zu reden“. Die Besetzungspolitik folgt einem einfachen, aber wirkungsvollen Prinzip: „Sing heute eine kleine Partie, dann bekommst du morgen eine große.“ Auf diese Weise baute Loebe, der in seinem Fach neben (Stuttgarts) Pamela Rosenberg zu den „Headhuntern“ mit der besten Spürnase zählt, viele Sängerinnen und Sänger auf, die heute - berühmt geworden - für die halbe Gage nach Brüssel kommen. „Wenn es auch kein festes Ensemble gibt, wir schaffen auf jeden Fall die Atmosphäre eines Ensembles.“

Während es in der Region Brüssel, die im streitsüchtigen Belgien als zweisprachig etabliert ist, wohl keinen Satz im öffentlichen Raum gibt, der nicht in flämisch und französisch erscheint (sogar die Position der Übertitel bei „Tri Sestry“ wird in der Pause getauscht, um keiner Sprache einen Vorteil zu verschaffen), verzichtet die Vlaamse Opera, das Musiktheater der Region Flandern in Antwerpen mit Zweitsitz in Gent, fast gänzlich auf das Französische - bis auf eine kurze Inhaltsangabe im Programmheft. Antwerpen ist die Hochburg der flämischen Nationalisten, die sich die Zukunft ihrer prosperierenden Region durchaus als eigenständigen Staat innerhalb der EU oder als Bestandteil der Niederlande vorstellen können. In auffälligem Gegensatz zum Brüsseler Pralinenkästchen ist die Oper in Antwerpen auch optisch eine bürgerliche Gründung, bei der Fragmente des Jugendstils und überreiche symbolische Plastik im Zuschauerraum eine vom Aristokratischen abgegrenzte Atmosphäre der Repräsentation erzeugen. Die Vlaamse Opera wird derzeit von der „flämischen Gemeinschaft“ (also der Region Flandern) gemeinsam mit den Städten Antwerpen und Gent finanziert. Dies bedinge eine absolut paritätische Bedienung der Spielstätten, berichtet Intendant Marc Clémeur ist anders als sein Name erwarten lässt waschechter Flame und spricht als ehemaliger Kölner Theaterwissenschaftsstudent perfekt Deutsch. Christine Mielitz’ von der Wiener Volksoper übernommene Inszenierung von Wagners „Meistersingern“ gibt es fünf Mal hier und fünf Mal dort, obwohl die Nachfrage in Antwerpen, wo schon ab 1913 alljährlich der „Parsifal“ zum Karfreitag erklang, größer ist als in Gent. Sollten die aktuellen Überlegungen, die Finanzierung der Kulturinstitutionen zu entflechten und die Museen ganz in städtische, dafür die Oper in regionale Obhut zu nehmen, aus der Vlaamse Opera ein Staatstheater machen, will Clémeur die Aufführungen nach dem Bedarf und nicht nach der äußerlichen Gleichberechtigung ansetzen. Die Opernhäuser in Antwerpen und Gent wurden erst 1989 fusioniert, nachdem Gérard Mortier in Brüssel mit hoher, international beachteter Qualität die Musiklandschaft Belgiens unter Zugzwang gesetzt hatte. Anders als bei den Fusionsprojekten in Deutschland seit 1990 zu beobachten, machte Belgiens damaliger Kulturminister in den beiden flämischen Städten tabula rasa - man ließ sogar Orchestermusiker neu vorspielen und stellte eine ganz neue Mannschaft zusammen. Feste Künstler gibt es auch an der Vlaamse Opera nicht, unter der bewusst unfestlichen, auf jeden Pomp verzichtenden Leitung von Friedemann Layer sangen einige Solisten, die bereits in Wien dabei gewesen waren, gemeinsam mit belgischen Eigengewächsen und weiteren internationalen Gästen. Die Freiheit vom Besetzungszwang ermöglichte es, nicht nur ein Liebespaar mit ungewöhnlich jugendlicher Ausstrahlung zu verpflichten (FMC und JD), sondern auch auf eine gemeinsame Auffassung vom Wagner-Gesang zu achten: Die helle, schlanke Tongebung aller Sänger ließ Wagners Textmassen ungewöhnlich klar über die Rampe kommen. Christine Mielitz hatte übrigens ihre in Wien erprobte Inszenierung, die aus Wagners zwiespältiger Komödie einen vergnüglichen Theaterabend macht, in Antwerpen sechs Wochen lang fleißig geprobt. Clémeur, der sich an deutschen Opernhäusern gut auskennt, hatte eine „kritische“ Inszenierung einkaufen wollen, die jedoch nicht - wie beispielsweise Neuenfels’ umstrittene Stuttgarter Produktion - „das Kind mit dem Bade ausschüttet“. Dem Anspruch, „mit dem halben Etat, aber dafür in zwei Städten Brüsseler Niveau zu erreichen“ (Clémeur), scheint die Flämische Oper mit dieser Produktion sehr nahe zu kommen, zumal Chor und Orchester beachtliche Strahlkraft besitzen. Auch Marc Clémeur kann sich eine künstlerische Entdeckung auf die Fahnen schreiben, hat er doch den Kanadier Robert Carsen als Opernregisseur schon früh nach Belgien verpflichtet und kontinuierlich aufgebaut. Dessen Puccini-Zyklus an der Flämischen Oper wurde durch Koproduktion und Übernahme auch ins deutsche Opernleben eingespeist: Neben der eher matten Hamburger „Tosca“ wurde auch Mannheim mit Carsens psychologisch interessanter „Turandot“ aus Belgien bedacht.

Auf der Autobahn von Brüssel nach Lüttich durchquert man mehrfach die Sprachgrenzen, die den belgischen Staat nach seiner Föderalisierung zu einem nach außen kaum noch aussagekräftigen Gebilde gemacht haben. Da die Regionen eine nur einsprachige Ausschilderung als Ehrensache betrachten, wechselt also die Richtungsanzeige mehrfach von Liège nach Luik und zurück - wer nicht genau weiß, dass er ins französischsprachige Lüttich will, könnte durchaus in Verwirrung geraten (allerdings ist die flämische Bezeichnung für das nordfranzösische Lille, nämlich Rijsel, noch um einiges verwirrender). Gegenüber dem ausgefegten Brügge, dem quirligen Antwerpen und dem äußerst lebhaften Brüssel wirkt Lüttich wie das Stiefkind unter den belgischen Großstädten. Einzelne architektonische Glanzstücke aus jüngster Zeit können nicht über die noch immer herüberragende Vergangenheit als verfallende Industriestadt hinwegtäuschen. Auch das Opernhaus hat seine glanzvollen Tage bereits hinter sich und hätte eine optische Auffrischung nötig. Der österreichische Dirigent Friedrich Pleyer, seit 1994 musikalischer Chef der „Opéra Royal de Wallonie“, weiß die tückische, mehr ans Fernsehen als an ein Opernhaus gemahnende Akustik des Hauses aus Erfahrung zu nutzen. Die zweite Vorstellung der neuen Produktion von Richard Strauss’ „Elektra“ - vom Staatstheater Darmstadt übernommen - profitierte von dieser Erfahrung und präsentierte ein auffällig transparentes Klangbild. Rollendebütantin Martine Surais in der Titelpartie hat zwar hochdramatische Kraft, ist sprachlich aber nicht auf der Höhe des Hofmannsthalschen Librettos. Dagegen gibt die auch in Stuttgart bekannte Marcela de Loa als Chrysothemis ein Beispiel an genauer Textbehandlung und klarer Intonation. Die Inszenierung von Friedrich Meyer-Oertel bestätigte wieder einmal, dass die Treffsicherheit der eigentlichen Inszenierung durch eine altbackene Ausstattung (Heidrun Schmelzer) empfindlich beeinträchtigt werden kann.

In Lüttich, dessen Oper von der "französischen Gemeinschaft", der Provinz und der Stadt finanziert wird, gibt es zehn Premieren pro Saison, davon sieben Neuinszenierungen, größtenteils als Koproduktionen. Ganz ähnlich sind die Verhältnisse in Brüssel und bei der Vlaamse Opera. Die belgischen Opernhäuser zusammen kommen auf rund 250 Aufführungen pro Saison. Verglichen mit den Gepflogenheiten des deutschen Repertoires ist das nicht viel - Stuttgart beispielsweise bietet in der aktuellen Spielzeit rund 160 Opernvorstellungen. Durchschnittliche und gute Abende gibt es überall. Aber Opernwunder wie Brüssels "Tri Sestry"? Sie erblühen unter den aktuellen Bedigungen im deutschsprachigen Raum doch nur selten.

www.lamonnaie.be (Brüssel) 
www.vlaamseopera.be (Antwerpen/Gent) 
www.orw.be  (Lüttich) 
www.fgov.be  (Informationen über Belgien)

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"Ich verdiene Verachtung"

Peter Tschaikowskij zur Zeit der Entstehung seiner Oper "Eugen Onegin" - Text für das Programmheft "Eugen Onegin" am Theater Görlitz 1998 (Inszenierung Peter Wittig). Briefe zitiert nach Nikolai Kaschkin und Alexander Poznansky.

Vom heutigen Tag an werde ich alles mögliche tun, um irgend jemanden zu heiraten. Ich weiß, dass meine Neigungen das größte und unüberwindlichste Hindernis für mein Glück sind, und ich muss mit allen meinen Kräften gegen meine Veranlagung ankämpfen. Ich werde Unmögliches zustande bringen, um mich noch in diesem Jahr zu verheiraten, und wenn ich dazu nicht genügend Mut aufbringe, werde ich in jedem Fall auf meine Gewohnheiten verzichten. Der Gedanke, dass jene, die mich lieben, sich meiner manchmal schämen, trifft mich tödlich. Es ist hundertmal geschehen und wird noch viele hundertmal geschehen … Mit einem Wort, ich möchte durch eine Heirat oder eine offizielle Verbindung mit einer Frau das ganze Pack zum Schweigen bringen, das ich zwar verachte, das aber den Menschen, die mir nahestehen, Kummer bereiten kann. Doch ich stecke zu tief in meinen Gewohnheiten und Vorlieben, als dass ich sie mit einem Schlag wie einen alten Handschuh wegwerfen könnte. Ich habe keinen sehr festen Charakter, und seit meinem letzten Kampf habe ich bereits dreimal meinen Neigungen nachgegeben.

Tschaikowskij im Herbst 1876 an seinen Bruder Modest

Initialzündung zur Oper "Eugen Onegin" war die spontane Äußerung einer Professorenkollegin am Moskauer Konservatorium, die Puschkins Versdichtung im Gespräch als möglichen Opernstoff vorschlug. Tschaikowskij tat diese Idee zunächst als wahnwitzig ab, doch wie nicht selten blieb der zunächst vehement abgelehnte Gedanke virulent: der Komponist kaufte sich den Puschkin-Band, verschlang ihn und entwarf im Nu ein Szenarium (wie auch das spätere Libretto zu großen Teilen auf seine eigenen Ideen zurückging). Die Idee war in der Tat ungewöhnlich: Puschkins Dichtung schien und scheint auf den ersten Blick, und rein äußerlich betrachtet, nicht gerade eine geeignete Vorlage für eine bühnenwirksame Oper. Im distanziert berichtenden Erzählgestus verfasst, ermangelte sie jeglicher Grundlage für große Operntableaus, und durch Puschkins ironischen Ton scheinen seine Figuren dem Leser merkwürdig fern zu stehen. "Eugen Onegin" wurde Tschaikowskijs Lieblings-, aber auch Schmerzenskind. Ohne durch konkrete Anwürfe dazu veranlasst zu sein, verteidigte er die entstehende Oper mehrfach: es sei ihm klar, dass sie nicht bühnenwirksam und vermutlich zum Misserfolg verurteilt sei.

Der Komponist wollte sein Werk keiner großen Opernbühne zur Uraufführung anvertrauen, sondern orientierte auf eine Aufführung am Moskauer Konservatorium mit jungen, frischen, noch nicht von der Konvention verdorbenen Kräften. Die Bestrebungen, seinen "Onegin" als etwas Besonderes darzustellen und gleichsam gegen die rauhen Stürme des Bühnenschlendrians zu schützen, sind sicher aller Ehren wert. Indessen: obwohl Tschaikowskijs Oper viele ungewöhnliche Elemente aufweist – vor allem im hohen Grad an musikalischer Psychologisierung unter Verzicht auf die Elemente konventioneller Operndramaturgie –; als Reformprojekt war dieses Werk nicht gedacht. Nein, es muss wohl ein anderer Grund gewesen sein, der Tschaikowskij dazu trieb, sich in diesen Stoff geradezu zu verbeißen und seine Oper im voraus gegen Widerstände und Missverständnisse zu verteidigen. Und tatsächlich ist die Entstehung der Oper "Eugen Onegin" eng mit Tschaikowskijs Biographie verknüpft.

Vom heutigen Tag an werde ich alles mögliche tun, um irgend jemand zu heiraten. Es klingt alles so entschlossen, dass man es geradezu in Frage stellen muss. Hatte doch der ältere Bruder dem jüngeren, ebenfalls homosexuellen Modest mehr als einmal dozierend die Vorteile "normalen" Lebens dargestellt (Aber auch Du musst gut darüber nachdenken. Bougromanie [ein damals üblicher Ausdruck für Homosexualität] und Pädagogik können sich nicht miteinander vertragen.)

Der ältere Bruder wollte mit seinen Heiratsplänen wohl auch dem jüngeren ein Vorbild sein, um dessen Karriere er fürchtete. Auch dem zweiten Bruder, Anatolij, berichtet er offen über die Auseinandersetzung mit seiner Veranlagung; allerdings schimmert hier ein gewisses Maß an Selbstmitleid durch.

Und wahr ist auch, dass die verfluchte Homosexualität zwischen mir und den meisten Menschen einen unüberschreitbaren Abgrund bildet. Sie verleiht meinem Charakter Entfremdung, Angst vor Menschen, Furchtsamkeit, unermessliche Schüchternheit, mit einem Wort, tausend Eigenschaften, durch die ich mehr und mehr menschenscheu werde. Stell’ dir vor, dass ich jetzt häufig und längere Zeit hindurch bei dem Gedanken an ein Kloster oder etwas Ähnliches verweile.

In dieser Seelenstimmung, die auch heute – besonders in der Phase der Selbstvergewisserung und bei "versteckt" oder unter großem Leidensdruck lebenden Homosexuellen – nicht selten ist, wurde Tschaikowskij von Worten getroffen, die zwar Irritation und Verlegenheit auslösten, aber auch einen vermeintlichen Ausweg wiesen.

Wo ich auch bin, nie werde ich Sie vergessen können, nie werde ich aufhören, Sie zu lieben. Was ich an Ihnen liebe, kann ich sonst nirgendwo finden, mit einem Wort, nach Ihnen will ich keinen anderen Mann mehr ansehen.

So schrieb Antonina Iwanowna Miljukowa, eine unauffällige Schülerin des Konservatoriums, die sich in den Komponisten, der sich ihrer kaum mehr erinnerte, verliebt hatte. Auf die Briefe, die er im Sommer 1877 von ihr erhielt, reagierte Tschaikowskij höflich-kühl; verständnisvoll, doch abweisend – auf die eigentlichen Liebeserklärungen ging er gar nicht ein. Doch die junge Frau insistierte.

Seit ich Ihren letzten Brief gelesen habe, liebe ich Sie noch viel mehr, und Ihre Fehler erschüttern mich nicht. … Ich brenne vor Verlangen, Sie zu sehen, ich kann es nicht abwarten. … Ich möchte Ihnen um den Hals fallen, Sie küssen. … Ich schwöre Ihnen, dass ich im wahrsten Sinne des Wortes ehrlich bin.

Am 6. Juli 1877 heiraten Tschaikowskij und Antonina Iwanowna. Es wird eine kurze, katastrophale Ehe, eine tragische Episode in des Komponisten Leben, die ihn an den Rand des Freitodes brachte und zur fluchtartigen Abreise ins Ausland trieb. Denn die fixe Idee, sich um jeden Preis verheiraten zu wollen (einen Preis, den nicht nur er, sondern auch seine Frau zu zahlen hatte), konnte nur scheitern. Es folgen bittere, aber auch notwendige Worte (an Bruder Modest im Oktober 1877):

Ich verdiene Verachtung, weil solch einen Wahnsinn, wie ich ihn vollbracht habe, nur ein ausgemachter Dummkopf, ein verrückter Waschlappen vollbringen kann.

Diese "Selbstkritik" war, wie auch anders, ein wichtiger Schritt zu abgeklärterer Einsicht, die er in einem Brief an Anatolij vom Februar 1878 – zu dem Zeitpunkt, an dem er die "Onegin"-Partitur gerade abschloss! – formuliert:

Erst jetzt, besonders nach der Geschichte mit der Heirat, beginne ich endlich zu begreifen, dass es nichts Fruchtloseres gibt, als nicht der sein zu wollen, der man seiner Natur nach ist.

Kein Zufall also, dass der "Onegin"-Stoff Tschaikowskij gerade in dieser Phase seines Lebens so gefangen nahm. Auf sehr differenzierte Weise gingen seine persönlichen Erfahrungen in die sensible Zeichnung der Figuren und Vorgänge seines Bühnenwerkes ein. Im "wirklichen Leben" konnte von sublimer Tragik indessen keine Rede sein: Tschaikowskijs Frau reagierte auf die Trennung im September 1877 mit unerbittlicher, andauernder übler Nachrede."Eugen Onegin" wurde, nach einigen Verzögerungen, durch die Studenten des Konservatoriums am 17. März 1879 auf der kleinen Bühne des Maly-Theaters in Moskau uraufgeführt. Zwei Jahre später gelangte das Werk dann doch auf die kaiserliche Bolschoi-Bühne, darauf nach Sankt Petersburg, Prag, später (1892) unter anderem auch nach Deutschland (Erstaufführung in Hamburg unter Gustav Mahlers Leitung, nachdem sich der Komponist mit "Unpässlichkeit" entschuldigt hatte). Der Komponist ist nun ein weithin berühmter Mann und geachteter Künstler. Doch Verletzungen bleiben:

Meine Seele ist … in einer Weise verwundet, dass ich mich davon – wie mir scheint – nie mehr erholen werde. Streng genommen glaube ich, dass ich als Mensch erledigt – un homme fini – bin. Ich werde natürlich am 1. September 1878 ins Konservatorium zurückkehren, ich werde wie ehemals Harmonielehre unterrichten, werde mich in der Umgebung von alten Freunden wohlfühlen, doch es wird nie wieder wie früher sein. Irgend etwas ist in mir zerbrochen, die Flügel sind gestutzt, und ich werde sicherlich keine großen Höhenflüge mehr unternehmen können.

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Eine unspektakuläre Revolution

Über Massenets "Werther" - Text für das Programmheft Theater Görlitz 1997

"Winter 1774 auf 75 brannten in Deutschland viele Kerzen bei der Lektüre eines Buches herunter..." – so erzählt ein Zeitgenosse von dem Leserausch, den Goethes Briefroman "Die Leiden des jungen Werthers" auslöste. Und die Verinnerlichung dieses Buches ging weit über die bloße Lektüre hinaus: sogar von einer Selbstmordwelle ging die Rede.

Goethes Aussage, dass ja die "Wertherzeit" keine historische Epoche, sondern eine individuelle Lebensphase jedes Einzelnen sei, bestätigt sich nicht nur in dem bis heute reichenden (und hoffentlich auch in der Zukunft nicht gefährdeten) Bekanntheitsgrad des "Werther", sondern auch darin, dass andere Künstler bis in unser Jahrhundert hinein sich von dem Buch immer wieder haben inspirieren lassen: aus Thomas Manns klugem Essay über Goethes Roman entstand schließlich sein eigenes Buch "Lotte in Weimar", das eine fiktive Begegnung der "echten" Lotte mit dem gealterten Goethe beschreibt (und übrigens auch den Rummel, den die Ankunft von "Goethes Lotte" in der Stadt auslöst – der legendäre Hoteldiener Mager bezeichnet die Situation mit seinem höchsten Kompliment als "buchenswert").

Ein knappes Jahrhundert nach Massenet war auch möglich, was Eduard Hanslick in seiner Uraufführungskritik für ausgeschlossen hielt: in der 1986 in Schwetzingen uraufgeführten "Werther"-Oper des Komponisten Hans-Jürgen von Bose (geb. 1953) treffen Lotte und der Titelheld am Ende nicht mehr zusammen. Personal und Szenendisposition sind jedoch gegenüber Massenets Oper beträchtlich erweitert. Die Vorgeschichte wird ebenso erzählt wie das Kennenlernen Lottes und Werthers auf dem Ball; auch Werthers Außenseitertum wird viel stärker in den Mittelpunkt gerückt – es wird zu einer erklärten Grundhaltung des Skeptikers. Der Wechsel von realen und Traumszenen akzentuiert diese Sicht.

Jules Massenet hatte 1885 sein Schlüsselerlebnis in Sachen "Werther", und zwar ein doppeltes, sehr typisches "Deutschland-Erlebnis". Auf der Rückreise von Bayreuth, wo er den "Parsifal" gesehen hatte, nahm er in der "Werther"-Stadt Wetzlar Quartier. Der spätere Librettist Georges Hartmann machte Massenet nicht nur mit diesem Städtchen, sondern auch mit einer französischen Übersetzung des Romans bekannt. Massenets Reaktion mutet wie ein Echo vieler früherer an: "Ich konnte mich einfach nicht von der Lektüre jener glühenden Briefe wegreißen... Eine derartig wilde, verzückte Leidenschaft trieb mir die Tränen in die Augen. Diese aufwühlenden Szenen, diese fesselnden Bilder –!" Der immerhin 43-Jährige wurde ein weiterer Jünger von Goethes Roman.

Bis zur Uraufführung 1892 an der Wiener Hofoper – in der deutschen Übersetzung von Max Kalbeck, die kurz danach auch bei der deutschen Erstaufführung in der Goethe-Stadt Weimar verwendet wurde – war es jedoch noch ein langer Weg. Vom Werther-Erlebnis inspiriert, komponierte Massenet die Oper auf das von Georges Hartmann gemeinsam mit Edouard Blau und Paul Milliet erstellte Libretto zwar in Jahresfrist fertig; der Direktor des in Aussicht genommenen Uraufführungstheaters, der Pariser Opéra comique, äußerte sich jedoch skeptisch – ihm schien die neue Oper gegenüber der erfolgreichen "Manon" allzu trist. "Werther" blieb in Massenets Schublade, bis der Tenor Ernest van Dyck, verlockt von der Titelrolle, die Wiener Uraufführung in die Wege leitete.

Irritierend mag auf Monsieur Carvalho vor allem gewirkt haben, dass Massenet bei der Vertonung des "Werther" einen entscheidenden Schritt zur Literaturoper gegangen war. Zwar unterscheidet sich das Libretto von späteren, exemplarischen Literaturopern wie Debussys "Pelleas et Mélisande" und Strauss’ "Salome" grundsätzlich dadurch, dass es die literarische Vorlage nicht "mit Haut und Haaren" übernimmt (dies wäre indessen bei Goethes Briefroman auch ausgeschlossen gewesen). Entscheidend ist jedoch die neuartige Qualität des Wort-Ton-Verhältnisses und der formalen Gliederung der Oper: Dass der musikalische Fluss sich in bis dahin ungekanntem Umfang an die Besonderheiten der französischen Sprache anpasst und die szenisch-musikalischen Verläufe kein Nummernschema mehr erkennen lassen, sich vielmehr organisch in den Gesamtablauf einfügen, bedeutete gleichsam eine "Reform im stillen" (Ulrich Schreiber), eine unspektakuläre Revolution, mit der Jules Massenet das Tor zu den "eigentlichen" Literaturopern weit aufstieß.

Es lag in der Natur der Sache, d.h. der literarische Vorlage, dass es einen prinzipiellen Unterschied zwischen Goethe und Massenet gibt: der Briefroman – wenn man so will, eine noch undramatischere Form als der erzählende Roman, der in aller Regel auch Dialoge enthält – ist der Gattung Oper geradezu diametral entgegengesetzt. Die Verwandlung der Erzählung in Briefen in eine wirksame Bühnenhandlung ist bereits eine hoch zu schätzende Leistung. Darüber hinaus schufen Massenet und seine Librettisten für die ersten Szenen ein passendes Ambiente mit verschiedenen neuen Nebenfiguren (wobei deren Anführer Johann und Schmidt gleichzeitig auch als bis zur Ironie vordringende "Spiegel" der Haupthandlung dienen), und sie veränderten einige Goethesche Details in psychologisch wichtige Kernpunkte: aus dem Wunsch der Mutter, Charlotte möge Albert zum Manne nehmen (worauf sich später echte Gefühle gründen) wird ein Gelübde, das die sterbende Mutter ihrer Tochter abnimmt – ohne Rücksicht auf deren Gefühle. Die Übergabe der Pistolen, bei Goethe eher beiläufig, wird zum Ausdruck der Infamie Alberts: er weiß, wozu Werther die Waffen benötigt, und zwingt ohne Not Charlotte zur Übergabe. Auch die Aufwertung Sophies von einer bei Goethe am Rande erwähnten Elfjährigen zu einem heiratsfähigen Teenager (und damit auch einer denkbaren Alternative für Werther, wie Albert ihm halb treuherzig, halb misstrauisch nahelegt) fügt dem Drama eine wichtige Komponente hinzu.

So wie in Gounods "Faust" die Figur Gretchen vom Rand ins Zentrum des Dramas rückte, wird auch Charlotte – in der Form des Briefromans naturgemäß nur ein Objekt des Erzählens – in der französischen Goethe-Version eine aktive, starke Figur. Die wichtigste Erfindung der "Werther"-Librettisten ist keineswegs nur eine Konzession an die Gepflogenheiten der Opernbühne: die Begegnung Charlottes mit Werther am Schluss der Oper. Die Befürchtung Charlottes, es könne "zu spät" sein, erweitert ihre Geltung über das schlimme Ende des Geliebten hinaus auf die Einsicht, dass auch die eigene Selbstverwirklichung verloren ist – ebenso wie die wider besseres Wissen gehegte Hoffnung auf ein "stilles Glück" mit Albert. Dennoch: dass Charlotte am Schluss über sich hinauswächst und sowohl ihrer Liebe als auch ihrer Verzweiflung freien Lauf lässt, emanzipiert die Opernfigur gleichsam von der Goetheschen Lotte, die sich von Leser und Betrachter nur als passive Besucherin von der Grabstelle Werthers verabschiedet.

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Die zwei Welten

Über Heinrich Marschners "Hans Heiling"
Für ein Programmheft des Theaters Görlitz, Spielzeit 1995/96

 Ohne Ruh, immerzu
wirken wir munte
reicher und bunter
wonach die Menschen ringen und wirken
zum Nutzen und Schaden,
zum Heil und Verderben.

Chor der Erdgeister im Vorspiel


Das Tragen und Hacken
das Mühen und Placken
hört heut' einmal auf.
Drum lustig! ...

Bauernchor 1. Akt

Hans Heiling scheitert nicht "an den Menschen", er scheitert als Mensch. Es ist nicht eindeutig, warum. Er ist laut Libretto halb Mensch, halb Geist. Es geht ihm also anders als Undine nicht darum, eine Seele zu erlangen - die besitzt er offenbar. Was also macht die beiden "Welten" aus?

Während die "Geister" am Beginn der Oper als eine arbeitende Gruppe gezeigt wird und auch so singt - selbst wenn laut Heiling der "Sabbat" gefeiert wird! -, ist die Oberwelt bäuerlich, geradezu idyllisch gezeichnet - dies geht soweit, dass sogar das Dorf zugunsten der einsam im Wald befindlichen Schenke oder Kapelle ausgeblendet wird. Die Unterwelt wird von der Oberwelt nicht nur gefürchtet, sondern gleichzeitig märchenhaft verklärt. Dies taucht in der frühen Romantik (die die Oper viel stärker prägt als ihr vorgespiegeltes Mittelalter; ja fast ausschließlich) häufig auf: ein Gegensatz von Idylle und Bedrohung häufig im Begriffspaar Ebene/Berg, wobei z.B. in Tiecks "Runenberg" das Gebirge auf den Helden gleichzeitig unheimlich und anziehend wirkt; die Idylle, die jenseits des Gebirges liegt, aber nach dem Passieren des letzteren für diesen Helden nicht mehr wirklich funktioniert - er also im Wortsinne enttäuscht wird.

Fast scheint es also, als sei das Unheimliche der Erdgeister ihnen von der vermeintlichen "Oberwelt" angedichtet, als werde hier eine ebenfalls recht normale, zumindest durchaus menschliche Teil-Welt erst als Gegensatz zur traditionell bestimmten Oberwelt erfunden.

Es liegt also nahe, dem bäuerlich-idyllischen Milieu eine Teil-Welt der "Berge" gegenüberzustellen, die folgerichtig schon industriellen Charakter hat. Nicht umsonst wird gerade der Bergbau unter Tage gleichzeitig verklärt und als bedrohlich empfunden - ganz analog zu jener "Geisterwelt". Und macht nicht tatsächlich diese Situation - die Arbeit unter Tage oder mit Maschinen - die dort Arbeitenden zu Zwergen? Auch die Verknüpfung dieses recht profanen Ambientes mit märchenhaften Elementen zieht sich durch die romantische Literatur (vgl. z.B. E.T.A. Hoffmann, "Die Bergwerke von Falun"). In der Sagenwelt, in der "Hans Heiling" auch wurzelt, gibt es den Topos der "anderen Zeit" - Menschen, die mit Erdgeistern in Berührung gekommen sind oder sie auch nur gesehen haben, steigen sozusagen aus der Zeit aus, verlieren den Anschluss, altern rapide. "Andere Zeiten" gelten auch in den beiden "Welten": ob oben oder unten, ob in Dorf oder Stadt. Darüber hinaus steht die Unterwelt auch für eine geistige Welt: Die Maschine, in der die Gnome und Zwerge arbeiten, ist Resultat von Naturforschung und Erfindung und treibt den Wissenschaftler an, nach neuen Möglichkeiten zur Ausbeutung der Natur zu suchen, neue Entdeckungen und Erfindungen zu machen und technische Vervollkommnung zu erreichen. Diese Welt erzeugt (auch) geistiges Schöpfertum. Wobei dieser Drang wohl auch Heiling auf die Erde und zu den Menschen getrieben haben mag, nicht nur seine biologische "Halbmenschlichkeit". Historisch gesehen, erscheint die Welt der Geister als die progressivere. Hinsichtlich der Lebensqualität ist sie der Welt der Menschen jedoch unterlegen. Darüber hinaus deuten sich in dieser progressiveren Welt bereits soziale Gegensätze an, die im Vorspiel noch zu eher zweckfreier Aggressivität, später jedoch durchaus zur Aufmüpfigkeit gegenüber dem (abgedankten) Herrscher Heiling führen.

Bestenfalls eine vage Ahnung von der Zwiespältigkeit dieses Mannes weht die Dorfbewohner an. Schnell ist der Fremdkörper, der Feind der dörflichen Idylle zumindest als mit "Geisterhaftem" zusammenhängend in Verruf geraten, die Bedrohung des schon leicht brüchig gewordenen Gleichgewichts zumindest erahnt. Damit ist allerdings ein ganz "modernes" Problem mehr als angedeutet: das Problem des Intellektuellen in einer wiederum ihm fremden, hier also bäuerlich-ländlichen, für ihn zu einfachen Umgebung.

Das vermeintlich Geisterhafte an Heiling deutet auf anderes. Der "Gang" zur Unterwelt als Nabelschnur nicht nur zur Mutter, sondern auch zur besseren, weil geistig bestimmten Welt (was Heiling wohl ahnt: wie gespalten ist sein Verhältnis zum "Zauberbuch"!). Die Faustsche Studierstube, die (bürgerliche) Innerlichkeit in Abgrenzung zur profanen Außen-, Gegen-Welt. Doch: Fremd wirst du den Menschen bleiben, und ihr enges Treiben scheint dir niedrig bald und leer, warnt ihn die Königin - und dies nicht aus bloßem Eigennutz, sondern aus Erfahrung. Es wird sich zeigen, dass für Heiling die Idylle der "Oberwelt" nicht weniger beengend ist wie "seine" eigentliche Welt. Aus den Widersprüchen der Welt an sich scheint keine Flucht möglich.

All dies spielt jedoch eher für die Position Heilings in der "Ober-Welt" eine Rolle. Ein weiteres Thema sind seine Schwierigkeiten mit den Menschen im einzelnen, und mit sich selbst. Dass Heiling gegenüber Anna viel mehr als Patriarch auftritt als Konrad, dass er ein deplaziertes bürgerlich-joviales Vokabular verwendet, dass er Gehorsam verlangt, ohne sein Inneres preisgeben zu wollen, ist bezeichnend. Zuhause scheint er schon früh "Gattenersatz" an der Seite seiner Mutter gewesen zu sein und ist in dem eigentlich patriacharlischen System von ihr zu patriachalischen Verhalten gelenkt worden. Andererseits ist es aber seine Mutter, der der Sohn liebend zu folgen hatte. Aus dieser widersprüchlichen Biographie (nicht umsonst also beginnt die Oper noch vor der Ouvertüre mit einer Auseinandersetzung von Königin und Thronfolger, die fast wie die Fortsetzung eines Dauer-Streits anmutet) dürfte Heilings nahezu schizophrenes Pendeln zwischen Befehlen und "zu Füßen liegen" Anna gegenüber resultieren. Heiling gibt jenen Verantwortungsdruck direkt an seine Verlobte weiter, wenn er ihr in seiner Arie in geradezu bedrohlicher, beschwörungsähnlicher Intensität die Auswirkungen seiner Liebe zu ihr und ihre daraus folgenden Pflichten schildert - allerdings ohne sich wirklich zu entblößen oder zu öffnen. Auch dass er nicht erkennt, daß Anna ihn bestenfalls verehrt und bewundert, aber nicht liebt (er aber an diese vermeintliche Liebe seine ganze Existenz klammert), ist Ergebnis der bereits genannten anerzogenen Ich-Bezogenheit und "mangelnder Erfahrung" mit dem "Du": Daß er das Mädchen liebt, läßt ihn voraussetzen, daß er wiedergeliebt wird - eben wie von seiner Mutter. Von dieser hat er sich losgesagt, sogar sein "Zauberbuch" fortgeworfen; allerdings ohne anderswo wirklich anzukommen.

Heiling scheitert nicht, weil er nur ein "halber Mensch" ist; er scheitert ebenso als ganzer Mensch, weil er als solcher nicht funktioniert (was aber nicht an seiner angeblichen Geister-Hälfte liegen muss). Schon seine Situation in der "Unterwelt" ist zwiespältig. Die "Geister" oder "Zwerge" verhalten sich recht aufsässig gegenüber ihrem König - wobei nie ganz klar wird, welche institutionelle Position der Sohn gegenüber der Königin einnimmt! -, und bezeichnend ist, dass vor seiner Rückkehr in die Unterwelt Heiling das Zepter von seinen Geistern zurückerhält, also als ein König von Volkes Gnaden - jene "Ehre", die Friedrich Wilhelm IV. nach der Revolution gut zehn Jahre später nicht annehmen wollte - eine grundlegend andere, man hat zu vermuten schwächere Position einnimmt als vor seiner versuchten Flucht "nach oben".

Die Bewohner der Unterwelt sind gut informiert über Heilings Versagen, so dass man folgern könnte, die Mutter habe - Strategin, die sie ist! - ihre Spione den Weg ihres Sohnes verfolgen lassen; oder noch mehr: sie habe in einem groß angelegten pädagogischen Akt den untreu gewordenen Thronfolger geradezu "auflaufen" lassen. In diesen Zusammenhang gehört auch der Mummenschanz gegenüber Anna , mit dem die "böse Schwiegermutter" ihren Sohn als Geisterfürsten - der er ja strenggenommen nicht mehr ist, jedenfalls nicht mehr sein will - denunziert. Sie nimmt sein Scheitern nicht nur in Kauf, sondern führt es mit herbei, um ihn schließlich als Gescheiterten auf ewig zu sich zurückzuholen. Dies hat sich schon im Vorspiel angedeutet, wenn sie Heiling vor der "unzureichenden" Oberwelt warnt und er ihr fahrlässigerweise anvertraut, dass er zurückkehren werde, wenn er dort scheitern würde. Sogar der Racheakt Heilings wird von ihr verhindert, womit sie ihn sowohl vor der Hochzeitsgesellschaft, also den "Menschen", als auch den Geistern (die eigentlich seine Untertanen sind) endgültig diskreditiert. Damit kehrt Heiling jedoch in gewissem Maße auch "zu sich selbst" zurück, denn im Verhältnis von Königin und Heiling verknüpfen sich mythologische Elemente (der Sohn als Geliebter) mit der bürgerlichen Sphäre. Bürgerliche Familienbande sind dynastischer, nicht emotionaler Art. Die eheliche Verbindung hat nichts mit Liebe zu tun; umso mehr wird die Bindung zum Kind verstärkt und emotionalisiert. Verbunden ist damit eine Verengung, Verkürzung von Emotionen. Das bürgerliche Milieu ist zwar das "modernere", aber auch ein reaktionäres; das Prinzip Familie funktioniert als Züchtigung, nicht als Chance zur Erweiterung. Eine außerfamiliäre Bindung dagegen funktioniert nicht einmal im Ansatz, weil Heiling viel zu stark auf jenes Prinzip Familie programmiert ist.

Der zentrale Auftritt der Königin gegenüber Anna, der genau im richtigen Moment erfolgt, denn Heiling ist nach der ersten Niederlage beim Fest noch zur "Versöhnung" bereit - hat aber noch eine weitere Funktion. Offensichtlich will sie prüfen, ob die Schwiegertochter in spe und Konkurrentin ihrem Sohn denn überhaupt ebenbürtig ist. Salopp gesagt: sie klopft Anna auf ein mögliches "Senta-Format" ab, will heißen: auf den Erlösungs-Impetus, der Bestandteil der Zuneigung zu einem so komplexen Wesen wie Heiling sein müsste. Doch weit gefehlt. Anna ist ein einfaches Landkind, dem ein solches Erlösungsstreben und die damit verbundene Gedankenwelt höchst fremd, völlig unbekannt ist. Kaum hat sie ihre ersten Dialog-Worte im Stück gesprochen, fragt sie bereits ihre Mutter, ob denn die Verbindung zu Heiling wohl das Richtige ist, denn zarte Fäden zwischen ihr und dem Jäger Konrad dürften sich bereits andeuten. Auf Annas Lebensfreude scheint es Heiling in unklarer Form abgesehen zu haben; er hat sich das unbekümmertste Mädchen des Dorfes ausgesucht, ohne damit umgehen oder gar davon profitieren zu können. Mit ihren wahrhaft unbekümmerten Versuchen, ihren Verlobten aufzumuntern, ist Anna an der völlig falschen Adresse. Es bleibt auch recht unklar, warum die Untreue Annas für Heiling eine solche Katastrophe bedeutet, warum er nicht - reich und angesehen, wie er ist - sich ohne weiteres eine andere Lebensgefährtin suchen kann. Hier scheint die romantische Vorstellung der einmaligen und ewig währenden Liebe im Spiel zu sein; jede aufklärerische Skepsis ist längst vergessen. Bei Heiling ist selbst jene Vorstellung sogar noch übersteigert: vielleicht spielt auch der Erlösungsdrang des vorausgeahnten "fliegenden Holländers" eine Rolle, der allerdings eben nicht auf seine Senta trifft. Heiling ist gleichsam "vorsichtshalber" auf Anna fixiert, und redet fast nur mit Anna, die er liebt und von der er sich geliebt wähnt, was ihm zunächst Sicherheit gibt. Heiling will in die Menschenwelt, und will doch nur - dem gelebten Modell in der Unterwelt folgend - eine Insel in dieser Welt, also elitärer Außenseiter bleiben.

Anna will aber auch in ihrer Beziehung zu Heiling Mensch unter Menschen bleiben. Dass sie mit Geistern in Berührung gerät - ob es stimmt oder nicht, ist sekundär; es reicht gleichsam das "Wort als Requisit" aus -, kann sie sich wohl im Wortsinne nicht vorstellen; der Appell an ihre Angst (nicht an ihr Verständnis, wie es aus den Worten der Königin manchmal heraustönt) reicht aus, um sich von Heiling zu distanzieren.

Wie bei Heiling und der Königin, ist auch das Verhältnis von Anna zu ihrer Mutter ein kritisches Thema. Dass die - ebenfalls verwitwete - Mutter Gertrude ihrer Tochter einen Gatten aussucht, mag normal sein. Allerdings sind die Beweggründe immer wieder offensichtlich: von Schmuck lässt sich Gertrude leicht blenden, und womöglich übt der undurchsichtige Heiling auch auf sie durchaus Faszination aus. Dabei sind allerdings Gertrudes emanzipatorische Anwandlungen (wie das skandalträchtige Forcieren des Tanzes von Anna und Konrad) vor allem auf Naivität begründet und nicht etwa "modern".

Die überstürzte Hochzeit des noch verletzten Konrad mit Anna resultiert aus dem Glauben, dass der christlich sanktionierte Bund den "Geist" bannt (und in der Tat: Paracelsus' Aussage, dass auch Geister von Gott geschaffene Kreaturen seien, bewahrheitet sich in der besänftigenden Wirkung, die der Choral kurzzeitig auf den rachsüchtigen Heiling ausübt). Ihr Liebesduett ist jedoch als solches auch recht praktisch bestimmt: im Grunde gleicht es dem sprichwörtlichen "Pfeifen im Keller"; Anna und Konrad versichern sich umständlich, dass die Gefahr vorbei und sie nun in Sicherheit seien.

Konrad und Anna verabschieden Heiling mit "fahr' wohl" - ergänzt durch "unter uns sei Frieden". Ein unangenehmer Abschied, der offenbar zum Ziele hat, alle Irritationen unter den Tisch zu kehren und die Berührung mit der anderen Welt (seien es Geister oder "Zukünftige", "Moderne") möglichst folgenlos zu vergessen. "Allen Recht und allen Frieden" lauten die letzten Worte – dies erinnert an "Ruhe ist die erste Bürgerpflicht", womit 1806 ein preußischer Minister alle Reaktionen auf Niederlagen gegen Napoleon eindämmen bzw. gar nicht erst aufkommen lassen wollte. Und es erinnert an das typische "Laisser faire", das nicht etwa liberal, sondern nur gleichgültig ist.

Der Schluss der Oper als reaktionäre Glättung der Widersprüche? Wohl kaum, denn die Königin, die diesen Schluss diktiert, steht zumindest nicht nur für ein reaktionäres Prinzip. Das Wissen jedenfalls, wie schwankend (im Wortsinne) der Boden ist, auf dem die Idylle sich gründet, wie diese Idylle ausgehöhlt wird, wird sich nicht mehr ohne weiteres verdrängen lassen.

Zwei Welten: Märchenhaft oder ideologisch? Historisch oder geographisch? Auch dies nicht. Vielmehr: zwei Seiten einer Welt und gleichzeitig zwei Seiten eines Menschen.

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Heimweh, Heimat, Meer.

Notizen zu Benjamin Brittens Oper "Peter Grimes" - Für ein Programmheft des Theaters Vorpommern, Spielzeit 1994/95

Heimweh, so unvermutet es scheinen mag, war der Grund für die Entstehung der Debütanten-Oper "Peter Grimes". Der knapp 30-jährige Benjamin Britten und der in etwa gleichaltrige Tenor Peter Pears, schon seit einigen Jahren Lebensgefährten, wurden von der Lektüre des Grabbe-Gedichtes "The Borough" zu einer Zeit angeregt, zu der sie für nostalgisch-(heim)wehmütige Gefühle durchaus anfällig waren: 1942 im amerikanischen Exil, wohin sie als erklärte Pazifisten aus dem Krieg führenden Großbritannien "geflohen" waren. Die Lektüre jenes Gedichtes ließ den Entschluss reifen, in die englische Heimat zurückzukehren.